Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 39 (25.9.1924)
- Date
- 1924-09-25
- Page
- Seite 593 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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593 Hebräißh. Don Dr. Felix G o l b nt a n n (Wpzig). Der Kampf gegen den Judenhaß und die Erweckung jüdischen Selbstbewußtseins unter ständiger Pflege des deutschvaterländischen Gedankens stehen in einem ganz tiefen Zusammenhang miteinander. Abwehr wirkt nicht durch ihren-Umfang, sondern durch ihre Stoßi fraftl Die aber gründet sich auf Ueberzeugung von der Wahrheit der Sache, die man vertritt, und auf innerste liebevolle Verbundenheit mit ihr. Und' das ist ja schließlich das Selbstbewußtsein! Es ist — die großen Worte gelten im Prinzip auch für den kleinen 'Kreis und seine Einzelarbeit — das Wissen um die eigene Sendling, gepaart mit dem Stolze, das Verantwortung verleiht. " Es ist der Glaube an die Sendung, dessen Glut Opferfreude und Märthrergesinnung — in seiner letzten Forderung ersehnt und -gefürchtet zugleich schüren. Selbstbewußtsein ist die Sicherheit des jüdischen Menschen, und mag dieses Ziel sich auch nicht in Zahlen und Formeln positiv darstellen lassen^, es ist das eigentlich Positive, das Eentral-Vereins-Arbeit sucht. Man sagt von ihr oft, sie stehe über den Parteien. Besser hieße es, sie ruhe unter den Parteien, ihnen Festigkeit und Boden gebend, zu dem sie sich von den Verstiegenheiten des Alltaglebens .der Politik zurücksinden. Parteileben ist dort unerquicklich, wo es!das Kleine zum Großen umwertet und Tagesideal zum Selbstzweck Erhebt/ Es ist fördernd und befreiend, Ausdruck der nach innerlichem ^Fortschritt ringenden Kräfte, wo es aus der jüdischen Persönlichkeit herauswächst, im Selbstbewußtsein seinen starken Ursprung ehrt. Es gibt ein Surrogat für das Selbstbewußtsein. Freche Phrase ,sucht durch Geschrei die Stimmen innerlichen Jagens, seiger Unsicherheit, der Leere des Geistes und des Charakters zu übertönen! sDer Esel, der den Löwen wittert und ihn fürchtet, sucht sich und den Feind über seine Schwäche durch die Kraft seines Schreiens zu täuschen. Wahres Selbstbewußtsein spiegelt inneren Wert wieder, und wie auch immer er individuell beschaffen sein möge, des Judentums Eigentümlichkeit bedingt, daß ihm des Wissens Untergrund nicht fehlen darf. Die Nolle des Wissens ist im Judentum gewiß!eine andere als in anderen Gemeinschaften, die tagtäglich sich er-;neuem, bereit Recht aus der Macht des Augenblickes quillt, deren Zukunft im fließenden, ungestalteten Nebel versteckt ist und nicht Form noch Inhalt offenbart. Ihnen mag Wissen Last, Vorwurf, 'Hemmung sein! Des Judentums Leben ist aber seine Geschöch te, -die nicht Zufall noch Gleichgültiges birgt. Sie ist doppelt zu schauen, hon innen und von außen, als die Frucht der Verwirklichung iuralter, geradliniger Lehre, als der Widerhall, den die Lehre und ihre Träger mit ihrem Sinnen und Tun in der Welt finden; sie weist den kommenden Tagen klaren Gehalt, strahlendes Ziel! Nur der Jude ist selbstbewußt, der in seiner Geschichte lebt. Denn jüdisches Selbstbewußtsein ist das Leben der Geschichte in ihm und durch ihn! Und durch enge, lange, schwierige Wege führt in die Schatzkammer des in sich gefestigten, wirklich selbstbewußten Jude- ^eins nur aufbauendes, befreiendes Lernen und Wissen. Schlagwort und das Geschrei der Politik erzeugen jüdisch maskierte ssmen"^ aber kein Judentum. r- Wissen ist sachlich und objektiv! Wohl mag Form und Zier des Gefäßes, in dem es gereicht wird, des Gebenden Geschmack verdaten, wohl mögen Zeit und Menschensinn dem Inhalt besondere Würze zusetzen, dem Empfangenden ist das Wissen doch Sache, Stoff, den er deutet und modelt. Ganz objektiven Charakter trägt aber, Mas des Wissens Urgrund ist, die Form jüdischer Lehre, die über ihre an sich rein formelle Stellung hinausgewachsen ist und von des Judentums Wesen ein Stück wurde: die hebräische Sprache! An der Peripherie des Judeseins wird beides verkannt. Dort wittert man in der Sprache der Bibel und des Talmuds eine orthodoxe Institution, und das Neuhebräische gilt als eine mit äußerster Vorsicht zu werkende zionistische Erfindung. Dort verkennt man aber auch, daß die Kenntnis der hebräischen Sprache das Tor zum jüdischen Wissen und damit zum Selbstbewußtsein im höchsten Sinne ist. ... - . -. Wir Juden sind in schlichter Selbstverständlichkeit gewiß — prahlerische Ruhmredigkeit vermag nur den Ernst der Tatsache zu schwächen — aufs innigste mit der Kultur unseres Landes, mit deutschem, Geschick und deutscher Hoffnung verbunden. Davon wird aber die übernationale Bindung, die unsere Religion verleiht, nicht berührt. Glaube, zumal der monotheistische an einen Gott der ganzen Welt, und Sittlichkeit überfliegen die Grenzen der Nationen, sie sind Untergrund einer allgemeinen Weltkultur, ihrer Einheit im Glauben und der Moral. Ausdruck jener Einheitsidee, die im Wesen des Judentums die eigentliche grundlegende Richtung bedeutet, ist die hebräische Sprache. Die Frage der hebräischen Gebetssprache, soweit sie Dolmetsch individuellen Empfindens und Sorgens ist. gehört nicht hierher, da aus dem Streit um sie die Parteiideale sprechen. Daß aber objektiv das Hebräische Symbol des Einheit s g e d a n ke n sja darüber hinaus sein eigentlicher Träger ist, sichert ihm die Notwendigkeit der' übex-att, wo man auf religiösem Boden steht. Es hat auch keine religiöse Richtung gegeben, welche Prinz i -p i e l l die Sprache der Bibel gänzlich abgeschafft hätte. Freilich ist wohl zu beachten, daß dem demokratischen Charakter des Judentums entsprechend die Verantwortung für das Prinzip mit auf die Schultern eines jeden einzelnen gelegt ist. - . Ist die hebräische Sprache unzertrennbar mit dem W e s e n des Judentums verknüpft, so sind die geschichtlichen Bindungen noch stärker. Spielt historisches Bewußtsein für den Begriff des Judeseins wirklich jene berührte zentrale Nolle, so fällt auch von ihm aus helles Licht auf die organische Verbundenheit des Hebräischen mit dem jüdischen Geiste. Es ist die Sprache unserer religiösen Urkunden, deren ursprüngliches, unverfälschtes Wort von solcher Bedeutung ist, daß auch die Priester der christlichen Religionen ihr Gewand kennen müssen. Ist anch Hebräisch gewiß nur in ganz früher Zeit Volkssprache gewesen — ob Juda Makkabi hebräisch sprach, ist mehr als zweifelhaft, und daß der ebenso volkstümliche Held Bar Kochba sich dieser Sprache nicht bediente, ist ganz gewiß — so war es der stete Träger des religiösen Gedankens! In alle Welt zerstreut, der Kultur des Niederlassungslandes mehr oder weniger assimiliert, paßten sich die Juden der Landessprache an, sie oft in charakteristischer Weise verändernd und ihr — man denke an das Jüdischdeutsche des Ostens und an das Jüdischspanische der östlichen Mittelmeerländer — besonderes jüdisches Gepräge gebend. Aber das Werden und Wachsen der Religion, die Entwicklung ihrer Ideen, die Fülle ihrer Zeremonien kann nur studieren und zu seinem geistigen Eigentum machen, wer die uralte, heilige Sprache des Judentums versteht, denn bis an die Schwelle der Neuzeit wurde fast alles für religiöses Leben Wesentliche in ihr geschrieben, und einzelne Abweichungen — der große Maimonides schrieb zum Beispiel manches in arabischer Sprache — lassen die grundlegende Bedeutung des Hebräischen nur noch schärfer hervortreten. ' Es sei aber schließlich auch nicht vergessen, daß das Hebräische lebt! Ein säst unausrottbarer Irrtum unserer Zeit will nicht sehen, daß dem schon immer so war, und führt die unbestreitbare Blüte seiner Entwicklung lediglich auf die Antriebe zurück, die der Zionismus gab. Wenn auch hier — anderen Richtungen im Judentum sei es Vorwurf und Mahnung zugleich — nicht bestritten werden darf, welche Verdienste um die Erweckung und Berbreitung der Sprache die nationaljüdische Idee hat, ist es eine durch nichts gerechtfertigte Verkennung des Tatsächlichen, wenn man durch solche Anschauung eine Grundlage des Judentums zu einem politischen Machtmittel degradiert. Es gab wirklich und wahrhaftig schon hebräische Dichter, bevor der Zionismus wurde, und jede moderne geistige Strömung hat im echten jüdischen Laute ihren Ausdruck gefunden. Mendelssohn und sein Kreis schrieben ihre Ideen hebräisch nieder, die aufklärende Literatur des Ostens machte es gerade so, alle geistigen und politischen Strömungen wirken sich im hebräischen Gewände aus, und Dichter ~ von unendlicher Kraft, Schriftsteller von Weltruf adeln die Sprache! Ein Bialik, ein Perez — von kleineren nicht zu reden — gehören der Weltliteratur an. Und der Jude, dessen Blick meist weit hinausgeht über die Enge der nächsten Umgebung, der gern in sich das geistige Leben fremder Völker aufnimmt, er sollte achtlos vorübergehen an dem gewaltigen Schatze bleibender Werte, die der Sprache seiner .Gemeinschaft auch weit über den religiösen Nahmen hinaus Ruhm erwerben? Bialik steht ihm wahrlich näher als Nabindranath Tagore, und der Mangel an Anerkennung, dem die hebräische Literatur bei uns noch meist begegnet, geht im letzten Grunde aus jene beschämende Geisteseinstellung zurück, die den Dichter und sein Werk entweder ablehnt, weil seine politische Gesinnung nicht gefällt, oder weil er von Leuten geliebt und gefeiert wird, bei denen dasselbe zutrisft.! Man hat besonders in der Welt des Westens -sagen können —. und beschämt wagten wir nicht zu widersprechen — daß die Bibel, das ureigene Besitztum des Judentums, außerhalb unserer Reihen gründlicher bearbeitet und gekannt werde als bei uns. Von der hebräischen Sprache mag in gewissem Sinne ein ähnliches gelten, und sein Kulturgewissen sollte jeden bewußten Juden zwingen, die Behauptung Lügen zu strafen und Kenntnisse zu erwerben, seine Kinder in diese Tiefe jüdischen Wesens zu führen. Zu Zeigen aber,, daß über diesen äußerlichen Antrieb hinaus ein Innerliches von jedem Juden Liebe zur hebräischen Sprache fordert, daß ihre Kenntnis überhaupt erst wahres jüdisches Selbstbewußtsein ermöglicht, ist der Zweck dieses ernsten Hinweises, der sich mit voller Absicht cm die in den Anschauungen des Central-Vereins wirkenden jüdischen Brüder wendet. ' ' ' ~