Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 41 (12.10.1924)
- Date
- 1924-10-12
- Page
- Seite 622 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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622 In diesen Jahrhunderten werden zwei jüdische Lebens typen ansgebildet. Nach meiner Uebcrzeugung herrschen sie auch heute noch, wenigstens in Deutschland, trotz der breitere-n, durch die Befreiung herbeigesührten bürgerlichen LebenSmöglichkeiten. Denn „keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt". Der erste Typ ist der einer vita activa. Auf dem engen Raum feines Tätigkeitsgebietes, vom Sozialgefühl der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, der christlichen Gesellschaft notgedrungen als einzelner gegenüberstehend, entwickelt dieser Jude alle händlerischen und kapitalistischen Eigenschaften des „Unternehmers". Der Jude hat _ beit Kapitalismus und den kapitalistischen Geist gewiß nicht ausgebildet. Aber als beginnendes, „neuzeitliches" Lebensgesühl auch in den mittelalterlichen, abendländischen Völkern den „Frtthkapitalismus" hervorbringt, ist der Jude gleichsam schon fertig. Vorweg hat er, in einer ständigen Zone nicht nur wirtschaftlichen, 'sondern völligen Lebensrisikos schwebend, alle Eigenschaften des Unternehmers ausgebildet, vom geschmeidigsten Nachgeben und Anpassungsvermögen händlerischer Diplomatie an bis zur harten Unbeugsa-mkeit händlerischen Feldherrntums. Je breiter die Lebensmöglichkeiten des Unternehmers werden, zugleich unter Befreiung von ständiger Leibes- und Lebensgefahr, bis zum gelobten Land des Liberalismus, bis zum 19. Jahrhundert hin, desto kräftiger setzt sich dieser Typ jüdischer „vita aetiva" durch und schasst an Licht- und Schattenseiten des modernen Lebens mit. Schon dieser kurze, wohl allzu kurze und konzentrierte Ueberblick muß zeigen, daß der Jude nicht der Erfinder des Kapitalismus ist, aber von besonderer Bedeutung unter seinen ersten Trägern. Die Neuzeit entwickelt, zuerst in Italien, dann überall und aus allen Völkern, den gleichen TYP, der einen zweiten Höhepunkt, wie seit Max Weber der Wissenschaft vertraut ist, im Calvinismus und Puritanertum gefunden hat, um dann fast der Typ des 19. Jahrhunderts zu werden. Der Jude verliert also seinen Vorzug der Frühzeitigkeit. Alle anderen Völker holen ihn ein und — es ist kaum daran zu zweifeln — sie überholen ihn! Für die modernste Form des Kapitalismus, den Schwerindustrialismus im Zeitalter der Kartelle und Trusts, ist der Jude nicht mehr der typische Vertreter. Er ist so zurückgeblieben, wie, im großen und ganzen, der englische Kapitalismus hinter dem deutschen und amerikanischen zurückgeblieben ist. Die kindische, deutschvölkische Terminologie von dem jüdischen „raffenden" und dem deutschen „schassenden" Kapitalismus hat diese Zusammenhänge selbstverständlich nicht durchschaut. Ohne Zweifel ist beim Juden die hemmende Macht der „Tradition" im Spiele, während die jüngere, nichtjüdische Konkurrenz rücksichtsloser nachdrängt. Ist cs doch bezeichnend, daß in der Zeit vor dem Kriege der englische Kaufmann aus der ganzen Welt dem Deutschen unfaire Konkurrenz, die den Eingeborenen gegenüber die Solidarität des europäischen HerrenmenschentumL ausgab, vorwarf. Der deutsche Handlungsreisende hielt sich nicht ans englische „weekend". Es will mir scheinen, daß das Judentum gegenüber dem Deutschtum geschäftlich vor allem wegen der strengen Beobachtung der Festzeiten zurückgeblieben ist. Aber das mag gleich sein. Jedenfalls ist es Tatsache, daß auch in Deutschland der christliche Deutsche dfn TyP des kapitalistischen Geschäftsmannes in gleicher oder höherer Vollendung hervorgebracht hat als der Jude, und daß die Redensart vom Volk der Dichter und Denker dem Altertumsmuseum angehört. Der deutsche Antisemit Pflegt das, obgleich er meistens äußerst „geschäftstüchtig" ist, vornehm zu übersehen. Genau so wie er das Gegenbild auf jüdischer Seite übersieht! Denn neben dem jüdischen Typus der „vita aetiva", den wir mit groben Mitteln anzudeuten versucht haben, steht von Uranfang her der Jude der „vita contemplativa". Er ist dem ersten um 180 Grad entgegengesetzt und in seiner nach innen gewandten Art am besten dem mittelalterlichen Mönchtum zu vergleichen. Das ist der mit einem Mindestmaß körperlicher und wirtschaftlicher Bedürfnisse ausgestattete jüdische Gelehrte, der Talmudforscher, der Theolog und Philosoph, dein „eins not ist" und alles andere „acliaphora", gleichgültig; der eine Sache „um ihrer selbst willen tut" und nicht nur eines Zweckes willen; der Versunkene, Versonnene, in Gedanken. Ideale oder seine Gottschau Versponnene. Es soll hier keine Statistik getrieben werden, sondern eine Wesensschau. Es sollen auch keine Namen genannt werden, als der eine iLpinozas oder, für Deutschland, in gebührendem Abstand, der MoseS Mendelssohns. Wie stark selbst hier in der aufklärerischen Abflachung dieser Typus ans den deutschen Menschen gewirkt hat, mag uns der eine Lefsing und sein Nathan sagen. Ist dieser Typ ausgestorben? Schon einfachstes Gefühl sagt, daß solche Formen, einmal geprägt, unverlierbar und ewig sind. Selbst in das Ideale und Persönlichkeiten mordende, Schemen und Formeln heiligende 19. Jahrhundert haben sie sich hinübergerettet; sie tauchen auf in der langen Reihe jüdischer Menschenfreunde, Gelehrter und Künstler. Ein spätes Volk bringt große Kunst mit mehr Mühe hervor als ein frischeres. Und doch muß man als Deutscher und Christ mrt Beschämung gestehen, daß bei uns der wirtschaftliche und intellektualistrsche Typ den kontemplativen noch mehr verdrängt hat, als das im Judentum geschehen ist; daß das „Volt der Dichter und Denker" dem Fluch wirtschaftlichen und politischen Erfolges fast erlegen ist. Zum Glück kann man „fast" sagen! Was uns freilich Herr Spengler als Typus des kommenden Deutschen anpreist, den „fixen Jungen", für den es keine „.Weltanschauung" gibt, das wäre ja das Ende dieses Deutschtums, für das man noch romantisch schwärmt, wenn man tatsächlich den Snobismus im Leben verwirklicht. Dem geistigen, kontemplativen Judentum gehört auch, wenn ich recht sehe, der auf den Internationalismus, Pazifismus, Sozialismus eingestellte Jude an. Vielleicht verliert er sich, zu wenig bluthast, dabei zu stark im luftleeren Raum. Der deutsche Jude stellt ja nur eine „Oberschicht" dar, ohne sehr tiefe Volrswurzeln: sicherlich ein tragisches, weil unausweichliches Schicksal. Aber der Typus und sein Ziel wird dadurch gewiß nicht wertloser. Und nun das tragikomische Verhalten des deutschen Normalmenschen zum Judentum. Soweit er tatsächlich Geschäftsmann ist, praktisch und intellektuell zugleich, sieht er im Juden den gefährlichen Ideologen, pazifistischen Narren und Träumer/volkstumzersetzenden Internationalisten und haßt ihn, obgleich er selbst oft ein praktischer Internationalist iß (vgl. den kornausführenden deutschen Großgrundbesitzer). Soweit er aber Romantiker ist, wenn auch nur in der Theorie, haßt er den Kapitalisten, den Ausbeuter, ist aber zugleich geneigt, für den gleichartigen Typ des Deutschen sich zu begeistern und in ihm sogar eine Art von Erfüllung des deutschen Menschen zu sehen. Diese beiden Arten der Abneigung überschneiden sich, wie man sieht. Statt sich auszuheben, verstärken sie sich gegenseitig, was zu den tollsten Paradoxien führt. So gibt man dem Juden schuld an allem. Er macht die Kriege und hetzt die Völker aufeinander, um jüdische Belange dabei Zoahrzunehmen. Er verhindert aber auch um schnöden Gewinnes willen die Kriege und möchte die gottgegebenen und gesunden nationalen Gegensätze in einen werchlichen allgemeinen Menschheitsbrei auslösen. Er ist rücksichtsloser Kapitalist, um den biedern Deutschen auszubeuten, und er löst als Kommunist die göttlichen Eigentumsverhältnisse auf. Der Jude kann zu jeder Frage sich so oder so stellen, ja oder nein sagen, der normale Deutsche wird ihn darum mit gleicher Inbrunst als Feind des wahren Volkstums erklären. Den deutsche n Kapitalisten, den deutschen Idealisten trifft dieser Haß weniger; im schlimmsten Fall ist er ein von jüdischer Tücke verführtes Opferlamm. Ich halte diese Ueberschneidung für die eigentliche Tragik des deutschen Antisemitismus, weil sie aus einem wirklichen Glauben, nicht aus den übrigen schmutzigen Quellen des Antisemitismus hervorgeht. Würde der aktive Deutsche sich mit dem aktiven Juden, der kontemplative Deutsche sich mit dem gleichartigen Typ des Judentums vergleichen, so würden sie sich selbst wiedererkennen. Aber so scheint das Problem „Deutschtum und Judentum" gänzlich hoffnungslos und unlösbar zu sein. Und ist es doch nicht! - Heute sind Deutscher und Jude „gleichzeitig", also besteht für beide eine gleiche Entwicklungsmöglichkeit. Vielleicht ist der Jude aber wiederum um etwas voraus. Die Gegenwart sucht voll Eifers, sehr gegen Herrn Spenglers platte Zivilisationsthesen, den Weg zur Innerlichkeit, zur Kultur, zur Religiosität zurück. Das 19. Jahrhundert mit seinen flachen ungeistigen Idealen, seiner Pseudowissenfchaftlichkeit, seiner „Exaktheit" hat abgewirtschaftet. Es will mir scheinen, als sei der „jüdische Geist" dem „deutschen Geist" auf seinem Wege schon wieder voran, als söge er wieder aus tieferen Quellen, erfüllte auch er sich wieder mit Kräften aus den irrationalen Wurzelbezirken der Seele. Ich sehe bestes Deutschtum und bestes Judentum gemeinsam den Weg suchen, aber auch viel gutes Deutschtum unkundig der jüdischen Entwicklung, und Nichtkennen heißt Verkennen.