Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 39 (25.9.1924)
- Date
- 1924-09-25
- Page
- Seite 596 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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596 vollkommen freischwebende Phantasie eines dichterisch außerordentlich beanlagten Individuums, vielmehr muß diese allerdings unentbehrliche Phantasie gebunden sein an ein Urelement von granitener Festigkeit, einen Urgrund und Nährboden, in dem alle Mitglieder des Volkes gemeinsam verwurzelt sind. .; Mit einem Wort: bevor nicht ein gemeinverständl i ch e r, urwüchsiger j ü d i s ch e r „C h o r a I" (sit venia verbo) gewachsen, geschaffen iftÄ haben wir keine Aussicht auf eine monumentale Tempelmusik. Noch ist für diese Kunst die Zeit der Ernte nicht gekommen; die Arbeit des sorgsamen Säens erst obliegt unserer Zeit. Indes der Anfang dieser Vorarbeit ist schon geleistet, und fähige Köpfe und fleißige Hände sind schon am Werk, diesen im Schutt der Vergangenheit begrabenen Schatz echt jüdischer Weisen auszugraben, zu sammeln, zu sichten, zu studieren. Es handelt sich im wesentlichen um zwei Gattungen von Gesängen, die echten morgenlündischen Weisen und die GhettoliederderöstlichenJuden, von denen die wenigen auch bei den deutschen Juden bekannten sogenannten „jüdischen" Weisen zweifellos abstammen. Das überraschend reiche Material der echten morgenländischen Melodien ist uns erst seit kurzer Zeit einigermaßen erschlossen worden, im wesentlichen durch die bedeut- 5amen Forschungen von Jdelsohn, der in Palästina, Syrien, lrabien und anderen Gegenden die noch heute gesungene Musik der eingeborenen Volksstämme mit dem vollen Rüstzeug des neuzeitlich geschulten . Lolülore-Forschers studiert hat. Die Ergebnisse dieser Studien bedeuten nicht nur eine Bereicherung unserer Kenntnisse von Zeitgenössischer orientalischer Musik, sondern sie haben, wenn nicht alle Zeichen trügen, auch eine weithin rückwirkende Kraft, indem sie uns einen Begriff davon geben, wie die Musik der palästinensischen Juden im Altertum, zur Zeit der Geburt Christi, beschaffen war. . Es wird durch diese Studien Jdelsohns auch die musikgeschichtlich außerordentlich wichtige Frage nach dem Zusammenhang der a l t ch r i st l i ch e n Mus i k mit dem jüdischen Tempelgesang stark beleuchtet, und große Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß wesentliche Teile des sogenannten ambrostanischen und gregorianischen Chorals eine direkte Erbschaft der altjüdischen Tempelmusik sind. Das hierauf begründete bewunderswerte Gebäude der katholischen Kirchenmusik stellt, alles in allem genommen, die vollendetste Lösung dar, die das Problem der religiösen Musik bis jetzt gefunden hat. Für jüdische Verhältnisse besonders lehrreich ist auch die Art, wie die katholische Kirchenmusik zu einer universalen Kunst gemacht worden ist, die sich über die verhältnismäßig engen Grenzen der Staatszugehörigkeit hinwegsetzt und ihre Glaubensgenossen in allen Ländern der Welt trotzdem kirchlich eint. Erst der gregorianische Choral und die von ihm abgeleitete mehrstimmige, polyphone Gesangsmusik des gotischen und Renaissance-Zeitalters, in den Niederlanden, Italien, Spanien (auch in Deutschland, Frankreich, England) bis zur Hochblüte zwischen 1500 und 1600 bei Palestrina, der römischen und venezianischen Schule offenbaren die künstlerischen -Möglichkeiten des altjüdischen Psalmengesanges. Wenn schon die Richtung der katholischen Musik von ihrer Urquelle, -dem palästinensischen Psalmengesang, naturgemäß abgebogen worden -ist, ihr Strom mit neuen Zuflüssen außerjüdischen Ursprungs gespeist worden ist, so wird dennoch eine genauere Kenntnis dieser katholischen Kunst auch dem jüdischen Musiker von größtem Nutzen sein. Verglichen mit dieser gewaltigen, monumentalen, auf tiefste religiöse Empfindung eingestimmten Kunst, ist das, was die junge jüdische Shnagogalmusik bisher vollbracht hat, primitiv, fast kunstlos, von geringem geistigen Gewicht. . Wenn wir den Wuns ch und das Bedürfnis haben, eine jüdische geistliche Musik von wahrem religiösen Charakter, von künstlerischem Rang zu schaffen, dann werden wir nicht vorbe i g e h e n dürfen an den Lehren, die uns die erstaunlich zielbewußte, stetig fortschreitende katholische Kirchenmusik in ihrem fast anderthalb Jahr* tausende umfassenden Werdegang gibt. Eine von religiösem Unterton unzertrennliche, mehr häusliche, volkstümlich Musik von stark ausgeprägtem jüdischen Ton sind die russischen Ghettolieder, die seit etwa zwei Jahrzehnten sich der Aufmerksamkeit musikalischer Fachleute erfreuen, gesammelt, studiert, bearbeitet, herausgegeben werden, und nunmehr schon zu einer ganz stattlichen Literatur angewachsen sind. Auch diese mehr naiven, aber oft sehr charakteristischen und reizvollen Weisen werden - den künftigen Meistern der jüdischen, geistlichen Musik ein willkommenes Material sein. Eine Anzahl russisch-jüdischer Musiker hat. aus der Bearbeitung dieser Ghettomusik eine Spezialität gemacht, in Deutschland hat sich u. a. Arno Nadel in dieser Richtung mrt Glück betätigt. Indessen bleibt bei der künstlerischen Auswertung dieser Weisen noch viel zu tun übrig. Von welcher Art die vielleicht später einmal zu erwartende jüdische geistliche Musik großen Stils-sein wird, wer vermag es zu sagen? Von einem „jüdischen" Ton in der Musik ist schon früher viel geredet und geschrieben worden, nicht ohne Seitenblick aus antisemitische Tendenzen. Richard Wagner mit seiner scharfen Kritik Mendelssohns und Meyerbeers hat damit den Anfang gemacht in seiner Schrift: „Das Judentum in der Musik." Von späteren ist Gustav Mahler mit Vorliebe der jüdische Geist seiner Musik vorgeworfen worden. Dennoch aber ist das Jüdische in den Werken dieser Meister jüdischer Abkunft keineswegs das Primäre, Charakteristische in der Kunst, sondern nur eine verdünnte Lösung als kleine, unvermeidliche, eigentlich gar nicht beabsichtigte Beimischung. Erst in der jüngsten Generation beginnt das bewußte Hiustreben auf einen ausgesprochen jüdischen Typ der musikalischen Kunst. Das musikalisch so reich begabte russische Judentum führt in diesen Bestrebungen, und ein Abkömmling dieser östlichen Rasse, der auf dem Umweg über das französisch-schweizerische Genf in Amerika zu Ehren gekommene Er ne st Bloch ist wohl zurzeit die stärkste Potenz dieser Richtung. Kürzlich erst hatte Blochs 22. Psalm beim Internationalen Musikfest sin Prag einen außerordentlich starken Erfolg vor einer internationalen Hörerschaft anspruchsvollster Fachleute: ein Zeichen dafür, daß die musikalische Welt beginnt, sich aus eine Musik einzustellen, die den jüdischen Ton charaktervoller, packender und fesselnder ausprägt, als es bisher geschehen war. An den jüdischen Künstlern liegt es, die Resonanz dieses Tons zu verstärken und zu vertiefen, Ueb er hören kannman ihn heute nicht mehr, Theodor Storm über die Juden. Von einem alten Leser unseres Blattes, einem heimatstreuen Mischen Ausländsdeutschen, erhalten wir folgende Gestern erhielt ich die Nummer 27 der „C. V.-Zeitung", in der fich auf Seite 407 ein Aussatz von Michael F raenk e l befindet. In dem^ selben wird ein Brief Theodor Stvrmsi angeführt, welcher eine wenig freundliche Redewendung über die Juden enthält. Ich glaube jedioch, daß dieselbe mehr einem a uge nb l i ck l ich e n Aerger des Husumer Dichters über eine g e r r n g s ch ä tz e n d e A e u ß e x u n $ Ebers wie seiner Ueberzeugung zuzuschreiben ist. Denn in der Novelle „Der A m tsch i r u r gu s" spricht Storm von einem Freunde seiner Jugend, einem „jüdischen Handel s h err n a u s d er Na ch bar stad t", und fügt hinzu: „Wer weiß, ob nicht die Freundlichkeit, die du dem Knaben einst erwiesest, den Keim jener Zuneigung gelegt hat, die ich de ine m Volle stets bewahrte, und die mir auch der schmutzigste Schacherjude mcht hat stören können. . Arturo Bab, Rivera (Argentinien). FABIAN DIE DEUTSCHE UJERT-ZiemETTE