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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-12 · 41 (12.10.1924) · p. Seite 621

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
41 (12.10.1924)
Date
1924-10-12
Page
Seite 621 (sequence 1)
Language
German
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Einzelnummer 10 D-l-pfennlg Serlm, 12. Oktober 7024 III. Jahrgang 4> Nr. 47 Vlütter sür-eulscNtmn mr-L«verrtmv vryao des LntralVerems öeutscker SNuUsvüryerilwtscüen Klauvens'Lv. MonatZabonnement 40 Goldpfermi- Verlag und Schristlertung: Berlin SW 68, Lindmstr. 18. . . Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 8595. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 0, Berlin SW 68, Lindenstr.7 Alleinige Ameigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moffe, BeMn 8W 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Toldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Moffes Normalzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Lentral-Dereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark Die Dovvelvoligkeit -es Mtifemitismus. Ein Deitrag zu von vr. N. rn o e l l e r, MitgUe- Die ungemein reiche Tätigkeit, die Professor Nölting gegenwärtig entwickelt, um das Deutschtum zum Kamps gegen den Antisemitismus wachzurütteln, ist ein wahrer Lichtblick im unserer Zeit, deren Struktur der Vernunft nicht leicht zugänglich ist. Bei Gelegenheit eines Nölting-Vortrages in Rostock habe ich versucht, in einem bestimmten Punkte die Doppelpoligkeit des Antisemitismus als eines seiner Grundgesetze aufzuzeigen. Es sei mir erlaubt, diese Dinge hier genauer, als eine Diskussion es ermöglicht, zu verfolgen. ■ Der normale Deutsche kennt nur den Juden, nicht die Juden. Er hat ein ganz enges Bild des kapitalistischen Bedrückers und Ausbeuters deutscher Biederkeit und Ehrlichkeit, und der Beitel Jtzig in Freytags „Soll und Haben" hat bei . der landläufigen Auffassung des Judentums (diese ist aber der eigentliche Nährboden des Antisemitismus) immer irgendwie Gevatter gestanden. Natürlich ist das Bild des kapitalistischen ' „Ausbeuters" nicht zu 100 Prozent unwahr. Aber halbe oder viertel oder noch geringer prozentige Wahrheiten Pflegen verheerender zu wirken als ein grober Irrtum ohne eine Spur Wahrheit. In die soziologischen Quellen des Antisemitismus soll deswegen die folgende Studie, die mit Bewußtsein zur Verdeutlichung nur ganz grobe Linien zeichnen will, hineinführen.' > -! Der „normale Deutsche" hält sich für ebenso „einchpig" wie den Juden. Er ist der Treue, Ehrliche, Eefühlsverstrickte, Unpraktische, der jenem oben gezeichneten Juden darum auf Gnade und Ungnade ausgeliesert ist. Jeder Völkische, von Herrn Ludendorsf herunter bis zum kleinsten Zeitungsklässer und Nachläufer, hat diese kindische Vorstellung, jedenfalls im Augenblick und für den Zweck antisemitischen Gefühls und antisemitischer Politik. - j Tatsächlich gibt e s .. keine ' >,e intypige n" Völker, weder nach Blut und Abstammung, wie nach Geist und Lebensform. Gerade dem deutschen Volk gibt Vielgestaltigkeit, Vieltypigkeit das besondere Gepräge. Der deutsche „Volksgeist" ist deshalb so ungeheuer schwer zu erfassen, ungreifbar und ungestalthaft. Unsere Charakteristik vom Ausland her umfaßt vom „Volk der Denker und Dichter" bis zu den „Hunnen" die ganze Farbenskala, und ebenso, nur mit größerer Liebe, zweifelnd, steht der Deutsche selbst dem deutschen Volksgeist gegenüber. In dies, seit wir es kennen, ungeheuer vielgestaltige Volk ist in frühen Zeiten das Judentum eingetreten. Von vornherein sind die Juden geschlossener: Träger einer alten Kultur innerhalb einer jungen erst aufwachsenden, als gesonderte Religionsgemeinschaft rn der Diaspora lebend und so schon ohne Druck von außen, gleichsam als Kinder einer älteren Zeit in .eine jüngere gestellt, stark zusammengkschlossen, assoziiert. Nun schließt religiöses Ressentiment einer mittelalterlichen glaubenseifrigen und fanatischen Religiosität sie aus der Lebensseiner Struktur. -es Mecklenburgischen Lanötages. gemeinschaft noch besonders aus und drängt sie aus den einem noch unentwickelten Volk natürlichsten Berufen. Rittertum und Bauerntum, als kräftigste Lebensformen eines frischen Volkes, bleiben den deutschen Juden verschlossen. Nicht etwa infolge eigener Veranlagung, die „händlerisch", nicht „heldisch", körperlicher Arbeit abgeneigt wäre. Dieses lächerliche Argument des landläufigen pseudowissenschaftlichen Antisemitismus zerstört schon ein Blick über die Grenzen Deutschlands. Ueberall, wo man die Juden nicht unter den Druck der „Ungesellschaft" gestellt hat, haben sie sich in derselben natürlichen Breite gegliedert wie alle anderen Völker. Im maurischen Spanien haben .sie den ritterlichen TYP glänzend ausgebildet, so auch den Bauern und Handwerker im Osten, den Lastträger in Saloniki. Ich kenne eine kleine Stadt im Norden Deutschlands, seit alters Freistatt für jüdische vollberechtigte Niederlassung, wo bis auf den heutigen Tag fast alle Handwerke in jüdischer Hand liegen, wo deutsche Juden, bis zum Feierabend aus der Bank vor der Tür, bis zum Stormschen: „Kein Hauch der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit", alle Lebensformen des deutschen Kleinstädters und Spießbürgers voll ausgebildet haben. Und ich habe mir von einem Kriegsteilnehmer aus Saloniki erzählen lassen, daß die dortigen jüdischen Lastträger, gefragt, warum sie fast allein die schwere Arbeit verrichteten, erklärten, die übrige Bevölkerung sei körperlich zu schwach für die Schlepperei. So sind es nicht irgendwelche, wie die Antisemiten wollen, natürliche minderwertige Anlagen, sondern ist es nur Zwang von außen, der die deutschen Juden in die engen Lebensformen preßte und das Ghetto schuf. Als reine Stadtbewohner konnten sie nicht die gleiche Lebensbreite gewinnen wie die übrige deutsche Bevölkerung, die ja erst allmählich in die städtische Entwicklung hineinwuchs. Aber auch in der Stadt blieben sie durch religiöses Ressentiment aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, die wie Zunft und Gilde in christlichen Bruderschaften ihren Ursprung hatte. Nur ein schmaler Teil der Wirtschaft, der Handel, soweit er nicht Kleinhandel ist, Warenhandel und vor allem Geldhandel, stehen ihnen zur Verfügung. Es ist die gleiche Entwicklung, die in mittelalterlichen Zuständen religiöse Minderheiten fast überall haben. Wir denken an die Forschungen Max Webers über Puritanismus und Kapitalismus und an jüngste Darstellung Hashagens über die Protestanten im Rheinland. Durch solche Entwicklung werden die Juden aus den natürlichen Lebensformen herausgedrängt. Statt ein natürlich gegliederter Volksteil zu sein, werden sie zu einer Klasse, einer Kaste Zusammengepreßt, nach außen durch den gelben Schmach- - streifen als „andersartig" und „pariahaft" gekennzeichnet. Kein Wunder, daß Druck, Verachtung und Verfolgung von außen sie auch innerlich soviel fester, im Vollb'ewutztsein eigener hoher Kultur und reinerer Religiosität gegenüber dem gläubig-abergläubischen mittelalterlichen Christentum, sich zusammenschließen ließ!

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