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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 681

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 681 (sequence 5)
Language
German
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68 J Das „nationalistische" H.T. Scharfe Angriffe des Professors Basch. Ständig ertönt in den Spalten der idoutschnationalsn und deutischvöMschen Presse smvie in 'ihren Versammlungendas -Geschrei von der „Judenpresse", und mit ihr ist in erster Linie das „Berliner Tageblatt" und dessen Chefredakteur Theodor Wockfs gerneint. Das „Berliner! Tageblatt" als Judenorgan Zu -verschireien, ist ebenso richtig, wie «etwa Bebels Schriften als Erzeugnisse des Christentums auszugebew weil Bebel als 'evangeliischer Christ geboren! ist. Wenn auch Rabbiner Dr. Ja c o b in Dortm-nnd im seiner vorzüglichen Reinen Schrift „Die Iuden un d das -Berliner T a g e b l a t t‘" (Säulenverlag, 1920) das Verhältnis des deutschen Judentums zum „Berliner Tageblatt" erschöpfend gekennzeichnet hat, so werden doch die folgenden Aeußerungen des. franzöfischen Professors Viktor Basch über das Tageblatt und seinen Herausgeber ln'teresisieren, die .in der „Welt am Montag" vorn 3. November abgedruckt find. Bekanntlich hat sich das „Berliner Tageblatt" sehr scharf gegen das Auftreten Professor Baschs gewandt. Basch erwidert «mm, Wolfs wetteifere aus einmal in allem, was die auswärtige Politik und besonders Frank reich betrifft, -m i t den ä r g st e n N ational asten. Er beschuldigt das Tageblatt 'in der heftigsten Weise, daß es durch seine Haltung und durch seine Mtarbeiter, insbesondere aber durch seine Berichterstattung über die Rede Baschs dem Fr ieden gefährlich e n t g e g e n a r b e i t e. Wir bringen diese Aeußerungen nicht etwa, um in diesem Konflikt, der unseren Verein nicht ,im geringsten betrifft, irgendwelche Stellung zu nehmen, sondern darzutun, wie: hier in den Augen eines Franzosen das Tageblatt als antipazifistisches Organ und sein Herausgeber als Nationalist reinsten Wassers gilt. Vielleicht machen unsere Völkischen auch einmal von dieser Darstellung in ihren Versammlungen Gebrauch. RKthsliZisMUS Lmö Iu-entum. Eine Neusteru u g des „Bayerischen Kuriers". In seiner vielbeachteten Rede vor dem christlichen Bauernverein in T u n t e n h a u s e n hat der bayerische Ministerpräsident Held sich mit Nachdruck Zum christlichen Staat bekannt. Ein Teil der Oeffentlichkeit hat darin eine Spitze gegen das Judentum erblicken wollen. Dem tritt jetzt der „Bayerische Kurier", das führende Blatt der Partei des Ministerpräsidenten, in seiner Nr. 295 mit folgenden beachtenswerten Ausführungen entgegen: Antisemitismus wollen manche aus der Rede des Ministerpräsidenten Held in Tuntenhausen herausklingen hören. Aber die Auslegung, die gewisse Stellen der Tuntenhausener Rede erfahren haben, ist nicht richtig. Gerade in der Betonung des christlichen Charakters des bayerischen Staates und in der Absicht, die Regierung Bayerns im christlichen Sinne zu führen, kann keine Spitze gegen das Judentum erblickt werden. Einerseits stimmt die Ethik des glaubenstreuen Judentums in all jenen Punkten, die sich auf die praktische Auswirkung im Staatsleben beziehen, großenteils mit der Ethik überein, die den beiden christlichen Konfessionen gemeinsam ist. Anderseits kennt die christliche Auffassung auch kerne verschiedene Bewertung und Behandlung der Menschen nach deren Nasse oder Abstammung, auf die sich der Antisemitismus stützt. Eine Reihe jüdischer Persönlichkeiten steht ebenfalls auf dem Standpunkt, daß das, was man unter christlichem Staat versteht, staatspolitisch anzustreben ist. Minister Nathenau, der Jude war, bekannte sich offen als Anhänger der religiösen Erziehung und Schule. Er erklärte auch: „Ich will den christlichen Staat, denn auf seinem Boden sind wir und mit uns die gesamte abendländische Welt erwachsen." Speziell über die katholische Kirche äußert sich Nathenau in seiner „Streitschrift vom Glauben": „Die Kirche steht da als ein wundervoller Organismus, der seine unmöglich erscheinende Aufgabe vollkommen löst: einen Glauben mitsamt seinem hundertfältig verzweigten, immer weiter sich verfeinernden Dogma, den Zeiten zum Trotz, zu erhalten — ihn der Verschiedenheit der Landschaften, Himmelsstriche und Bevölkerungen ohne Verzicht auf Einheit aufzuerlegen — widerstrebende und Zersetzende Kräfte niederzuhalten — der weltumfassenden Gemeinde das Gefühl verschmelzender Einheit zu geben — das Reich der Gnade in sichtbarer Gestalt im irdischen Abbild zu verwirklichen — die Stellvertretung göttlicher Lenkung, umgeben von unerschöpflichen Gnadenmitteln und Heiltümern, in einer höchsten Machtverklärung zu stabilisieren." Wenn wir uns auch nicht mit allen Aeußerungen dieses Aufsatzes voll einverstanden erklären tonnen, so begrüßen wir doch die Klärung dieser Angelegenheit, die zu unnötigen und unliebsamen Mißverständnissen Anlaß gegeben hatte. Aufklärung wiöer willen. Aus einer v ölkisch en Versammlung. Von einem christlichen Freunde wird uns geschrieben: Eine hoffentlich recht wirksame Belehrung empfingen die völkischen Kreise Brandenburgs anläßlich eines Vortragsabends, der unter der Spitzmarke „Dr. Din ter und das Alte Testament" von ihnen veranstaltet worden war. Sie hatten zu dem Vortrage einen hervorragenden Geistlichen der Stadt bemüht, um ihrer „Gemeinde" die Beweiskraft der Dinterfchen Thesen recht eindrücklich zum Verständnis Zu bringen. Aber-es kam ganz anders. Die Zuhörer waren vom ersten Worte an im Banne des Vortragenden, und der Sachkundige gewann gar bald den Eindruck, daß auf den Redner im Gegensatz zu Herrn Dr. Dinier das Wort jenes Fürsten auf dem Reichstag zu Worms über Luther — mit einer kleinen Variante — zutras: „Er sitzt in der Schrift und-Dr. Dinier daneben!" — Der Vortragende führte in geistvoller, wissenschaftlich objektiver und dabei volkstümlicher Weise aus, wie bei den Juden des Alten Testaments der ursprüngliche Gott des Kampfes, des Zornes und der Rache im Verlauf der kulturellen Entwicklung des Volkes sich zum Gott der Versöhnung und der Menschenliebe gestaltete (Elia). Er sprach von der geistigen Größe Israels, die in den Schriften der Propheten zum Ausdruck kommt, und schilderte das Wirken dieser hervorragenden Männer als Reformatoren, Lehrer und Führer ihres Volkes in den Zeiten tiefster Erniedrigung, in denen sie die Ihren zur geistigen, sittlichen und religiösen Erhebung führten. Die atemlos lauschenden Zuhörer wurden eingeführt in die wundervolle Poesie der P s a l m e n , die Demut und kindliches Gottvertrauen zum Ausdruck bringen. Weiter führte der Redner aus, wie die alttestamentarische Religion über die messianischen Weissagungen in das Christentum einmündet (Matth. 5, 17 und 18: Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz und die Propheten aufzulösen-) und schloß mit den Worten, daß er dem deutschen Volke die Auffassung der christlichen Lehre wünsche, wie sie der Apostel Paulus in die Worte kleidet: „Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein Herr!" (Römer 10, 12.) — Der zwingende Eindruck der fast zweistündigen, von tiefem religiösen Empfinden getragenen Ausführungen auf die Zuhörer — die gekommen waren, um ganz etwas anderes zu vernehmen —, ein Eindruck, der sich in widerspruchsloser Stille während des Vortrages und in reichem Beifall zum Schluß kundgab, konnte auch durch einige nicht gerade taktvolle Schlußbemerkungen des Versammlungsleiters, der sich wohl von „Amts wegen" verpflichtet fühlte, für den abgewirtschafteten völkischen „Geistesriesen" Dr. Dinker eine recht brüchige Lanze einzulegen, nicht abgefchwächt werden.-Vivant sequentes!- H. W. Wenn wir auch vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus mit manchen der oben angeführten Sätze nicht einig gehen — die schärfste Verurteilung, die mit den Ausführungen eines christlichen Geistlichen Dinters gehässiger Kampf gegen die Bibel und das Christentum gefunden hat, noch dazu auf einer dem großen Artur zu Ehren veranstalteten Versammlung, mußte unbedingt sestaehalten werden. Die Schriftleitung/ So ehrt man öle Gefallenen! Besch ädigung eines Krieg erdenkma ls. In Pu d e rb a ch im Westerwald, einem kleinen Orte, in dem sich auch einige jüdische Familien befinden, hat die Kirchen gemeinde, die dreizehn kleinere Ortschaften des Westerwalds umsaßt, die Errichtung eines Gedenksteins für die Gefallenen des Weltkrieges beschlossen. Das Denkmal soll vor dem protestantischen Friedhof aufgestellt und am 9. November eingeweiht werden. Aus der ersten Tafel des Denkmals, das die Namen aller Gefallenen enthalten soll, 'befinden sich die Angehörigen einer in Puderbach seit Urgroßväterzeiten ansässigen und angesehenen jüdischen Familie verzeichnet, die Brüder Berthold und Karl Bär. Wie erst jetzt bekannt wird, sind nun diese beiden Namen auf der ersten Tasel vor kurzem mit schwarzer Teerfarbe überpinselt worden. Die Empörung über dieses Bubenstück ist emt Orte allgemein. In der „Rheinischen Warte" vom 15. Oktober heißt es: „Ein Kriegsteilnehmer, der weiß, wie seine jüdischen Mitbürger genau dieselben Mutopfer brachten, kann eine solche bübische Tat nicht begehen. Auch in Puderbach schämt sich jeder ernsthafte Mensch über dieses Vorkommnis." Allgemein vermutet man den Täter in völkischen Kreisen. Leider haben die polizeilichen Ermittlungen einen Erfolg bisher nicht erbracht. Eine Partei aber, die in ihrer Presse lächelnd konstatiert, daß Synagogen mit Hakenkreuzen beschmutzt werden, deren Gesinnungsgenossen in der Krrche schwere religiöse Beleidigungen ausstohen oder jüdische Friedhöfe bespucken oder beschädigen, darf sich nicht wundern^ wenn man auch hier wieder Völkrsche als Täter anfieht.

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