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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-17 · 42 (17.10.1924) · p. Seite 634

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
Seite 634 (sequence 2)
Language
German
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634 Symptomen, ebenso notwendig, wie es häufig auch dem Arzte vonnöten erscheint, an Geschwüren herumzuschneiden, wiewohl er weiß, das; sie aus ungesunden; Blut immer von neuem hervorgetrieben werden und deshalb endgültig erst mit ihm zugleich zu heilen sind. Der direkt aufs Ziel lossteuernde Weg ist in Wahrheit längst nicht immer der kürzeste. Wie anderswo, so gilt auch hier das Gesetz vom produktiven Umweg. Wer dem Antisemitismus energisch und mit dauerndem Erfolg zuleibe will, muß bedacht sein, den politischenundsozialenSumpfbodentrockenz ule gen, in dem die antisemitische Bewegung ebenso zwangläufig wie verhängnisvoll gedeiht. Solange die Luft geladen ist mit soviel ungesunder Spannung und «schwüle, wird immer ein Blitzableiter nötig sein, und der Jude wird herhalten müssen. Man Projiziert den inneren Zusammenbruch, den man sich nicht eingestehen mag, auf ein fremdes Schuldkonto, und nach dem Gesetz des kleinsten Widerstandes stößt man dabei unfehlbar aus den „landfremden Juden". Die außenpolitische Umschnürung durch Fremdherrschaft, die beklagenswerte soziale Erhärtung im Innern von unserem deutschen Volke abnehmen, — erst das heißt, uns endgültig vom Antisemitismus befreien. Mag manch einer den hier vorgeschlagenen Weg als utopisch und allzusehr ins Allgemeine verlaufend empfinden: Es gibt nach unserer besten Ueberzeugung keinen anderen, der wirklich ans Ziel bringt, und in; übrigen waren die stolzesten Siege immer die, in denen mehr als nur das Begehren für die eigene Person lag. Auch hier tritt eben die innige und unauflösliche Schicksalsverschwisterung von Deutschtum und Judentum, in der wir die Grundlage für all unsere Arbeit auf diesen; Felde erblicken, mit besonderer Deutlichkeit wieder heraus. Er st in der Lösung der größeren deutschen Frage findet das jüdische Problem seine Erledigung, wenigstens was seine zeitliche Gegenwartserstreckung und seine historisch überhaupt lösbaren Partien anlangt. Welche Konsequenzen sich hieraus für die praktvische Haltung gegenüber den einzelnen Tagesproblemen der Politik ergeben, kann im Rahmen dieser nur um die Erkenntnis der grundsätzlichen Zusammenhänge bemühten Abhandlung nnerörtert bleiben. Wohl aber darf noch darauf verwiesen werden, daß sich das Judentum, sofern es dem Ziele der Entspannung jener ungesunden Zwangslage nachstrebt, in der sich äußerlich und innerlich unser Volk zurzeit befindet, bei einer solchen Aufgabe im Einklänge hält mit seinen ältesten und vornehmsten Traditionen, die stets völkerfriedlich nach außen, nach innen aber sozial ausgleichend und versöhnend gehalten waren. Erft wenn wir dem Antisemitismus nicht nur in seiner eigenen Ebene entgegentreten, ihn vielmehr in der angezeigten Weise über sich selbst emporheben in eine höhere und allgemeinere Sphäre, erscheint seine endgültige Ueberwindung möglich. Nicht der Philosemit entwaffnet den A n t i s e m i t e n, s o n d e r n d e r „G e r e ch t e", i m a l t e n Edelklang des Wortes gemeint. Die Bedrückung des Juden wird restlos erst dahinschwinden, wenn alle Wehre hochgezogen sind, hinter denen sich heute der soziale Druck noch staut. Die allgemeine Emanzipation von jeder sozialen Ungerechtigkeit bedeutet zur gleichen Zeit und auf die Dauer auch die Liquidierung des gegen das Judentum verübten besonderen Unrechts. Alle Zwischenlösungen und Annäherungswerte in Ehren: endgültige' Resultate schafft allein, wer diesem fernen Ziele entgegenarbeitet. iragi (Zuch sofort in die Wählerliste ein, denn Zhr Mi am 7. Dezember wählen. Ranöbemerkungsn zum Grientalistentage. Das völkische München und der O r i e n t a l i st e n t a g! \ Ob nicht vor Jahresfr-ist Hitler, der große Trommler,. -seinen wilden Heerbann, zur Unterdrückung der zu befürchtenden „orientalischen Verseuchung" des allgetreuen Baj.uvarenlandes ausgoboten hätte? Und jetzt, da -das Morgenrot bayerischer Einkehr mählich leuchtet, werden dem deutschen Orientalistenbage die hohen Pforten der Universität weit igeösfn-ch der Universität, deren Jünger den Kern der Heil ersehen Leibregimc-nter stellten, -deren zi'ßgello'se Vertvegenh-eit selbst vor dem -achtunggebietenden Kardinalsrocke keine ^chen mehr empfand! Der Zeitgenosse, dem .das akademische M-ünchren der. Novernbertage 1923 vor Aimen stand, lächelte still vor sich hin, als die feierliche Erosfml ngSsitz nn-g in der großen Aula, dem Tummelplatz völüncher Heißsporne, mlpk Mit hübscher Ironie versicherte der -bayerische Kultusminister Matt allen Orientalisten, st-kbst „denen-, die in semiticis arbeiteten", Schutz von Leib und Leben, denn so garstig, wie die bösen Zeitungen schreiben, sei das brave München nie gewesen. Heiliger Adolf Hitler! Es kam viel schlimmer. Der Tübinger Professor Enno Liktmann, ein Urarier, der anerkannte Beherrscher der üniitischen Sprachen, hielt den Festvortrag: „Deutschland und Morgenland im Lichte der Lehnwörter." An 1200 Begriffe, die wichtige Kulturgüter bezeichneten, feien ans dem Orient im &mt!f der Jahrhunderte indie deutsche Kultur -und Sprache -emgedvU'N-gen, und 1100 davon entstammten dem semitischen" Kulturkreis.' Der Damast urrd der Neusselin, die Bibel -und der Fasan-, der Hanf und das Jubiläum, der Kaffee-und der Kanal, die Kanone und die Laute, der Sack und die Rose, -das Sofa und die Zahl X, der Zucker und der Scheck — alle diese Gegenstände seien wundersame Geschenke des Morgenlandes, gerichtet -an Europa und insbesondere an Deutschland, das begierig feit alter-sher nach dieser Bereicherung -und Vervollkommnung, seines kulturellen Lebens, oft nach dieser Grundlegung nener Wissens-, Handels- und anderer Gebiete gegriffen habe. 'Während im mittelalterlichen Deutschland mönchischer Eifer die Wissenschaft wenigstens nicht gänzlich verkümmern ließ, wurden Philosophie, Medizin, Astronomie im Schatten ibier Palmen und des Oelbau-ms gepflanzt und machtvoll gefördert und durch Araber -und Juden denr damals im Schatten stehenden Europa erhalten, d-as dann erwacht, in vollen Zügen diesen Heilstrunk aus dem mit Arabesken und Davidsternen gezierten B-echer schlürfte. Hie arischer Geist! Hie semitischer Geist! Hie Heldenvolk! Hie Händlerpack!' Auch jetzt innrer noch, heiliger Ädoly diese „Doppelpoligkeit"? Und muß wirklich, Held Theodor in Leipzig, erst der Jude -aus den Völkern ausfcheiden, damit ihnen Genesung werde? •k Die Bibelwissenschaft, die hebräische Sprachforschnng, unsere K-enNtn'isfe vom -alten Orient haben gewichtige Bereicherung in München erfahren. Unmöglich, «in Randbemerkungen-die Ergebnisse auch nur .genügend anzudeuten! Ter Aff Prologe Ebeling (Berlin) beleuchtet in seinem Vortrag: „Das Hohelied im Lichte der assyrv logischen Forschungen" die Frage der Aufnahme von „Liebesliedern" in den- Kanon der heiligen Schriften -und zeigte beachtliche assyrische Parallelen auf. Professor W u tz (Eichstätt) machte erneut, Mitteilungen über seine Untersuchungen zur Vorlage der Septuaginta, die, wenn sich die Vermutungen des Gelehrten bestätigen sollten-, die Forschungen seit Lagarde, n-ach des Altmeisters Kittel Wort, Umstürzen würden. Anregend war des Münchner B r a n - d e n bnr g Bericht über seine Arbeiten in Jerusalem während des letzten Winters. Professor Eugen Ai i -t t w o ch teilte die auffällige T-atsache mit, daß nach der jüdischen Ueberlieferung Mose schon beschnitten auf die Welt kommt und sein Todeswie Geburtstag datumgemäß zu s-a-mmen fallen, und-daß d ie' mohammedanische Ueberlieserung das Gleiche ans sage. ☆ Wie genußreich, wie kennLnisfördernd waren die kurzen Nachmittagsstuuden, die der Best ch t i gu n g der H a n d - sch r ff f e-n d er V a y ex i schen t a a t s b i b l i. o th e k gernidmet waren. Eine ' Fülle kostbarer hebräischer Handschriften, teils inhaltlich von grundlegender Beden tu n g, w-ie die (von Professor Strack kostbar Hera ns gegebene) altebvnürdige T-allnud Handschrift, 'teils eine Angenlnst durch luftige Federzeichn-un-gen oder iv'llnd>erhübsche Minialtu-ren, w,ar in Vitrinen den Kongreßbiefnchern dargeboten. Der Bibliothekar Dr. Gratzl kündete mit Recht den Rühm bayerischer Räte und Mäzene, die schon in fernen Zeitläufen einen S-tolz darin gesehen, Handschriften des Ori-en-ts und nicht zuletzt der damals unterdrückten Inden zu sammeln und gar zu studieren. k Auch die jüdische Gekehrtemr-elt war vertreten: Eugen Miitw o -ch , der Berliner Arabist, Moritz So be r nh e i m /der Kenner arabischer Epigraphik, Gottheld Weil, der Direktor der orientalischen Abteilung der Preußischen Staatsb-ibliothek, diese -an-s Berlin, der Kölner Rabbiner Dr. S che f t el-o w i tz , seit Jahren auf dem Gebiete des Iranischen zu Hanse, der G'ießener Assyriologe Dr. I. L e w y , nur nur diese zu nennen. Wahrend die gelehrten evangelischerr und k-atholischren Geistlichen zahlreich zu sehen waren, fehlten die Rabbiner. Wendet der dentHe Rabbinerst-and, der so nransche Ge-istesleuch,te unter sich zählt, insoefon-dere -aber sein Rachlvuchs, sich von den orientalischen Wissenschaften ab? A. W.

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