Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 40 (2.10.1924)
- Date
- 1924-10-02
- Page
- Seite 609 (sequence 1)
- Language
- German
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Äirzeliwmtner r- Sol-pfennkg SÄtter für^leulscdimn mrvllrweatum Monats abonnement 40 Eoldpjennig Verlin, 2. Oktober 1924 HI. Jahrgang 4 Nr. 40 vryan des iLntnü-Verems deutlcker Staatsbürger iüötkcden VtavVeNS^v. AlI^Srrrsirrs Lsitum^ ckss Ou.clSrrrrir'ms Verlag und Schriftleliung: Berlin SW 63, Lindenstr. 13. Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 6, Berlin SW68, Lindenste. 7 Alleinige An eigen..innahme: Annoncen-Erpedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0.75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mossts Normalzei^enmesser Nr. 4, Familien anzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, dre 90 nun beerte Nellam'.zerle 4 Goldmark Im Geiste Hermann Cohens. Deutschtum unö Judentum als Lebenseinheit. In drei starken Bänden legt uns die Akademie für die Wissenschaft des Judentums die jüdische Lebensarbeit ihres Begründers vorJ. In diesem Werke ist die geistige Entwicklungsgeschichte des tiefsinnigsten modernen Juden, gleichsam von ihm selbst dargestellt, enthalten, bis sie ihren Kristallisationspunkt in dem nach seinem Tode erschienenen Grundbuch der jüdischen Rcligionsphilosophie erreicht hat, in der „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums". Wir verfolgen den Uebergang von Cohens assimilierender Tendenz im Anfang seines geistigen Werdens zur ausgeprägten jüdischen Bewußtheit durch die Vermittlung der Philosophie, die zu Ende gedacht ist und an ihrem Ziel den Triumph des echten religiösen Geistes feiert. Es ist im Grunde die' gleiche Tendenz und Entwicklung, die das deutsche Judentum im letzten halben Jahrhundert vollzogen hat: der Weg von der Indifferenz zur positiven Bestimmtheit. Nicht minder bedeutsam ist die Tatsache, daß wieder ein d e n t s ch e r Jude eine neue Epoche in der Geistesgeschichte des jüdischen Bewußtseins einleitet. Bevor die deutsche Judenheit infolge des Niederganges der wirtschaftlichen Kräfte Deutschlands ihre traditionelle geistige Führung des Gesamtjudentums an andere Länder abgibt, stellt sie der jüdischen Gesamtheit eine ungewöhnliche Denkerpersönlichkeit zur Vertiefung und Fortentwicklung des religiösen Besitzes hin. Das Kant-Wort Otto Liebmanns, das Cohen zur Devise seines gesamten Schaffens gemacht hat, muß variiert das Leitmotiv unserer Arbeit am Judentum sein. „Es muß aus Cohen zurückgegangen werden." Wer in Zukunft eine tiefgehende Orientierung sucht über ethische und religiöse Grundfragen, über die jüdische Zeitgeschichte, über jüdische Religionsphilosophie, wer Deutschtum und Judentum, Religion und Staat in ihren inneren Beziehungen begreifen und die Bedeutung des Judentums und den Kulturwert der Bibel für die bisherige und folgende sittlich-religiöse Entwicklung der Menschheit erfassen will, wird an diesen jüdischen Schriften Cohens nur zu seinem Schaden Vorbeigehen können. Bon hier aus findet man den Zugang zu den erhabensten Problemen und innersten Grundkräften der Kultur. In diesen Abhandlungen spricht nicht ein einsamer Denker, nicht ein weltferner Theoretiker ohne Verbindung mit dem schaffenden Leben, sondern eine Persönlichkeit, die, mit den tiefsten Antrieben der Seele und den wirkenden Energien des sozialen und nationalen Lebens vertraut, lebendige Gedanken zur Realisierung echter Menschheitlicher Gesittung hinstellt. Eine auch nur kurze Darlegung des Inhalts dieser annähernd 70 Aufsätze und Vorträge im einzelnen ginge naturgemäß über die Grenzen einer gedrängten und zusammenfassenden Besprechung weit hinaus. Auch wir müssen im Geiste unseres Philosophen, der in jedem Augenblick sein inneres Leben und ferne wissenschaftliche Gesamtarbeit unter ' *) Hermann Cohens jüdische Schriften. C. A. Schwetschke u. Sohn, Berlin. den Blickpunkt der Einheit der Kultur gestellt hat, die Sammlung seiner jüdischen Schriften auf den Gedanken der Einheit bringen. Es sind nicht zufällige Beiträge zur Klärung über jüdische Fragen, die etwa neben der anderweitigen geistigen Betätigung des Denkers einhergehen und mit dieser innerlich nichts gemein haben. Vielmehr sind Cohens jüdische Schriften zugleich gewissermaßen seine philosophischen und deutschen Schriften. Nichts widersprach seiner ganzen geistigen und sittlichen Art mehr als irgendein Dualismus. Sein Leben war ein Kampf um und für die Einheit: für die Einheit der Kultur in den mannigfachen Betätigungsweisen des menschlichen Geistes, für die Einheit der Wissenschaft in der Philosophie, für die Einheit der Methode in allem wissenschaftlichen Denken. Verwirklicht sah er die Einheit der Kultur in dem Gedanken des Einzigen Gottes und der Einen Menschheit, des Monotheismus und Messianismus der Propheten. Die Anerkennung dieser höchsten und letzten Gedanken ergab sich ihm notwendig und folgerichtig aus der Grundlegung des ethischen Geistes, der Sittlichkeit, deren das Reich der Vernunft ist. So kam er von der Wissenschaft zur Religion, deren Selbständigkeit, Eigenart und Eigenwert er mit philosophischer Gewißheit seststellte. Aus diesem Gedanken der Einheit heraus konnte für Cohen, dem jede „doppelte Buchführung" eine Sünde gegen den heiligen Geist wahrer Wissenschaft und Sittlichkeit war, kein Gegensatz des Judentums zur allgemeinen Kultur und zu deutscher Art und Sitte bestehen. Daher gehen ihm Deutschtum und Judentum in ihrem innersten Wesen zusammen. Sie sind die Quellpunkte seines ganzen Seins. Und es ist nur konsequent und entspricht dem Feingefühl des Herausgebers Dr. Bruno Strauß, das sich in der Anlage der Sammlung im allgemeinen und den Anmerkungen im einzelnen zeigt, daß die beiden Abhandlungen über Deutschtum und Judentum fast genau in der Mitte des großen Werkes ihren Platz gesunden haben. Cohens Leben war ein „langjähriger Dienst in diesem Doppellager". Deutschtum und Judentum sind nach seiner tiefsten Ueberzeugung im inner st en Kern wesensverwandt. Auf die Betonung der Gemeinsamkeit in den Grundgedanken und Grundgefühlen allein kam es nicht an. Etwaige „Ueberspannungen dieser Analogie", die ihm innerhalb und außerhalb des , Judentums zum Vorwurf gemacht werden, galten ihm wenig, wenn die llebereinstimmung der beiden Mächte in ihren Tiefen und Höhen anerkannt würde. Das aber mutz ohne Uebertreibung gesagt werden: Kein „Arier" hat je über den deutschen Geist so erhabene Worte voll innerer Glut ausgesprochen wie der deutsche Jude Cohen. Sittlicher Idealismus ist Wurzel und Gipfel aller Kultur. Diese Ueberzeugung ist von Platon zum ersten Male wissenschaftlich begründet und von Kant zur reifsten Vollendung gebracht worden. So ist Philosophie e i n Mittelpunkt des wahren Deutschtums, Philosophie und Wissenschaft, einheitliche und wissenschaftliche Philosophie. Das andere Zentrum ist die Religion, die Innerlichkeit und Tiefe des glaubensinnigen Empfindens.