Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- Seite 683 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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683 Mehr Wahrheit. Bon Studienrat Arnold Kurz mann (Günzenhausen). Hoch oben am Giebel des neuen Würzburger llniversitütsgebüudes prangt in riesigen, weithin sichtbaren Lettern das einzige inhaltsschwere Wort „Veritati". Eine unvergleichlich sinnreiche Inschrift für eine Hochschule, deren Lehrer jederzeit als Endziel die Erforschung der Wahrheit vor Augen haben und es als eine ihrer vornehmsten Aufgaben ansehen sollen, auch die studierende Jugend, nnbet ü m ut e t t um Tages st reitigkeiten, diesem hohen und edlen Ziele entgegenzuführen. Selbstverständlichkeiten könnte man meinen. Und doch, die Erfahrung »Zeigt uns leider nur zu deutlich, daß gerade auch die deutschen Universitäten zu Brutstätten des krassesten Antisemitismus geworden sind. Daß aber W a h r h e i t und Gerechtigkeit sich zum Iudenhasse (wobei wir von seinen Beweggründen und Spielarten ganz absehen können) geradezu wie Tag und Nacht zueinander verhalten, welch vorurteilsfreier Mensch wollte dies bestreiten? Glücklicherweise finden sich aber unter den an den deutschen Universitäten dozierenden Gelehrten auch Männer, die sich f r ei w i sse n von den antisemitischen Um - trieben weitester Volkskreise, und die sich, was ihnen besonders hoch anzurechnen ist, auch nicht scheuen, offen und ehrlich ihre Abscheu vor diesem volkszersetzeuden, antinationalen Geiste auszusprechen. Es sind vor allem zwei Männer zu nennen, die in der wissenschaftkichen Welt einen Ruf genießen, der weit über Deutschlands Grenzen hinausreicht. Beide sind Vertreter der romanischen Philologie, Professor Dr. Walter Küchle r (Wien), der viele Jahre an deutschen Hochschulen tätig war, und Professor Dr. Karl Boßler (München). Küchler rickstet feine Mahnworte vornehmlich, an ferne A m t s - g e ti o} s e n, Boßler an bie st it d i e r e n d e I nig en d; beide vereinigen sich aber in dem Gedanken, daß auf dem Gebiete der w i s s e n s ch a s t l i ch e n F o r s ch u n g und des damit unzertrennlich verbundenen Ringens nach W a h r h e i t Ideen, w i e sie den Gehirnen völkischer un d ha! e n k r e uz l e ris ch e r Kreise ents p r i ng en , teinen Platz finden dürfe n, wenn a n d e r § n i ch t d e r g u t e Ruf unserer deutschen Hochschulen, die lange Zeit in der g e s a m t e n zivilisierten Welt als mustergültig dastanden, gefährdet werden soll. Küchler veröffentlicht im 2. Heft (April-Juni) der Zeitschrift „Die neueren Sprachen"^) einen Artikel „Gelehrte hüben und drüben". Darin spricht er zunächst von einem französischen Professor am Collegede France, der bei Aufzählung seiner fr scheren- Lehrer bedeutender Forscher seines eigenen Landes gedenkt, berühmte deutsche Gelehrte jedoch, die er ehemals sehr verehrte, mit Stillschweigen übergeht. Küchler knüpft daran die Bemerkung, daß es weniger darauf ankomme, zuzugeben, ob bzw. wie sehr jemand von Vorgängern abhängig sei, als vielmehr zu erfahren, ob das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Verbuudenseins in der gemeinsamen Arbeit am Dienste der Wahrheit hier und dort erloschen ist oder noch lebt. Wichtiger für unsere deutschen Verhältnisse ist der zweite Fall. Im Oktober 1920 hielt in Halle der Professor an der Universitär Jena Schulz-Gora eine Rede, in der er sich gegen die Abhaltung von Vorlesungen über neuere und neueste französische Literaturgeschichte wendet, und zwar nicht aus wissenschaftlichen Gründen, sondern hauptsächlich ans Bedenken völkischer Art. Küchler sagt hierzu wörtlich: „Eben weil die Luft erfüllt ist von dem Schlagw^rtgeschrei der Unberufenen, der leidenschaftlich Erregten und 'Verantwortungslosen, ist es eine Aufgabe derer, die an bevorzugter Stelle stehen, au den höchsten Bildungsstätten ihres Landes wirken, zur Reinigung per Luft, zur Zerstreuung des Irrtums, der Vorurteile, der Mißverständnisse, zur Befreiung der Geister von unerträglichem Druck, den die Furie Krieg auf ihre Stirne gelegt hat, beizutragen. - Nicht weil Begehrlichkeit und Leidenschaft der Völker Krieg geführt haben, darf alte Freundschaft und Dankesschuld vergessen werden." Und Voßler sagt in seinem Vortrags) S. 13: „Wenn die akademische Jugend sortsährt, sich trennend und abschließend mit Parteiprogrammen des Klassen- und Rassenhasses, mit Hakenkreuzen und ähnlichem Stacheldraht zu umgeben, wird sie ihre menschliche Bildung schwerlich fördern. Es gibt hier (an der Hochschule) nur eine Autorität, die über allem steht, die Wahrheit." S. 15 f. kommt er dann zu dem Schlüsse: „Wenn man weiß, wie der tiefe Haß, den heute die gesellschaftlichen Schichten im inneren und die Völker im äußeren Staatskeben gegeneinander hegen, viel mehr ans den Unterschieden der Denkart und Bildung beruht als auf denen der materiellen Interessen usw„ dann kennt man auch die Aufgabe, die dem wissenschaftlich gebildeten Menschen zu erfüllen bleibt: Duldung und A ch t u n g üben und erkämpfen für jede Art von e ch t e r m e n schlich e r B i l d u n g." Was hier die beiden Gelehrten vom Standpunkt der Wissenschaft aus behaupten, hat die gleiche Berechtigung mit Bezug auf die Politik. Ueber Undankbarkeit der Vergangenheit gegenüber klagt Küchler. Ist es nicht eine geradezu schnöde Vergeltung für die zahllosen Opfer, welche die Juden im Felde und in der Heimat während des *) „Die neueren Sprachen", Verlag: Elwert, Marburg, S. 113 ff. 2) „Die. Universität als Bildungsstätte", Vortrag gehalten am 15. Dezember 1922. München, Verlag M>ax Hueber. Welterlringens gebracht haben, wenn man uns immer lvieder als die Anstifter des Krieges und der Revolution bezeichnet? Wem: ein L u d © n d o r f f sich an idle Spitze der Hakenkvenzlor stellt und von einer „jüdischen Gefahr" spricht? Sollte er die Wahrheit nicht ebellsogut kennen \v k General v. D e i m l i n -g. der erst! kürzlich meiner Berliner Zeitschrift aus Grund seiner Selbsterlebnisse mit Abscheu und Entrüstung gegen alle hier vorgebrachten Schmähungen mit» Verleumdungen sich wendet und sie als falsch und jeder Grundlage entbehrend Zurückweist?. Was ferner die von Küchler erwähnten Jrrtümer und vorgefaßten Meinungen anlangt, die es zu zerstreuen gilt, so finden lvir solche vornehmlich in der breiten, meist naiven, im folgerichtigen Denken wenig oder gar nicht geschulten Volksschicht. Letzten Endes haben sie aber alle mehr oder minder ihren Ursprung in der bewußten Irres ü h r u n g de r M a s s c n , insbesondere der leicht empfänglicheil Jugend, durch gewissenlose Hetzapostel nnb verführerische Demagogen. Warum sollen große Teile des Volkes nicht an den sogenannten zersetzenden Einfluß der jüdischen Rasse glauben, warum sollen sie nicht die Schwindelberichte der „Weisen von Zion" und die Legende von der jüdischen Weltherrschaft gläubig wie ein Evangelium hinnehmen, wenn ihnen von führenden' Porsiö'N'lrckM'ten diese ealvgenen, längst einwandfrei widerlegten Angaben immer wieder als echt nnb wahr dargestellt werden? Muß man es nicht als glatten Volksbetrug bezeichnen, lucun man „die" Juden einerseits als die Beherrscher des Kapitals und anderseits als die Vertreter des Marxismus oder gar des Bolschewismlts hinstellt? Wahrlich, es heißt sehr geringe Ansprüche an die Denkkrast des deutschen Volkes stellen, wenn man ihm zumntet, solche Ungereimtheiten zu glauben und wenn man ihm, genau wie hu grauen Mittelalter, vorspiegelt, die Juden seien die Urheber aller Schandtaten, die jemals begangen worden sind. Wenn der Verlege r der erwähnten Voßlerschen Rede in einem Begleitschreiben sagt: „Diese kleine Schrift sollte jede m Ab iturienten in d i e Hand gedrückt werden", so stimmen wir ihm durchaus bei; nur möchten wir noch den Wunsch hinzufügen, daß die oben zitierten Worte des Münchener Professors am Eingänge jeder deutschen Universität im Fettdruck angeschlagen werden "als ein Mene Tekel für alle, die da einunb ausgehen. Möchten doch auch die von Küchler a. a. O. S. 118 angeführten Worte beuchtet und bald in die Tat umgesetzt werden: „Eine der stärksten und berechtigsten neueren pädagogischen Forderungen ist diejenige des Kult u r unte r richt s. Diese r e n t s p r i ch t einem Liefen Bedürfnis der unter so schwerem Physischen und seelischen Druck Heranwachsenden Jugend." Befolgt man diese Ratschläge, dann ist man auf dem besten Wege, unser' Vaterland einer besseren Zukunft entgegenzuführen. Wrmösm. W o ch e n b e t r a ch t u n g. Die Erfahrung lehrt uns, daß bei -'den Völkern, welche Ackerbau: treiben, das GefühL der Abhängigkeit von einer, höheren Macht tiefer wurzelt als bei benea welche durch Handel und Gewerbe sich ihren Lebensunterhalt erwerben. In innigem Zusammenhang mit der Natur lebend, erkennen sie leichter die menschliche Ohnmacht und Hilflosigkeit. Sie wissen, daß alle ihre Mühe zuschanden wird, \mm\ der Segen von oben nit&biMbt, Indes verfallen sie leicht in den Fehler, daß ihr religiöses, Fühlen an Weite und Umfang verliert. Sie fiehen die Mächte, die ihr Leben regieren, zu sehr in der Enge und Nähe. Der Gott des Himmels und der Erde entschwindet ihnen. Sie opfern den Götzen der Naturrräfte. Als darum ein Mann dazu berufen wurde, die Offenbarung des Weltengottes zu empfangen und zu verbreiten, da erging zuerst an ihn der Ruf: „Wandere! Reiße dich los von all den trauten Gewalten, d'iis die Menschen im deiner Umgebung verehren-, den Götzen des Hauses, des Heimatortes und des Landes!" Denn so hoch wir auch Haus, Heimat und Vaterland achten müssen', wie sehr wir in ihnen die köstlichstelr Lebensgüter, schätzen müssen, für deren Erhaltnng wir auch zu denschwersten Opfern bereit sein sollen-, so dürfen lvir doch nicht vergessen, daß es noch etwas Höheres gibt: das ist der ewige Gott und das Sittengesetz. Darum mußte der Patriarch wandern-. Das Wandern, das allen anderen als das schlimmste Verhängnis erscheinen muß, wird ihm zum Heil und Segen ausschlagen. Tenn erst durch die Wanderung und aus der Wanderung wird er sich als rechtes Eottestind fühlen. Auch Abrahams Nachkonrmen mußten zmn> gleichen- Ziele: wandern. Und als das Ziel erreicht schien und man sie reif wähnen durfte, tut eigenen Lande dem Gotte der Welt zu dienen-, da erfuhren sie bald neben, allem Glück beider auch den Fluch, der SeßhaftiKeit. Sie fielen von Gott ab und vergötterten die Mächte und Kräfte des Landes. Das Land zog sie herab und entfernte sie vom Gotte des Himmels. Von neuem erschallte -der Donner vu-f: „Wandert!" Er führte sie voll Land zu Land, über die ganze Erde. Doch iinnrer, mkber, wenn sie sestwurzelten und sich ans Erden heimisch fühlten, kehrten sie bem Gotte des Himmels den Rücken. Leidvoll und. schmerzvoll ist unser Weg, wie jeder Weg, der zu großem und erhabenem Ziele führt. Unser Herz sehnt sich nach Ruhe und Frieden. Doch immer' lvieder tönt es uns unbarmherzig ins Ohr: „Wandere!" Denn immer noch sind wir nicht reif für die Ruhe. Ein Land ohne Gott kann, uns nicht Helsen.. Erst wenn, Gott unser festes Land-, -unser unbestreitbarer Besitz geworden fein wird, wird unsere Wanderung ihr Ende erreichen. So kündet es uns der Psalmsänger: „Kehre zurück, meine Seele, zu deiner Ruhe, denn nur Gott ist es. dev.sie dir geben kann." H o f f m ct n n.