Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 47 (21.11.1924)
- Date
- 1924-11-21
- Page
- Seite 722 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277510--01620-2280881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Hegen Iu-enunö ZranZosenherefchast^ Von Rechtsanwalt Dr. Erich Kehr (Kaiserslautern). Diese Wahlparole der Deutschnationalen Bollspartei kennzeichnet in der kürzesten Form, um was es sich bei dem bevorstehenden Wahlkampf für uns deutsche Juden handelt. Wir wußten, daß die Deutschnationale Volkspartei und alle .ihre Gesinnungsfreunde auch bei der bevorstehenden Wahl nicht versäumen würden, den Judenhaß zu schüren und zu versuchen, mit ihm politische Geschäfte zu machen. Wir sind an diesen Kamm gegen Unverstand, Borurteile und Haß ge-; wohnt und sind ihm nie aus dem Wege gegangen. Selten aber ist die Hohlheit und Niedrigkeit des Kampfes gegen uns deutsche Juden kürzer und blitzartiger beleuchtet worden, als .in der Parole „Gegen Juden- und Franzosenherrschast". Man weiß, daß „die Herrschaft der Franzosen" nichr mit großen Worten und nicht mit der lauten Verkündigung des Hasses beseitigt werden kann, man weiß, daß die Herrschaft der Juden eigentlich ein zum Ueberdrutz widerlegtes Märchen ist. Man weiß aber auch, daß es Schlagworte gibt, die auf gewisse Instinkte der Masse ihre Wirkung nie verfehlen. Und nur /auf diese Wirkung ist es abgesehen. Daß dabei die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit aus dem Körper des deutschen Volkes herausgegriffen und ohne jeden inneren Zusammenhang in eine Lmre mit einem Volk gestellt werden, gegen das unser Vaterland einen Krieg verloren hat und dessen Sieger- : Hand es schwer fühlt, ist das Verwerfliche. Denn es wer- ■een hier die Juden als Fremde und Feinde des deutschen Vaterlandes hin ge stellt, und es wird versucht, den Kampf gegen die Juden durch die Gleichstellung mit dem Kampfe gegen die „Franzosenherrschaft" populär zu machen. Gegen eine solche Politik der Verhetzung und des Hasses nluß die deutsche Judenheit geschlossen auf den Plan treten. Kein deutscher Jude, der Ehre im Leibe hat und sein Vaterland liebt, kann diese Peitschenhiebe frivoler Volksverhetzer stillschweigend hinnehmen. Aber wir Juden des besetzten Gebietes haben noch etwas Besonders zu sagen. Wir sind mit unseren christlichen Mitbürgern in dem schweren Kampfe unseres Vaterlandes aufsinen Posten gestellt, wo es tn den hinter uns liegenden Monaten und Jahren gegolten hat, praktische und tatkräftige Arbeit für den deutschen Gedanken zu leisten. Hinter der Front war es immer leichter, die Backen auszublasen und den Mund vollzunehmen, aber nur in der Front, im Brennpunkte des Kampfes hat sich der Mut bewährt. Für diese Gedankengänge sollte gerade die Deutschnationale Volkspartei und ihre Mannen ein gewisses Verständnis haben. Hier war die Arbeit für den großen Gedanken ber Einheit des deutschen Vaterlandes und ihrer Erhaltung ein Programm, dessen Durchführung Mut und Be- harrlichkeit und Zusammenstehen aller Volksschichten gefordert hat und weiterhin fordern wird. Hier haben die deutschen Juden ihren Mann gestanden im Ertragen des gemeinsamen Leides, im gemeinsamen Rat und bei der geeinten Tat. Das ist die Wahrheit. Wir sagen das nie, um uns mit Selbstverständlichkeiten wichtig zu machen, aber wenn immer und immer wieder von Parteien, die Führer deS deutschen Volkes fein oder werden wollen, versucht wird, eine Gruppe von Menschen mit einem Worte,zu Feinden des Vaterlandes zu stempeln, dann haben wir die Pflicht, den Hebern immer wieder zu sagen, daß sie lügen, und daß die Tatsachen für uns sprechen. Wir lassen uns in der treuen Pflichterfüllung durch die Hetzerei ebensowenig beirren, wie sich die deutschen Inden trotz aller Verfolgung und trotz allen Unrechts je in ihrer Mlickiterfüllung und in ihrem treuen Gefühl haben beirren 'lassen. Wir werden aber auch nie vergessen, daß ein Teil dieser unserer Pflichterfüllung dem Vaterlande gegenüber besteht in dem rücksichtslosen offenen Kampfe gegen den schmachvollen Antisemitismus und gegen seine politischen Drahtzieher. Hier, wo der äußerste Posten im Westen des Reiches steht, sinkt dieses doppelzüngige Schlagwort „Gegen Juden- und Franzosenherrschaft" vor der Macht der Wirklichkeit in sich zusammen. Deutsche Juden? Die Freiheit des besetzten Gebietes, die Freiheit des deutschen Rheines liegt in dem ernsten, einigen Wollen und Wirken aller Teile des deutschen Volkes. Aus der firn dem Watjlfampf! Verhetzung des deutschen Volkes kann diese Freiheit nicht erblühen! Darum auf zum Wahlkampf! Für ein großes, freies und einiges Deutschland, für Deutschtum und Judentum! Gegen Verhetzung und Wühlarbeit! Gegen niedrigeir vergiftenden Judenhaß! Die Staötveroröneterrwahleri in SchVsrm. Schwere Niederlage der V ö r f {? di e rt. Die Stadtverordnetenwahlen in Schwerin haben die Erfolge der Parteien der Mitte, wie'sie sich in Harnburg und Anhalt schon in so beachtlichem Maße gezeigt hatten, von neuem bestätigt Die demokratischen Stimmen haben u.m mehr als 40 ProZent, die sozialdemokratischen um mehr als 5 Prozent zugenommen. Das Zentrum hatte keine eigenen Listen eingereicht. Dagegen hat die völkische Bewegung einen ungeheure n R ü ck g a n g e r l i t t e it. Von 4313 Stimmen bei den letzten Neichstagswah len haben die Deutschvölkischen ein Drittel, noch nicht 140 0, gerettet, und and) die sogenannte Einheitsliste der Deutfchnatwnalen und der Deutschen Volkspartei zur Stützung der Landbundpolitik sank von 11146 auf 9739 Der Vorteil, der sich für d i e m e ck l e n b u r g i f ch e n Juden au% diesem Wahlerfolg ergibt, ist ein doppelter. Erstens ist nun bewiesen. daß die Völkischen in der Vürgervertretung nicht in dem Maße Einfluß haben werden wie bisher im Landtag. Daraus wird sich als zweiter Vorteil, wie wir hoffen, auch eine Rückwirkung auf den mecklenburgischen Landtag geltend machen. Denn wenn auch zunächst keine Möglichkeit besteht, den jetzigen rechtsradikalen Landtag zu beseitigen, so werden die Völkischen, die der rechtsgerichteten Koalitionsregierung bisher ihren Willen diktierten, sich doch jetzt mäßigen müssen Das zeigte sich bereits vor kurzer Zeit, als das volksparteiliche Organ ganz offen drohte daß die Regierung Zurücktreten würde — das hätte die Auflösung des Landtages bedeutet —, wenn die Völkischen bei einem gegen die Negierung eingebrachten Mißtrauensvotum gegen diese stimmen würden. Ob allerdings bei einem weiteren Anwachsen der demokratischen und soZialdemokratischen Stimmen zur Neichstagswahl ein von dieser Seite Zu erwartender Ruf nach Auflösung des Landtages Erfolg haben würde, ist noch Zu bezweifeln: denn die radikalen Rechts-Parteien werden sicher die im Mai errungene Macht im Landtag um fr zäher festzuhalten versuchen-, wenn sie in ihren anderen Positionen soviel an Macht verlieren. Hin neuer völkischer Entrechtungsantrag. Gegen die völkischen Stimmen ab-gelehnt. „Schutz der deutschen Wirtschaft vor jüdischer Ausbeutung/ Unter dieser klangvollen Bezeichnung brachte der Völkische Block im bayerischen Landtag folgenden Antrag ein: „Soweit das Betreiben eines Handelsgewerbes von behördlicher Zulassung oder Erlaubnis abhängig ist, darf diese an Angehörige deS jüdischen Volkes, ohne Unterschied der Staatsangehörigkeit, nicht mehr erteilL werden. Soweit eine derartige Erlaubnis an Juden bereits erteilt ist, ist sie rückgängig zu machend Der Redner des völkischen Blocks vertrat diesen Antrag im Wirtschaftsausschuß am 11. November mit der bei den Verächtern der „parlamenLarischen Schwatzbuden" nachgerade gewohnten Weitschweifigkeit. Der Berichterstatter, der Regierungsvertreter und die Redner aller übrigen Parteien erklärten den Antrag wegen seines Widerspruches mit der Reichs- und Landesverfassung für unannehmbar. und so verfiel er der Ablehnung, die die Antragfüllten Anträgen der Völkischen, betreffend die Namensänderungen und die Anstellung von Juden im Staatsdienst, bereitet hatte, tonnten die Antragsteller einen Erfolg -ihrer Bemühungen gar nid}t erwarten: denn daß sie sich danmls gegen die „jüdische Rasse" gewendet hatten, diesmal aber gegen „das jüdische Volk", das konnte wohl keinen erheblichen Unterschied ausmachen. Die Münchener Zeitungen von Rang haben die Sache in ihren Landtagsberichten kaum erwähnt, um so ausgiebiger wurde sie in einer tags darauf vom völkischen Block abgehaltenen Volksversammlung über „Die Lüge im Wirtschaftsleben^ behandelt. Das war ja wohl auch der Zweck der ganzen Üebung. Wahlert steht vor der Tür; da muß man sich den notleidenden Angehörigen des Mittelstandes dock) als Schützer und Retter der deutschen Wirtschaft in empfehlende Erinnerung bringen. W. L,