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Central-Verein-Zeitung · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 678

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 678 (sequence 2)
Language
German
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678 der Wahltag. Von Dr. Paul N a t h a n. Wir wählen in Preußen zum Parlament seit - dreiviertel Jahrhunderten; wir wählen in einzelnen Staaten des Reiches noch länger, und man sollte erwarten, daß in diesen dreibiertel Jahrhunderten und.mehr sich das Wählen stark in die Sitten unseres'öffentlichen Lebens eingebürgert hat. In gewissem Sinne ist das auch der Fall. Mit dem Wahlmechanrsmus ist selbst der Bauer eines entfernten Dorfes einigermaßen vertraut; aber die W a h l bed eu tu n g ist der großen Masse des Volkes bei uns nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Verwunderlich ist das nicht. Wir hatten War in Deutschland Parlamente und wir wählten zu diesen Parlamenten seit 75 Jahren und länger. Aber wenn wir gewählt hatten, was war dann erreicht? Dann traten Parlamente zusammen; diese Parlamente hatten jedoch wenig und oft nichts zu sagen. Und es ist der Masse des deutschen Volkes in jenen Zeiten niemals völlig klar zrmr Bewußtsein gekommen, daß das Parlament für das Schicksal des Staates und der Staaten die letzte Entscheidung zu treffen hat, vorausgesetzt, daß die Volksvertretung in der Lage ist, tatsächlich jene Ausgaben zu lösen, die ihr dem innersten Gedanken der Institution nach gestellt sind. Wir hatten — ganz kurze Unterbrechungen abgerechnet — nicht den Parlamentarismus in seiner rein en Form; wir hatten den Schein-Parlamentarismus, jene Entartung dieser Institution, die sich verhält zum echten Parlamentarismus wie Talmi zu Gold; jene Entartung, die, selbst leistungsu n s ä h i g, zur Degeneration des Volkes in hohem Grade beiträgt; die ein Volk verlernen läßt, welche hohe Bedeutung für einen modernen Staat der Parlamentarismus hat, welch edles Gut er darstellt, das mit Weisheit, das mit Klugheit, das mit Umsicht verwaltet sein will. Seit der Revolution von 1918 hat der Parlamentarismus in Deutschland ausgehört, eine frivole Arabeske staatlichen Lebens zu sein. Der Parlamentarismus ist heute die zentrale Kraftquelle für die deutsche politische Betätigung, und die Zukunft unseres Vaterlandes und in gewissem Umfange die Zukunft jedes einzelnen in unserem Vaterlande hängt von dem sachgemäßen Funktionieren der Parlamente und deS R e i ch s p a r l a m e n t e s ab. Wahlen sind heute für das deutsche Volk keine Betätigung, die man mit müder und gleichgültiger Lässigkeit ausüben darf. Wählen heißt heute: Mitwirken an ,der Zukunst Deutschlands, und zwar unmittelbar, direkt, einschneidend. Ein Parlament, zusammengesetzt aus Frauen und Männern, die voll Voraussicht, voll Verstand, voll Sachlichkeit ihre Entschlüsse fassen und damit die Bahn für eine verständige Entwicklung des Staates freimachen, ist für das gesamte Vaterland und für jeden einzelnen im Vaterland ein Glück und ein Segen in ideeller wie in materieller Beziehung. Und ein Reichstag der Unsachlichkeit, der Frivolität, >der demagogischen Phrasendrescherei, des Fanatismus ist ein Unglück, dessen Größe nicht abzumeffen wäre. Er öffnet, wenn er nicht bald beseitigt wird, das Tor zum Untergang, Solche Gedankengänge, die überaus naheliegend siiid, müßte sich jeder deutsche Staatsbürger in diesen Tagen vor der Wahl ständig, gegenwärtig halten; diese Gedankengänge muß jeder deutsche Staatsbürger bis zur Wahl ständig sich angelegen fein lassen, zu verbreiten, wo er nur kann. Wahlläsfigkeit, Wahlgleichgültigkeit ist heute als die schwerste, politische Krankheit zu betrachten, die unter allen Umständen bekämpft werden muß, und die, wenn sie sich erst entwickelt hat, wie eine bösartige Infektion immer weitere Kreise ergreifen kann. Wer nicht in einem modernen, freien Staats wese« feine politischen Pflichten erfüllt «nv Damit zur Erhaltung Dieses Staatswesens beiträgt, ist ein Berbrecher am öffentlich e n W o h l; er ist asozial; er ist antisozial; er ver- Vient nicht, Den Segen moverner, friedlicher Staatsentwicklung zu genießen. Diese Grundsätze find bindend für jede erwachsene Deutsche; sie sind bindend für jeden erwachsenen Deutschen, und sie sind für jede jüdische Dentsche und für jeden jüdischen Deutschen nur «m so verbindlicher. Warum? Das gesamte Deutschland ist nach dem verlorenen, unglücklichen Kriege in überaus ernster und gefährdeter -Lage, und damit ist jeder deutsche Jude und jede deutsche Jüdin verpflichtet, das Menschenmögliche zu leisten, um dem Vaterlande wieder aufzuhelsen. Aber dem deutschen Juden und der deutschen Jüdin fällt noch eine zweite Pflicht zu. Ist die Lage Deutschlands überhaupt gefährdet, so ist die Lage der deutschen Juden noch insonderheit ernstesten Gefahren ausgesetzt; zwar nicht durch äußere Feinde, aber durch Feinde im eigenen Land, durch den Antisemitismus, der die öffentliche Atmosphäre in Deutschland vergiftet, und durch die Antisemiten, die den deutschen Juden ihre politischen Rechte, die politische Gleichberechtigung zu rauben sich für verpflichtet erachten. Die Pflicht der deutschen Juden, zu wählen, ist dieselbe; wie die für jeden deutschen Staatsbürger; sie ist zwingend genug, und zwar hat er klug und begonnen zu wählen. Das ist zugleich ein Gebot des Selbsterhaltungstriebes, des Triebes, den die Natur auch den stupidesten Tieren dieser Erde mit auf den Weg gegeben hat. Ein Jude, der nicht wählt, — er versündigt sich gegen Deutschland, und er versündigt sich gegen sein Judentum. — Das ist klar und das sollte klar sein für jeden denkenden Menschen. Damit entsteht eine zweite Frage. Ist alle Welt moralisch verpflichtet, zu wählen, so muß jeder Stimmfähige untersuchen: Wem soll er seine Stimme geben? Wir haben in Deutschland Parteien genug, und wir haben leider auch Gruppen und Grüppchen genug, die es sich angelegen sein lassen, um Stimmen zu werben. In gewisser Beziehung ist dem jüdischen Deutschen die Auswahl zwischen den verschiedenen Kandidaten und Parteien erleichtert, sogar in hohem Grade erleichtert. Daß ein Jude bereit sein sollte, seine Stimme einem Antisemiten zu geben,, müßte als sin psychologisches Phänomen betrachtet werden. Aus früheren Wahlkämpfen erinnere ich mich eines Verses, der folgendermaßen lautet: „Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Schlächter selber." Ein Jude, der durch seine Stimmabgabe einen Antisemiten zu fördern versucht, ist ein so abnormer Fall, daß er bei einer politischen Besprechung nicht in Rechnung gestellt zu werden braucht. Hier eröffnet sich eher ein Tätigkeitsfeld für den Psychiater. Aber wer ist ein politischer Antisemit? Das verdient eine Klarstellung: auch sie bietet keine Schwierigkeiten. Die Völkischen, unter welcher Sonderfirma sie immer austreten mögen, und die Deutschnationale Volkspartei find durch ihr Programm auf den Antisemitismus verpflichtet. Sie verlangen samt und sonders die Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der deutschen Juden. Ob sie nun nebenbei noch die Austreibung der deutschen Juden aus Deutschland fordern, ob nicht, ist belanglos; denn jeder ehrliebende, deutsche Jude wird ohne Schwanken seine Stellung zutreffend wählen gegenüber Parteien, die ihn behandeln wollen wie einen Verbrecher, dem die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt worden, sind. Weit weniger einfach ist es für einen Juden, seine Stellung gegenüber der Deutschen Volks Partei, also gegenüber der Umbildung der nationalltbevalen Partei innerhalb unseres republikanischen Staatswesens, zu nehmen. Die Deutsche Volkspartei ist durch ihr Programm nicht aus den Antisemitismus fvstgelegt. Das ist durchaus zuzugeben. Aber wohl gab es und gibt es vielfach innerhalb der Deutschen Volkspartei Kandidaten, denen antisemitische Neigungen urit Recht nachgesagi werden können, und die sich auch ganz offen in der Vergangenheit zum Antisemitismus bekannt haben. Bei solcher Sachlage ist es angebracht, die T a t s a ch e n i m e i n z e l n e n Wahlkreis zu klären. Bei dem Listenwahlsystem, das jetzt unsere Wahlen beherrscht, und das die schwersten Mängel aufweist, ist jede Liste, durch die ein Antisemit in den Reichstag gebracht werden könnte, für einen Juden untragbar. Er kann eine solchö Liste niemals durch seine Stimme unterstützen; und wenn auch Männer und Frauen sich aus ihr zugleich befinden;

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