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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-21 · 47 (21.11.1924) · p. Seite 726

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
47 (21.11.1924)
Date
1924-11-21
Page
Seite 726 (sequence 10)
Language
German
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726 Ist öas jungöeutschl . Verleumdung und Fälschungen. In diesen Blättern habe ich schon einmal eingehend öartzelegt, daß das deutsche Judentum Feindschaft gegen den Jungdeutschen - Orden niemals gehegt ' hat. Wir deutschen Juden begrüßen jede wertvolle Regung im deutschen Volke, die den Wiederaufbau des niedergebrochenen Vaterlandes ernstlich anstrebt. Wer von uns wollte es nicht begreifen, daß gerade in der Jugend der unselige Ausgang des Krieges, die schneidenden Fesseln von Versailles, der nie zu verschmerzende Verlust rein deutschen Landes Wunden aufgerissen haben, deren schnelle Heilung nicht erwartet werden kann. Wirken Bestrebungen solcher Art volksversöhnend, führen sie eine echte und keine nur sogenannte Volksgemeinschaft herber — wer würde sie mehr begrüßen als wir jüdische Deutschen? Wir haben bisher geglaubt, es liege dem I u n g - deutschen Ord^n daran, in diesem Zusammenhänge sich ohne Liebe und ohne Haß auch einmal über die Judenfrage auszushrecheu. Julius G o l d st e i n und auch ich haben solcher Aussprache in unserer Zeitung ernste Zeilen gewidmet in der Achtung vor einem vermeintlichen echten Wahrheitsdrang der anderen Seite. Leider erleben wir nun eine Peinliche, immer unangenehmer anmutende Enttäuschung 'nach der andern: Die Tageszeitung des Jungdeutschen Ordens, „Der Jungdeutsche", geht seit kurzem Wege, die man einmal deutlich als solche von Fälschern und Verleumdern kennzeichnen muß. Iw einem Aufsätze, den wir unlängst festnagelteii, war die Behauptung ausgestellt, die I u d e u i m R h e i n l a ir d hätten nach dem Käpp-Putsch den k o m m u n i st i s ch e n A u s st a n d finanziert. Wir sagten es scharf heraus: wir müßten , denjenigen, der solche Behauptung niedergeschrieben habe, als '^Verleumder kennzeichnen, wenn er für seine Behauptung nicht 'alsbald die Beweise erbringe. Statt einer klaren Antwort aus einen so scharfen Borwurf kam eine unwürdige Ausrede. Also: Die Schristleitung des „Jungdeutschen" läßt derartige Verleumdungen zu und hat einen Verleumder unter ihren Mitarbeitern. . . : In den letzten Wochen veröffentlicht „Der JungdeutschL" fast täglich judengegnerischL Zitate von Klassikern und im öffentlichen Leben stshenden Persönlichkeiten, die zu einem 'gut Teil gefälscht oder entstellt sind. Wir werden im folgenden schlagende Beispiele davon geben. bin sicher,- zahlreiche Leser des „Juntzdeütschen" verdammen durchaus eine Kanrpfesweisg, die die Schristleitung einzuschlagen beliebt, und bezeichnen sie mit mir als niedrig. Denn es wäre traurig um Deutschlands Nachwuchs bestellt, wenn wirklich die Mehrzahl der im Jungdeutschen Orden arbeitenden jungen Deutschen solche Verleumdunaen und Fälschungen gutheißen würde. Wir find stetsbereit, mit dem „Jungdeutschen" über die Judenftaae uns sachlich »nd ruhig zu unterhalten. Aus scine^nene üble Plattform aber hinnnterzusteigen, sind wir außerstande. Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Immer noch sind Bewegungen, die den Anspruch machen, auf geistigem und sittlichem Boden Zn stehen. Zugrunde gegangen, sobald sie ihn nur in den Satzungen sesthalten, in Wirklichkeit aber völlig der-' lassen, Ludwig Holländer. m ..... /' Wrö Ser '„Kmtzdeirtschs" Zitate fälscht. ' Der „I n n a d e n t s ch c" Bringt in seiner Nr. 138 vorn 9. November d. I. Zitate aus Goethe und Schiller, die er augenscheinlich aus Theodor FritschZ berüchtigtem „Handbuch der Judensrage" entnommen Hai. Die Zitate find, wie es gar nicht anders zu' erwarten ist, aus dem Zusammenhang gerissen, wodurch ihr Sinn gerade in das Gegenteil verkehrt wird. Das erste Zitat ist die oftmals zitierte Stelle aus Goethes -„Wilhelm Meisters Wanderjahre" (Buch 2, 2. Kap.): „Das israelitische Volk hat niemals viel getaugt . . es besitzt wenig Tugenden, und die meisten Fehler anderer Völker/ Bis hierher pflegen Fritsch und seine Abschreiber zu Zitieren, febem sie annehmen, daß niemand von ihren Lesern die Stelle nachprüfen würde, denn dann würde er finden, daß diese Stelle folgende Fortsetzung hat, die Fritsch in echter Fälscher nianiek wohlweislich verschweigt: „Aber an Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, und wenn alles das nicht mehr gilt, an Zähheit, sucht es seinesgleichen. Es ist das beharrlichste Volk der Erde, es ist, es war, es wird sein, um den Namen Jehova durch alle Zeiten zu verherrlichen. Wir haben es daher als Musterbild aufgestellt, als Hauptbild, dein die anderen nur zum Rahmen dienen." Das zweite Zitat aus dem 3. Buch, Kap. 11, desselben Werkes von Goethe ist ebenfalls aus dem Zusammenhang gerissen. Außerdem ist dem Abschreiber der „Fehler" unterlaufen, daß er zwar im Anfang der Stelle die E'mzahl des Originals in die Mehrzahl verwandelt, es aber am Schluß zu tun vergißt. / M &:\ : Goethe: -. . . dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, cheren Ursprung und Herkommen er verleugnet. Der „JrmgdeuLsche": / ** Dulden wir keine Juden unter uns; denn wie sollten wir itzrrerr den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen et verleugnet. Der Zweck dieser Hebung ist klar. Es soll der Anschein erweckt werden, als ob Goethe hier die Juden von der Teilnahme am staatlichen und gesellschaftlichen Leben ausschlichen möchte. Es handelt sich hier in der Tat nur um die Aufnahme in eine" Gesellschaft ,.Das Band", die auf christlichreligiöser Grundlage aufgebaut sein soll. Nur aus religiösen Gründen war Goethe, der ja selbst mit zahlreichen Juden und Jüdinnen gesellschaftlich verkehrt hat, gegen die Erlaubnis der Mischehe zwischen Juden und Christen. Das Zitat aus Schiller besteht aus zwei ebenfalls aus dem Zusannuenhang gerissenen und in der Reihenfolge umgekehrten Sätzen aus Schillers „Die Sendung Moses". Auch hier liegt die Absicht klar zutage, die Juden herabzusetzen, indem der Anschein erweckt werden soll, als ob Schiller von ihnen eine niedrige Meinung gehabt hätte. Dies ist aber keineswegs der Fall. Er stellt vielmehr an die Einleitung seiner Abhandlung Ausführungen, in denen es u. a. heißt: „Die Gründung des jüdischen Staates durch Moses ist eiste der denkwürdig st cn Begebenheiten, welche die Geschichte aufbewahrt hat, wichtig durch die Stärke des Verstandes, wodurch sie ins Werk gesetzt worden, wichtiger noch durch ihre Folgen auf die Welt, die noch bis auf diesen Augenblick sortdauern. ...Aus diesem Standpunkt betrachtet mutz uns die Nation der Hebräer als ein wichtiges universal-historisches Volk erscheinen, und alles Böse, welches man diesem Volke n a ch z u s a g e n gewohnt i ft, alle B e m ü hung e n witziger Köpfe, es zu verkleinern, werden uns nicht hindern, gerecht gegen dasselbe zu sein." Im folgenden spricht dann Schiller von der Ansiedlung der. Israeliten in der Provinz Gosen und davon, daß diese Provinz mit der Zeit für die zunehmende Bevölkerung zu eng wurde. Dies hatte nach Schillers Ansicht für die Gesundheit der dort lebenden Israeliten die nachteiligsten Folgen. Es brachen Seuchen aus, dm sich dann unter das ganze Volk verbreiteten und schließlich sogar erblich wurden. Auf diese Weise erklärt sich Schiller die von vielen Schriftstellern des Altertums, nach dem Vorgang des den Juden übelwollenden Manetho, berichtete Tatsache von dem Aussatz der Juden. Er sah in ihm .eine natürliche Folge ihrer engen Wohnung, ihrer schlechten und kärglichen Nahrung und. der Mißhandlung, die man gegen sie ausübte . . . Die man anfangs als Hirten verachtete und als Fremdlinge mied, wurden jetzt als Verpestete geflohen und verabscheut." Und nun führt Schiller fort, wie es in dem Zitat des „Jungdeutschen" heißt: „Zu der Furcht und dem Widerwillen also, welche man in Aegypten von jeher gegen sie gehegt, gesellte sich noch Mel und eine zurückstotzende Verachtung." Nachdem Schiller diese noch einmal als eine Folge der schlechten Politik der Aegypter hingestellt hatte, die die Betroffenen immer härter für das Elend straften, welches sie ihnen doch selbst zugezogeu hatten, stellt er die Frage: woher sollte nun den Hebräern ein Retter kommen? Und führt des näheren aus, daß ein solcher Retter wohl kaum aus den Israeliten selbst hervorgehen könnte. Darm fahrt er fort: „Wie sollte aus einer so verwahrlosten Menschenrasse ein freier Mann, ein erleuchteter Kops, ein Held oder ein Staatsmann hervorgehen?" Wenn man diesen Satz im Zusammenhang liest, so kann man gär nicht im Zweifel darüber sein, was er zu bedeuten hat. In dem Zitat des .Lungdeutschen" ist dieser Satz aus dem Zusammenhang gerissen und vor den ersten gestellt. Hierdurch soll der Eindruck erweckt werden, als ob es sich um ein ganz allgemeingültiges Urteil Schillers handelt, und nicht vielmehr um die Kennzeichnung einer ganz bestimmten historischen Situation. Dieses Beispiel bietet wiederum die Gelegenheit, einen Blick in die Fälscherwerkstätte der Fritsch und Genossen zu werfen. Wenn diese Herrschaften Aussprüche und Zeugnisse gegen die Juden haben wollen, so sollten sie doch lieber bei chres gleichen bleiben und sich nicht cm den Werken unserer Klassiker vergreisen. Bfld,

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