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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-21 · 47 (21.11.1924) · p. Seite 731

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
47 (21.11.1924)
Date
1924-11-21
Page
Seite 731 (sequence 19)
Language
German
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731 Schundliteratur. Sem — dep Mitbürger. Mit Scham und Entsetzen liest man Wolzogens Buch), das von einem ehemals gern gehörten Autornamen gedeckt ist. Mit Scham, daß dergleichen in unserer deutschen Sprache geschrieben wird, mit Entsetzen, weil hier eine trübste Zeiterscheinung ihren geradezu ekelhaften Ausdruck findet. Mjan weiß nicht, ob man nach dem Nervenarzt, ob man nach dem Gefängniswärter rufen soll, um den Mann, der diese Greuel verübt, in Obhut zu nehmen. Derm es wäre allzu weich, hier nur Altersschwäche anZunehmen und dieses Buch eines bald Siebzigjährigen als den Beginn der Auslösung barmherzig zu negieren. Der Mann, der die Sünde gegen das deutsche Schrifttum begangen hat, heißt E r n st v. W o l z o g e n. Er hat eine nicht glänzende, aber immerhin wertvolle literarische Vergangenheit, er hat einen Ruf zu vertreiten, an den ihn nun andere erinnern müssen. Am meisten wurde er durch die Gründung des Ueberbrettls bekannt, dem der Gedanke zugrunde lag, die lyrische, musikalische und szenische Kleinkunst zu Pflegen. Der deutschen oder der europäischere Bühne wurde ein Kultursaktor von größerem Wert damit nicht zugesügt, aber die Idee an sich hatte einen netten künstlerisch-geselligen Reiz. Zunächst schlug sie ein, dann versagte sie, wurde planlos und ordinär. Wie schon in seinen „Erinnerungen" .sucht Wolzogen jetzt den Bock, den er in die Wüste seiner eigenen Mißerfolge schicken kann, in den Juden. Er konstruiert sich dazu einen Antisemitismus, den er bei Beginn des Ueberbrettlgechäfts zum mindesten vor den Juden — natürlich nur aus Idealismus — bestens versteckt hat. Er nahm nicht nur, soweit sie Publikum waren, ohne sichtbares Widerstreben ihr Geld, er arbeitete auch mit jüdischen Musikern, Schriftstellern und Schauspielern. Es gibt Leute, die sich» noch daran erinnern, daß Wolzogen freundschaftlich mit Meilen; Juden verkehrte. Auch Briefe von seiner reichsfreiherrlichen Hand werden das 'bezeugen können, und als er vor einigen Jahren in tiefem Elend war, wird er kaum ausschließlich von arischen Gebern gerettet worden sein. Man empfindet es rein menschlich als Untreue, wenn er auf die Gefährten besserer Tage nun die Stinkbomben seines Hasses wirst und sie nach zwanzig Jahren mit den schäbigsten Vokabeln des Antisemitensprachschatzes bloßzustellen versucht. Er tut dies äußerlich in Romanform. Er schreibt einen Schlüsselroman, der, wie stets die schlechten Bücher dieser Gattung, eine persönliche, von Rachelust eingegebene, unkünstlerische und unwahrhastige Einstellung zu den Modellen zeigt. Die Personen, die er „schildert", sind mit gewollt durchsichtigem Pseudonym behaftet, mit unerhörter Dreistigkeit wird in das Recht der Persönlichkeit eingegriffen. Natürlich treten auch Nlchtjüdische Menschen auf, und es gibt Lumpen darunter. Aber Wolzogen kontrolliert den Geburtsschein nur bei den Inden; auch damit läuft er in .den Schimutzspuren der 'bezahlten Hetzer. Er will ja nicht ein Bild jener Epoche zeichnen, die in allem äußeren Glanze <ü-8 der Beginn des später so grauenvoll bestätigten moralischen Verfalls angesprochen werden kann und Menschen aller Konfessionen und *) Ernst v. Worzogen: Sem, der Mitbürger. VmrmerEerlas, Berlin. Berufe als Helfershelfer des Niederganges sah. Das vermag ein Heinrich Marin, das vermag in seinem neuesten Brich „Der 'Leibhaftige" Frank Thieß; Wolzogen fehlt neben der gestaltenden Kraft auch das moralische Niveau und der Wille zur Objektivität. Seine Tendenz ist bewußt pamphletistisch und eigensüchtig dazu. Denn je mehr er die Juden für fein Persönliches Mißgeschick verantwortlich Ni acht, desto mehr' kann er sich selber, den „Reichsfreiherrn von Jmried", wie er sich nennt, als den echten Aristokraten und Künstler, als den unentwegt edlen Menschen und das märtyrerhaste Opfer räuberischer Gesellen ins bengalische Licht stellen. Aber ist er denn wirklich so schuldlos betrogen worden? Wenn er breit erzählt, die Juden hätten ihn gegen sein heftiges Sträuben in ein vornherein verlorenes Theater gelockt, um ihn dann auf die Straße zu werfen, so bleibt er jeden Beweis schuldig. Er versucht gar nicht, die innere UnwahrcheinlichkeiL seiner Behauptungen zu entkräften. Auch darin folgt er der Taktik der Gasse. Tatsache ist: die Spekulation, daß sein Ueberbrettl für längere Zeit lebensfähig sei und den Bau. einer eigenen Bühne rechtfertige, wurde vonihm selbst mitgemacht, um dann zum Schaden' aller Beteiligten mit Ach und Krach zu enden. Aber Wolzogens Roman würde in den Kreisen, die den nötigen Absatz bringen sollen, nicht durchschlagen, der Reichs frecher r würde zur säuerlichen Erquickung des Herrn Arthur Dinter, diesem treudeutschen Poeten, nicht ebenbürtig zur Seite treten können, wenn nur von dem bißchew Theater die Rede wäre. Wolzogen verknüpft mit allen Kolportagemitteln die Fäden so, daß sein Buch auch das Zweckentsprechende national- und weltpolitische Relief erhält. Mit nicht mehr zarten Andeutungen und Witzen (oh, wenn ein Jude sie sich erlaubte!) zieht er die angeblich perversen Neigungen des Fürsten Philipp Eulenburg heran, den er „Graf Kastropp" nennt, er fingiert eine Verschwörung von Generälen und Aristokraten mit Komplottabsichten gegen Wilhelm II. — um was „festzustellen"? Daß der Kaiser rettungslos in der Falle der Juden säße und daß, wenn man ihn daraus befreien oder ihn absetzen könnte, der Krieg nicht über Deutschland hereinge'brochen wäre. Der Krieg aber ist Judenwerk. Das wissen wir schon längst, oder sollen wir vornehmen Zeugen, wie den Herren Hitler, Wnlle und Kunze etwa nicht glauben? Wolzogen macht die Bne Brißloge besonders verantwortlich. Sie hält das Spinnennetz ansgespannt, in dem sich alle Feinde Judas sangen müssen, vorandas gehaßte Deutschland. Die Bne Brißloge hak überall Spione, sie kennt die Geheimnisse aller Höfe und Kabinette, sie besetzt mit ihren Kreaturen die Lehrstühle der Universitäten, sie betäubt zweifelhafte Zeugen mit vergifteten Zigaretten, sie macht jeden Widersacher kalt. Sie ist die heimliche Beherrscherin aller Erdteile, das Schicksal der Welt liegt in ihrer Hand. Man liest, wie Wolzogen den Abgesandten der Mutterloge von Chicago schildert: Blüte einer vollkommen versumpften Phantasie, Kitschsigur aus übelstem Verbrecher film. Das alles wäre zum Lachen, wenn es durch seine Absicht nicht so gemein und gefährlich wäre. „Michel, wach' auf!" ruft Wolzogen am Schluß. Wir rufen ebenso. Wach aus und erkenne, wie niedrig der Herr Baron deine Urteilskraft und dein Gewissen einschätzt, wenn er dir seinen Schundroman anbietet! F. E. I M&hugkmim?' > füllen t-alddMer - unfvtitpkh dQtnge den idor$>, s*‘r / 4 y ' e / /% ' *4 f jr*. ff fri y mnmm ~ßdk>kLsle: h- JädSlyk u-dfdiebkvL > *<•_r,.-. vswxhviv&'vousr,

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