Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 679

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 679 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277508--01575-2280830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

670 die ke i ne s we g s m i td e m Sfte r d achtd e s A n t i s e m t - tismus belastet sind. Die Nichtantisemiten der Liste würden dem Antisemiten den Weg in das Parlament eröffnen: ihr Sieg wäre -der seine, und auch der Jude und die Juden würden so unmittelbar zum Siege eines Antisemiten beigetragen haben; eine unvorstellbare Dummheit und eine unvorstellbare Entäußerung der Selbstachtung. Nichts wäre aber falscher, als auf ein vages Gerede hin irgendeine Persönlichkeit, die sich als Kandidat für die Wahlen Zur Verfügung gestellt hat, mit dem Verdachte des Antisemitismus belasten All wollen. Solche An schuld ig u n g e n wollen s a ch g e m ü ß und vor alle m a u ch taktvoll untersucht werden. Es muß festgestellt werden, und Zwar klar und einwandfrei, auf welche Quellen eine derartige Behauptung Zurückzuführen ist. Eindeutige Tatsachen müssen vorliegen, und im Zweifelsfalle ist es das Zweckmäßigste, sich direkt an den betreffenden Kandidaten 31t wenden und ihn um eine offene Erklärung darüber zu er- ' suchen, wie er sich zur Judenfrage stellte In sortgeschrittenen Ländern mit ausgebildetelr Traditionen in bezug auf die Wahlen ist es herkömmlich, daß eine bekannte Persönlichkeit des Wahlkreises sich an den betreffenden Kandidaten wendet und ihn höflich ersucht, sich über bestimmte politische Fragen zu äußern; in diesem Falle würde es sich um eine Aeußerung über seine Stellung zur Judenfrage handeln. Eine solche Aufklärung kann erfolgen durch einen Briefwechsel, der gegebenenfalls zu veröffentlichen wäre; es kann aber auch durch eine Anfrage und durch eine Antwort in einer Versammlung, die alsdann durch die Zeitungen bekanntzugeben wäre, dasselbe Ergebnis erzielt werden. Die Z e n t r u m s p a r t e i, die Demokratische, die Sozialdemokratische Partei sind als Parteien heute über jeden Verdacht des Antisemitismus erhaben. Auf die kleinen Parteisplitter einzugehen, hat keinen ernsteren Wert. Natürlich kann es auch innerhalb der genannten nichtantisemitischen Parteien einzelne Wähler geben, die j sich vom Antisemitismus nicht vollkommen freihallen. Aber! darauf kommt es nicht an in diesem besonderen Falle. Hier! handelt es sich nicht um die Frage der Bekämpfung des Anti-; semitismus im bürgerlichen und sozialen Leben; hier handelt es sich um die Bekämpfung des Antisemitismus in der Politik, in jenem-politischen Leben, das sich mittels des Instrumentes der Parlamente unmittelbar und direkt in politische Taten umsetzen kann. Zusammensassend darf man -sagen: Ein Jude kann eine Liste der Deutschen Volkspartei unterstützen, wenn er sich darüber vergewissert hat, daß auf ihr der Name eines Antisemiten nicht steht, und ein jüdischer Wähler kann unbedenklich feine Stimme herleihen, um eine Liste der Sozialdemokratischen Partei, der Demokratischen Partei und des Zentrums zu unterstützen. Die Politik dieser Parteien ist im Parlamente frei von jeglichem Antisemitismus gewesen. . Den jüdischen Wählern ist damit für ihre Betätigung ein weiter individueller Spielraum gelassen. Ob der einzelne jüdische Wähler und die einzelne jüdische Wählerin der Zentrumsliste oder der demokratischen Liste oder der 'sozialdemokratischen Liste ihre Stimme gibt, darüber vom jüdischen Standpunkt aus eine Entscheidung treffen zu wollen, wäre eine verfehlte Anmaßung und eine verfehlte Bevormundung. Die politischen Erwägungen, die den einzelnen Wähler zu der -einen oder zu der anderen Partei treiben, muß er selbst anstellen, aus seinen Erfahrungen im öffentlichen Leben, aus seiner Weltanschauung, aus seinen religiösen, aus seinen politischen und aus seinen wirtschaftlichen Erfahrungen heraus. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat die eine Ausgabe: den Antisemitismus zu bekämpfen; er hat nicht Die Ausgabe, für bestimmte Parteien Wahlpropaganda zu treiben. Wir bekämpfen den Antisemitismus als unheilvoll für unser Judentum und als unheilvoll/ nach unserer Anschauung und nach der Anschauung jedes modernen Menschen, für das deutsche Vaterland. Mag jeder Jude und mag jede Jüdin, die ihre Stimme n icht'abgeben oder die durch ihre Stimmabgabe direkt oder indirekt einem Antisemiten in die Parlamente verhelfen, sich der schweren Verantwortung bewußt sein, die ihn oder sie belastet für d-ie einzelne Person, für die Seinen, aber auch für die gesunde Entwicklungdes gesamten deutschen Vaterlandes. Und, mag zum Schluß, noch ein Ratschlag erlaubt sein, der gerade in Deutschland angebracht erscheint. Die politische Eigenbrötelei hat vor allem ihren Stammsitz in Deutschland und somit auch bei den deutschen ' Juden. Eine Wahl ist nicht nur dazu da, um ein politisches Glaubensbekenntnis abzulegen; eine Wahl ist dazu da, mn p r a k t i s ch e und n ützli ch e reale Erfolge zu erzielen; um Kandidaten in das Parlament hineinzubringerr, deren 'Haltung Deutschland Nutzen bringen wird. Es mag sein, daß der einzelne Jude einem bestimmten Kandidaten bestinunter politischer Richtung ganz besondere Sympathien entgegenbringt, und zwar berechtigterweise, und doch kamt es ganz fälsch sein, gerade diesem Kandidaten seine Stimme zu geben. Läßt sich mit Wahrscheinlichkeit seststellen, daß dieser Kandidat und daß seine Liste die Majorität der Stimmen nicht auf sich vereinigt, dann gebietet es die praktische Klugheit, jener anderen Liste die Stimme zu geben, dem die eigenen Sympathien vielleicht 'in geringerem Grade zuneigen, aber durch deren Unterstützung um so sicherer ein Antisemit g e s ch l a g e n werden kann. Nicht L i e b h a b e r e i e n können das Entscheidende sein, so berechtigt sie im einzelnen Falle sein mögen; maßgebend muß sein die nüchterne Erwägung darüber, auf welche Weise der A n t i s e m i t und die A n t i s e m i t e n am sichersten a u s dem Pa r l a m e n. t serngehalten w e r d e n. Die Bekämpfung der Antisemiten und des Antisemitismus durch Stimmabgabe, durch Hergabe materieller Mittel für die u i ch t a n t i s e m i t i s ch e n Parteien, durch W a h l h i l f e ist die Pflicht j e d es a u f r e ch t e u I u d e n und j e d e r a u s x C'dj t e n Jüdin; eine Pflicht der Selb st a ch t u n 3 und eine Pflicht im Dienste einer friedlichen und gesunden Fortentwicklung des deutschen Vaterlandes. jüdische Gerfellisten. Jede Woche eine List e. Der „Frontbann" in München ist jüngst aufgelöst worden. Gegen ihn schwebt ein Verfahren beim Staatsgerichtshof in Leipzig. Die Chemnitzer „V 0 lks sti mm e" vom 1. November (Nr. 256) bringt nun aussehenerregende Enthüllungen, in Gestalt von „Regimentsbefehlen" und „Dienstvorschriften" vom 1. Oktober 1924 des G r o ß d e u t s ch e n Frontbann, Reg i m e n t A x m t nt it s in Chemnitz. Aufnahme finden darin nur „echte Nationalsozialisten". Uns interessiert in den „Dienstvorschriften" der Paragraph 7, der wörtlich lautet: I e d e K 0 nrp a gn i e h a t w ö ch e n t l r ch eineListe der in ihrem Bereich wohnhasten evtl, im Ernst fall als Geiseln in Betracht kommenden hochgestellten jüdischen Personen ein - z n r e i ch e rr. Ebenso ü b e r die Führer der Linksparteien und Redakteure der Links- Zeitungen. Zn s a mmenst ötze mit d ern Rei ch § - banner sind soweit wie möglich zu vermeiden. I ch e r w a r t e v 0 rr e r n e rrr j e d e n A n g e h o e i g e n des Regiments, das; er sich voll und ganz n n t c v seineFührer stelltnnd , falls der Tag h e r e i n b r i ch t, wo endlich Abrechnung gcy a l t e n w i r d m i t d e n N 0 v e m b e r - V er b r e ch e r n v 0 rr l 91 8, mitLeibrrnd Seeles irrdie heilige Bewegung einsetzt. Bis Herausgabe der D i e n st v 0 r s ch r i f t c n der Neichsleitung bleiben vorstehende Dienstvorschriften bestehen. Heil! Chemnitz, den 1. Oktober 1924. gez. C. H e r e t h , Regimentskommandeur. Die „Volksstinnne" verbürgt sich für die Echtheit dieser Schriftstücke. Werden den ach so vielen gleichgültigen jüdischen Mitbürgern endlich die Augen aufgehen, was die Nationalsozialisten planen? Werden sie endlich bereit sein, persönliche und materielle namhafte Opfer zum Kampfe gegen diese vaterlandsvernichtenden und die deutschen Juden mit dem Schlimmsten bedrohenden Bestrebungen darzubringen? Wer nicht hören will, wird es sonst schmerzlich fühlen müssen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.