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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-02 · 40 (2.10.1924) · p. Seite 612

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
40 (2.10.1924)
Date
1924-10-02
Page
Seite 612 (sequence 4)
Language
German
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612 Religion, Vaterland und Antisemitismus. Von Dr. HeinrichFrick, ord. Prosessor der Theologie an der llniverfitäl Gießen. In Liesen. Wochen erscheint bh vierte Amgearbeitete und erweiterte Auflage 'der Schrift: „Rasse und Politik." von Prof. Dr. I. Go löste in. Die Vorrede zue ersten Auflaae hatte Prof. F r ick verfaßt. Er hat für die vierte Auflage einen Nachtrag zu seiner Vorrede geschrieben, den wir in der Lage find, schon fetzt -u veröffentlichen. Seit der Abfassung der Vorrede sind nur wenige Jahre vergangen. Aber die unheilvolle Welle antisemitischer Verhetzung hat ln ihnen den zu erwartenden „natürlichen" Verlauf genommen: Wrnd wurde gesät, Sturm geerntet. Die Ermordung Walter Rathenans wäre ohne die gewissenlose Agitation der Antisemiten nicht möglich gewesen. Diese Tat befleckt die Blätter deutscher Geschichte ärger als ein Pogrom: denn nicht blinde Volks Leidenschaft hat sich in ihr triebhaft-dumpf entladen, sondern eine systematische Gewöhnung an jenen wirren geistigen Haushalt, der heute in so viel alten und jungen Köpfen herrscht, sobald sie darangehen, ihre aus Ressentiments und Halbwahrheiten zusammengebrauten politischen Programme zu betätigen. Man wird angesichts einer Kette von Vorgängen, deren schwerstes Glied eben jener unsinnige, gemeine Mord gewesen ist, nicht erwarten, daß der Verfasser der Vorrede dieses Buches etwas von dem, was er seinerzeit geäußert. Zurückzunehmen hätte. Er kann höchstens bedauern, daß er nicht in der Lage war, noch schärfer und mit wirksameren Waffen einen Kampf zu führen, der sich inzwischen immer deutlicher zu einem Kamps um Christentum und Vaterland entwickelt hat. Um das Christentum! Ich denke dabei gar nicht in erster Linie an Hakenkreuz, Wotansreligion, Sonnenkult, überhaupt nicht an die Rüst- und Rumpelkammer eines demagogisch aufgeputzten Ariertums. Diese Dinge kommen und gehen wie Spreu mit dem Wind. Sie vermögen sich weder an die Stelle ehrwürdiger biblischer Tradition zu setzen, noch auch etwas Ernsthaftes beizutragen zu dem in stch selbst allerdings ernst zu nehmenden Problem der„Germanisierung des Christentums". Doch darüber zu reden ist hier nicht der Ort. Wohl aber muß in solchem Zusammenhänge heutzutage betont werden, daß — unbeschadet der Aufmerksamkeit auf jenes Problem — für den Glaubensmenschen jedenfalls eine andre Ausgabe dringlicher, notwendiger und entscheidungsreicher ist: die der „Christiaurfierung des Germanentums"! Wer diese Aufgabe für bereits gelöst erachtet oder nicht mehr gelten lassen will,' oder gar als „Uebersremdung" des reinen Arischen durch das Semitische in Acht und Bann tut, der möge seines Weges gehen: aber er soll wissen, daß er im Sinne christlich-ökumenischen Glaubens nichts mit Christus, ja im letzten Falle nicht einmal etwas mit Religion überhaupt Zu tun hat. Das erste Wort echter Religion heißt „heilig", und ihr ist Gott alles, der Mensch aber samt Himmel und Erde nichts vor Ihm. Also kann unmöglich irgendein Stück dieser Welt an Gottes Statt gesetzt werden. Auch nicht das Vaterland! Das sollte der Sinn der ersten Hälfte meiner Vorrede sein. Wer sie guten Willens las, spürte schon, was ich meinte. Es kam mir und kommt mir an auf die Tafel der Werte, die wir für unser Handeln anerkennen. Religion haben heißt: Auf dieser Tafel unter allen Umständen das Wort Gott an die erste Stelle setzen, danach erst das übrige. Ja, das ist noch viel zu schwach und mißverständlich geredet. Es könnte scheinen, als wollten wir um Ehrenplätze markten und Gott gegen das Vaterland abwägen. Davon ist keine Rede und darf überhaupt keine Rede sein. Denn Gott ist vor allem und über alles. Und religiös gesehen ist das der Sinn alles Lebens in Zeit und Geschichte, daß Er werde „alles in allem". Also besteht auch die Hauptsorge echter Frömmigkeit darin, diesem Sinn zu gehorchen, und ihre Hauptaufgabe ist es, wir könnten wissentlich oder unwissentlich unser Leben widerspenstig gegen diesen Sinn führen. Gerade darum aber ist die Stufenfolge der Werte, für die wir leben, leiden, känststen, so ungemein bedeutsam. Nur eine Stufenfolge kann die wahre für uns sein: die Gott will! — Und das sagen wir nicht nur deshalb, weil wir einer konstruktiven Idee religiöser Wertmaßstäbe nachjagten. Nein, diese Werte selbst, auch unser irdisches Vaterland, geraten in Gefahr, sobald das Gefühl für Werte verwirrt, das Urteil unsicher und die einzelnen Glieder der Werttafel an verkehrte Plätze gerückt werden. Das spezifische Gewicht der großen Lebenswerte ausfindig zu machen, ist, im brutalsten Sinne des Wortes, eine Pflicht der Selbsterhaltung auf diesem Planeten, in diesem Lande, dieser Stadt. Nicht bloß eine „Verheißung zukünftigen Lebens, sondern schon dieses Lebens" schwebt über der Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Das Vaterland selbst, nicht bloß die Relrgion aerät in Gefahr, wenn man das Vaterland an Gottes Stelle seht. Ich bekenne mich erneut zu T a g o r e s Wort: „Wer Götzendienst mit seinem Vaterlands treibt, ruft einen Fluch über es herab."' Damit bin ich auch schon bei dem zweiten Gedankengang angelangt: Um unseres Vaterlandes willen muß der Antigebrandmarkt werden als das, was er ist: eine geistige defeuche, die den Verstand umnebelt und das Gewissen betäubt. Es ist emes deutschen Menschen unwürdig, sich an den lächerlichen Geschichtsklitterungen, an den flachen pharisäischen Verdamrmmgsfprüchen ms Allgemeine hinein, an dem billigen Spott über Uklglücklrche und an dem schwindelhaften, grob materialistischen Rassenabergkauben m beteiligen. Es ist ferner erst recht unwürdig, statt die Schuldigen da zu suchen, wo sie wirklich sind: nämlich bei den bösen Geistern, die unter uns allen umgehen und in unserer eigenen Brust wohnen, statt deffen eine Minorität mit der ganzen schweren Last der Verantwortung für. eine nationale Katastrophe zu beladen. Gewiffen haben, heißt auch, lieber zehnmal sich selbst richten, als einmal einen andern verurteilen. * Man wende gegen solche Selbstbesinnung heute ja nicht mehr ein: das alles sei ganz schön für die private Frömmigkeit im Kämmerlein, aber es schicke sich nicht für die Politik. Ach, diese große Politik^ die mit den Tränen der Mütter (auch der jüdischenI und mit dem Blute heldischer Jugend (auch jüdischer!) Schacher treibt! Es ist Zeit, mit ihr zu brechen und das Panier der Humanität wieder auf* zuriästen. Europa geht Zugrunde — nicht, weil es zuviel der Humanität auswiese (womit die Antisemiten unsereinen immer wieder schrecken möchten!), im Gegenteil: es mordet sich selbst, weil die Humanität unter uns am Boden liegt. Allerdings, die Prediger der Humanität, angesangen vom Größten unter ihnen, bis herab zu Gandhis politischem Evangelium, sie alle predigen leiser und scheuer als die lärmerkden Antisemiten. Aber ihre Predigt bewegt die Welt! Und Deutschlands, unsres Vaterlandes, Zukunft, liegt nur ach dieser Seite, auf der Seite des Lebens, wo Einigkeit und Recht und Freiheit jedem, auch dem jüdischen Volksgenossen, gegönnt werden. Salomon Ralrfcher s. fl In Solomon Kalischer, der am 22. Septeinber d. I. hochbetagt aus dem Leben geschieden ist, hat die deutsche Judercheit einen hervorragenden Führer verloren. In dem Verstorbenen waren wissenschaftliche und sittliche Eigenschaften vereinigt, die selten in einer Person zu finden sind: vielseitiges Wissen, gründliche Kenntnis des Judentums, Pflichttreue und eine starke Willenskraft, sich im Leben zu betätigen und die befundenen Ideale zu verwirklichen. Salonwn Kalrscher entstammt einer Familie, in der Gelehrsamkeit und tatkräftiges öffentliches Wirken erblich war. Sein Großvater, Rabbi Hirsch Kalifcher, Oberrabbrner in Thorn, gehörte zu den bedeutendsten Talmudgelehrten ferner Zeit. Er war aber kern weltfremder iLtubengelehrter, sondern ein Mann der Tat. der bestrebt war, nicht tmr für seine Zeit, sondern auch für die Zukunft ersprießlich zu wirken. Auch der Vater Salomon Kalischers, Louis Kalifcher, wenn auch kein Gelehrter von Beruf, zeichnete sich durch hohe Gelehrsamkeit aus und zahlte zu den Förderern der hebräischen Literatur. Der junge Salomon Kalifcher wurde frühzeitig mit dem jüdischen Schrnsttum vertraut und sollte den Nabbinerberrrf wählen. Er besuchte zuerst das Jüdisch-theologische Seminar in Breslau, wandte sich indessen bald von diesem Studium ab, um sich der Philosophie zu widmen, und zuletzt dem Studium der Mathematik und der Physik. In dieser seiner Fachwisienschast hat der Verstorbene Hervorragendes geleistet. Er wirkte Jahrzehnte hindurch an der Techn i f ch enHo ch f ch u l e zu Ch ar lot tenbur g. Seine Bedeutung als Mathematiker und Physiker wird von seinen Fachgenossen gebührend gewürdigt werden. Indessen hat stch der Verstorbene von seinen Jngendi dealen niemals getrennt; sein ganzes Interesse galt dem Judentum und derjüdischen -Lache, der er sein Leben lang mit großem Eifer und in treuer Pflichterfüllung gedient hat. Dazu war er ' wie selten einer besonders befähigt. Er hatte die geschichtliche Bedeutung des Judentums erkannt, und sein Ziel war dessen Erhaltung und Förderung. Der Verstorbene besaß eine stark organisatorische Kraft, die sich verschiedentlich betätigte — Mletzt als Vorsitzender des Deutsch-israelitischen G em ei n d e b u n d es, dem er Jahrzehnte hindurch seine Kräfte gewidmet hat. In der Person Salomon Kalischers war die Vereinigung d e s I u d e n t u m s mit der a l l g e m e i n e n K u l t u r verkörpert. Er bildet den klarsten Beweis dafür, daß man sich nicht dem Judentum entfremden muß, um der allgemeinen Kultur anzugehören, und daß starkes Interesse für das Judentum keine Entfremdung der allgemeinen Kultur gegenüber bedeute. Dieser Mann, ein hervorragender Gelehrter von Beruf, ein unter Fachgenossen hohes Ansehen genießender Mathematiker und Physiker, der sich zeitlebens auch der Kenntnis be§ jüdischen ^Schrifttums und der praktischen Arbeit für jüdische Interessen gewidmet hatte, dieser Mann, Naturforscher und Jude durch und durch, gehörte zu den erfolgreich st en Goethe-Forschern; insbesondere war er eifrig tätig, die Bedeutung des großen Dichters auf dem Gebiete der Naturwissenschaften hervorzuheben. An der großen Weimarer Goethe- Ausgabe wirkte er als Einleiter der Farbenlehre mit und auch an anderen Werken der Goethe-Forschung war er beteiligt. Salomon Kalifcher war nicht bloß als vielseitiger Gelehrter und Führer ausgezeichnet, sondern auch als Mensch i n s e r n e n sittlichen Eigenschaften. Da er eine starke Persönlichkeit war, so fehlte es ihm nicht an einer gewissen Schroffheit, die auf den ersten Augenblick etwas abstoßend wirkte. Wer jeder, der Gelegenheit hatte, ihn näher kennen zu lernen, bewunderte an ihm menschliche Vorzüge, die ihn ver ehrungswürdig machten. Jüdische Gelehrsamkeit schätzte er sehr hoch. Seine Liebe zunr Judentum und zu jüdischem Schrifttum überwand selbst seine persönliche Eigenart. Bei genauerer Bekanntschaft zeigte er sich als eine durchaus liebenswürdige Natur, stets nach dem Wahlspruch GoetlM lebend: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut"'. Sein gütiaes Wesen bekundete er immer in seiner Hilfsbereitschaft für seine kerbenden Mitmenschen, in dem Bestreben, die Not anderer zu mildern und zu beseitigen. Alle, die Gelegenheit hatten, mit ihm. privatim zu Verkehren oder sich ihm in gemeinnütziger Arbeit M gesellen, werden chm ein ehrendes Andenken bewahren S i m o n B e r n f e l d.

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