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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-31 · 44 (31.10.1924) · p. Seite 667

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
44 (31.10.1924)
Date
1924-10-31
Page
Seite 667 (sequence 7)
Language
German
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Mehr Mut! Ein Mahnwort an jüdische Eltern. Von Lehrer M. K o s l e r (Dresden). Zwei Dinge beachten die jüdischen Eltern zu wenig: Ihre Kinder sind in der Schule Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit. Nicht das 'Kind an sich, sondern das j ü d i s ch e Kind wird gewertet, leider. Es ist nun einmal das Objekt ganz besonderer Aufmerksamkeit von Mitschülern und Lehrern. Die Einstellung zu diesem Kinde ist überwiegend subjektiv, nicht objektiv. Den: müssen die Eltern mehr Rechnung tragen, als dies tatsächlich geschieht. Sie müssen ihre Kinder uns diese Tatsachen aufmerksam machell, und sie sind es ihren Kindern .schuldig, sie für ihre Sonderstellung zu erziehen und besonders zu ertüchtigen. Das Kind darf nicht erst durch Fremde von der ^bedauerlichen Judenhetze erfahren; es ist Pflicht seiner Eltern, darauf .hingewiesen und die nötige Abwehr vorbereitet zu haben. Die Mittel und Wege dazu anfznweisen, muß dem pflichtmäßigen Ermessen mib;bem persönlichen erziehungsmethobischen Geschmack der betreffenden Eltern, die ja ganz verschieden eingestellt sein werden, selbst überckafsen werden. Dazu wäre auch ein besonderer Aussatz erforderlich. Eins aber kann ganz allgemein gesagt werden: Die jüdischen Eltern -müssen den Kindern in der energischen Abwehr antisemitischer Verfolgung persönliches Beispiel geben. Nicht durch Reden, sondern durch Vor m a ch e n erzieht man am besten. Damit wäre gleichzeitig der zweite Hinweis gegeben: D i e M affe der jüdischen Eltern muß sich i m Kampfe g e g e n antisemitisches Unrecht an i h r e n K inde r n m c h r cherausstel l e n. Die oft geradezu unglaubliche Gleichgültigkeit, imit der die Eltern der betroffenen Kinder an antisemitischen -Rüpeleien vorübersehen, könnte uns nichtjüdische Kämpfer gegen die;Judenhetzer geradezu mutlos machen. Wären doch solche Eltern i namentlich höherer Schüler aktiver und weniger — feige in der Ab- -wehr antisemitischer Angriffe aus ihre Kinder, wären sie -weniger träge in der so wichtigen Aufklärnngsi'a rb e i t an den n i ch t j ü d i s ch e n Mitschülern u n d Lehrern ihrer ^Kinder, wir würden gerade dort, wo d i e I n d e n h e tz e r bis h e r -das größte Unheil a n g e r i ch t e t haben, in den Jugendlb ü n d e n h ö h e r e r Schüler, weit größere Erfolge erzielen. Ich!habe wiederholt selbst erlebt, daß die geringsten Widerstände, die ijüdische Eltern beim Beginn einer Beschwerde gegen antisemitische Beleidigung oder Zurücksetzung ihrer Kinder erlitten, sie sofort 31t einem gänzlichen Einstellen des begonnenen Beschwerdeverfahrens veranlaßten. Das wurde mir auch von anderer Seite berichtet. Dabei ..spielt zumeist eine entscheidende Rolle die verhängnisvolle unbegreifliche Angst vor B ergebt iv n g s m a ß n n h m e n des Lehrers, 'gegen dessen antisemitische Taten Beschwerde erhoben werden sollte. Leider muß zugegeben werden, daß völkische Lehrer es in solchen Füllen geschickt verstehen, den Schüler seine „Unfähigkeit" fühlen zu fassen oder gar, wie ich erst jüngst hörte, die nichtjüdischen Mitschüler -gegen den „Judenbengel" anfzuhetzen. Aber auch hier würde schnell;sür Abstellung gesorgt werden können, wenn der Vater des betrossemen Kindes feine Beschwerde energischer weitertriebe und sich auch; 'gegen das leiseste Anzeichen von rächender Ungerechtigkeit erneut fbeschwerdeführend wenden würde. Gerade „völkische Er- 'zieher",- die „blind" sind, wenn vor ihren Angen Schüler Hakenkreuze und andere hetzerische Abzeichen tragen, die „schwerhörig" sind, -wenn in ihrer Nähe Inden beschimpft werden, sind verhältnismäßig e i g e, wenn sie das Vorhandensein eines energischen Abwehrwilleus .feststellen müssen 'und Beschwerde zu befürchte;! haben. Aus dieser hinreichend bekannten Tatsache müssen die jüdischen Eltern die erforderlichen Konsequenzen ziehen; sie dürfen niemals irgendwelche Duldsamkeit oder Nachsicht gegenüber antisemitischen Regungen in -der Schule üben. Selbst auf die Gefahr hin, daß der Junge oder das -Mädel mal eine etwas schlechtere Beurteilung erfährt. Ich kann a ns Erfahrung berichte n, daß richtig und energisch v 0 r g e brachte Be s ch w erden, die gegebenenfallsauch durch alle Instanzen weiterzutreiben sind, i m m e r Erfolg habe n. Dazu m u ß jeder jüdische Vater Zeit Haben. Das ist er nicht nur s i ch und s e inen Kindern, nicht nur der Sache Der I n d e n h e i t, nicht nur uns ch r i st l i ch e n M i t -!ft reitern , sondern in et st er L i n i e auch der E h r e und den: -A n s e h e n des ganzen deutschen Volkes schuldig! Leider wird aber zumeist schon der erste notwendige Schritt, die Rücksprache .-mit dem Ordinarius des von antisemitischer Gehässigkeit betroffenen Rindes, ängstlich gemieden. Im Falle eines meiner Freunde hatte »gerade diese erste Rücksprache der energischen Mutter des Knaben mit Dem Klassenlehrer einen glänzenden Erfolg. Sie verschaffte nicht nur ihrem Jungen Genugtuung, sondern führte die in der betreffenden Gymnasialklasse eingerissenen Hitlerei der Jungens einem jähen Ende entgegen. Ich weiß, daß gewisse Behörden und Zwifcheninstanzen bei -Erledigung derartiger Beschwerden Nachlässigkeit und passive!Resistenz zeigen. Gerade in solchen Fällen ist aber energisches Vor- > gehen um so mehr angebracht. Solche schlappe Behörden müssen mit --ernsthaften Beschwerden geradezu überlaufen werden. Dann werden!sie, schon um die lästigen Beschwerdefälle endlich-, einmal Kos zu 'werden, sich schließlich daran gewöhnen, von sich aus die nötigen Uebenvachuugsnmßnahu-en dnrchznfnhren. Dann werden sie v 0 n selbst den; chut (semitischen Unfug unerzogener völkischer Jünglinge ckgegentreten und für Rektifizierung judenhetzerischer „Erzieher" .-egen. Im Sinne meiner Ausführungen 'müssen sich alle jüdischen Eltern betätigen. Das ist nur eine Waffe im großen Kamps gegen das Ueberhandnehmen judenhetzerischer Unternehmungen. Diese Mitarbeit aller jüdischen Eltern brauchen wir Kämpfer. .Sie wird unseren Kampfesmut neu beleben und unsere Tätigkeit zu neuen Erfolgen führen. Dann würden auch Urteile unterbleiben, wie das eines hohen Ministerinlbeamten, der mir anläßlich einer ihm vorgetragenen Beschwerde sagte: „Wenn nur die Juden bei der Abwehr judenhetzerüscher Angriffe aus ihre Kinder in der Schule me h r M it t auch rächten. ' Dann könnte mau viel zielbewußter gegen Uebergrisse von Lehrern und Schülern Vorgehen und endlich eimnal ein Exempel statuieren, daß die Antisemiten sich für alle Zeiten hüten würden, ihre Hetze in den Schulen sortzusetzen." Drr „Verstörte" Rürl öer Große. O u e l l e n f 0 r s ch u n g e n d e r „S ch l e s i s ch e n Volksftinuue". Acnn muß zugesteheu, daß, nach den Ueberschriften zu nrteikeu, in manchen völkischen Zeitungen ein starkes Streben nach Wissenschaftlichkeit und Mannigfaltigkeit der Artikel versucht wird. Abhandlungen aus allen Gebieten des Wissens ro erden angekündigt, so daß der flüchtige Leser den Eindruck hat, sachliche und ernste Ausführungen vor sich zu hoben. Die „Schlesische Bolksstimine", die sich „Völkisches Tageblatt" nennt, macht, wie gewöhnlich, das Vorbild ihrer großen Geschwister nach, und so findet man in Nr. 28 einen Artikel „Die Juden in Frankreich", worin folgendes zu lesen ist: Karl der Grosze brachte es denn auch mit b e r v 0 n I 11 b? n g e - I c x n t eil Taktik dahin, die rechtsrheuüschen Gerrnanenftännne durch planmäßige Zersetzungs- und Wühlarbeit sonne Spaltung in sich befehdende Parteien — ganz nach dem haltigen Muster! — zu spalten und zu unterwerfen, und lieb viertauseudsünfhundert Sachsen iu des Wortes wahrster Bedeutung „abschlachten"! So hat dieser ,,S a ch f c n - f ch l ä ch t e r", u> t cc i* 1 n it n f e r c r b c n i s ch e n G c s ch i ch t e e i g e n t l i ch h c t fj c n na ü s; t e, an Stelle des ehrlichen, ethisch hvchwertig-en a r i s ch e n G h r i st e n g l a u b e n s (!) den v e r - jade l e n I a l) v c tu l t g c s e h t. Ai.ch du, nicht Sohn Brutus, fühlt;uan sich versucht zu sagen. Wenn schon auf Karl den Großen kein Verlaß mehr ist, auf welchen Fels kann man denn da noch bauen? Gerade so wie heute, war auch vor tausend bis zweitausend Jahren die llebung, daß man beim Kriegführen den Gegner nach Möglichkeit tötete, und daß man mitunter auch sogenannte friedliche Durchdringungen durch Anwendung von Waffen unterstützte. Welthistorisch betrachtet, kann die Tragödie eines g-anzeu Volkes mitunter als Segen für die Entwicklung der Menschheit gedeutet werden. Allerdings muß man dabei denken können. Wir glauben es den Schreibern und Lesern -der „Schlesischen Bolkssttnune" sehr gern, daß sie sich iu Urwäldern auf der Eberjagd Wühler ' fühlen lvürd-eu, als in einer;: Staate, in deur uran einen gewissen Werk auf Recht, Sitte und Ordnung legt, die einen Zwang ansüben, daß man geistige Kämpfe auch wirklich nur mit geistigen Waffen führt. Wir wagen die Behauptung, daß die Anhänger der „Schlesischen Volksstinrme", wenn;nan ihnen freie Hand ließe, die Methoden des „verjudeken" Kaisers Karl recht gern zur Amoenduug drill gen würden; also scheint doch mehr im Ge in icke, als im Gebt nie das zu liegen, was man „Verjndnng" 31t nennen beliebt . . . „Gestrafte Rüpelei". Ain 7. Jllli d. I. fand in Bleicherode das Bogelschieß.'n aus den: Vogelberg statt. Ale der Bankier Dr. F r ü 0 b e r 0, eia augck'cheU'er jüdischer Bürger Bleicherodes, den Berg hinunterkam, begegnete er dem Ritterontsbesitzer Bik^-be rg, - der den Berg hmansstieg. Inn Vorbeigehen sagte Barberg die Worte: „Ich .gehe in Zukunft nur lvioder auf bett Vogelberg, mit die Inden von Bleicherode den Berg hinunterznjagen." Dr. Frühberg stellte Burberg deshalb zur Rede und wurde als Antwort von ihm tätlich angegriffen. Das Amtsgericht Blei ch e r 0 d e hak Bürberg jetzt wegen w örtlich e r n n d t ä k l i ch er Beleidig -u n g n n d K ö r p e r v e r l e tz it n g zu einer Strafe von 500 Gold mark verurteilt. Das Gericht erklärte in der Urteilsbegründung, daß durch die Aenßerung des Allgeklagken jeder Bleicheroder Jude beleidigt sei. Die Höhe der Strafe sei deshalb gerechtfertigt, tveil der Angeklagte sich von einer rüpelhaften Seite gezeigt habe; er habe die anfängliche Kränkung noch durch tätlicheu Angriff gesteigert. Hier müsse energisch eingegriffen werden, denn die Gerichte seien berufen, über die W a h r u n g des offen t l i ch e n Friedens zu wachen.

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