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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 682

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 682 (sequence 6)
Language
German
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682 Der Lentralverein marschiert! Alls der Großen Hauptvorstandssitzung in Berlin. Sdi-r, Berlr n, 2. November. -Die Großen HauPtvorstandUitzungen des Centralvereins im Frühjahr und Herbst sind allezeit Gradmesser für das Interesse gewesen, mit denl Centralvereinsarbeit im Lande ge le i ste t wird. Man brauchte keingroßer Psychologe Zu sein, ilnr voraussehen zu können, daß die diesjährige Herkbstsitzung. gut besucht werden würde. Einige Tage, nachdem die Einladungen an die Hauptvorstandsmitglioder im Lande ergangen waren, starb der Reichstag nach langem, schwerem-, mit großer Geiduld ertiragenem Leiden. So fiel die Tagung zeitlich mit dem Beginn des Wahlkampfes zusammen, und alle, alle kamen. Man sah neben den Berliner Hauptvovstandsmitgliedern, den alten, bewährten Kämpen, denen „Deutschtum und Judentum" ein Stück ihrer Lebensart geworden ist, die Vertreter aus Nord u n d Süd, a u s Ost u nd West in so großer Zahl wie kaum je zuvor. Hier ein Münchener und Köni-gsberiger ktt Vorraum des Sitzungssaales >m ernstem politischen Gespräch über die Wiahlaussichten, dort Vertreter d e r b e s e tz t e n G e b i e t e in lebhaftem Meinungsaustausch darüber, wie sich die Dinge in .ihrer Heimat künftig entwickeln werden; im Hintergrund ein Central-Vereinler von der Wasserkante in leidenschaftsloser Unterhaltung lni-t einem Kollegen, den man ob feiner unentwegt eisernen Rühe sofort als ein K i nd de r roten Erde We st sa-lens erkennen mußte. Nicht nur die Erledigung der offiziellen Tagesordnung, diese zwanglosen Unterhaltungen. über all das, was die Führer! des Centralvereins besonders in politisch stürmischen Zeiten bewegt, der Gedankenaustausch von Freunden der Sache des Centralvereins, die sonst jahrelang nicht Gelegenheit hä-LLen, sich aussprechen .zu Wunen, geben den Hauptvorstandssihu ngen die große innere Berechtigung u n d B e d e u t u n g. Justizrat Brodnitz, der Vorsitzende des Centralvereins, leitet sofort, ohne die sonst bei großen Tagungen üblichen schmückenden Beiworie der Begrüßung, die sachliche Arbeit ein, wohl um anzude-uten, daß es sich um einen Arbeitstag ersten Ranges handelt. Wer erwartet hatte, daß die Restrate des Herrn Rechtsanwalt Foerder (Breslau) und des Geheimrats Falkenheim (Königsberg) über unsere Stellung zu den Zionisten eine leidenschaftliche Zionistendebatte heraufbeschwören würde, kam nicht auf seine Kosten. Die Aussprache wurde in einem Geiste geführt, daß man nicht von Siegern und nicht von Besiegten sprechen konnte. Mit 67 gegen 6 Stimmen wird, nachdem Rechtsanwalt Geiger (Frankfurt), Henry Rothschild (Frankfurt), Justizrat Sonnenseld (Berlin) gesprochen haben, die folgende Entschließung des Herrn Rechtsanwalt K r o m b a ch (Essen) angenommen: „Es besteht keine Veranlassung die Stellung des Centralvereins zu den Zionisten, wie sie in der Resolution der Hauptversammlung 19131) niedergelegt ist, einer Nachprüfung zu unterziehen. Diele Resolution ist in unveränderter Geltung. Zugleich wird festgestellt, daß der Beschluß des Hauptvorstandes betreffend die Stellungnahme -zu den Wahlen für den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden eine Aenderung dieser Grundsätze nicht enthalten hat." Dann geht es unmittelbar hinein in die praktische politische Arbeit. Direktor Dr. Holländer spricht über „W a h l Vorbereitungen", Dr. Wiener, der Syndikus des Bereit, über „Politische Tagesfragen". Um eine ununterbrochene Aussprache zu gewährleisten, wird diese auf den Nachmittag verlegt, und Herr Wallach kann sein F i n a n z r e s e r a t halten. Mit ernsten *) Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bezweckt nach § 1 seiner Satzungen, die deutschen Juden ohne Unterschied der religiösen und politischen Richtung zu sammeln, um sie in der tatkräftigen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowie in der unbeirrten Pflege deutscher Gesinnung ZU bestärken. Hieraus ergibt sich die Stellung des Centralvereins zu den Zionisten. 'Wir verlangen von unfern Mitgliedern nicht bloß die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten, sondern deutsche Gesinnung, und die Betätigung dieser Gesinnung im bürgerlichen Leben. Wir wollen die deutsche Judenfrage nicht international lösen. Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes wollen wir als Deutsche an deutscher Kultur Mitarbeiten, und unserer durch unsere Religion und unsere Geschichte geheiligten Gemeinschaft treu bleiben. Soweit der deutsche Zionist danach strebt, den entrechteten Juden des Ostens eine gesicherte Heimstätte zu schassen, oder den Stolz des Juden aus seine Geschichte und seine Religion zu heben, ist er uns als Mitglied willkommen. Von dem Zionisten aber, der ein deutsches Nationalgefühl leugnet, sich als Gast im fremden Wirtsvolk, und national nur als Jude fühlt, müssen wir uns trennen. eindringlicher: Wortenwird hier naclMwiesen, daß die wirtschaftliche Lage des Centralvereins seine Arbciit nicht nur -beeinflußt, sondern bestimmt. Mit großer Genugtuung -wird allseitig davon Kenntnis genommen, daß es trotz der wirtschaftlichen Nöte unserer Zeit mit der Centralvereinsbewegung vorwärts geht, daß in den letzten Monaten 3 8 6 5 n e u e M i t * glieder .geworben wurden Mwechslung bringt ein neues Bild. Nach «kurzen Referaten der -Herren Justizrat- Straß mann und Dr. Tietz (Berlin) über den Alpenverein beschäftigt man sich mit den antisemitischen Bestrebungen der Alpinisten. Bis hinauf in die freie, frische Luft der Berge dringt der Pestbazillus des Judenhasses. Man ist sich einig, daß auch in dieser Fragte die Würde des jüdischen Deutschen oberstes Gesetz, sei. Rechtsanwalt Dr. Bruno Weil leitet in seinem Referate über Siegfried W a ig n e r eine recht interessante Aussprache über diesen kleinen' Sohn eines großen Vaters ein. Nach der Mittagspause wendet man sich mit neuen Kräften den aktuellen Dingen zu. Die ko mme n d e n Wahlen stehen im Mittelpunkt 'der Aussprache. Mögen auch in den Fragen der Taktik und in der Beurteilung -der Parteien hie und da sich, wie das nach der verschiedenen Einstellung von Männern, die int politischen Leben stehen, selbstverständlich ist, kleine Meinungsverschiedenheiten gezeigt haben, der einmütige Wille beherrschte alle Diskussionsredner: wir müssen dieses Mal mit doppelter Anstrengung ans Werk gehen. Es sprechen: Dr. Weil (Berlin), R.-A. Regensburger (Braunschweig), Dr. Mainzer (Frankfurt), Tr. Freund (Berlin), S u ß m a n n (Chemnitz), Redakteur ch w e - riner (Berlin), Justizrat Cohn (Dessau), R.-A. Lichte nberg (Hannover), R.-A. ta r x (Karlsruhe), R.-A. Löwe n st e i n (Aachen), R.-A. Kehr (Kaiserslautern), Dr. Nathan (Berlin), Justizrat G a l l i n g e r (Nürnberg), R.-A. K o b u r g e r (Ludwigshasen), R.-A. Strauß (Augsburg) und andere. Die drei st ü ndige Debatte ist ein lebendiges Zeugnis für die A ktiv i t ä t des Centralvereinsgedankens. Der Centralverein ist auf dem Marsche, kampfbereit und hossnungsfroh. Frau Justizrat Do rm i tz e r (Nürnberg) und Direktor B a r u ch (Herford) geben in ihren Referaten die Grundlage für eine Aussprache' über die Bindung der Hauptvorstandsmitglieder gegenüber gefaßten Beschlüssen von grundsätzlicher Bedeutung. Allgemein ist man der Ansicht, daß der p o l i t i s ch e T a k t d e r b e st e Wegweiser ist. Einstimmig wird eine Entschließung Weil - Weritz e i m - W a L l a ch - C h o d z i e s n e r - F r e u n d - B r o d n i tz a ngenommen: „Dev Harrptvorstand billigt die bei den bisherigen Wahlenangewandten Grundsätze zur Erzielung einer Zusammensetzung des Deutschen Reichstags und des Landtags, welche die staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Inden stchern. Er fordert alle deutsche Inden, Männer und Frauen, aus, auch bei den bevorstehende Wahlen nicht nur ihre Wahlpflicht unter allen Umständen zu erfüllen, sondern auch mit allen geistigen und materiellen Mitteln zn helfen, datz das angestrebte Ziel erreicht wird. Auch über die gegenwärtigen Wahlen hinaus mutz durch tatkräftige Aufklärungsarbeit in Wort und Schrift dafür gesorgt werden, datz die durch die völkisch-antisemitische Propaganda hervorgerufene Verwirrung und Verwilderung eines erheblichen Teils der deutschen öffentlichen Meinung im Interesse des Wiederaufblühens des butschen Vaterlandes schnellstens beseitigt werde." Die Erörterung über die Wahlen zum P r e u ß i s ch e n Landesverband jüdischer Gemeinden wurde nach eingehender Geschäftsordnungsdebatte über den 7. Dezember hinaus vertagt. Es sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, daß die Pflicht dem Vaterlande gegenüber gebietet, alle Kräfte in den Dienst der Wahlen zum Reichstag und zu den Landtagen zu stellen, daß fernerhin zurzeit kein Anlaß besteht, die beschlossenen Richtlinien abzuändern, daß die eingesetzte Wahlkommission dauernd in Funktion bleibt und jede Ortsgruppe und jeder Landesverband, der nach Lage der lokalen Verhältnisse eine Abweichung von den Beschlüssen befürwortet, sich, wie der Beschluß es vorsieht, mit der Wahlkommisston in Verbindung setzt. In vorgerückter Stunde wird beschlossen, die nächste Hauptv o r st a n d s s i tz u n g am 14. Dezember in Frankfurt a. M. abzuhalten, und dann kann Justizrat Brodnitz, der bei der Führung der Geschäfte abwechselnd durch die stellvertretenden Vorsitzenden Justizrat Sonnenfeld und Rechtsanwalt Geiger, vertreten wurde, die Hauptversammlung mit dem Wunsche schließen, daß die Wahlen ein Ergebnis zeitigen mögen, mit dem das deutsche Vaterland und das deutsche Judentum zufrieden sein können.

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