Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 43 (23.10.1924)
- Date
- 1924-10-23
- Page
- Seite 648 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kampfansage -er Zionisten. Von Dr. Felix Gold mann (Leipzig). Seit einigen Jahren schien es, als ob die verschiedenen in Deutschland arbeitenden jüdischen Vereinigungen sich lediglich mit der sachlichen Durchführung ihrer eigenen Aufgaben beschäftigten. Man kümmerte sich wenig um den Gegner, und man merkte, daß es sich so leben ließ. Es wehte ein Hauch von Sachlichkeit und Tatfreudigkeit im deutschen Judentum, und das Leben wurde weniger von geistreichen Leitartiklern und Volksversammlungswitzbolden als von schlichten Freunden wirklicher Arbeit beherrscht. Im zionistischen Lager — oder zuin mindesten in einigen besonders stark nationaljüdisch empfindenden Kreisen — scheint man freilich des trockenen Tones nun satt zu sein. In zionistischen Blättern sucht man fortgesetzt die Fiktion m begründen, daß d i e Anweisung des Central-Vereins an seine Vertrauensleute, bei den Wahlen zum Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden weder Zionisten zu wählen noch mit Listen eine Verbindung ein« zugehen, die zionistische Namen enthalten. eine Kampfansage sei, und man benutzt die Gelegenheit, um ordentlich ins Zeug zu gehen! Einige Stilblüten aus der Nr. 79 der „Jüdischen Rundschau" mögen genügen, um die Situation zu beleuchten: „DerCeutral-Verein arbeitet — anders scheint es nicht zu gehen — mit vergifteteill) Waffen!" — „Wer sich heute abgreuzt, Scheidewände aufrichtet gegen jüdische Brüder anderer Länder, die unter Gesetzen des gleichen Schicksals stehen, wer heute die Mitarbeit an dein die Ehre und das Leben des Judentums neu begründenden Ausbauwerk in Palästina verweigert, der stellt sich praktisch außerhalb des Judentums°). — „Die Parole .Für deutsches Judentum und gegen den Zionismus' ist ein demagogischer Schwindel!" Tiefster Schmerz und innere Erregung erfüllen jeden, der solches liest. Sind wir wieder soweit, daß man dem jüdischen Bruder — sobald er anderer Meinung ist — vorwirst, er sei unehrlich, er kämpfe mit vergifteten Waffen, er st e l l e s i ch außerhalb des Judentums? Hat die Assimilation uns derart gepackt, daß wir uns willenlos von den Strömungen deutscher Politik beherrschen lassen, die in jedem Gegner einen Lumpen erblicken, die prinzipiell jedem Andersdenkenden das Deutschtum absprechen? Was hat zu solchem ebenso verblendeten wie verbitternden Vorgehen Anlaß gegeben? Aus der Seite des Central-Vereins gewiß nichts! Unsere Zeitung enthält seit Jahren über den Zionismus auch nicht ein Wort, denn wir haben wirklich andere und größere Sorgen gehabt, als uns um Theorien herumzuschlagen. Hätte wirklich, wie die „Jüdische Rundschau" so ungemein vornehm schreibt, die „panische Augst vor den national-deutschen Juden.die Köpfe im Central- Verein verwirrt", so wäre es uns doch ein leichtes gewesen, durch einige heftige Attacken gegen den Zionismus uns die Gunst der seltsamen Gestalten vom Verbands der Nationaldeutschen zu erwerben. Obwohl uns diese Herren nun kreischend beschimpfen, weil wir es mit den „alljüdischen Zionisten halten", und obwohl uns die Zionisten jetzt genau so behandeln, weil wir den Nationaldeutschen zuliebe die „Einheitsfront opfern", haben wir keinen Anlaß gefunden, in Preßsehden Zeit, Papier und Nerven zu verschwenden. W i r haben die Wucht der Verantwortung voll gefühlt, und sie gebot uns, in schwerer Zeit mit aller Kraft dem Judenhaß entgegen zu treten und um die Gleichberechtigung zu kämpfen. In allen innerjüdischen Fragen Hat der Central-Verein eine Zurückhaltung und eine Vornehmheit bewiesen, die leider nicht überall zu finden sind. Diese Stellung des Central-Vereins hat aber niemals etwa die Tatsache aus der Welt schaffen wollen oder können, daß zwischen seiner Auffassung und der der Zionisten prinzipielle Gegensätze von größter Bedeutung klaffen- Oder haben die Zionisten aus unserer Rückhaltung geschlossen, daß wir unsere Weltanschauung geändert hätten? Wir wollen hier nicht polemisieren. sondern lediglich die Tatsache seststellen, daß wir das Kriterium des Judeseins im religiösen Beben n t n i s und nicht in der nationalen Zugehörigkeit erblicken, daß wir in unserem Deutschtum einen tief Bon m t r gesperrt. empfundenen seelischen Wert, die Grundlage unserer Kulturgesinnnng lind unserer Schaffensfreude, nicht aber lediglich die st a a t s b ü r g e r l i ch e Z u g e h ö r i g k e i t sehen. Uns ist die Synthese von Deutschtum und Judentum etwas ganz anderes als dem Zionisten dass Verhältnis dieser beiden Begriffe, und wir verlangen auch" vom Zionisten für unsere Ueberzeugung die Achtung, aus die ehrliche Ueberzeugung Anspruch hat. Praktisch kommt diese grundlegende Verschiedenheit der W el t a n s ch a u u n g darin zum Ausdruck, daß wir als geeignete Form jüdischer offizieller Organisation in Deutschland lediglich die R e l i g i o n s - g e me i n d e ansehen, während die Zionisten nach der nationalen Volks gemeinde streben. Diese Gegensätze der jüdischen Auffassung zu verkleistern, wäre eine Torheit, eilte Unehelichkeit, und ich kann mir nicht vorstellen, daß ein selbstbewußter Zionist danach Verlangen trägt. Der Landesverband in Preußen wird aber zu allell diesen Fragen Stellung nehmen müsseil. Er wird Richtung geben für die Organisation der Gemeinden, und in so grund - legenden E n t s ch e i d u n g e n wünschen wir volle Klarheit? Dem haben wir in der Anweisung für unsere Vertrauensmänner Ausdruck gegeben. Die Verfassung des Verbandes ist demokratisch, die Wähler sollen entscheiden! Da verlangen wir von unseren Freunden, daß sie für un s und damit unsere Weltaussassung ihre Stimme abgeben und nicht für unsere Gegner! Diese Stellnugnähme ist so klar gegeben und so selbstverständlich, daß es vom uns geradezu hirnverbrannt wäre, anders zu handeln. Und wenn einige befreundete Zionisten mir erklärt haben, man nähme vor allem am Tone unser Anweisung Anstoß, so wolle man doch bedenken, daß es sich um kurzgefaßte, vertrmlliche Anweisungen an unsere Vertrauensmänner handelt, und nicht um eine stilistische, wirkungsvolle Proklamation. Ueberdies sollten dort die Herren bezüglich des Tones nicht so zimperlich sein, denn ihre Anweisungen für Vertrauensmänner — wenigstens aus früherer Zeit — sind uns doch' auch nicht so ganz unbekannt. Abgesehen vor, den sachlichen Gründen, zwingen auch Fragen der politischen Moral zu einem gesonderten Vorgehen. Wir denken demokratisch u n d m ü s s e n doch einmal fest stellen, wieviel Wählen hinter uns und hinter den Zionisten stehen! Vielleicht sind die Zionistell wirklich die Vertreter der Mehrheit, und sie haben doch dann nicht nötig, mit uns Mitleid zu haben. Und wenn wir die Mehrheit darstellen, so sollen eben unsere Anschauungen im Landesverband herrschen. Die Soziatdeulokraten im Reiche und die demokratische Volkspartei stehen sich gewiß nahe, aber es fällt ihnen doch nicht im Traume ein, deshalb Kompromisse zu schließen und auf Listenverbindung einzugehen. Wir haben den aufrichtigen Wunsch, und die Politische Ehrlichkeit erfordert ihn in aller Dringlichkeit, die künftigen Entscheidungen des- Preußenverbandes lediglich zum Ausdruck des Willens der Wähler zu stempeln. Es ist nun in den letzten Jahren nirgends zu einem Wahlkampfe' gekommen, der die Kräfte der beiden Gruppen festgestellt hätte. Darum soll es hier geschehen. Und meiner Meinung nach muß jeder Zionist ein brennendes Interesse daran haben, daß dem so ist. Oder wollen etwa die Zionisten mit den Stimmen der Central-Vereinler gewählt werden? Daß die Vertreter des Central-Vereins um die Stimmen von Zionisten nicht buhlen, kann ich auf das bestimmteste versichern. Wozu' also der Lärm? Wrr sind doch hierin eigentlich' ganz einig! Und da die Zionisten noch dazu versichern,; daß sie sich durchaus stark fühlen und einen Kampf nicht'! zu fürchten brauchen, haben wir mit unserer klaren Stellung-- nahme ihnen ja nur einen großen Gefallen getan! Wir halten den Wahlkmnpf, der allerdings wahrscheinlich wegen der Reichstagsauflösung verschoben werden muß, für' durchaus notwendig und natürlich, wobei wir freilich von der Voraussetzung ausgehen, daß er auf allen Seiten mit der! Vornehmheit und Aufrichtigkeit geführt wird, deren wir uns! befleißigen werden. Gegner brauchen keineswegs Feinde zu' sein, und sind die Wahlen vorüber, ist der Wille der preußischen Juden klar ersichtlich, so hindert die beiden Parteien nichts, in Fragen, die mit der Weltanschauung nichts zu tunhaben, zusammenzuarbeiten, wie es bisher geschehen ist. In der Frage der körperlichen Abwehr, in wissenschaftlichen Dingen, bei der Arbeiterfürsorge, der Statistik, in allen Zweigen der Wohlfahrt ist ein friedliches Zusammenarbeiten sehr wohl möglich, und ich persönlich gehöre gewiß zu denen, die den Kreis der Aufgaben, in denen Verständigung und