Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 43 (23.10.1924)
- Date
- 1924-10-23
- Page
- Seite 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277506--01546-2280795- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
652 „Du sollst alle Völker fressen/ Von D. Laible (Rothenburg o. d. Tauber). Dev nachstehende Aufsatz des bekannten Gelehrten ist zuerst in Nr. 23 des „Evangelischen S o n n t a g s b l a t t s aus Bayer n" erschienen. Wir drucken ihn mit Genehmigung des Verfassers und Herausgebers ab, da mir annehmen, daß seine wertvolle Auslegung der. bekannten Bibelstette unsere Freunde interessieren wird. Dieser im Alten Testament stehende Satz wird von den Antisemiten dick unterstrichen. Da hat mam's, sagen sie, der Judengott Jahwe (Jahwe — Jehova) befiehlt seinen: teuren, auserwähltei: Volk Israel, alle anderen Voller der Erde 51t verschlingen. Schlugt man aben die Bibel ans und fiefyt sich da den Spruch — .er steht 5. Mose 7, 16 — im Zusammenhang an, dann ist man erstaunt über dien antisemitischen Bibelmißbrauch. Es -ist nämlich dort von den kanaanitischen Völkern, und nur von diesen, die Rede. Alle diese k a n a a n il t is ch e n Völker soll das ans Beseht Gottes in Kanaan einrückende Volk Israel fressen, d. h. vertilgen. Es ist ein Gericht Gottes, welches Israel an diesen All Abrahams Zeiten noch nicht (siehe 1. Mose 15, 16), jetzt aber gerichtsreis gewordenen Kanaanitern vollziehen soll. Im 3. Ni ose 18 findet sich eine (nicht vollständige und aus anderen alttestamentlichei: Stelletl zu ergänzende) Liste von Greuels, vor denen sich Israel hüten soll. „Ihr sollt euch," heißt es Dann Vers 24, „in dieser keinem verunreinigen, denn in diesem allen haben sich verunreinigt die Heiden, die ich vor euch her will ausstoßen, und das Land dadurch verunreinigt ist, und ich will ihre Missetat an ihnen heimfuchen, daß das Land seine Bewohner aus speie." Alle diese Völker Kanaans hatten das Maß ihres Frevels voll gemacht, und so sollte sie das von Gott verhängte Gericht der Ausrottung durch die Israeliten treffen, welche dann ihr Land in Besitz nehmen sollten. Dabei sollen aber die erobernden Israeliten sich vor der Einbildung Wohl hüten, als ob ihnen Gott etwa nm ihrer Verdienste willen Kanaan geben wolle. Mit aller Deutlichkeit wird ihnen gesagt (5. Mose 9, 4 und 5): „Wenn Jahlve, dein Gott, sie (die kanaanitischen Völker) vor dir ausstößt, sollst du n'cht sprechen in deinem Herzen: Um meiner Gerechtigkeit willen hat mich Jahwe hereingeführt, dieses Land einzunehmen, da vielmehr ihres ruchlosen Wesens halber Jahwe diese Völker vor dir her austreibt. Nicht um d e i n $ r Gerechtigkeit u n d Herzensr e d l i ch k e i t w iit l e n k 0 m nt st d u h> i n ein, ihr Land in Besitz zu nehmen, sondern Jahwe, dein Gott, verdrängt diese Völker vor dir her u m t hrer R u ch lo s i g k e i t w i t1 e rt." Wie's mit der „Gerechtigkeit", die sich die Israeliten ja nicht einbilden sollen, aussieht, steht Vers 6: „Wisse, daß Jahwe, dein Gott, dir nicht um deiner Gerechtigkeit willen dies gute Land gibt emzunehmeu, sintemal du ein h a l s st a r r i g e s Volk bist." Warum Gott ihnen trotz ihrer Nnwürdigkeit das durch das göttliche Strafgericht über die ruchlosen Kanaaniter herrenlos gewordene Land zum Besitz gibt, verdanken die Israeliten lediglich der göttlichen Verheißung streue gegen die Väter: „Daß er (Jahwe) das Wort halte, das er geschworen hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob" (Vers 5). — Der Widersinn der Behauptung, in 5. Mose 7, 16 sei von Gott den Israeliten der Befehl gegeben, alle Völker der Erde All fressen, wird besonders handgreif-' lim, wenn man die gegen Israel gerichteten Drohungen Jahwes liest, welche von einem G e f r e s s e n w e r d e n I s r a els durch seine Feinde handeln.' Ai an lese die vielen Drohungen i m 26. Kapitel des 3. Buches Mose von Vers 14 an. Eine derselben lautet (Vers 38): „Ihr sollt (aus dem von Gott euch ohne euer Verdienst geschenkten Land Kanaan wieder vertrieben) umkommen unter den Heiden, und das Land eurer Feinde soll e u ch fresse n." Es ist so und nicht anders: neben den Segensverheißungen gehen durchs ganze Alte Testament Fluchandrohungen gegen das auserwählte Volk einher, Fluchandrohungen, die tatsächlich verwirklicht wurden, wie bereits aus der alttestamentlichen Geschichte Israels und aus den alttestamentlichen Propheten zur Genüge sich erkennen läßt. Der angebliche Gottesbefehl, Israel solle alle Volker der Erde fressen, existiert nicht; es ist eine in die oberflächlich gelesene Lchrist hineingelegte antisemitische Idee. Verdächtigungen des Alten Testamentes sind heutzutage an der Tagesordnung. Eine Spezialität vor allem der Antisemiten neueren -Schlages. Der ältere Antisemitismus eines Eisenmenger wußte davon noch nichts. Dagegen muß man das gotteslästerliche Buch des Leipziger Buchhändlers Fritsch lesen, welches betitelt ist: „Mein Beweismakerial gegen Jahwe." Was sich dieser bei den Antisemiten angesehene Dilettant in der Lchriskmißhandlung leistet, geht ins Unglaubliche. Natürlich kümmert sich Fritsch nicht nm die Autorität, welche das Alte Testament bei Jesus und den Aposteln genießt („Es steht geschrieben"), nicht darum, daß in der Kirche das Alte Testament für Gottes Wort gilt und kauonisck)e Autorität hat wie das Neue. Darüber ist Fritsch hinaus, und er kann, wenn er Lust hat, sich sogar aus gewisse Theologen berufen. Der Berliner Theologie- Professor Harnack schreibt in feinem neuesten Buch „Marrio'n": „Das Alte Testament wird nicht eher richtig gewürdigt werden, als bis ihm die kanonische Antorität, die ihm nicht gebührt, entzogen ist." Harnack ist der bekannte Verfasser des vielgelesenen Buches „Wesen des Christentums", von dem einer tressend geurteilt hat, daß es vorn Weser: desselben „so viel enthält, wie der leere Beutel von den 10000 Dukaten, die einst in ihm waren". Der Leipziger Theologieprosessor Rudolf Kittel ferner, vom Gericht zu einem Obergutachken im Gottestästernngsprozeß Fritsch ausgesordert. hat zwar der: Di-lettnntisnms des Fritsch an de:: Pranger gestellt, zugleich aber zugegeben, daß „das sittlich Gute nicht bat Kern des Charakters Jahwes ausmache, nicht restlos sein Wesen aussülleS Damit kann Fritsch zufrieden sein. I r i e d r ich D e l i tz s ch, Assyriolog und Kollege Harnacks an der Berliner Universität (zu Sinter scheiden von seinem frommer: Vater Franz Delitzsch, gestorben 4. März 1890), hat im Jahre 1920 ein Buch herausgegebe::: „Die große Täuschung", worin er zu beweisen versucht, daß von Jesus an bis henke die Kirche bezüglich des alttestamentlichen Gottes. Jahwe sich in einer ungeheuren Täuschung befunden habe. Es ist ihm unerträglich, daß der alttestamentliche „Schandgötze" dev Judenauch in der christlichen Kirche als der wahre Gott verehrt wird. Stakt des Alken Testaments, welches für die christliche Kirche „vollkommen entbehrlich" ist, sollte, meint Friedrich Delitzsch, die „Germaneubibel" von Will). Schoaner als Erbauungsbuch benutzt werden, wo „die Liefen Gedanken unserer deutschen Geistesheroen (z. B. Goethes) über Gott und Jenseits und Unsterblichkeck trefflich ausgeroählt und geordnet zusammengestellt sind". Auch sollte, schlägt Friedrich Delitzsch vor, das Alte Testament nicht länger einen Zweig der christlichen Theologie bilden, sondern „der orientalischen Philologie und allgemeinen Religionsgeschichte überlassen werden". Mit Jubel wurde bei den Antisemiten diese gotteslästerliche Schrist begrüßt. Ehren-- rettungen des Alten Testaments, welche .gläubige Theologen erscheinen lassen, werden totgeschwiegen. So die von dem Theologie- Professor Ed. Köni g verfaßte Gegenschrift gegen das oben erwähnte Kiktelsche Obergutachken: „Das Obergutachten im Gotteslästerungs- Prozeß Fritsch beleuchtet" (Dresden 1918, Ader u. Borel); so die schon in den sechziger Jahren erschienene Schrift des gelehrten bayerischen Pfarrers I. L. Füller in Frankenheim bei Schillingssürst: „Das Alte Testament dem Zweifel und den: Anstoß gegenüber" (gekrönte Preisschrift, 2. Auslage, Basel 1869). Die Beschintpftmg des Alten Testaments hat gegenwärtig, wie in den: sehr ernsthaften Aussatz „Auswüchse des völkischen Gedankens" (Sonntagsblatt Nr. 14, S. 113) ausgeführt wurde, da und dort Eingang, gefunden. Es sind vor den letzten Wahlen Reden gehalten worden, die bei sonst nicht eben judensreundUchen Hörern Anstoß erregt haben wegen der ein gestreuten Angriffe aufs Alke Testament im Sinne von Fritsch und Konsorten. Ist das Alte Testament Gottes Wort und ist der alttestamentliche Gott der dreimal Heilige, dann mögen seine Verächter, gleichviel ob Theologen oder Laien, vor diesem Gott aus der Hut sein. „Wer nrich ehret, den will ich auch ehren; wer aber mich verachket, der soll wieder verachtet werden" (1. Sam. 2, 30). Seine Verächter mögen zusehen, daß sie nicht seine Wiederverachtung herausfordern und ihr Teil beip tragen zur Verschärfung der auf Deutschland lastenden Ungnade Gottes. „PLASTICA“ Ges. geseb. Ein herrlich sitzender % Büstenhalter mit modernem, schmalem Rücken und einem H dehnbaren Verschluss, der jeder Bewegung bei TanzundSport nachgibt. MARKE Hervorragend mit einem modernen Hüfthalter von unvergleichlichem Sitz, der obiges Warenzeichen als Garantiestempel trägt. In allen massgebenden Geschäften erhältlich. Sonst Bezugsquellen durch die Fabrikanten LOBBENBERG «Sc BLUMENAU KÖLN, Zeppelinstr. 9. — BERLIN, Leipziger Str, 73/74-