Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 745 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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745 f Der Massenbesuch dieser Versammlung sow'ie der gleichfalls jkberfüllten Parallelverfammlung und die Mtsache, daß Tausende keinen Eingang mehr finden konnten, wundert mich nicht. Ammer noch, wenn wir bei ernsten Gelegenheiten unsere Mitglieder zusammenriefen, kamen sie in Hellen Scharen, junfo besonders heute, wo es gilt, öffentliche Anklage zu erheben '-gegen die das deutsche Judentum schwer verunglimpfende Parole der Deutschnationalen Volkspartei: „Gegen Judenherrschaft und Frcmzosenherrschaft". Der Centvalverein istüberparteiisch. Er wendet sich nur mit aller Schärfe und mit allen zulässigen Mitteln gegen die Judentzegnerschast, wo sie sich findet. Er tut das des Judentums .wegen, aber in erster Linie des deutschen Vaterlandes wegen, das durch den hemmungslosen Judenhaß seiner inneren ^Geschlossenheit beraubt wird, und dessen Ansehen im Auslande durch die für jeden gerecht denkenden Ausländer unverständliche Juden- Hetze Schaden erleidet. Wenn die Deutschnationalen die Stirn haben, gegen Juden- und Franzosenherrscha ft ihre Wähler auszurufen, so fällt dieser zügellose Angriff nicht auf die Juden Hin, sondern trifft in erster Reihe die Deutfchnationalen selber. Ihnen müßte, g e n a u w i e m i r als a l t e m Po s e n e r, b ek a n nt s e i n, w a s d ie deutschen I u d e n in Ertragung von Leid und Not, in mutiger Abwehr gegen polnische Angriffe und U e b e r g r i f s e in Posen und Ob e r s ch l e s i e n g eIc t fte t haben. Auch an Rhein und Ruhr haben die deutschen Juden gemeinsam mit ihren christlichen Mitbürgern treue Wacht gehalten, und auch Juden sind, genau so wie Christen, von den Franzosen ins Gefängnis gebracht worden. Heißt das, ein Werk 6m Vaterlande verrichten, wenn man diese Heimatstreue der deutschen Juden in eine Linie stellt mit den Bedrückungen und Ausschreitungen wildgewordener französischer Besatzung? Trotzdem darf und wird uns dieser Schimpf unsere Freude und unsere Treue zum deutschen Vaterlande nicht im mindesten vergällen. Selbst jahrtausendelange Verhetzung wird uns nicht das Bewußtsein der unlösbaren Verbindung mit der deutschen Scholle nehmen können. Und gerade, weil wir wissen, was Unrecht, leiden bedeutet, gerade weil wir uns bemühen, mit Gerechtigkeit unserem deutschen Staate gegenüberzustehen, empfinden wir doppelt schwer das bittere Hn x'e ch t, das in diesen Tagen dem greisen General v. Nathusius durch ein seh'l-!gehendes, von Ungerechtigkeit diktiertes Urteil des L i l l e r Kriegsgerichts zuteil geworden ist. (Leb- : hafte Zustimmung.) Der 7. Dezember steht vor der Tür. Die Hoffnungen aus eine .Reichsvertretung, die den Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes hin Ruhe und Stetigkeit garantieren kann, sind berechtigterweise »stärker und sicherer als bei den Maiwahlen dieses Jahres. Es wird!)an uns liegen, diese sichere Hoffnung zu feststehender Tatsache zu * machen, und deshalb erwarten wir von jedem unserer Mitglieder, von jedem deutschen Inden überhaupt, das; er am Entscheidnngstage des ersten Dezembersonntags, seine Treue Zum Staate, seine Liebe znm Vaterlande und seine Anhänglichkeit znm Judentum mit seinem Stimmzettel bekräftigt. Der Syndikus des Gentralvereins, Dr. Alfred Wiener, führte das Folgende aus: Bei der heute auf uus ein dringenden Fülle von Plakaten und Flugblättern ist es notwendig, sich einen Augenblick besinnlich darüber klar zu werden, welche abgefeimte Beschimpfung in den Worten „Gegen I u d e n h e r r s ch a f t und Franzosenherrschast" liegt. Spricht der Deutschnationale von Franzofenherrschast, so sieht er den zäh ne fletschenden schwarzen Franzosen, wie er im Begriff ist, sich am deutschen jungen Leben verbrecherisch Zu vergehen. Und mit einer solchen Bestie wagt man den deutschen Juden in eine Linie zu stellen. Fragt man einen völki sch ein gestellten Deutschnationalen, worin die Judenherrschast in Deutschland bestände, so pflegt er gewöhnlich auf den überragenden jüdischen Einfluß auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens hinzuweifen, der nicht unabsichtlich, sondern planmäßig vorwalte und hinter dem eine geheime Oberleitung: „Die Weisen von Z ion", stände. Wer : aber solche Faseleien nicht unterschreibe, der predige den Kampf j gegen den angeblich überall vorhandenen „jüdischen Gei ft% Wo steckt denn dieser jüdische Geist eigentlich? Ist k es der Geist der Bibel, die von allen Kulturh Menschen heilig gehalten werde?! M es dsr Geist des« jüdischen Familienlebens, besten fAnnigkeit selbst von christlicher Seite stets anerkannt worden sei? \m es der Geist ^der jüdischen Gelehrten und Forscher wie Lazarus und Steinthal, die die Völkerpsychologie begründet haben, wie Heinrich Herz, der die elektrischen Wellen entdeckt hat, oder ist es der jüdische Geist Einsteins, der den geistigen Fortschritt der Menschheit durch seine Relativitätstheorie stark befruchtet hat? Die Deutschnationnlen haben durch ihre Parole von Haß und Verhetzung die 12 000 jüdischen Gefallenen noch in ihren Gräbern ehrbeleidigt. Alls den Schlachtfeldern Frankreichs, in den Schützengräben Rußlands, in den Glutwüsten des Orients würden diese jüdischen Gräber die allezeit an klagenden stummen und doch beredten Zeugen gegen diese deutsch nationale S ch m q ch p arol e bilden. Dr. R e g e n s b u r g e r , der Vizepräsident des braunschweigischen Landtages, betonte: Man spricht von der „I u d e n r e g i e r u n q* in bewußter Verzerrung der Tatsachen. Gewiß sind nach Aufhebung der früheren Jnfamierung auch Juden in leitende Amtsstellen gelangt. Die Regierungen selbst hatten bisher nur ganz vereinzelt jüdische Mitglieder. Ein Jude hatte allerdings Einfluß: Walther Nathenau; aber gerade ihm hat Deutschland unendlich viel zu danken, und er hat sich für Deutschland ausgeopsert. Solche „Judenherrfchaft" kann sich Deutschland wohl gefallen lassen. Unzählige Kranke verdanken wissenschaftlichen Leistungen jüdischer Aerzte ihr Leben. Aus diese „Judenherrschaft" können wir stolz sein. Die De u t sch n a t i o n ale Volkspartei macht m i t d e m A m e r i k a - Z e P P e I i n P l a k a t r e k l a m e, d es s e n t ech n i s ch e r C h e f k o n st r u k t e u r d e r I u d e A r n - st e i n i st. Das ganze Gerede von der „Judenherrschaft" ist eine verleumdorische Phrase, erfunden von denen, die ihre eigene Schuld am Zw fanunenbruch Deutschlands durch das Schimpfen aus die Inden verdecken wollen. Man könne demgegenüber nur mit den Worten Jakob Loew e n b e r g s sprechen: Als Jude füh? ich kein Erröten, Jedoch als Deutscher schäm' ich mich. Dr. Margarete E d e l h e i m - M e s e r i tz wandte sich in ihrer Ansprache besonders an die Frauen. Das Frauenstimmrecht legt den deutschen Jüdinnen die doppelte Pflicht gegen Deutschland und gegen das deutsche Judentum auf. Völkerversöhnung nach außen und Volksversöhnung im Innern muß die Wahlparole für die deutschen Jüdinnen sein. Die Frauen, die den Völkischen und Deutschnationalen ihre Stimme geben und den Haßgesang der deutschnationalen Führerinnen mitmachen, haben die Aufgaben der Frau in der Politik nicht verstanden. Die deutschen Jüdinnen haben durch die Ta t während des Krieges und nach dem Kriege bewiesen, wie sieihrdeutsches Vaterland lieben, und laffcn sich ihr Nationalgefühl von den D e u t s ch n a t i o n a l e n nicht absprechen. Die Kindheit vor dem Gift des Judenhasses Zu schützen, die durch die hohlen Phrasen der Völkischen verführte Jugend zu den wahren Idealen der Vaterlandsliebe zurückzuführen, muh höchstes Ziel der jüdischen Frauen, der Mütter und Jugenderzieher sein. # Die P a ra l l el v e r s a m m l u n g in der Bismarck-Schule war in wenigen Minuten gleichfalls überfüllt. Als erster Redner sprach hier Herr Dr. Regensburger, sodann Frau Dr. Edelheim- Meseritz,^ Herr Justizrat Brodnitz und zum Schluffe Herr Dr. A l f r e d W i e n e r.! In der Diskussion nahm auch ein Deutschnationaler das Wort. Es war klar, daß er bei der berechtigten Erregung der Versammlung über die deutschnationale Beschimpfung des Judentums sich nur schwer durchsetzen konnte. Dem Leiter der Versammlung, Landgerichtsrat Stern, gelang es aber, dem Redner Redefreiheit trotz verständlicher Widerstände der Versammlung zu gewährleisten. Die Widerstände sind deshalb um so begreiflicher, weil erfahrungsgemäß k e i n j ii d i s ch e r D i s k u s s i o n s r e d n e r i n deutschnationalen Versammlungen sich irgendwie vernehmlich machen kann. Dem deutschnationalen Redner entgegnete sehr geschickt der jüdische Arbeiter Gläsel, und zum Schluffe der Diskussion sprach Herr Jnstizrat Aronsohn .als Posener und dankte dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Justizrat Brodnitz, für sein warmes Eintreten zugunsten der Heimattreuen posenschen Juden. Mit einem brausenden Hoch aus das deutsche Vaterland wurde die Versammlung geschlossen. Gerade als die letzten Besucher der Versammlung in den Spichernfälen das Lokal verließen, erschien unser bewährter Freund Dr. LudMig Haas im Automobil von Brandenburg. Er tonnte nur sein herzlichstes Bedauern aussprechen, daß er sich, nicht durch eigene Schuld, derart verspätet hatte. Ludwig Haas hat zu unserer Freude in Aussicht gestellt, bald nach den Wahlen vor unseren Berliner Mitgliedern zu sprechen. \