Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 41 (12.10.1924)
- Date
- 1924-10-12
- Page
- Seite 624 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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624 Lujo Hrentano. Randbemerkungen von R. E. May (Hamburg). Zur Erreichung des mit der Broschürenreihe „Wege der Verständigung", die der Brentanosche Auslatz*) eröffnet, offenbar verfolgten Zieles, scheint es mir absolut geboten, über drei Punkte dieses Aussatzes Aufklärung zu verbreitern Ich nenne sie der Reihenfolge nach, m der sie dort behandelt sind: „Wucher", „Auserwähltes Volk", .„Restloses Ausgehen der Juden in der deutschen Bevölkerung". Wucher: 1. Unter Wucher wurde im Mittelalter der Zins in jeder Höhe, der Zins überhaupt verstanden, wo vom Wucher der Juden die Rede ist, ist damit durchaus nicht der Gedanke an einen zu hohen Zinsfuß verbunden. 2. Darüber, ob die Juden zu -irgendeiner Zeit einen besonders hohen Zinsfuß genommen haben, fcmn erst ein Urteil gefällt werden, wenn man ihn mit dem Zinsfuß vergleicht. Den nichtjüdische Geldverleiher, bei gleichem Risiko, gleichzeitig genommen haben. Daß die Juden einen niedrigeren Zinsfuß nahinen, geht schon daraus hervor, daß sie vielfach gerade deswegen ins Land gerufen wurden, um den höheren Zinsfuß der Lombarden, die dieses Geschäft vor ihnen betrieben, zu drücken. Brentano führt (S. 12 des Heftes) ein Beispiel dafür an, daß die Cahersiner und die päpstlichen Kaufleute, die die Juden nach deren Vertreibung als Geldverleiher ablösten, 60 Prozent nahmen, während die Juden nur ungefähr 43 Prozent genommen hätten, läßt aber unerwähnt, daß letztere, durch die Austreibegefahr, ein viel größeres Risiko liefen als die nichtjü.dischen Geldverloiher. 3. Ueber die Höhe des Zinsfußes in früheren Zeiten haben wir bei dem Vergleich mit dem Zinsfuß unserer Zeit, in der es ganz andere Sicherheiten gibt als früher, gar kein Urteil. Aber auch desto egen nicht, weil wir uns über die Geldknappheit und die mit dem Gelde vorhandenen Verdienstmöglichkeiten gar keine Vorstellung machen. Ueber die Wirkung der Geldknappheit auf den Zinsfuß bekommen wir erst jetzt in Deutschland wieder eine Ahnung, wo in der ersten Handelsstadt, Hamburg, gegen allerbeste Sicherheit (Goldhypothek an erster Stelle) für Geld 3 Prozent im Monat, 36 Prozent im Jahr Zinsen zu zahlen sind!! 4. Das Zinsenzahlen für geliehenes Kapital ist eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit und daher in keiner Volkswirtschaft — auch keiner der Vergangenheit — entbehrlich. Auch in der jüdischen nicht. Daher verfiel die jüdische Volkswirtschaft auf eine Hintertür, eine schon aus den Talmud, basierte Formel, die das Zinsnehmen auch -unter Juden ermöglichte, denen es dem ganzen Zusammenhang nach, in dem es Leviticus, Kapiiel 25, Vers 36 und 37 (die allein Brentano, zitiert) vorgetragen wird, nur gegenüber dem im vorhergehenden Vers (35) genannten -v e r a r m t e n Bruder verboten werden sollte. Erst später (Dent. 23.20) ist es, ohne diesen Zusammenhang zu erwähnen, allgemein ausgesprochen. Nachdem es aber erstmalig in diesem Zusammenhang vorgebracht ist, darf auch bei der spateren Erwähnung angenommen werden, daß es sich auch hier in erster Linie auf den Armen bezieht. Und diese Formel, die das Zinsnehmen auch unter Juden ernnöglichte (der „Star-Jska", ein Assoziationsvertrag mit begrenzter Gewinnbeteiligung, dessen Prinzip im Talmud in Baba Mezia Kap. V, Mischna'h 4 vorkommt), wird heute noch angewandt, allerdings wohl wenig in Deutschland, wo auch orthodoxe Inden im täglichen Geschäftsverkehr vom „Bruder" die üblichen Zinsen nehmen, während sie in Fällen von Bedürftigkeit, aus die das *) Luio Brentano: Ueber den Judenhaß. Mit einem Vorwort von Rabbiner Dr. M. Eschelbach er (Düsseldorf). Wege zur Verständigung, Heft 1. Philo-Verlag, Berlin 1924. 18 besprochen, in Nr. A) der „C. V.-Zertung" vorn 15. Mai 1924 von Professor Dr. E. v. Asten (Gießen) jüdische Gesetz gemünzt ist, auch heute keine Zinsen nehmen. Im praktischen Wirtschaftsleben ist aljo — wenigstens in historischen Zeiten, von anderen haben wir keine Kenntnis (sagen wir seit der großen Sammlung, die Talmud genannt wird) — von I it den kein U n t e r s ch i e d im Zinsnehmen gemacht worden zwischen I u d e n und Nichtjude n. Zur Zeit der Entstehung des Christentums war diese Umgehung des Stm>Jsta schon alte Praxis in Israel. Die Ch ristenheit hat also gar keine Berechtigung der I u d en h e i t v or z uw e r fen , daß sie b e tnt Z insen - n e h m e n die Christen schlechter behandelt hätte als die Jude n. Das a u s e r w ä h l t e Volk: Brentano schreibt (S. 11 des Heft I): „Hat schon die hochmütige Verachtung, mit der das auserlesene Volk auf die übrigen Völker herabsnh, den Judenhaß hervorgerufen . . Ans gleicher Seite heißt es bei ihm im Zusammenhang mit der Erwähnung der 'Gründe, aus denen die Machthaber die Juden ins Land riesen: „So siedelte der Bischof Rüdiger von Speyer 1084 Juden an, „damit er dadurch den Glanz des Ortes vertausendfache." In „Der Kaufmann in der deutschen Vergangenheit" von Georg Steinhansen (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, II. Band, Leipzig 1899, S. 15) heißt es: „Die Art, wie der Bischof Rüdiger von Speyer, der ihnen (nämlich den Juden) 1984 einen Freibrief erteilte, von ihnen spricht, ist sehr charakteristisch. „Als ich Speyer zu einer Stadt erhob, da meinte ich, s e i ll e Ehre tauf e ndfa ch z u v e r nt c h r e n , wenn ich auch die Juden mit hinzunahm." Es ist hier also nicht von einem materiellen Vorteil die Rede, die mit der Einbeziehung der Juden jedenfalls auch verbunden gewesen sein wird, sondern von einer moralischen Qualität: der Ehre der Stadt. Das wird erklärlich, wenn man bedenkt, daß die Juden schon damals auf einer hohen geistigen, moralischen und k u l t u r e l l e n Stufe standen, ausnahmslos lesen und s ch reiben konnten, während das bei den übrigen Einwohnern Speyers nur ganz ausnahmsweise der Fall war. Man bedenke, daß das damals noch nicht einmal der Adel konnte, daß die Schreib tun st fast ein Privileg der Klöster war. Man braucht heute nur nach England zu gehen, das durchaus nicht frei von Antisemitismus ist, und zu hören, wie die Engländer, ganz insbesondere wegen der Judenhetzen in Deutschland, auf die Deutschen als Ration niedrigerer Kultur herabsehen, um zu verstehen, daß es ganz unvermeidlich war, daß die Juden im Mittelalter auf ihre kulturell so viel tiefer stehenden Mitbürger Herabsehen mußten. Und gibt es ein Volk hoher Kultur, das auf Diese nicht stolz ist und sich deswegen auf sie hin etwas Besonderes einbildet? Es liegt in der Natur des Menschen — und ist für feine moralische Haltung Pädagog i s ch w i ch t i g —, sich für besser zu halten als die anderen, den Splitter im Auge^ des anderen und nicht den Balken im eigenen Auge zu sehen, und es ist für die Völker bis zu einem gewissen Grade vorteilhaft, daß jedes Volk sich für etwas ganz Besonderes hält. Die Engländer gehen, um ihren Nationalstolz zu rechtfertigen, sogar so weit, daß sie sich für die verlorengegangenen zehn Stämme Israels ausgeben, die Franzosen sind bekanntlich die „Grande Nation" und die Deutschen sind überzeugt, es werde „am deutschen Wesen noch einmal die Welt (wohl gemerkt: die ganze Welt) genesen"! Gibt es einen größeren Nationaldünkel! Und da will es ein Volk, das solchen Nationaldünkel hat, den Angehörigen eines Volkes, das der Welt den einer:- einzigen Gott, die Bibel itnb damit erst die Grundlage der Kultur geschenkt hat, als Hoch- Leidest du an Serdauungsbeschiverden? Bad Horrrburger Salz — ein Geschenk guter Elsen, half, hilft und wird dir immer helfen Beachte aber stets die Originalfirma: „ Bad Hamburger Heilquellen", G. m. b. H. \S f ' , , I & i ( 'Mg Alleinige Anze igen-Annahme Eudolf Mossa, Änz eig ea-Annahm e für sämtl. Zeitungon Deutschlands und des Ausland i Berlin 8V/19, Jerusalemer Straße 46-49 / Breslau / Chemnitz / Dresden f Düsseldorf / Erfurt / Frankfurt a. M. j Halle (Saale) / Hamburg» / Hannover Köln a. Rh. I Leipzig j Magdeburg / Mannheim / München / Nürnberg J Stuttgart / Amsterdam J Prag / Wien / Budapest / Warschau / Base! / Zürich.