Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 43 (23.10.1924)
- Date
- 1924-10-23
- Page
- Seite 649 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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64S gemeinsames Mrken erstrebenswert ist, so weit wie nur irgend möglich ziehen wollen. An Grundsätzen der Weltanschauung findet gewiß die Uebereinstimiwung ihr Ende, und Ebensowenig wie die Deutschnationalen und die Demokraten, beide Glieder des deutschen Volkes, sich in der Frage der Staatsform einigen können, werden wir es bei dem Gegensätze von Religionsgemeinde und Volksgemeinde vermögen. Aber bis dahin ist ein weiter Weg. Es sei nicht verschwiegen, daß viele unserer Freunde ein Zusammengehen nur bei ganz wenigen Dingen für möglich und ersprießlich ansehen, aber des Mehr oder Weniger ist lediglich eine Frage der Taktik und nicht des Prinzips! Man wolle jedoch auf zionistischer Seite sehr ernstlich bedenken, daß es die Neigung zu gemeinsamer Arbeit keineswegs fördert, wenn vom offiziellen Organ der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in einem Leitartikel die Parole des Central-Vereins als demagogischer Schwindel bezeichnet und die Gesinnung unserer Freunde verdächtigt wird. Daß, wie es die „Jüdische Rundschau" tut, unsere Betonung des Wortes deutsch als „k i n d i s ch" (!!) bezeichnet wird, ist schlimmer als eine Geschmacklosigkeit. Es ist eine Sabotage der gemeinsamen Arbeit. Kampfansage des Central-Vereins? Wir haben unsere Grundsätze, und über den Zionismus oder die Zionisten ist im WahÄanrpf von uns bisher auch nicht ein Wort gesagt worden! Was aber von nationaljüdischer Seite geschehen ist, bedeutet eine wirkliche Kampfansage in schärfster, jainunsherabsetzenderForm! Wir werden uns gewiß nicht beirren lassen und lohnen es entschieden ab, das Niveau strengster Sachlichkeit und nur um Haaresbreite zu verlassen. Wir hoffen auch, daß im zionistischen Lager die besonnen und gerecht denkenden Kräfte siegen und dafür Verständnis gewinnen werden, daßderStandpunktdesCentral-VereinsfürdieWahlender einzig richtige ist. Dann wird auch der Kampf in vornehmer Sachlichkeit geführt werden und dem Fortschritt und dem Judentum dienen. In solchem Kampf wird Segen sein. Eichendorffs Wort gilt noch immer: „Doch wird der Kampf nicht von der Welt genommen, solang' der Mensch sich ernsterem Streben weiht." Msrgtm und ösr Dawes-Plan. Eine Kernfrage des Reichstagswahlkampfes. Wenn man die Anzeichen richtig zu deuten weiß, scheint es sicher zu sein, daß der 'D a w e s - P l a n im Mitteilpunkt der Agitationen der einzelnen Parteien stehen wird. In welcher Form die völkischen Gruppen zu chm Stellung nehmen werden, ist kein Rätselraten. Internationales, verjudetes Großkapital — FisckMlg des Ban Judentums — und ähnlich werden die Schlagwerke lauten, nach denen die alte Litanei hergesagt werden wird. Es wird .deshalb angebracht erscheinen, einige Tatsachen zur Goldanleihe, die das Kernstück des Dawes-Plans darstellt, mitzuteilen. Die Anleihe wurde von einem kleinen Syndikat „O r i g i n a t o r aufgelegt, dem nur die Firmen des Morgan- Konzerns angehören, und zwar I. P. Morgan, National City Bank, Guaranty Trust Company, Bankers Trust, First National Bank of the Wy of New Port, ferner die Bankhäuser Harris Fordes & Co. und Kuhn, Lveb & Co. Nur die letzte von all den genannten Bankfirmen hat jüdische Teilhaber. Erst nach diesen Firmen hatte das sogenannte „Große Konsortium", dem sämtliche nennenswerten Bankfirmen Amerikas angehören, mit der Anleihe zu tun. Die führende Firma Morgan hat in Bankkreisen den Ruf, daß sie ausgesprochen antisemitisch sei und weder einen jüdischen Teilhaber, noch einen jüdischen Angestellten habe. Aus einigen Namen der vierzehn Teichäber, die wir hier anführen können, ist auch ersichtlich, daß es sich um Nichtjuden handelt. Sie lauten: I. Pierpont Morgan, Harris G. Lloyd, Thomas W. Lamont, W. Morrow, Charles Steele, Porter, Stotesburry. Der Präsident der Bankers Trust ist Herr A. A. Telney, der Präsident der First National Bank Herr I. E. Reynolds. Auch diese großen Banken gelten als ausgesprochen judenfeindlich. Mir werden uns im Verlaufe des Wahlkampfes mit Einzelheiten der völkischen Beschuldigungen noch oft zu beschäftigen haben. Es erschien uns aber angebracht, gleich zu Beginn die sachlichen Unterlagen zu geben, auf denen weitergearb eitet werden kann. Die doppelte Unzahl Mitglieder! _ Vor einigen Wochen riefen wir diese Forderung unseren Berliner Mitgliedern zu. Ein großer Teil unserer Anhänger hat uns eine beträchtliche Anzahl neuer Mitglieder Zugeführt. Viele fehlen «her! Noch einmal wenden wir uns deshalb an unsere Mitglieder: Sofort bitte, die überfandten Liften mit Mindestens sechs neuen Mitgliedern an uns zurück! Verband Groß-Berliner Ortsgruppen des C. V. Zrauengeöanken. Die Wahlzeit bringt manche Frau ganz nah und' ganz persönlich mit einem Problem in Berührung, das zwar i armer vorhanden, doch gern innerhalb der Mauern des schützenden Hauses zeitweilig vergessen wird. Im Briefkasten, auf dem Familien tisch, in der Küche, überall finden sich Flugblätter von einem so schamlosen, so an die gemeinsten Instinkte appellierenden Judenhaß, daß die Frau, der all das vom Hörensagen vielleicht bekannt ist, sich immer wieder fragt: wie kann das nur sein? Gibt es Menschen, die so etwas wirklich ernsthaft glauben? Und andere womöglich mit über« zeugen können? —Aus diesem ungläubigen Staunen aber wird eine tiefe Bestürzung und Erschütterung, wenn sie sich von der Wirtlichkeit dieser Dinge überzeugen muß. Wenn sie plötzlich erlebt, wie ihr Eigenstes, Liebstes von diesem unbegreiflichen Haß getroffen wird. Wenn ihre Kinder, die harmlos und voll Vertrauen zu den Großen au Micken, wie es jedes Kind tut, daß nur di e warme und liebevolle Lust im Wernhause kennt, sich zurückgestoßen, gemieden fühlten — warum? Nun kommen der Frau vielleicht eigene, längst vergessene Kindheitserinnerungen; an die Hilflosigkeit, mit der einst sie selber solchen Erlebnissen ge gen über,ge st ande n hatte. — Und die Ueberlegung: wie kann ich mein Kind schützen? Wie haben m i r meine Wern damals geholfen? Diele jüdische Frauen von heute werden nun mit innerem Erschrecken fühlen, wie schwach die Waffen waren, die ihnen ihre Erziehung gegeben hatte; und wie wenig die gar heute Helsen würden. Denn hatte man damals nicht eine richtige Vogel-Strauß-Politik als höchstes Ideal in der häuslichen Erziehung getrieben? Seit der beginnenden Emanzipation hatte man nur einen Wunsch gehabt: möglichst wenig auffallen; sich möglichst anpassen. Und so war allmählich ein Stück nach dem anderen aufgegeben worden von dem was als „jüdisch" galt: Tracht, Sprache, eigene Formen. — Und diese Tendenz hatte in den jungen Menschen ein Gefühl der Minderwertigkeit großgezogen, daß sie oft nicht verließ. Könnte man es nun nicht beinah als ein Glück im Unglück empfinden, daß die jüdische Mutter durch das Eindringen des rohsten Radauantisemitismus in ihren eigensten Lebenskreis plötzlich gezwungen wurde, sich klar und ehrlich zu fragen: bestehe ich besser als die vorige Generation? Wissen meine Kinder mehr vom Judentum? Was gab ich ihnen mit, um sie nicht wehrlos zu lassen? Vielleicht kommt ihr dann die Einsicht, daß auch der beste Unterricht nie das wirkliche Erlebnis des Judentums vermitteln kann, und daß doch nur dies und keine Anpassung und kein taktvolles Vermeiden von Konflikten Schutz sein kann in den schweren Erschütterungen, die für ein Kind das erste Zusammentreffen mit dem Straßenantisemitnsmus bedeutet: Nur wem sein Judentum so innerster, wärmster Besitz ist, für den gibt es keine Wunden. Jede jüdische Mutter will ihr Kind schützen. Und jede kann es schützen. Nicht dadurch, daß sie es verzärtelt, ihm das ersparen will, was sie ihm doch nie ersparen kann. Sondern indem sie es tüchtig macht zum Kampf, der jedem jüdischen Kind heut schon sehr früh bevorstehen kann. Indem sie ihm seine Eigenart nicht abzuerziehen sucht, sondern indem sie ihm schon früh klarmacht, was es heißt, Jude zu sein. Wer kann das bester, als die Mutter! Sie war stets die Hüterin der Tradition. Unsere Kinder können nicht früh genug einen Freitagabend, einen Sederabend erleben. So vieles gibt es an unseren jüdischen Feiertagen, was schon dem ganz jungen Kind verständlich ist. Und diese frühsten Eindrücke sind die wertvollste „Waffe im Abwehrkampf", die wir heut unseren Kindern ins Leben mitgeben wollen. Das bedeutet etwas ganz anderes, als in manchen Familien üblich war, wo etwa Chamrkka etwas von einem „Weihnachtsersatz" bedeutete. Das braucht keine radikale Umkehr in den Formen des häuslichen Lebens zu bedeuten. Hier gibt es viele Abstufungen, und wer sich einmal erst ein wenig mit diesen Dingen, denen er sich vielleicht längst entfremdet fühlte, beschäftigt hat, dem wird zum Erlebnis werden, was einer nüchterneren Generation leer und sinnlos geworden schien. Ich weiß sehr wohl, daß es viele Leserinnen gibt, die so stark in jüdischen Formen leben, daß ihnen diese Zeilen recht subjektiv klingen werden. Aber an die richten sie sich nicht. Sie richten sich aber an die besonders in den Großstädten so zahlreichen Mütter, die selber ohne lebendige jüdische Tradition großgeworden sind.und die nun erschreckt fühlen, daß hier etwas aufgegeben wurde, was unersetzliche Werte enthielt. Nicht nur Formen waren es, die man ausgab, sondern der nahrhafte Erdboden, aus denen die jungen Pflanzen die Kraft zogen, stark und innerlich unverletzbar den rauhen Stürmen der Außenwelt zu trotzen. Dora E d i n g e r.