Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-10-17 · 42 (17.10.1924) · p. Seite 637

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
Seite 637 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277505--01530-2280778
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

G37 Zeituugsmacht ganz anderer Faktoren, z. B. des Agrariertums und der Großindustrie, wie sie sich z. B. em S-t'mnes erkauft hatte. Die Freiniaurerloge hat, wie schon zum Ueberdruß oft bewiesen ist, mit dem Jlldentuttl ebensowenig zu tun )me der dem Redner wohl nur vom Hörensagen bekannte Sozialismus eines .Lassalle oder Marx, dessen Vater ja übrigens schon den geivünschten Schritt zum Christentum getan hat. In der Politik spukt in seinem Kopfe noch immer die verstaubte bismarckische Legende von der teuflischen Allianz Eugen Richter—Bebel—Windhorst, übrigens alle drei gut getaufte Christen. Ihm ist Deutschland noch immer das Hecki-ge Rinnische (entschuldigen Sie! lutherische) Reich deutscher Nation, und er hat gar keinen Begriff davon, daß unser Staat eine Rechts- -und Kulturgemeinschaft ist, in der „die Nachforschung nach der Kousessiou verboten", ganz ausdrücklich verfasslmgs'gemäß verboten ist, und dieser „deutsche" Universitätslehrer und Gottesgetehrte, dieser Ausleger des A. T., des Grundbuches für Achtung des Rechtes, predigt ohne Schain und ohne Gram die verabscheliensloerte Lehre von Macht gleich Recht! — im Hellligen besiegten Deutschland, das seinen Siegern gegenüber wider diese Lehre zetert, und fordert zu einem offenen Rechtsbruch _ gegen. die jüdische Minorität ans. Diese Brutalität wird nicht gemindert, sondern 'nur noch verstärkt durch das fromme Bedauern über die „tragische Lage" des Judentums ulld die Alternative des finstersten Mittelalters: Taufe, oder wenn nicht SckMerhauftm so doch Tortur durch politische Entrechtung! Das ist die „Liebe", mit der das Christentum dieses Theologen uns Inden innerlich überwinden und gewinnen will.' Man sage nicht, daß wir diesen grobschlächtigen, hinterwäldlerischen Naivitäten 31t viel Beachtung schenken. Ans den Hörsälcn werden sie ins Volk getragen irnd finden leider Gläubige genug. Namentlich die sogenannten Gebildeten irnd die Mittelschicht des Bürgertums werden' ill erstaunlichem Maße durch sie beherrscht. Aber da ihre Widerlegung allerdings mehr Raum erfordern würde, so wollen wir nur noch einen Punkt hervorheben, bei den: wir uns aus das eigenste Gebiet des christlichen Theologen begeben. In dem erstell Vortrag stellt er nämlich eine Lehre aitf, die theologisch nicht bewanderten Lesern neuartig und verblüffend erscheinen wird: Das wahre Israel sind nicht die Juden, sondern ~~ „nach den Gesetzen der Kausalität und Analogie" das deutsche Volk. „Wir selbst sind Israel, der' Weltmacht England zum Opfer gefallen." „Das Alte Testament ist grundverschieden vom Geiste des Judentums, nur Narren können hier den gleichen Geist behaupten." Nun gut, wir stellen uns als diese Starren vor, die nicht gewillt sind, sich enterben zu lassen. llnfere Gründe sind: 1. wir heutigen Juden sind, der überwältigenden Menge nach, ohne allen Zlveifel, die leiblichen Nachkommen des alten Volkes Israel. Das können wir mit viel größerer Sicherheit behaupten, als die heutigen christlichen Deutschen ihre Abkunft von den alten Germanen. Aber auf dieses Moment legen wir selbst weit welliger Gewicht als 2. auf unfern inneren geistigen Zusammenhang mit dem alten Testament und seinem Volke. Die Geschichte kennt kein Zweites Beispiel einer solchen nie unterbrochenen Kontinuität des Geistes und des Lebens. Wir allein lesen rrnsere unverfälschten heiligen Urkunden, und nicht bloß die Thora, sondern nicht minder Propheten unb Pstckmen in der Ursprache, in der sie niedergeschrieben sind, irnd u>erm ein Mose, ein Jesaja, ein David wiederkämen, so würden sie in jeder Synagoge und jedem echtjüdischen Hause ihre eigenen Worte hören. Wir beten noch denselben einig-einzigen Gott an, fühlen uns von ihrer Predigt getroffen, leben in -ihren Hoffnungen und Verheißungen, jubeln und klagen mit ihnen. Wir allein sind die Söhne des alten Bundes, denn wir allein halten noch das Gesetz des Alten .Testamentes. Kraft dieser Verwandtschaft behaupten wir, die echten Nachkommen der israelitischen Erzväter, Propheten und Psal- Wetbt mm TtUtgtiedet fm den E. VA misten, Gesetzeslehrer und Weisen 31t sein. Wir sind also nicht bloß Fleisch von ihrem Fleisch, sondern auch Geist von ihrem Geist. Die Seele des Alten Testaments ist auch die Seele des Judentums. Jene These vom wahren Israel ist nicht neu. Aber selbst ein christlicher Gelehrter wie Adalbert Merx sagt darüber einmal folgendes: „Es ist ein wahrer Greuel der Verwüstung, und wer viel von dieser Literatur lesen muß, hem lauft die Galle über bei. diesem System der Verblendung und B-erlogenheit, bis die Gewohnheit ihn ab'stnmpft und der bloße Ekel übrig bleibt." Schließlich aber ist es politisch ganz gleichgültig, welches Verhältnis das Judentum zum Alten Testament hat oder welche religiöse Haltung sonst anzunehmen ihm beliebt, ebenso lvie die Stellung des modernen Christentums zu Jesus und seiner Lehre von der Nächstenliebe, obgleich sich unschwer eine andere Schrift abfassen ließe: Neues Testament und „Christentum". Es gibt verfastungsgemäß im Deutschen Reich keine Juden, so wenig lvie Christen, sondern _m.tr Staatsbürger mit gleichen Pflichten itnb Rechten. Daß diese Unabhängigkeit des Staatsbürgertnms vom religiösen Bekenntnis und nicht minder von der Abstammung in allen Parteien mit rückhaltloser Ehrlichkeit anerkannt werde, ist eine wahrhaft nationale Aufgabe und wir würden es doppelt freudig begrüßen, einen rechtsgerichteten Mann loie Prof. Procksch auf dieser Seite anzntreffen. TrsZö'öis örs Whrsrs. W 0 m e n b e t r a ch t u n g. Drei tragische Konflikte sind es, in welche die großen Führer und Lenker der Völker verwickelt zu werden pflegen. Sie sind bei aller Große doch nur schwache, sterbliche Menschen. Sw werden alt und schwach. Die Körper- und Geisteskraft schwindet. Und doch haben sie nicht den liio r a t i s ch e n Bk u t, 3 u r t e ch t e n Z e i 1 3 n r n cf zntret e n. Sie kleben an ihre Stellung. Tie Völker und Gerneinschaften wiederum in begreiflicher Ehrfurcht irnd Dankbarkeit wage:! es nicht, sie zll entfernen. So schleifen die Zügel der Regierung am Boden, und die Verdienste eitler ganzen I)uvten Lebensarbeit' werden oft Durch die Schwäche des Alters geschnuckert. Ein großer Ruf und Naule nimmt ein klägliches Ende. Einem solchen Schicksale entging unser großer Lehrer M 0 f e. Durch Gortes besondere Gnade war sein' Am ge nicht get r ü b t und f e i n c L ebenskrast n r ch t. g'e s ch w u n de u. Er blieb frisch bis zum letzten Tage seines Lebens. Das Bild seiner großen und einzigartigen Persönlichkeit blieb in voller, strahlender Herrlichkeit in der Erinnerung seines Volkes lebendig. Ein zweites tragisches Gefühl blieb ihm auch nicht erspart, wie so manchem anderen Großen. E s . w a r i h m n i ch t vergönnt, sein L e b e u s w e r k zu vollenden, sein. Volk in das Land der Verheißung zu führen. Einen anderen hätte nur ein Gefühl der Bitterkeit ergriffen, wenn ein anderer. Geringerer, dort ernten sollte, wo er gesät hatte. Nicht also der große Gottesmann. Er ernennt seinen Nachfolger und führt ihn in sein schweres Amt ein. Er trägt es den Seinen so wenig nach, daß sie nun unter fremder Führung zum ersehnten Ziele schreiten, daß er ihnen znm Abschied den herrlichsten Segen für die Zukunft spendet. Ist es zuviel, wenn die Schrift ihm den rühmenden Nachruf spendet: Es stand aber in Israel k e i n P r 0 p h e t in c h r mtf w i e Mose, den der Ewige von Angesicht zu Angesicht erkoren, wenn die Enkel bei seinem Hillscheiden weinen mW rufen: Er hat für Gottes Recht und Gerechtig-. feit gewirkt in Jsrael. Möchten doch alle Großen und Führer der Volker hingehen und desgleichen tun und die in der Natur des Nt e n s ch e n b e g r ü n de t e F ü h r e r t r a g ö d i e so einer harmonischen Losung entgegenführen. Hoffman n. Der Sö öer Gstjuöen. Herr Solomon Zucker in Köln läßt uns durch seinen Nechtsbeisiand die nachstehende Gegenerklärung zugehen, welche wir veröffentlichen, um auch dem Angegriffenen Gelegenheit zur Aeußerung'zu geben. „Vom 7. bis 10. Juli 1921 wurde vor dem britischen Kriegsgericht zu Köln gegen den Ministerialrat Dr. Schneider, Vertreter des hiesigen Regierungspräsidenten, verhandelt. Es war ihm n. a. der Vorwurf gemacht worden, daß er von dem Vertrieb gefälschter Regiefranken Kenntnis gehabt habe, ohne davon der britischen Behörde Mitteilung Zn machen. In diesem Prozeß bin ich als Belastungszeuge eidlich vernommen worden. Ter Verteidiger des Herrn Tr. Schneider richtete an mich u. a. die Frage, „ob ich mich einmal geäußert hätte, daß die orthodoxen Galizier nach dem Talmud nicht verpflichtet seien, vor Gericht die Wahrheit zu sagen". Darauf habe ich dem Verteidiger wörtlich etwa wie folgt geantwortet: „Wenn Sie oder Herr Dr. Schneider eine solche Behauptung aufstellen, dann werden Sie es wohl aus dem antisemitischen Werk des Tr. Rohlings entnommen haben"; ich habe mit größter Entschiedenheit erklärt, daß ich eine derartige Aeußerung nie- . mals getan habe. Herr Tr. Schneider, der meine Erklärungen angehört hat, hat dazu geschwiegen. lieber diesen Prozeß hat wohl die gesamte Presse berichtet; soviel mir bekannt, hat aber nur die „Kölnische Zeitung" in ihrem Bericht den Sachverhalt so dargestellt, als ob. die fragliche Aeußerung nicht in Form von Fragen des Verteidigers, sondern als eigene Dar ft e l - lung und Behauptung des Herrn Tr. Schneider erfolgt sei; dabei wurde meine entscheidende Ableugnung überhaupt verschwiegen. Mit dieser irreführenden Darstellung beschäftigte sich Ihr Artikel S. 449 „Ter Eid des Ostjndeu". Cr stellt in seinem ersten Teil durchaus Zutreffend fest, daß Tr. Schneider die Aeußerung nicht getan hat, und die Pressevertreter auch ausdrücklich hierauf aufmerksam gemacht hat. Ich weise es aufs entschiedenste zurück, wenn, mir nachgesagt wird, daß ich eine derartige Aeußerung getan und damit die heiligsten Empfindungen des Judentums in schwerster Weise verletzt und beschimpft hätte. Ich betone, daß ich als genauer Kenner des Talmud die darin begründeten religiös-sittlichen Gedanken und Grundsätze bei alten sich mir darbietenden Gelegenheiten gerade auch Andersgläubigen gegenüber vertreten habe. Wenn mir weiter vorgeworfen wird, daß ich als „internationaler Hochstapler" mich bald als christlicher Missionar, bald als orthodoxer Jude ausgespielt hätte, so muß ich auch dies durchaus Zurückweisen. Ich habe vor dem Kriege als Kaufmann in Amerika und England gelebt und mußte bei Kriegsausbruch als österreichischer Staatsangehöriger nach Tentschland fliehen. Hier fand ich 1915 Stellung bei einer hochangesehenen Firma, zunächst als kaufmännischer Angestellter und sodann als Generalagent für einen großen Teil Teutschlands mit langsährigem Vertrag. Ich habe mich niemals als christlicher Missionar betätigt oder dafür ausgegeben und kann für meinen guten Leumund zahlreiche Zeugen denemren. Ten Vorwurf eines ^pitzeldienstes weise ich ebenfalls zurück. In einer Angelegenheit, auf die der Verfasser offenbar anspielt, handelt es sich um eine Anzeige, die gegen eine große Zahl hiesiger indischer Geschäftsleute ergangen war, im allgemeinen Interesse des Ansehens des Judentums habe ich allerdings Zur Aeberführung der wenigen wirklichen Täter beigetragen, notabene ohne den geringsten pekuniären Vor- - teil für meine Person. Meine Handlungsweise ist bann später von den * Betroffenen selbst vor einem Rabbiner als berechtigt anerkannt worden.! K ö l n , den 11. Oktober 1924. gez. a l 0 m 0 n Zucke rck

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.