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Central-Verein-Zeitung · 1924-10-02 · 40 (2.10.1924) · p. Seite 610

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
40 (2.10.1924)
Date
1924-10-02
Page
Seite 610 (sequence 2)
Language
German
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610 Die gleichen Grundideen aber kennzeichnen das Judentum: ethischer Idealismus, der sich im prophetischen Monotheismus in seiner Reinheit offenbart, und religiöser Humanismus, der sich im messianischen Gottesreich in seiner beglückenden Herrlichkeit für die Zukunst des Menschengeschlechts auswirkt. Durch die Schöpfung dieser beiden unverlierbaren GrundüberzeuMngen ist das Judentum zu einem Kultirrfaktor geworden, der niemals aus der sittlichen Höhenentwiöklung auf Erden ausgeschaltet werden darf. „Israel ist das alte Urvolk, das in der Martyrerlaufbahn seiner Weltgeschichte diese allerhöchsten Güter der Menschheit in ihrem Ärgeiste verwahrt und verteidigt hat." Aber nicht auf eine allgemeine echische Aussafsung kommt es im Judentum an. Das starke Bemühen der deutschen Judenheit, die Außenwelt von dem Wert der jüdischen Sittenlehre zu überzeugen und dabei die religiöse Grundlage fallen zu kaffen, liegt an der Oberfläche. „Eine anständige Moral reicht noch lange nicht aus für das Lebensrecht einer Religion. Eine Religion muß den Grund ihres Daseins immerdar in ihrem Gottbegriss bewahren und fortentwickeln." Gott in feiner Einheit und Einzigkeit ist der Urquell des Universalismus und ethischen Idealismus des Judentums. Bei dieser tiefsten Erkenntnis der jüdischen Lebensanschauung weiß sich Cohen frei von aller „konfessionellen Ruhmredigkeit". Mit bohrendem Scharfsinn und in unnachahmlicher Objektivität untersucht er die Grundlagen der Glaubenslehre und des Glaubenslebens des Christentums bei voller Würdigung des Kulturwerts europäischer Religiosität. Er erkennt mit aufrichtiger Dankbarkeit das Verdienst an, das die moderne protestantische Theologie um die Erkenntnis des israelitischen Prophetismus und Luther durch seine Uebersetzung der Bibel für die Verbreitung dieses religiösen Urbuches der Menschheit sich erworben. Aber es gibt für ihn kein Kompromiß, wenn die Reinheit der Gottesidee mit ihren sittlichen Konsequenzen in Frage steht, sowie er das Weltbild Spinozas in seiner Totalität ablehnt. Das Verhältnis des Judentums zur allgemeinen Kultur kann nicht schärfer und eindringlicher dargestellt werden als in dem Satze: „Es gibt keine allgemeine Bildung und keine europäische Kultur und keine Ethik, welche der Idee des Einzigen Gottes als des Gottes der Sittlichkeit ermangelten. Denn es gibt keinen Grund und Halt der Kultur ohne wissenschaftlich begründete Sittlichkeit. Diese aber bedarf der Idee des Einzigen Gottes. Anderer Götter kann die Sittlichkeit entbehren: des Einzigen Gottes nicht. Also gibt es keine europäische Kultur und Ethik ohne den grundlegenden Anteil des Judentums" (Bd. I S. 4). Aus diesen Worten spricht dieganzeWuchtdersittlichen Persönlichkeit Cohens, zu der wir in Franz Rosenzweigs Einleitung zu dem großen Werk auf Grund intimer Kenntnis der Cohenschen Psyche einen meisterhaft klaren Zugang finden. Es ist nicht notwendig, der Judenheit diese Schriften erst noch besonders dringend zur Erforschung zu empfehlen. Es muß vielmehr gesagt werden, daß die geistige Aneignung dieser Bücher für uns und unsere Jugend eine, unabweisbare Aufgabe für die Zukunft des religiösen Judentums bedeutet. Denn dieses Judentum wird im Geiste Hermann Cohens sich erneuern und erstarken oder es-wird überhaupt nicht erstarken. Rabbiner Dr. A. Löwenstamm (Spandau). Groß-Verliner Männer und Frauen! Laßt (Luch sofort in die Wählerlisten ein» tragen, damit Ihr zum preußischen Landesverband wählen könnt. Anmeldeformulare sind bei den Synagogen-Kastellanen und im Gemeindebureau erhältlich. LB.-Mitglieder in Preußen! Stellt fest, ob die Namen Eurer wahlberechtigten Familienangehörigen in den Wahllisten stehen. Geöavksn zum verfohuungsfeft. Von I. Elb og err (Berlin). lieber dem liefen sittlichen und religiösen Wert des Jom Kippur darf seine hohe soziale Bedeutung nicht übersehen werden. Wenn er den Träumph des religiösen JMvDualiAnms bezeichnet, so bildet er doch anderseits das stärkste Band der Gemeinschaft. So sehr auch die Anschauungen Ser die Ausgestaltung der Religion sich gewandelt, so sehr die Formen des Kultus und des Ritus gewechselt haben, die Wirkung des Versöhnungstages aus die Gläubigen ist zu allen Zeiten und in allen- Ländern unverändert dieselbe geblieben, die Idee der Versöhnung wird ihren Zauber aus- Sen, solange es Menschen gibt. „Am Zehnten (des siebenten Monats) ist der Fasttag, den nicht nur diejenigen ernst nehmen, welche von Eifer für Gottesfurcht und Heiligung des Wandels beseelt find, sondern auch diejenigen, welche in ihrem sonstigen Leben nichts Heiliges tun. Sie alle unterliegen in staunenswerter Weise der von ihm ausgehenden Weihe, und die Schlechteren streben an ihm um die Wette mit den Besseren nach Selbstbeherrschung und Tugend." So schrieb Philo von Alexandrien vor rund neunzehnhundert Jahren. Seine Schilderung klingt. als stammte sie ans unseren- Tagen, sie besitzt noch heute vollen- Wahrheitsgehalt. Wohl mehren sich in unserer Mitte diejenigen, die nicht mehr fähig sind, die Weihe des Tages zu empfinden, aber dieser Mißklang verschwindet gegenüber der vollen Harmonie bei: Gemeinschaft, die sich an diesem Tage unter der ganzen Judenheit auf dem ganzen Erdenrund geltend macht. Es ist etwas Erhebendes um das Bewußtsein, einer Gemeinschaft anzugehören, die das Erdenrund umspannt, die aus Jahrtausende des Bestandes Zurückblickt und heute wie in grauer Vorzeit „von Abend zu Abend ihre Feier hält". Gemeinschaft ist die Botschaft des Jom Kippur nicht nur darin, daß er ein Fest der Gesamtheit ish sondern auch dartm daß alle Glieder der Gesamtheit in voller Gleichberechtigung daran teil haben. Das viel geschmähte Kol Nidre, der von Gewissenlosen verleumdete Ausdruck vollendeter Gewissenhaftigkeit^), knüpft an die Bibelstelle an: „Es werde verziehen der gesamtere Gemeinde der Kinder Israel und dem Fremden, der in ihrer Mitte sich niedergelassen, denn jeder im Volke, der frevelte, tat es unversehens" (4. B. Mos. 15, 26). Hier ist die Gleichheit aller, selbst der Volkssreurden, gegenüber der Sünde ausgesprochen, kein Mensch steht höher als der andere, alle unterliegen menschlicher Schwäche, menschlicher Unzulänglichkeit. Was hier als Theorie aus altbiblischer Zeit erscheinen mag, finden wir feit dem Mittelalter in di-e Tat um* gesetzt. Es gab Gesetzesübertreter, Starrköpfe,-die den Verordnungen und Verfügungen der jüdischen Gerichtsbehörde sich nicht fügen wollten und mit der gesellschaftlichen Acht, dem Ausschluß aus der Gemeinschaft, bestraft wurden. Wenn aber der Versöhnung s tag begann, traten Vertreter der Gemeindebehörden vor Beginn des Gebets an das Pult des Vorbeters und verkündeten: „Nach himmlischem und irdischem Recht, im Namen Gottes und im Namen der Gemeinde gestatten wir, mit den Uebertretern?) gemeinsam zu beten." Mit dieser Formel, von deren Jnh>alt die wenigsten Kenntnis besitzen, wird noch heute der traditionelle Gottesdienst am Vorabend des Jmn Kippur ein,geleitet. An der Pforte des Sühnet-ages, erklärt sie, hat alle menschliche Strafgewalt chre Grenze. Welcher Mchter will es wagen, für seine Sündhaftigkeit Verzeihung zu erbitten, ohne daß er selbst für die von ihm verhängten Strafen Amnestie gewährt? So hebt der Jom Kippur die Gegensätze zwischen den Menschen aus und vereint sie zu einer großen Gemeinschaft. Gemeinschaft heischt Opfer. Gemeinschast will gepflegt und erhalten sein. Sie bedarf mannigfacher Institutionen; zumal, wenn sie so viel angegriffen wird wie die jüdische und ständig kämpfen muß, bedarf sie der für die Kriegführung unentbehrlichen Mittel. Das Gemeinschastsbewußtsein wird durch die Leistung erprobt und gestärkt, die Opferwilligkeit ist der Gradinesser seiner Energie. Wenn die -Feinde ihm auch Habsucht und Geiz zum Vorwurf wachen-, der Jude klebt nicht am Gelbe, er gibt esleicht aus, häufig sogar leichtfertig, und bedenkt nicht, worin seine Pflichten gegenüber der Gemeinschaft bestehen. Unsere jüdischen Institutionen und Organisationen brauchten nicht so notleidend, so aus Bettelei gestellt ,zu sein, wenn unsere Glaubensgenossen von lebendigem Gemeinschastsbewußtsein beseelt wären, wenn sie ihre Pflicht gegen die Gesamtheit gewisienhaft erfüllten! So Mag der Jom Kippur als Sinnbild der .Gemeinschaft ihr Gewissen durch die Mahnung rühren: Immer strebe zum Ganzen! Und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich ml 1) Vgl. letzt 3mm, Vcrufeld; Erb und Gelübde nach Talmud Md S-chulchnn Aruch; Philo-Verla-g. v 2) Es ist völlig abwegig, wenn I. S. Bloch in fe-iiner Schrift Mer Kol Nidre diese Formel auf die Scheinchristen im rvestgogschen Spanien <7. Jahr* AurderL) bericht» Der im Text angVebene Sinn steht deutlich in &ca Quellen,

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