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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 595

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 595 (sequence 11)
Language
German
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595 Spnagogemnuflk unö Kirchenmusik. , i Von Dr. Hugo LeichLentritt. '' ,J Die Frage nach der Shnagogalmusik hat viele Jahrhunderte hindurch den Leitern des jüdischen Gottesdienstes wenig Kopfschmerzen gemacht. Die ganze Musik wurde vom Vorbeter bestritten, der in mehr oder weniger schöner und musikalisch-fähiger Weise die Gebete singend rezitierte, dabei alte Traditionen nutzend. Die Gemeinde antwortete ungefähr im gleichen Ton. Wohl weiß die Musikgeschichte von einigen jüdischen Musikern vergangener Jahrhunderte zu berichten, die gelegentlich einen Versuch jüdisch-religiöser, kunstvoller Musik machten, wie z. B. jener Salomone Rosfi Ebreo in Mantua, der 1620 mehrstimmige Lieder Sa- ' .lomos auf hebräische Texte hevausgab. Ed. Birnbaum berichtete in einer Schrift vom Jahre 1893 über diesen Rosst und andere -„Jüdische Musiker vom Hofe zu Mantua von 1542—1628". Jedoch für die Praxis des Gottesdienstes der jüdischen Gemeinden sind diese vereinzelten (wenn schon hochinteressanten) Versuche von keiner Bedeutung gewesen. Es zeigt sich nämlich, daß diese jüdischen Musiker in ihrer "Kunst kaum etwas spezifisch Jüdisches bekundeten, sondern daß sie mit anschmiegsamem Talent ihrem Vorbild, der herrschenden italienischen Musik, sich ebenso anpaßten, wie dies im 19. Jahrhundert die musikalisch ungleich reicher begabten Meyerbeer und Mendelssohn taten, die in der französischen und deutschen romantischen Kunst ihrer Tage untertauchten. Erst im 19. Jahrhundert, als die staatsbürgerliche Stellung der jüdischen Gemeinden in Deutschland sich gefestigt hatte, trat man der Frage nach einer brauchbaren, zeitgemäßen, künstlerisch würdigen Tempelmusik näher. Der entscheidende Schritt bestand darin, daß man dem Vorbeter einen Chor von Sängern entgegenstellte, bald einen Männerchor, bald einen gemischten Chor a cappella, d. h. ohne Begleitung, oder mit Begleitung der Orgel. In bescheidenem umfang sammelte sich eine Lrteratur von liturgischer Musik an, zum Teil geschrieben von musikalisch tiefer gebildeten Kantoren, wie Sulz er in Wien, Naumburg in Paris, Deutsch -in Breslau. Auch große Meister der Kunst, wie Halevy und Meherbeer, schrieben gelegentlich das eine oder andere Stück für den Gottesdienst. In Deutschland ist vor allen anderen Louis Lewandowskr von Bedeutung, und zumal der jüdischen Gemeinde in Berlin bleibt der Ruhm und das große Verdienst, zum ersten Male in großzügiger Weise die Shnagogalmusik tatkräftig gefördert zu haben, indem sie Lewandowskhs umfangreiches, die ganze liturgische Musik des Jahres umfassendes Werk drucken ließ und amtlich einführte, ihm damit eine gewichtige Empfehlung für ganz Deutschland gab. So war für das erste Bedürfnis gesorgt, den Synagogen ein brauchbares Material vorgelegt. Es ist menschlich begreiflich, daß man sich zufrieden gibt, wenn etwas lange Erstrebtes nun endlich erreicht ist, zumal wenn das Erreichte gut gelungen scheint. So werden die nreisten Leute, zumal die musikalischen Laien, glauben, die Frage nach der Shnagogalmusik sei nun in der Hauptsache durch Lewandowskhs allgemein beliebte und in ihrer Art wertvolle Musik für lange Zeit hinaus gelöst. Dennoch ist diese Zufriedenheit ein Fehler. Es liegt die Gefahr vor, daß eine amtlich autorisierte Musik sich so festsetzt, daß sie der Trägheit Vorschub leistet, hinter der fortschreitenden- Zeit zurückbleibt, allmählich veraltet und neuen zeitgemäßen Regungen ein kaum überwindliches Hindernis entgegenstellt. Diesem kritischen Punkt nähern wir uns rasch. Man darf nicht vergessen, daß Lewandowskhs Arbeit 50 bis 70 Jahre zurückliegt. Als sie geschaffen wurde, war sie zeitgemäß in ihrer Schreibart, indem sie sich der damals modernen herrschenden Mendelssohnschen Schreibart anschloß, nicht nur in ihrer musikalischen Technik, sondern auch ln ihrer Empfindungsweise. Nun haben sich seit jener romantischen Epoche die Zeiten gewaltig geändert, das tägliche Leben sowohl wie die Kunstäußerung auf eine gänzlich verschiedene Basis stellend. In einer harten Zeit, die das Selbstbewußtsein des Juden stärker betont als früher, in einer Zeit, die das zionistische Ideal nicht nur in dichterischer Verklärung ausstellt, sondern auch mit festem Griff der tatsächlichen Verwirklichung entgegenführt, beginnen die Feinfühligen zu empfinden, daß auch dem jüdischen G o t t e s d i e n st in musikalischer Hinsicht eine Renaissance gebührt, die mehr auf die Quellen, auf das urwüchsig jüdische Element zurückgeht, als dies im neunzehnten Jahrhundert möglich war. Wir können uns nicht verhehlen, daß selbst Lewandowskhs schöne Musik, bis auf wenige und darum besonders ausfallende Stellen hin, eigentlich mehr romantisch-deutsch orientiert ist, als jüdisch. Sie ist zeitgebunden, wie jede Kunst, die nicht aus den Urquellen schöpfen kann, und muß ihre Kraft einbüßen, sobald die Zeiten sich erheblich geändert haben,. So hock wir immer das von jüdischen Musikern bisher Geleistete auch einschätzen mögen, dem Einsichtigen wird nicht verborgen bleiben, daß damit nur ein Anfang gefunden ist, ein erster, nur bedingt geglückter Versuch. Der Tieferblickende wird auch erkennen, daß im neunzehnten. Jahrhundert die Frage gar nicht anders gestellt werden konnte, die Lösung kaum anders versucht werden konnte, als es geschah, weil die Vorbedingungen zu einer wirklich tiefgreifenden Lösung durchaus fehlten. Was geleistet worden ist, soll nicht verkleinert werden; es bedeutet viel, weil es sich um eine völlige Neuschöpfung handelte, die kaum etwas vorfand, auf das sie sich hätte stützen können. Aber absolut genommen kann die bisher vorliegende jüdische Musik nicht im entferntesten mit der gewaltigen katholischen und protestantischen Kirchenkunst verglichen werden. Zeigt jene christliche (gleichwohl auf jüdischem Urgrund beruhende) Musik etwas Gewachsenes, organisch Gebildetes, ständig Entwickeltes und Gereiftes, so ist bisher die jüdische Tempelmusik mehr etwas zufällig, willkürlich Gemachtes, nicht notwendig Bedingtes. Es ist mir sogar zweifelhaft, ob wir Juden selbst im zwanzigsten Jahrhundert schon imstande sein werden, jene m o n u m e n t a l e geistliche Musik zu schaffen, die der gewaltigen Größe und Erhabenheit der Heiligen Schrift, der ehrwürdigen Geschichte des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion entspricht. Erst wenn ein jüdischer Meister wirkte, der einem Palest rin a oder Bach gleichkäme, könnte man von einer zugänglichen religiösen Musik reden. Das nationale musikalische Genie, das dazu befähigt wäre, müßte, um erfolgreich zu fein, durch Zeit und Umstände so kegünstigt sein, wie es bisher noch nie der Fall gewesen ist. Bevor der musikalische Künstler richtig gestalten kann, muß er über den geläuterten Rohstoff frei verfügen können. Bevor wir eine wirklich große jüdische Tempelkunst werden haben können, muß der Begriff „jüdische Musik" überhaupt erst geklärt sein, mutz ein Schatz an volkstümlicher, urwüchsiger musikalischer Weisen sich a n s a m m -e l n und einbürgern, eben jener musikalische Grundstoff, ohne den keine große geistliche Musik sich je hat entwickeln können. Der gregorianische Choral der katholischen Kirche, das .geistliche VoÄsli-ed, der Choralder protestantischen Kirche bieten dafür die Belege. Eine religiöse Musik unters che idetsichnämli chfundamentalvonderlhrischen und dramatischen Kunst. Wenn diese letzteren individuell zugespitzt sein müssen, sich herleiten aus der originellen Begabung einer eigenartigen- PersönlichVeit, etwas Einmaliges, Absonderliches darstellen, muß dagegen die r e l i g r ö s e K u n st ü b e r - persönlich sein, gleichsam die Empfindung, die Seele des ganzen gläubigen Volkes sublimiert offenbaren, nicht die absonderliche Empfindung eines einzelnen, wenn auch noch so hochbegabten Menschen. Die gemeinsame religiöse Empfindung, das Gottesgesühl der Volksmasse überzeugend in Tönen zu gestalten, ist das Problem der religiösen Musik. Zu diesem Zweck taugt nicht, wie etwa zur Lyrik, die Aus Ramogen erhält man durch einfachen Wasserzusat2 eine Milch, welche der Muttermilch am nächsten steht; Ramogen erzielt bei Kindern deshalb so aussergewöhniicheErfolge, weil es dienatürlichste Nahrung für das Kind ist. Ramogen ' t i i(7 i (

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