Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- Seite 685 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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685 Das goldene Ehrenbuch auf -em alten Iuöenfrre-Hsf Zu Prag. Von Professor Dr.-Jng. A >l> f r e d Grotte (Breslau), Die vielen Hunderte jüdischer Gemeinden des MitLeL«lters mit ihren ölten Gotteshäusern und Friedhöfen sind größtenteils verschwunden. In dein schwelenden Rauch der angezündeten Wohnstätten und Gotteshäuser erstickten vielfach auch die letzten Seufzer ihrer Bewohner, das Glaubensbekenntnis ungezählter Märtyrer. Die Leichensteine wurden weggeschafft, zur Ausbesserung der Stadtmauern und zu sonstigen profanen Zwecken verwendet. lieber den alten Gottesacker zog der Pflug seine Furchen, und oft vergingen Jahrhunderte, bis dass ein Jude es wieder wagen durfte, in der alten Stadt seinen Wohnsitz aufzuschlagen. Wie durch ein göttliches Wunder sind indessen einige jüdische Friedhöse uns erhalten geblieben. Und das seltsamste ist, daß sie in diesen Städten zugleich auch die ältesten Begräbnisstätten darstellen und weit ältere Grabsteine aufweisen als die noch erhaltenen Friedhöfe der christlichen Einwohnerschaft. Darum stellt der weltberühmte alte Judensriedhof Prags eine hochbeachtliche kulturhistorische Denkwürdigkeit dar und ist mit seinen Grabsteinen, historischen Erinnerungen und hohen landschaftlichen Reizen seit altersher eine Attraktion ersten Ranges für all diejenigen gewesen, die die einzigartige Hauptstadt Böhmens jemals besuchten. Diese in ihrer historisck^n Bedeutung für die Weltgeschichte, architektonisch, ethnographisch und landschaftlich gleich bedeutsame Stadt ist sich trotz aller politischen Wandlungen stets bewusst gewesen, was sie der jüdischen Kultur verdankt. Und wenn seit einigen Jahren sich vor dem neuen Stadthause das überlebensgroße Denkmal des bedeutsamsten Wäger jüdischen Gelehrten, des „hohen" Rabbi Jehuda Löw ben Bezalel, erhebt, so ist das zugleich ein Ausdruck des Dankes, den die tschechische Stadtverwaltung abträgt sür die beispiellose Anziehungskraft, die auch die jüdischen Altertümer Prags auf den internationalen Fremdenverkehr ausgeübt haben. Für diese Behauptung besitzen wir auf dem Friedhof ein wertvolles Dokument: das goldene Ehrenbuch, das die Unterschriften aller prominenten Persönlichkeiten aufweiist, die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts die Prager jüdischen Altertümer und den Friedhof besucht hatten, angezogen von dem Zauber 'dieser alt-ehrwürdigen Stätte mit ihren 20 000 Grabsteinen und Gräbern historisch denkwürdiger Ghetto pers vn lichkeiten. Der Verfasser hat sich vor kurzem der Mühe unterzogen, ans diesem Buche die Namen herauszuziehen und nach Stand und Beruf Zu ordnen. Diese seien hier auszugsweise wiedergegeben. Fürstlichkeiten und Hochadel: Franz Josef I. (1847) mit den Erzherzogen Ferdinand und Carl, Kaiserin Alexandra Feodorowna von Russland mit ihrer Tochter, der Kronprinzessin von Württemberg, Grossfürstin Olga, Königin Sophie-Mathilde der Niederlande, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1859), Ludwig I. von Bayern (1859), König Johann von Sachsen, König Georg und Kronprinz Ernst August von Hannover, Grossfürst Nikolaus, Herzog August von Sachsen-Koburg-Gotha mit Clementiue von Orleans, Grossherzogin Mathilde von Hessen (1891), Friedrich von Dänemark (1873), Königin Sophie von Schweden, Kronprinz Rudolf von Oesterreich (1891) und dessen Tochter Elisabeth von W indischgrätz (1905) usw. Unten den adeligen Persönlichkeiten, die sich hier eintrugen, fehlt kaum ein Vertreter des deutschen und österreichischen Feudalherrenstandes; am häufigsten sind die Auerspergs vertreten; wir finden auch die Schaffgotschs, Reventlows, Prinz Culu (1868), Jaime de Bourbon, Due de Madrid, 1916 u. a. w. — Fürstlichkeiten endlich, die im Weltkriege eine Bedeutung erlangten, sind der ermordete Erzherzog Franz Ferdinand (1909) und Kaiser Karl mit den Erzherzogen Carl und Max (1907), die hier die Gräber besuchten. Viel Interesse findet beim Durchblättern auch die Inschrift vom 23. April 1873: „Friedrich Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches und von Preußen; Victoria, Prinzess Royal von Großbritannien und Irland; Wilhelm, Prinz von Preußen." (Der nachmalige Wilhelm II.) Feldherren: Erzherzog Friedrich (1876) und Feldmarschall Erzherzog Alhrecht, Philipvvich (1876), v. Blumenthal (1870). — Sogar die Nöte des Krieges sollte die Befehlshaber ihrer Armeen nicht abhalten, dem Friedhof einen Besuch abzustatten. So erschienen hier am 31. Januar 1866 die Oesterreicher Elanr-Gallas, Gras Sternberg und Gras Gondrecourt. Und einige Monate später (6. August 1866) Friedrich Wilhelm, Kgl. Prinz von Preußens mit Prinz Neuß, Graf Eulenburg und Friedrich Carl, Prinz von Preußen; im Gefolge Generalleutnant v. Voigts-Borietz und Major v. Bernath. Politiker: Graf Taaffe, Dr. Eduard Herbst (1864), Ladislaus Nieger (1871), der Wiener Bürgermeister Dr. Zelinka, Stolhpin, Gras Paar, Pierre Denis aus Paris, Graf Aehrenthal, Fürst Alfred Wrndischgrätz, Friedrich Adler (Wien) und andere mehr. Dichter un d Kompon isten : Care Goldmark (1896), Jaroslaw Brchlicky'), Morris Rosenfeld aus New-York, Ellen Key (1905), C. E. Franzos (19.02), Sacher Masoch, Johann Strauß, C. N. Franke. F i n a n z g r ö ss e n : Morgan (1878), Baron Hirsch, Ritter v. Tenssig, Rothschild aus Paris (1874) und Frankfurt (1858). Schauspieler: Unter anderen Pallenberg, seine Kolleginnen Formes und Pospischil vorn Wiener Burgtheater, Margarethe Siems. K ü u st l e r, A e r z k e: Neisser, Przibram, Kaposi, Arlt u. er-, S'i r Moses Montefiore, Boris Schatz usw. sind hier durch Autogranune vertreten. Aber auch die Geistlichkeit beider christlichen Bekenntnisse. Interessant ist hierbei, dass katholische Domherren aus Münster, Köln und Ratibor sich als „Cohen" und „Cohen Meir" bezeichnen. Bon protestantischen Theologen wäre Professor Herrn. C. Strack aus Berlin zu erwähnen; auch der Oberkonsistorialrat Bayer aus Berlin. Aber auch politisch bietet das wertvolle Buch manches Interessante. So z. B. unterzeichnen sich alle Prager Bürgermeister, die hier als Besucher eingetragen sind, vor 1883 durchweg noch deutsch, später nur tschechisch. Und recht ausfallend mag dem Kenner der tschechischen Loslösungspvlitik auch der Umstand erscheinen, wie aus dem Sokol- Kongress, zwei Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges, die Besucher in erster Linie Franzosen sind, denen gegenüber jene aus England, Amerika usw. erheblich an Zahl nachstehen. Die zahllosen Besucher aus Amerika, Holland und Japan weisen meines Wissens keine bekannten Persönlichkeiten aus. Von besonderem Werte sind endlich die kürzeren oder längeren Widmungen und Gedichte, mit denen sich einzelne Persönlichkeiten verewigten. Nachstehend seien die wertvollsten hier angeführt: So schreibt der ausgezeichnete jüdische Radierer und Maler Lilien am 10. September 1911, offenbar inspiriert durch die Märtyrergräber: „Solange Juden sür das Judentum zu sterben bereit sind, ist Israel unsterblich." 2) Der Dichter von „Bar Äochba" imd der „Hohe Rabbi Löw", der bedeutendste tschechische Lyriker. Der Ideal-Büstenhalter für die starke Dame! Flacht jede stärkere Büste in überraschender Weise ab und überbrückt starken Magen sowie Fettpolster in Taille und Rücken. v ce*. gesZ ZU EINEM „SKI-BÜSTENHALTER“ gehört ein SKI-KORSETT! ES GIBT NICHTS BESSERES FÜR STARKE DAMEN! In allen massgebenden Geschäften erhältlich» sonst weisen die alleinigen Fabrikanten Bezugsquellen nach. LOBBENBERQ & BLUMENAU KÖLN, Zeppelinstr. 9. — BERLIN, Leipziger Str. 73/74, *) Der nachmalige Kaiser hat sonach den Friedhof zweimal besucht.