Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-10-02 · 40 (2.10.1924) · p. Seite 611

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
40 (2.10.1924)
Date
1924-10-02
Page
Seite 611 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277503--01502-2280748
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

611 Cme völkische Leuchte außer Lanöes. Herr Rosenberg drückt sich. Im Oktober 1923 veröffentlichte der damals noch existierende -,DMffche Beobachter" einen Angviff Men einen iw besetzten Gebiet wohnenden jüdis.chen KauM-änn, worin diesem vorgeworfen wurde, , daß er mit den Fvanzolen unter einer Decke stecke. Als» der Auge-; gvriffene BeleibigungM-age stellte, verschanzte sich der Verantwortliche - -Schriftleiter, der bekannte Schriftsteller Alsreid Rosen b erg, Z)luä-chst hinter s-ormaljurisbisschen Einwendungen, die beim Amtsgericht München auch auf Verständnis stießen. Das Landgericht ordnete jedoch ans Beschwerde des Wägers hin die Hauptverhanidlmrig vor dem Amtsgericht an. Wer geglaubt hatte, daß der -Redakteur nunmehr die Beweise für feine beleidigende Behauptung . beWringen würde, kennt die vöMsche Taktik schlecht Er verlegte sich ^vielmehr auf die Verschleppung, so daß mehrere Termine abgesetzr ^werden mutzten, nur ihm Gelegenheit zu geben, den pomphaft angekündigben Wahrheitsbeweis zu führen. Als dies durchaus nicht glücken wollte, legte sein Verteidiger^ Rechtsanwalt Roder, die Verteidigung niedere und auch der an geklagte Redakteur selbst zog es vor, der Derhiandliung sernzubleiberr, so daß V o r f ü h rungsbefehl gegen ihn erlassen wurde. Jetzt hört man, daß Herr R o s e n b e r g nach seiner Heimat Reval a b g e r e i st sei. Wir erleben es hier nicht zum erstenmal, daß die völkischen Führer^ wenn e§ gilt, zu ihren Behauptungen zu stehen, Ausflüchte machen. Können sie sich schAeßliich trotz aller Kniffe um die Verantwortung nicht herumdrücken, dann begeben sie sich aus ReKNv Die deutschen ^uöen in Amerika. Professor L. Aschofs an seine Bundesbrüder. Der berühmte Professor der pathologischen Anatomie in Freiburg, Ludwig Asch off, befindet sich seit dem März d. I. in Amerika. Aus dieser großen wissenschaftlichen Reise ist er von amerikanischen Universitäten eing-eladen worden, Vorlesungen zu halten. In einem aus Grand Eanhon National Park Arizona an die „BurschenschastsblätLer" der Burschenschaft Alemannia gerichteten Brief, den wir in der letzten Nummer dieses Blattes finden, beantwortet Professor Aschosf die Frage, was er in den sieben Wochen aus seiner Vortragstätigkeit in New Jork, Philadelphia/ Chicago, San Francisco, Los Angelds ufw. gelernt hat, mit dem einen Satze: „Das Deutschtum wird am treuesten und zähesten von zwei Schichten festgehalten." Eingehend schildert der Professor die Gruppen, aus denen sich die erste Schicht zusammensetzt, hauptsächlich größere und kleinere Geschäftsleute, die sich in den deutsch-amerikanischen Turn- und Gesangvereinen zu- •farnmenschließen. Aschofs fährt wörtlich fort: „Die andere Gruppe sind die Intellektuellen, die Großkaufleute, die Trustinhaber. Auch hier gibt es sicher viele, die mit Geld für Deutschland sehr viel taten. Aber nicht so viele wie in der anderen Schicht, die sich auch sonst für Deutschland bekennt. Aber gerade unterdiesen intellektuellen Deutsch-Amerikanern ragen immer wieder einige Personen hervor, die sich mit besonderer Liebe, ja fast Selbstopserung, des Deutschtums annehmen. Und das sind — sch spreche es frei und offen vor allen Bundesbrüdern aus — die deutschen Juden. Sie waven es, die mich irr New York und in San Franeisco am meisten nach Deutschlands Schicksal fragten, die nur deutsch mit mir sprachen, die offen ihrer Meinung über die Schuld Amerikas Ausdruck gaben oder jedenfalls Gerechtigkeit übten, woran die übrigen Amerikaner gnr nicht denken. Daß die große Hilfsaktion für unsere deutschen Universitäten und deutschen Mttelschulen in erster' Linie von deutsch-amerikanischen Juden und gerade alten deutschen Burschenschaftlern gehalten und durchgesührt wird, ist ja allgemein bekannt. Ich staun te über die große Summe, viele Millionen Dollars, die allein im letzten Jahr allein für diese Zwecke aufgebracht wäre n." Professor Aschofs betont dann mit Genugtuung, daß der große Selbstbetrug, daß wir Deutsche ein unnützes, schädliches Volk wären, allen Beteiligten auch in Amerika immer mehr fühlbar wird, und .wirft dann die zweite Frage auf: „Was sollen wir dabei stun?" Er empfiehlt, bei aller äußeren Demütigung einen stillen .Stolz zu behalten, und fährt dann wörtlich fort: „Aber dies ist nur berechtigt, solange wir 'den gerechten Sinn .unter uns walten lassen. Blinder Nationalismus und übertriebener Rafleinstinkt find die schlimmsten Feinde wahrer Vaterlandsliebe und Opferarbeit für das eigene Volk, welches keine Raffensondern eine Kultnrgemeinfchast ist. Darum, liebe Bundesbrüder, begeht den großen Festtag unserer Wemannia reinen Herzens und blerbt gerecht gegen die, welche Euch niemals die Treue gebrochen. Euer Ludwig Aschofs." Der Brief Professor Aschoffs in den gewiß unverdächtigen „Buwschenschastsblättern" müßte an allen Universitätss t o r e n öffentlich angeschlagen werden, damit der große Selbstbetrug, daß die deutschen Juden sich in ihrer Vaterlandsliebe von irgend jemmrdem über treffen lassen, auch in Deu tschland allen Beteiligten immer mehr fühlbar wird, - Aufrecht! Wochenbetrachtung. „Ihr stehet heute alle aufrecht vor dem Ewigen, eurem Gotte, eure Häupter, eure Stämme, eure Aeltesten, eure Beamten, alle Männer Israels, eure Kinder, eure Frauen und der Fremdling, der inmitten deines Lagers weilt, vom Holzhauer bis zum Wasserschöpser." Ein ewiger, erhabener Traum der Menschheit ist der Traum der Gleichheit. Seine Verwirklichung scheitert an der nun einmal unleugbar tatsächlich vorhandenen Verschiedenheit an Kraft und Begabung. Es wird immer Starke und Schwache, Weise und Toren, Herrschende und Beherrschte, Führende und Geführte geben. Der angeführte Schriftvers zeigt uns diese Gegensätze. Da sind die Häupter und die Stämme, die von ihnen geleitet werden, die weisen Aeltesten und die ausführenden Beamten, denen sie ihre Anweisungen gsben, die freien, starken Männer und die Frauen und Kinder, denen sie Stütze sind, die Fremdlinge, die Holzhauer und Wasserschöpser, denen sie ihre Arbeit geben. Das sind natürliche, gottgewollte Abhängigkeiten, welche niemals aufhören werden. Und doch heißt es von allen diesen so verschiedenen Kreisen angehörenden Persönlichkeiten: Ihr steht heute alle aufrecht. Die natürliche Unterordnung soll nicht in Knechtschaft und Sklaverei ausarten. Die höhere Kraft und Fähigkeit soll ihren Träger nicht zum Herrn und Despoten machen. Das Volk soll aufrecht stehen vor seinen politischen und geistigen Führern, die schwachen Kinder und Frauen vor ihren Vätern und Männern. Der Fremde braucht sich nicht zu Langen vor dem Einheimischen, der Arbeiter sich nicht zu ducken vor dem, der ihm Lohn und Brot gibt. Wie alles irdische Maß klein und winzig erscheint, mißt man es nach der Sonnenferne, so verschwinden auch die stärksten Unterschiede und Ungleichheiten der Menschen vor der unendlichen Erhabenheit des allmächtigen Gottes. Wenn vor ihm sich der Starke schwach, der Weise einfältig, der Herrscher ohnmächtig, der Reiche und Besitzende arm, der Einheimische fremd fühlen muß, so wird dieses Demutsgesühl ihn vor jeder Ueberhebung, den Schwächeren vor jeder Unterdrückung bewahren. So ist es der Gottesgedanke allein, der die Menschen befreit und gleich macht. So ist es die echte Frömmigkeit, die uns im Leben ausrechtstehen lehrt. Solche Frömmigkeit in seinen Bekennern zu wecken, ist zu allen Zeiten die höchste und einzige Aufgabe des Judentums gewesen. Die heiligen und ehrsurchtgebietenden Tage, welche wir jetzt durchleben, sollen uns dazu erziehen, dieser Aufgabe gerecht zu werden. Die tiefste Sehnsucht unserer Seele ist es, aufrecht und erhobenen Hauptes vor unserem Gotte stehen zu können. In Wort, Lied und Predigt wird es uns immer wieder vor Augen geführt, daß des Menschen köstlichster Besitz Reinheit der Seele und Unschuld des Herzens ist. Mag der Erdenstaub auch immer wieder das weiße Priestergewand beflecken, wir lassen nicht ab von dem redlichen Bemühen, es in seiner ursprünglichen Lauterkeit wiederherzustellen. Reinheit und Unschuld vor Gott sehen aber voraus Reinheit und Unschuld vor den Menschen. So ist der Versöhnungstag vor allem ein Tag höchster sittlicher Läuterung. Der fromme Beter spricht: Ich wasche meine Hände in Unschuld, und dann erst kann ich vor deinen Altar treten, o Herr." Wenn Hände zum Gebete sich breiten, die mit Unrechtem Gute sich bereichert, wenn ein Mund fromme Lieder singt, der im Leben von Schmähung und Verleumdung überläust, so verhüllt die Gottheit zürnend ihr Haupt vor solcher Lästerung. Inmitten der frommen Uebungen dieser Tage suchen wir uns aber auch von jeder Ueberhebung und Selbstgerechtigkeit sernzuhalten. Immer wieder wird des Menschen Schwäche und Ohnmacht betont. Selbst an seinen Heiligen hat der strenge Richter etwas auszusehen. Wie weit ist diese religiöse Wirklichkeit Israels entfernt von jenem Zerrbilde des auf seine Auserwahltheit und seine Verdienste pochenden Juden, wie es gewisse voreingenommene Darsteller des jüdischen Religionssystems mit Vorliebe zu malen unternehmen. Wir fühlen uns gerade in diesen Tagen so wenig bevorzugt, daß wir es mit besonderem Nachdrucke betonen, wie wrr allein das Ziel nicht erreichen können, wie unser Heil mit dem der ganzen Menschheit verknüpft ist. Mögen dich fürchten alle Werke und vor dir sich beugen alle Geschaffenen. Mögen sie alle zu einem Bunde werden, deinen Willen mit ganzem Herzen zu erfüllen. Wir wollen nicht eine Sondergruppe bilden, sondern unter unserer alten Fahne in Reih und Glied stehen mit all unseren Menschenbrüdern. Unser aller Leitwort soll sein: Wer ist gleich dir unter allen Mächten, o Herr. Unser Ziel ist, aufrecht zu stehen vor dem Ewigen, unserem Gotte, mit allen Menschen. Denn wahrhaft frei und aufrecht wird die Menschheit erst dastehen, wenn sie bei aller Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit eine innige Gemeinschaft bildet vor ihrem Gotte. Hofs mann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.