Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 46 (14.11.1924)
- Date
- 1924-11-14
- Page
- Seite 705 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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705 Pflichten -er Zrauen. Von Lc«ka v. Koerber (Leipzig). Die b-tamite PoliWeri» ruft in Fois-niEM die Frauen, insbesonde» die Mütter zum Kumpf argen den Judenhaß aus. Wir Müden, im Einverständnis mit der Berfasserin zu handeln, wenn wir hinzustgen» daß jeßt im Wahlkampf die erste Pflicht der Frauen tft. äne>|en Juden, haß. der nicht nur dar deutsche Judentum, sondern auch Deutschland» Ehre schändet, zu bekämpfen. Es ist wohl eine der tragischsten Erscheinungen der Geischichte. daß die Erbitterung eines im Kriege unterlegenen Volkes sich im Antisemitismus auslöst. Zu der kriegerischen Niederlage kommt dann die moralische: einen Schuldigen an allem Unglück zu suchen und alle Verantwortung aus diesen abzuwälzen. Wie schnell die antisemitische Hetze bei uns um sich gegriffen hat, beweist die gründliche und skrupellose Vorarbeit der Leute um Fr i ts ch und Genossen. Dabei wird die Kriegspropaganda zum Muster genommen; auch hier brachte man es in allen Staaten fertig, glaubhaft zu niachen, daß der Feind Augen ausstäche, kleine Kinder martere und andere bestialische Verbrechen an Schutzlosen begehe. In allen Ländern wurden, zumal Anfang des Krieges, diese Schauermärchen geglaubt und dadurch eine erbitterte Haßatmosphäre erzeugt. Das gleiche Mittel wird auch heute noch in d em Kampfe gegen die Juden angewandt. Im Jahre 1921 wurde in Berlin das Verschwinden einiger Kinder zum Anlasse einer grauenhaften Hetze gegen die Juden genommen, um sie des Ritualmovdes zu beschuldigen. Der Nachweis absoluter Unschuld jüdischer Staatsbürger an den furchtbaren Morden konnte gegen den künstlich erzeugten Argwohn der Menge wenig ausrichten. Wenn heute die schlimmste Phase des völkischen Wahnes uberwunden zu sein scheint, so bleibt doch noch genug zurück, um uns Mütter zum Schutze der Jugend zur Pflicht zu rufen. Denn trotz der politischen Unfähigkeit völkischer Parlamentarier wird die Vergiftung Jugendlicher mit gleicher Emsigkeit fortgesetzt und das biegsame kindliche Gemüt unheilvoll beeinflußt. In dieser Wahlzeit werden die Wogen der völkischen Verhetzung noch einmal hochgehen, und es ist an uns, auszuklären, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Wir alle sind nicht schuldlos an dem Erfolge der antisemitischen Bewegung. Es ist notwendig, vielwach samerzusein und jede Möglichkeit der Aufklärung zu nutzen, um die Lügensaat nicht weiter gedeihen zu lassen. So muß der Tatbestand, daß Ludendorff im Laufe des Krieges zirka 20 OOOO st juden als arbeiten de Hilfskräfte nach Deutschland Zwangsweise gebracht hat, viel mehr bekannt werden, denn gerade die Oftjudenfrage spielt in der antisemitischen Propaganda eine große Rolle. Unter den Kindern wird von völkischer Seite mit sehr primitivem Hetzmaterial gearbeitet, und da ist es oft ganz einfach, die Jungen aufzurütteln. So hatte ich kürzlich folgendes kleines Erlebnis: In einem Gebirgsorte zeichneten einige zwölfjährige Jungen dauernd Hakenkreuze auf den Weg, wenn jüdische Damen vorbeigingen. Auf frischer Tat ertappt, machte ich den Jungen gehörig den Standpunkt klar und wies auf die ungeheure Frechheit hin, eine alte, weißhaarige Dame in dieser Weise zu kränken. Die Missetäter behaupteten zuerst, den Sinn des Hakenkreuzes nicht zu kennen; ihr Fortlausen, als die Dame auf sie zukam, bewies aber das Gegenteil. Ich sprach nun eine ganze Weile mit den Jungen, machte ihnen das Unrecht ihrer Handlung Kar und wie wichtig es sei, daß wir Deutschen alle in Frieden miteinander lebten, statt uns gegenseitig zu peinigen und uns am Vorwärtskommen zu hindern; daß es nur aus den Wert des Menschen selbst ankomme, nicht aus die Art seines Glaubens oder seiner Rasse. Die drei hörten aufmerksam zu und kamen bald darauf zu meiner jüdischen Bekannten,' um sich zu entschuldigen und zu versprechen, daß sie niemals wieder so etwas tun würden. Bon da an benahmen sie sich tadellos und grüßten mich besonders freundlich. Die meisten Jungen sind in diesem Mer nur verhetzt oder Machen die antisemitischen Gewohnheiten ihrer älteren Freunde nach, weil sie es forsch finden und nicht zurückstehen Möchten. Der Mstumpfungsprozeß bei den Jugendlichen ist sicher besonders gefährlich. Denn alles, was dem normalen Kinde an Rücksicht und Taktgefühl innewohnt, wird gefährdet. Es ist genau so Pflicht der jüdischen als der christlichen Mutter, gegen den Antisemitismus zu kämpfen, denn den Kindern ttnub in beiden Lagern großer Schaden zugefügt. Während die jüdischen Kinder gequält werden und in eine Während die jüdischen Kinder gequält und in eine iünen abträgliche Sonderstellung gezwängt werden — werden' die anderen durch skrupellose Unterdrückung der Minderheiten in ihrem Charakter verhängnisvoll geschädigt. Zudem wirkt der Schlagwortdrill, der ja nicht bei dem jüdischen Problem haltmacht, sondern sich auf alle Gebiete erstreckt, denkbar ungünstig auf di« Jugendlichen. Während das gesunde Streben unserer heutigen Jugend auf Verinnerlichung und Echtheit abzielt, wird bei den Völkischen einein Materialismus gehuldigt, wie er schlimmer nicht zu denken ist. Denn eine Bewegung, die den Rassenkult aus ihr Banner schreibt und hier besondere Werturteile fällt, steht ledern ehrlichen Idealismus entgegen. Das deutsche Volk kann überhaupt nur dann wieder vorwärts kommen, wenn es sein Tun aus Gerechtigkeit aufbaut. Darum müssen die deutschen Frauen und Mütter gegen die schleichende Ungerechtigkeit kämpfen, die Juden und Christen mit zweierlei Maß mißt, die schlechten Eigenschaften einzelner Juden als Kennzeichen ihrer Rasseneigenart hinstellt, während sie minderwertige Deutsche nie als einen Typus ihrer Art bezeichnet. Die Entfrernd u n g zwischen Juden und Nichtjuden muß beseitigt werden. Wir Christen müssen der alten jüdischen Kultur und ihren Trägern Verständnis entgegenbringen lernen, damit wir miteinander arbeiten können zum Wohle der Volksgesamtheit. völkische Spnagogenfchäriörmg irr hersstlö. Von unserem dorthin entsandten Sonderberichter st atter. An der Bahnlinie Frankfurt —Bebra liegt das Kreis* städtchen Hersfeld, Sitz eines Landratsamtes, wo seit den Jahren der Boeckelschen Judenhetze der Antisemitismus immer eine gewisse Nolle gespielt hat. Hersfeld war vor dem Kriege eine Domäne der Antisemiten und mehrere Neichstagssessionen hindurch durch den bekannten Abgeordneten Werner vertreten. Bei der Reichstagswahl im Frühjahr dieses Jahres wurden 522 deutschvölkische Stimmen in Hersfeld abgegeben. Niemand, auch die rechtsgerichteten Kreise nicht, hätten jedoch geglaubt, daß die Verhetzung so fortgeschritten sei, daß sie zu einem gemeinen Kirchenraub führen würde. Wie schon durch die gesamte Presse bekannt ist, wurden vor wenigen Tagen ein Einbruch und Rawb niedrigster Art Ln der Synngoge zu Hersfeld verübt. Die Täter verschafften sich durch Abreißen des Lattenzaunes vom Gartengrundstück eines Nachbarhauses Zutritt zum Grundstück der israelitischen Gemeinde, beschädigten zwei große Kirchenfenster der Synagoge und demolierten Las dritte Fenster vollständig, um in das Innere der Synagoge gelangen zu können. Im Innern derselben vergriffen fich die Rohlinge an der heiligen Bnudeslade, und raubten den um Heiligen Schrank befestigten großen, mit wertvollen Stickereien versehenen Vorhang. Um die Spuren der Tat zu verwischen, warfen die Täter die im Garten unterhalb der Fenster befindliche Bank, die sie bei Ausübung der Tat benutzt hatten, in die vorbeifließende Geis. Die von den Besuchern des MorgengotLesdiensts sofort alarmierte Kriminalpolizei verfolgte nach den im Sande gut erkennbaren Fußabdrücken eine bestimmte Spur, die bereits nach wenigen Stunden zur Feststellung der Täter führte. Es sind dies: 1. Paul Gotting, Kaufmann in Hersfeld, Untere Frauenstraße. 2. Ernst Thielow, Banken gestellter, Forstmeisterssohn, Nieder aula. 8. Ingenieur Reinmöller, Friedewald bei Hersfeld. 4. Erich Götze, Jngenieu-r, Hersfeld, Kaiserstraße. Die sauberen Herren gaben die Tat zu und gestanden, Sens Vorhang mit den Stickereien in die Fulda geworfen zu haben, wo er auch, nnt Steinen beschwert, nach längerem Suchen gesunde» wurde, natürlich in einem völlig unbrauchbaren Zustande. Nach allgemeiner Ansicht der Hersfelder Bevölkerung gehören dÄk drei letztgenannten Täter dem Jungdeutschon Orden an. Dieser hat zwar, wie nicht anders zu erwarten, am Tage nach der Tat in der „Hersfelder Zeitung" veröffentlicht, daß keiner dem Orden „angchöre", viel interessanter wäre jedoch eine Erklärung gewesen, aus der man einwandfrei hätte entnehmen können, daß sie auch bis zum Tage der Lat dem Orden nicht angehört haben. Unfern Hersfelder Glaubensgenossen gehen von allen Kreisen der nichtjüdischen Bevölkerung Sympathie- und Beileidsbezeugungen zu, die das Verwerfliche der Tat stark unterstreichen. Die israelitische! Gemeinde Hersfeld hat sich dem Verfahren als Nebenklägerin durch Stellung eines Strafantrags wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung angeschlossen, ihre Vertretung führt Rechtsanwalt Dr. Marx (Frankfurt), Syndikus des Landesverbandes Hessen- Nassau. Wie uns soeben Hoch gemeldet wird, hat die Oberstaatsanwaltschast Kassel die Verhaftung der Täter und Uebersührung in daS Gefängnis nach Kassel verfügt.