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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 684

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 684 (sequence 8)
Language
German
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684 Carl Liebermann. Der Entdecker des künstlichen Alizarin'. Die große Entdeckung des GeheimraLs Prof. Dr. Miethe, die Umwandlung von Quecksilber in Gold, hat die allgemeine Aufmerksamkeit auf die Technische Hochschule in Charlottenburg gelenkt, welche vielleicht die größte Lehrstätte für Chemre ist. Schon einmal hat dort jahrelang bis 1914 ein Chemiker Vorlesungen gehalten, desien Name in der ganzen Welt bekannt war und dessen größte Entdeckung, die künstliche Darstellung des wichtigen Farbstoffes A l i Z a x i n, ihm einen dauernden. Platz in der Geschichte der Wissenschaft sichert: Carl Liebermann. Noch viele andere bedeutende Arbeiten auf dem Gebiete der organischen Chemie hat dieser große Forscher veröffentlicht. Sein Laboratorium war eine Zeitlang in der Technischen Hochschule die beliebteste Lehrstätte für organische Chemie, und man konnte dort manchen Studenten, z. B. F. Haber, finden, dessen Name später weitesten Kreisen bekannt geworden ist. Das Alizarin ist neben Indigo der wichtigste Farbstoff und dient zur Färberei und zum Zeugdruck. Das Alizarin wurde bis 1869 nur aus der Krappwurzel dargestellt, jetzt verwendet man aber ausschließlich ein Präparat, welches künstlich aus Anthrazen, einem Hauptbestandteil des Steinkohlenteers, gewonnen wird. Die Krapp- Pflauze war schon im Altertum bekannt. Im Jahre 1865 gelang es G r a e b e und Lieber mann, das Alizarin in Anthrazen umzuwandelu. Nachdem so der Beweis erhalten war, daß Alizarin sich vom Anthrazen ableitet, gelang es 1869 diesen Leiden Forschern, das Alizarin aus Anthrazen darzustellen. Das Anthrazen, wird durch Destillation des Steinkohlenteers gewonnen. Das Alizarin verbindet sich Mit den Metallen zu Farblacken, welche je nach Wahl des Metalls verschiedene Färbungen besitzen, d. h. also, man kann mit den: einen Farbstoff Alizarin ganz verschiedene Färbungen erzeugen. Man hat nun weiter auf diesem Gebiet gearbeitet und eine Anzahl technisch sehr wichtiger Farbstoffe dargestellt Das nähere Eingehen auf diese und die übrigen Arbeiten Liebermanns würde zu weit führen. Lieber mann, dessen Name schon allein wegen seiner epochemachenden Verdien st e um die Alizarinindustrie dauernd fortleben wird, entstammte einer angesehenen Berliner jüdischen Familie. Sein Vater Benjamin LieLermann spielte schon eine große Rolle und war unter anderen der langjährige Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde. Die Tochter Carl Liebermanns, fein einziges Kind, heiratete den bekannten Politiker Dr. Hugo Preuß. In der Zeit, als ich als Student bei Liebermann arbeitete, stand der Antisemitismus in voller Blüte, und ich erinnere mich noch, wie damals die sehr interessante Frage häufig erörtert wurde: würde Liebermann trotz seiner großen, dauernden Bedeutung für die Wissenschaft und Technik bei dem herrschenden Antisemitismus auch jetzt noch, ohne sich taufen zu lasten, eine ordentliche Professur, und noch dazu in Berlin, erhalten? Prof. Dr. Richard Loewenherz, Rrankenpflegs unöHeilkrmüe beröenIuöerr. Eine Zuschrift. Infolge besonderer Umstünde kommt mir erst jetzt der Aufsatz „Krankenschwestern und Mittelstand" von Gustav Feldmann in Stuttgart in Nr. 39 der „C. V.-Zeitung" zu Gesicht, und da finde ich, daß ein Satz im zweiten Abschnitt des Aussatzes gar zu leicht den Gedanken auslommen läßt, daß die Krankenpflege überhaupt christlichen Ursprungs sei. Es sei zugegeben, daß die weibliche Krankenpflege ursprünglich nicht aus dem Boden des Judentums erwachsen ist. Anderseits aber betätigten sich jüdische Sekten bereits vor Jahrtausenden mit der Pflege und Heilung der Kranken. Zwei Sekten, die E s s ä e r und die Therapeuten, deren Name schon auf ihre Tätigkeit hinweist, waren es, welche diesen Berus als eine ihrer Lebensaufgaben ergriffen hatten. Die Essäer besonders, welche schon zwei Jahrhunderte vor Christus auftraten, waren nach dieser Seite hervorragend tätig. Sie bildeten neben den Pharisäern und Sadduzäern die dritte der anerkannten Hauptsekten der palästinensischen Juden. Sie befaßten sich viel mit Heilkunde, sie erforschten die Heilkraft der Pflanzen und Wurzeln. Sie lebten in klösterlichen Behausungen in vollständiger Gütergemeinschaft, waren also Kommunisten. Sie lieferten das Vorbild zu den christlichen Klöstern. Die Ehelosigkeit gehörte zu den bedingten Ordensregeln, Frauen wurden nur insofern ausgenommen, als sie zur Erhaltung der Art dienten. Anders die Therapeuten. Diese nahmen Frauen in ihrer Vereinigung auf, welche aus die Ehe verzichtet hatten. Sie lebten in strengem Zölibat. Ein weiterer Unterschied von den Essäern bestand darin, daß sie nicht in klösterlichen Vereinigungen, sondern als Einsiedler lebten. lieber Essäer und Therapeuten weitere Ausführungen zu machen, überschreitet den Rahmen eines Berichts, welcher lediglich bezwecken sott, darzutun, daß Krankenpflege eine schon im palästinensischen Judentum gebräuchliche Einrichtung war. M. St.-G. (Elberfeld). Die ftttlichr Lebensanfthauung öes Talnmös. Von Bez.-Rabb. Dr. Beer mann (Heilbronn). Dem Talmud wird nur gerecht, wer den Lebensnerv kennt, der ihn durchzieht. Er will der zerstreuten jüdischen Gemeinschaft den Eingottglauben mit der aus ihm quellenden sozialen Ethik retten mitten in einer von ganz anderen Stimmungen und Strebungen erfüllten, durch bedeutende Zivilisationsleistungen glänzenden Umwelt. Dieses Ziel sucht er durch planmäßige Bindung und Formung, der jüdischen Massen mit Hilfe bestimmter Lebensordnungen zu erreichen. Die Welt schwelgte damals in allerlei Versuchen, den heidnischen Vielgötterglauben mit den philosophischen Erkenntnissen von einer göttlichen Weltseele auszusöhnen. Besonders werbekrästig hatte sich der Mythos vom leidenden und sterbenden und auferstehenden Göttersproß erwiesen. Da mit diesem heidnischen Glauben Zauberei, Wahrfagertum und allerlei Vorzeichendeut-erei im Schwünge war, mußte der Talmud auf der ganzen Front den Kamps gegen den Wust aller magischen und untersittlichen Elemente in der Religion ausnehmend Denn der Ei ngott glaube bedeutet dem Talmud die Grundlage der rechten Sittlichkeit. Gott ist ihm nicht nur Rachmana, die Weltenliebe, sondern auch Hakkadofch, der Heilige, die sittliche Weltordnung. Daher mußte die gan^ laszive Auffassung des Geschlechtslebens, wie sie der damaligen nichtjüdischen Kulturwelt eignete, mit ihrem Dirnentum und ihrer widernatürlichen Unzucht schirfste Abwehr herausfordern, Das Leben im Gesetz zeitigte den Erfolg, daß der jerusalemifche Talnuid Kid IV, 11 erklären konnte: „Widernatürlicher Unzucht ist kein Jude zu verdächtigen", während der Jude in Hinblick aus die bei den Heiden vorkommenden Laster sein Vieh nicht in Ställen der Heiden unterbringen sollte (Sanh. 63a). Es war der jüdische Einschlag! im Christentum, dem es zu danken ist, daß die geschlechtliche Sittlichkeit des christlichen Europas sich hob, so daß die Rabbiner im Mittelalter entschieden, ein Jude dürfe sein Vieh einem Nichtjuden überlassen (Jost Ab. Sara 22a)_ Ebenso hoch war das Menschenleben gewertet. Im kaiserlichen Rom aber wurden zur Belustigung der Volksmenge mörderische Schwertkämpfe aufgeführt und Gefangene wurden wilden Tieren zu blutrünstigsten Qualen vorgeworfen. Daher durfte ein Jude diese Stätten der heidnischen Volksvergnügungen nur besuchen, wenn er darauf rechnen konnte, durch Schreien ein Menschenleben zu retten (Ab. Sara 18b). Es durste, um den Greueln nicht Vorschub zu leisten, kein Jude wilde Tiere an Heiden verkaufen (Ab. Sara 16a) und auch beim Bau eines Zirkus nicht mit Hand anlegen. In einer Kultur, deren gesamtes Wirtschaftsleben auf dem Sklaventum aufgebaut war, war die -körperliche Arbeit verachtet, sie galt als des freien Mannes unwürdig. Dagegen preist der Talmud Handwerk und Ackerbau. Groß ist die Arbeit, denn sie ehrt, wer sie treibt. Wer von seiner Hände Ärbeit lebt, ist mehr als einer, der bloß Gott fürchtest lehrten die Rabbiner und lebten ein Leben der Arbeitsfreu-digkeit als , Bauer und Handwerker. Mieses in seinem glänzenden und tiefgründigen Buche: „Der Ursprung des Judenhasses" bietet auf S. 290 xu fst eine Fülle von Belegen, während das Händlertmn vom Talmud keineswegs mit so freundlichen Augen angeschaut und auf verschiedene Weise erschwert wird. Reklame für Waren muh sich in bestimmten Grenzen halten (Bab Mez 60a). liebervorteiluing von mehr als einem Sechstel gefährdet die Rechtsgültigkeit des Geschäfts (Bab Mez 50b). Wohl kannte auch das Heidentum Wohltätigkeit, aber als religiöse Einrichtung entnahm sie das Christentum aus dem Judentum, wie Harnack, „Mission und Ausbreitung des Christentums" I, 137, anerkennt. Das Griechentum, die edelste Blüte der Antike — darin wird man Dühring in seinem Buche „Ersatz der Religion" beipflichten, kannte diese Humanität nicht, und Bloeck hat das Wort geprägt: Barmherzigkeit ist keine hellenische Tugend. Es sind viele Lausende Stellen im Talmud, welche die rechtlichen Ansprüche der Armen auf Hilfe regeln. Und diese Nächstenliebe muß auch den Nichtjuden gegenüber bewährt werden (Gitt. 61a), geschweige denn, daß ihnen gegenüber eine unredliche oder lieblose Handlung erlaubt wäre (Chul. 94a). Wenn sich im Talmud hier und da. auch herbe Worte gegen die Heiden finden, so vergesse man nicht, daß sie nur -der Widerhall sind furchtbarer Verfolgungen und blutiger Gewalttat und daß der Talmud selbst diese Seufzer von Menschen, die bis aufs Blut gequält wurden, keineswegs als Meinungen von gesetzlichem Belang hmstellt, sondern ausdrücklich betont (Chul. 13b), daß als eigentliche Götzendiener nur die Heiden in völlig kulturlosen Ländern anzusehen feien, während dies nicht für die Heiden der römisch-griechischen Kulturwelt zutreffe. Man vergegenwärtige sich: Auf Iver einen Seite, der -des Talmuds, wenige Worte des Unmuts, auf der anderen Seite, der der. Heiden, die furchtbarsten Greuel. Und dies^ Verhältnis blieb leider, als die Heiden das ChristentumannahmeuS Ja, nach dem Siege der Kirche wurde das jüdische Schicksal erst recht ein unerhörtes und unvergleichliches Martyrium. Zunz, der sagt, Israel habe die höchste Staffel des Leides erklommen, meint von herben Worten, die der gewaltige Schmerz dm jüdischen Seelen ausgepreßt hat, sie haben noch keinem Christen das Leben gekostet, während diese jüdischen Schmerzensworte selber „ein aus der Erde dringender Schrei des Blutes von Hunderttausenden sind". Das gilt auch von den Stellen im Talmud, die nicht den Geist allumfassender Liebe atmen, der seine edlen und schönen Aussprüche beseelt.

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