Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 46 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- Seite 707 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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707 flnatole Zrance. Von Arthur Eloesser. Vor genau fünfundzwanzig Jahren wurde ich in Paris fast ungläubiger Zuschauer öffentlicher Ereignisse, von denen ich leider, allzu überheblich, damals nicht ahnte, daß ich sie bei uns in Deutschland noch einmal in verschärfter und leider auch verrohter Form erleben würde. . Dem Präsidenten Loubet wurde während des Rennens in Auteuil der Hut eingetrieben. Unsere Nationalisten werden gegen den Hut und auch gegen den Kopf unseres Reichspräsidenten keine freundlicheren Gesinnungen haben. Loubet hatte manche Aehnlichkeit mit Wert; er war ein guter Politiker und immer geschickter, als man glaubte. Aber er war nicht elegant. Die Klerikalsten, Monarchisten, Militaristen, denen die Eintreibung seines! Zylinders beider Abfahrt vom Rennen geglückt war, führten ihre Mannschaften triumphierend nach Paris zurück und ließen sie am Abend „Nieder mit den Juden" durch alle Straßen brüllen. Der General Roger — wer kennt ihn noch — rückte bald darauf mit einem paar Bataillone gegen das Elhsee, um den Präsidenten zu stürzen, das Parlament zu verjagen und dafür eine Militärdiktatur einzusetz-en. Aber er kehrte wieder um, nachdem man ihn überzeugt hatte, baß in seinem Unternehmen die nötigen 51 Prozent Chancen nicht investiert seien. E m i l e Z o l a, der mit seinem „I accuse" die r e v i s i o n i st i s ch e Bewegung gegen die Dreyfus - Schuldlüge endlich in Gang gebracht hatte, sah ich von dem Portal des Kriminalgerichts in Versailles abfahren. Stöcke und Regenschirme wurden unter fürchterlichem Geheul gegen ihn gezückt, einige Revolverkugeln prasselten gegen das Verdeck seines Autos und wenn sein kaltblütiger Verleger Eharpentier nicht sofort die höchste Geschwindigkeit eingeschaltet Hätte, er würde vielleicht das Schicksal unseres Walther R a t h e n a u erfahren haben. Emile Zola galt lange als Schmutzmaler der Literatur, als Sittenverderber und Volksauswiegler. also als schlechter Franzose. Aber er war ein starker Mann und, wie er launig sagt, er hatte sich geübt, jeden Morgen seine Kröte zu verschlucken. Wenn er als geübter Faustkämpfer auch Säbel und Weihwedel nicht fürchtete, so lag das auf seiner Linie; sein ganzes großes Romanwerk war ja eins Empörung, ein langer zäher Kampf um die Wahrheit oder mindestens um das, was er dafür hien. Zola war natürlich von den Juden bestochen, ein Soldknecht der Alliance israelite, aber er war wie gesagt ein starker Mann, und gerade seine literarische Vergangenheit hatte ihn verpflichtet, für die Menschenrechte einzutreten. Neben diesen Starkgerüsteten, neben diesen Muskelmann des Naturalismus trat ein anderer, ein schlankerer, stillerer, empfindlicherer, nervöserer, den man noch nie in solcher Gesellschaft und noch viel weniger in der Nachbarschaft der Politik gesehen hatte. A n a t o l e France trat neben Zola wie der schlanke Bogenschütze Teukros neben den riesigen Bruder Ajax, der, die Schiffe der Griechen verteidigend, mit einem Hebebaum auf die Troer losschlug. Die neue Kameradchast muß Anatole France einige Ueberwindung gekostet haben; der 'ernste Stilist Frankreichs, der einen fast noch lateinischen Satz schrieb, hatte bis dahin einen wenigstens literarischen Abscheu gegen den Schriftsteller genährt, der seine Menschen immer von unter holte, der seine Sprache unbedenklich von der Straße, aus den Fabriken, aus d-em Lallen der Trunkenen, aus den Flüchen der Enterbten bezog. Anatole France war der Sohn eines Buchhändlers und Antiquars, war unter Büchern ausgewachsen, die er einmal sehr schön als das Opium des Abendlandes bezeichnet hat. Wohlverwahrt gegen allen Lärm des Tages lebte er mit der unstörbaren Ruhe, mit der seinen Würde eines Mandarinen von vielen literarischen Graden. Das große Publikum wußte wenig von ihm; die Kenner schätzten ihn als den letzten Lateiner, als einen Urenkel des Lukrez, als einen Enkel Voltaires, der selbst in seinen Träumen noch klar zu bleiben wußte. Während die Symbolisten und Neumystiker die Literatur um neue Dunkelheiten bereicherten, erhielt Anatole France ganz allein den ironisch klaren und galanten Stil des 18. Jahrhunderts nach den Vorschriften des Salons, den er nicht betrat, und nach den Verordnungen der Akademie, an die er nicht glaubte. Die Dreysus-Afsäre schied die Geister; es war ein innerer Bürgerkrieg so gut oder so schlimm, wie wir ihn heute unter viel schwierigeren äußeren Verhältnissen durchwachen, bis die Dolchstoßlegende und andere sich totgelogen haben werden. - In Frankreich schrie man „Juden, Protestanten und Vaterlandsverräter", wie einige bei uns gar „Juden, Katholiken und Vaterlandsverräter" schreien. Der Literat Anatole France wurde e i n B ü r g e r; damit hat er, nicht nur seinem Volke, ein Beispiel gegeben und eine Belehrung, wo in den Zeiten der Not, besonders der sittlichen Not, die wahren Führer zu finden sind oder zu finden fern sollten. Wenn die Literatur dem Geiste dient und der Geist sich furchtsam entschuldigt, weil er doch über die Gewalt keine Gewalt hat, dann hat sie sich degradiert. Anatole France war Gelehrter, Philosoph, Poet gewesen, dazu ein Skeptiker, der die Relativität aller Standpunkte, aller Denkungsarten ironisch auskostete. Aber weil er Geschriebenes lesen konnte, weil er mit Dokumenten umzugehen gewohnt war, erkannte er die berühmten Fälschungen d-e r D r ei s u ß-Anklü ger , und er hielt i h r e A u s - deckung, i hre Wider legung, ihre Verwerfung für die Pflicht einer, wenn man so sagen darf, sauberen philologischen Erziehung. Als der gegen die Öffentlichkeit bisher wohl verwahrte Mann mit seiner Kritik fertig war, gründete er die „Liga der Menschenrechte", und er ist ihr Vorkämpfer geblieben. Wir wünschen uns solche Köpfe, die nicht in giftigen: Phrasendunst heruntergeduckt sein wollen, und wir wünschen uns solche Herzen, die heiß werden, weil ein großes Unrecht geschehen ist. Jedes Unrecht geschieht der Menschheit. „Du weißt nicht, daß die wahre Stärke in der Weisheit ist und daß die N a t i o n e n nur durch sie groß sind. Du weißt nicht, daß den Ruh m der Völker nicht die st u tu p f f t n n t q e n Schreie auf den öffentlichen Plätzen machen, sondern der erhabene Gedanke, der noch in einer Dachstube verborgen eines Tages sich über eine Welt verbreiten und ihr Antlitz ändern wird. Du weißt nicht, daß die ihr Vaterland ehren, die für die Gerechtigkeit Gefängnis, Verbannung und Schmähung erduldet haben. Du weißt nicht." So sprach Anatole France, und so sollte er auch wohl für uns gesprochen haben. 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