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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-17 · 42 (17.10.1924) · p. Seite 635

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
Seite 635 (sequence 3)
Language
German
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635 Hitlers „Kampf um üie Wahrheit". Beleidigungsprozesse, die nicht stattfinden. Durch die Presse geht die Nachricht, daß Adolf Hitler eine Beleidigungsklage gegen den Schriftsteller Stefan Groß mann hat verjähren lassen, der ihm vorgemorsen hatte, daß seiner Bewegung französisches Geld Zugeflossen sei. Dieser Fall ist keineswegs vereinzelt. Hitler hat im Mai 1923 auch gegen den Schriftleiter de r „C. V. - Z e i L u n g" in Berlin Beleidigungsklage erhoben, weil er in diesem Blatt als „VaLerlandsverväter, Volks- Verräter und -Volksverführer" bezeichnet worden war. Der ange- -klagte Schriftleiter trat hierfür, wohlbemerkt schon am 1. Oktober 1923, also vor dem Vürgerbräuputsch, einen umfangreichen Wahrheitsbeweis an. Hitlers Anwalt hat auch dieses Verfahren nach dem 9. November nicht weiter betrieben, so daß es jetzt vom Amtsgericht München wegen Verjährung eingestellt werden mußte. Schweizer Zrauen gegen öen Judenhaß. Die Schweizer Sektion der „Internationalen Liga der Frauen für Frieden und Freiheit" hat bei ihrer allgemeinen Versammlung in Genf am 14. September folgende Entschließung angenommen: Aus der Erkenntnis heraus einerseits, daß die feindseligen Gefühle gegen Vertreter jüdischen Stammes mehr und mehr in unserem Lande sich verbreiten infolge einer Propaganda, die ihren Grund in einer scharfen Konkurrenz ans industriellem und kommerziellem Gebiet haben könnte, anderseits, weil diese Gefühle an sich für die moralische Entwicklung unseres Volkes schädlich sind und deshalb unberechenbare Folgen haben können und zu bedauernswerten Mißbräuchen von Gewalt und Macht führen, empfiehlt d:e Schweizer Sektion der Internationalen Liga der Frauen für Frieden und Freiheit ihren Mitgliedern: 1. Die Nachrichten und Belege, die solche feindseligen Gefühle enthalten, zu sammeln und sie einer scharfen Kontrolle zu unterziehen, besonders in bezug aus die durch die Presse gegebenen Tatsachen; 2. alle irrigen Nachrichten tendenziöser Art, die von den Zeitungen und dem Publikum verbreitet werden, zu berichtigen und durch die Presse gegen diese üblen Angriffe vorzugehen; 3. unser Volk vor der Aufreizung zum Haß gegen die Juden zu schützen, die ein arbeitendes Element unseres Landes bilden und zu seinem Gedeihen beitragen, einer Aufreizung, die unserem Volke selbst so schädlich ist. wie benen] auf die sie gemünzt ist. Karl Arnstein. DerErbauerdesAmerika-Zeppelin. „Z. R. 3", das stolze Luftschiff, das soeben, ein Zeichen deutschen Fleißes und deutscher Erfindungskraft, den Flug über den Ozean vollendet hat, ist auf der Luftschisfwerft in Friedrichshafen unter Leitung des Chefkonstrukteurs der Zeppelin-Werft. Dr.-Jng. Karl Arnstein, erbaut worden. Arnstein stammt aus Prag und ist der Sohn jüdischer Eltern einfacher Herkunft, hat sich aber stets als guter Deutscher gegen die nationaltschechische Bewegung eingesetzt. Dr. Arnstein, der erst 37 Jahre alt ist, hat an der Prager Hochschule studiert, war dann zwei Jahre Assistent bei Professor Me kan, dem Dozenten für Brückenbau in Prag, und wurde dann Oberingenieur bei einer Eisenbetonbauunternehmung in Straßburg. Schon früh hat er sich durch zahlreiche Veröffentlichungen und interessante Bauten einen Namen gemacht. So ist die bekannte Langwieser Eisenbahnbrücke der C h u r - A r o s a - Bahn, die seinerzeit als größte massive Eisenbahnbrücke der Welt Aufsehen erregte, sein Werk. 1915 wurde Dr. Karl Arnstein als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Chefingenieur der Zeppelin-Werke nach Friedrichshafen gerufen. Er ist der wirkliche Konstrukteur der Baupläne und Nisse von 60 Zeppelinen und hat zuletzt den Bau des Niesenluftschiffes „Z. R. 3" geleitet. Dr. Arnstein ist von der Go odyea r- Gesellschaft in Akron (Ohio), der Patentinhaberin der Zeppelin-Gesellschaft, angefordert worden und wird nun dorthin übersiedeln. Er wird aber in jedem Jahre wenigstens zwei Monate in Friedrichshasen weilen, um hier die zurückgebliebenen Mitarbeiter des Zeppelin-Banes mit Rat und Tat zu unterstützen. Die Rassentheoretiker der Völkischen wird eine Gänsehaut überlaufen müssen, wenn sie immer wieder gewahren, wie ihre Theorie von der Minderwertigkeit der „jüdischen Rasse" elendiglich in sich Zusammenbricht. Jeder Deutsche, der im Vollbesitz gesunder fünf Sinne ist, wird anerkennen müssen, daß Arnstein in echt Patriotischer Selbstlosigkelt zu den Erfindern gehört, die Großes für unser deutsches Volk geleistet haben. Aajseremheit. „Völkischer Kurier" gegen „Miesbacher Anzeiger". Wenn die Antisemiten sich gegenseitig in die Haare geraten, hört man manchmal die Wahrheit. Der Streit zwischen Kronprinz Nupp recht und Lu d endorsf hat zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen dem ..Völkischen Kurier" und dem „Mue s buche r Anzeiger" geführt. Der Schriftleiter des „Völkischen Kurier", Hauptmann Weiß, wirft dem „Miesbacher Anzeiger" vor, daß er durch seine Angriffe ans Ludendorff nur die Geschäfte des Judentums besorge, dieser beschuldigt den Hauptmann Weiß dafür „echt jüdischer Methode", und fügt folgende Bemerkungen bei: „Wobei wir konstatieren, haß der Schriftleiter des „Miesbacher Anzeiger" absolut nicht jüdisch aussieht, was man aber von dem Schriftleiter des „Völkischen Kurier" gerade nicht behaupten kann. Vielleicht ist das auch der Grund, daß beim „Miesbacher Anzeiger" keine Juden Mitarbeiten, wohingegen wir im „Völkischen Kurier" (Nr. 188) finden, daß Herr Rudolf Hirschberg-Jura, der frühere Herausgeber einer erotischen Zeitschrift, Mitarbeit-er beim deutsch- - völkischen Kurier sein kann." Welche Zeitungen soll der rassebewußte Deutsche schließlich noch lesen, wenn auch im „Völkischen Kurier" die Sünde wider das Blut ihr Unwesen treibt? GeschmackLoßgkeiten in Wort unö Httö. Ein Buch jüdischer Witze. Der jüdische Witz macht den Juden selbst zu viel Spaß, als daß sie ihn entbehren möchten. Wenn er echt ist, ist er ein Spiegel, den sie selber sich geschaffen haben und in dem sie sich mit der Gabe der S-elbstironisterung, die sie besitzen, gern beschallen. Wird er öffentlich vorgetragen oder gedruckt, so regt sich schon eher Empfindlichkeit. In friedlichen Zeiten, wenn die Konfessionen harmlos nebeneinander leben, ist sie vom Uebel; ein so scharf ausgeprägter Menschencharakter wie der jüdische, besonders der nurjüdische, fordert die Neckerei ebenso heraus und muß sie ebenso dulden wie der sächsische oder der ostpreußische Deutsche. Aber in erregten Zeiten wie den heutigen, in denen der Antisemitismus für viele ein Beruf, für noch zahlreichece ein Gewerbe geworden ist, ist es Recht und Pflicht, den öffentlich Verlautbarten jüdischen Witz darauf zu prüfen, ob er gehässig ist oder doch so wirkt. Deshalb sei warnend auf ein Buch hingewiesen: „I ü d i s ch e Miniaturen", das von seinem Autor Paul Nikolaus aus unbekannten Gründen „Dem Andenken des Grafen Zeppelin" gewidmet ist. Eine seltsame Zusammenstellung: der Name des von allen Deutschen mit gleicher Liebe verehrten Luftbezwingers und hinterdrein ein paar Dutzend jüdischer Witze, alte und ganz albe (neue gibt es ja nach dem Urteil des Sachkenners Alexander Moszkowski nicht). Darunter viele, die nur scheinjüdisch sind und dem Judentum ausschließlich deshalb angehängt werden, weil sie damit eine besonders drastische Form bekommen. Wer die Juden aus diesen „Schnurren und Schwänken" beurteilt, und viele Zeitgenossen sind sehr bereit, solche Zerrbilder für Porträts zu nehmen, wird sie nicht nur als schlagfertig, spitzfindig? schlau, geschästsgewandt und geschästsfreudig empfinden — alles Dinge, die auch der Jude lächelnd und lachend hinnehmen kann. Er wird sie auch als betrügerisch, als beinahe oder vollkommen verbrecherisch, als hanebüchen erotisch und mit diesem letzten Punkt als Menschen empfinden, die ihr intimstes Familienleben dem Spott ihrer selbst und dem Hohne anderer ausliefern. Schlimmer noch als die Texte sind die Illustrationen; sie könnten in jedem deutschvölkischen Witzblatt stehen. Schon das Titelbild, auf dem Umschlag weithin sichtbar, sagt genug: eine dreiste, feiste Fratze, ein krmnmnasiger Bursche, der auf einem seiner dicken Finger eine kleine, nackte „Schickse" balanciert. Die Bilder rühren von Paul Simmel her, der kaum Antisemit sein wird, aber bei der Annahme und Ausführung des Auftrags wählerischer hätte sein müssen. Auch der Verlag Paul Steegentonn in Hannover wird schwören, daß er sich nichts Böses gedacht hat — denn an ein gutes Geschäft zu denken, sei ja wohl nichts Böses. Wir aber denken uns etwas dabei. Wir denken, daß es nicht ungefährlich und nicht nobel ist, eine schlammige Konjunkturwelle in dieser Art buchhändlerisch auszunutzen, und es erscheint nötig, den Lesern dieser Zeitung vom Ankauf des Buches, das mit seinem Titel manchen reizen könnte, abzuraten. F. E.

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