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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-17 · 42 (17.10.1924) · p. Seite 633

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
42 (17.10.1924)
Date
1924-10-17
Page
Seite 633 (sequence 1)
Language
German
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Eknzelimrnmer 10 Golöpfennkg tmrna Verlin, 17. Oktober 1-24 HI. Jahrgang ❖ Nr. 42 vtonatsLbonnement 49 Goldpsenrrig vrym, des tentralVereurs üeutsckcr 6tmtt8düryeriEcKen0lauvens-w. S^ll^si-rrsiins clss llinclS!nrvim.s Verlag und SchrMeitung: Berlin SW SS, Andenstr. IS. Fernsprecher: «mt D-nhosf 3LS4, 8595. Bankkonto : Dre-dner Bank, Wechselstube 0, Berlin 8W 68, Lindenstr.7 Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf MoffeS Normalzeilenmester Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder deS CentraPBereinS 0,40 Goldmark, die S0 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark Das Problem -es Mastenwahns. von Prof. vr. Erik Nöltrng. Der Antisemitismus der Gegenwart — das war das Resultat der voraufgegangenen Betrachtungen*) — läßt sich inicht ohne weiteres jenen nie ganz zur Ruhe kommenden .judenfeindlichen Bewegungen vergleichen, die das ganze - spätere Mittelalter und die gesamte Neuzeit durchziehen. Sind diese sozusagen „normale" Lebensäußerüngen eines Volkes, dem Antisemitismus die Jahrhunderte hindurch von allen Seiten und namentlich von der Kirche so eingezüchtet wurde, daß es nun fast instinkthaft und in aller Unschuld antisemitisch reagiert, so ist in dem heute in Deutschland hervortretenden Judenhaß ein historisches Situatrons» Produkt von besonderer Eigenart zu erblicken. Nur aus der speziellen soziologischen Struktur. in der das deutsche Volk gegenwärtig lebt, konnte diese Art von Antisemitismus hervorwachsen, auf den das Ausland mit Abscheu und Entsetzen schaut. Es ist ein altes Gesetz, daß ein Volk stets in krisenhafte Lebenszustände versetzt wird, wenn das überkommene soziologische Formgefüge auseinandersällt. Schichten, die bislang in einer festen Einordnung lebten, werden dann plötzlich entwurzelt und im soziologischen Sinne obdachlos. Die entlassenen Offiziere der ehemaligen kaiserlichen Armee, die aus dem Kriegsdienst zurückströmenden Studenten, unfähig, sich in den fremdgewordenen Universitätsverhältnissen ohne weiteres wieder zurechtzufinden, die durch Währungszerfall und Inflation verarmten Rentner und Kleinsparer, die brotlos gewordenen Intellektuellen, die abgebauten Beamten, die in der zusammengeschrumpften Wirtschaft existenzlos gewordenen Arbeiter bieten dafür nach jeder Richtung leicht zu vermehrende Beispiele. Aber nicht nur unsere innervolkliche Lebensstatik ist durchbrochen. Auch die außenpolitischen Lebenszusammenhänge, unsere Eingliederung in die umgebende Staatenwelt, sind zerstört und noch nicht wiederhergestellt. Deutschland lebt seit Jahren gegenüber dem Ausland in einer Isolierung, die nicht nur erschwerte Lebensmittelversorgung und Rohstoffzufuhr bedeutet. sondern die uns auch gerstig-seelisch in eine verhängnisvolle Inzucht gebracht hat. Erst jetzt, wo die Wände gegen die Umwelt allmählich wieder durchlässig zu werden beginnen, wo mancher Deutsche nach langer Trennungszeit eine erste Umschau in der während vieler Jahre verschlossenen Fremde halten konnte, empfinden wir ganz, wieviel Stickluft und Stallwärme sich in all jenen Jahren unserer Abschließung bei uns angesammelt hatte. In dieser ungesunden. nicht genügend durchlüfteten, laulich-süßen Atmosphäregedieh auchdieSumPsipsanze des Antisemitismus, deren geiles Wachstum heute erschreckt. So viel künstlicher Spannungsdruck, so viel unfrohes und nervöses Reffentiment waren noch in einem Lande beieinander, das gerade in den letzten Jahrzehnten steter Entwicklung die machtvoll erstarkenden Glieder im frischen Morgenwind zu recken gelernt hatte, der eine stolze *) Vergl. „C. V.-Zeitung" Nr. 34 vom 21. August i>, I. Ahnung von Weltmacht und Weltgeltung in sich barg. Selbstverständlich gab es auch damals hierzulande Kampf. Entzweiung und Streit, schroffe Machtbehauptung oben und zähen Ansturm auf die gehaßten Herrschaftsbastionen von unten her. Aber so viel Spannung auch in der Luft lag, über all dem Grollen und Blitzezucken lag doch die Freudigkeit lenzverkündender Frühlingsgewitter, während heute unsere gesamte Aufgeregtheit so entsetzlich steril, so schattenhaft lebendig ist. Man denke an die völkische Bewegung, die sich so gerne wie überschießender, gäriger Wein gebärdet, und die doch nichts i st. als ein Produkt unserer Auswegs- und Ratlosigkeit. unseres ewigen Auf-der-Stelle- T r e t c n s, und darum so hysterisch, so t u m u l t u ö s , so verzerrt und — so unfruchtbar. Nichts als die lärmendste unter den vielen Flnchtbewegungen, die diese krankhafte Zeit durchziehen, eine politische Rauschbewegung des Bürgertums, geüau wie das Proletariat im Kommunismus die seine hat, die beide, weil sie weitgehend demselben Seelenzustande entstammen, so manche frappierende Aehnlichkeit untereinander aufweisen. Als drittes Sumpf- und Stagnationsprodukt, der gleichen sozialen Dekomposition entstammend, ist der Antisemitismus anzusehen. Damit aber ist, sofern der hier versuchten Deutung im wesentlichen zugestimmt wird, der bei der Bekämpfung des Antisemitismus taktisch aussichtsvolle Weg ohne weiteres gegeben, der natürlich nur in Berücksichtigung der vorliegenden besonderen Situation gewählt werden darf. Zunächst ist rein negativ festzustellen, daß in solcher Lage der Kamps gegen die speziellen, in der Öffentlichkeit konkret zutage tretenden Aeußerungsformen des Antisemitismus nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein kann. Gewiß wird es, wie ausdrücklich noch einmal hervorgehoben werden soll, stets notwendig sein, böswilliger Verleumdung und absichtlicher Tatsachenverdrehung mit Widerspruch und unermüdlicher Aufklärungsarbeit entgegenzutreten. Ebenso ist e? selbstverständlich, daß man die breite Masse der Unwissenden und Unschlüssigen nicht einfach der judenfeindlichen Propaganda tatenlos preisgeben darf, ohne energische Gegenmaßnahmen. die in Anlage und Durchführung gar nicht hochwertig genug sein können, zumal bereits deutlich erkennbar ist, daß der gesunde Sinn unseres Volkes sich durch die bei den Herren Antisemiten beliebten Knotigkeiten und Pöbeleien je länger je mehr abgestoßen fühlt, was den Aussichten unserer in ruhiger Vornehmheit gehaltenen Werbearbeit sicherlich nur zugute kommt. Wie dem aber auch sei. an die letzte Wurzel der in Frage stehenden Erscheinung wird auf diese Weise nicht gerührt. Alle Erfolge, so begrüßenswert sie an sich ohne Zweifel sind, werden darum immer ein provisorisches Gepräge . tragen. Es bleibt ein Herumkurieren an den äußeren

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