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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 592

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 592 (sequence 8)
Language
German
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592 Krankenschwestern und Mittelstand. Von Gustav gelbmann (Stuttgart). Die Verteibigu n gsstellung, welche bas deutsche Judentum notgedrungenerweise in den letzten Jahren einnehmen mußte, hat uns gezwungen, alle unsere Geisteskräfte auf die Abwehr zu vereinigen; dabei sind natürlich unsere eigenen Einrichtungen zu kurz gekommen, und es ist höchste Zeit, daß wir uns wieder darauf besinnen, wie diejenigen Dinge gefördert werden können, welche Zeugnis für den Geist des Judentums ab legen. . Warum sind in den 90er Jahren die Vereine für jüdische Krankenpflegerinnen gegründet worden? In erster Linie, um jüdische Mädchen einem Beruf Zuzuführen, der ihnen eine der weiblichen Veranlagung besonders angemessene Berufstätigkeit, auskömmlichen Unterhalt und Versorgung in den Tagen des Alters und der Krankheit verschafft. Dabei ist zuzugeben, daß die weibliche Berufskrankenpflege ursprünglich nicht auf 'dem Boden des Judentums erwachsen ist, sondern daß sie in Nachahmung vorbildlicher christlicher Einrichtungen geschaffen wurde, und daß sie mit deswegen geschaffen wurde, um die vielen Wohltaten, welche Juden von christlichen Schwestern erfahren hatten, so zu vergelten, wie es einer ihres Wertes bewußten Gemeinschaft würdig ist. Gerade das müssen wir immer wieder hervorheben, daß die deutsche Judenheit soziale Wohltat irgendwelcher. Art niemals als Geschenk an nehmen darf, und daß die Fürsorge, welche der einzelne Jude im Krankheitsfälle durch christliche Schwestern erfährt, niemals durch eine noch so hohe Bezahlung ausgeglichen wird, sondern daß die Gesamtheit der deutschen Juden verpflichtet ist, solcher Art genossene Vorteile durch gleichwertige Leistungen in möglichst ausgedehnteur Maße zu vergelten. Ohne unbescheiden zu sein, dürfen wir sagen, daß sowohl im Frieden wie im Krieg hierin schon vieles geleistet wurde in Krankenhäusern, in Lazaretten und in der Gemeindepflege. * Ueber die zweckmäßigste Art der Leistungen in den Krankenhäusern etwas zu sagen, erübrigt sich. Gerade in den jüdischen Krankenhäusern wurden immer außerordentlich viele Nichtjuden ausgenommen, die Aufnahmebedingungen für Unbemittelte wurden stets möglichst günstig gestellt, und es wird wohl kaum je vorgekommen sein, daß sich ein Armer in einem unserer Krankenhäuser zurückgeseht gefühlt hätte. Viel schwieriger ist der Ausgleich zwischen arm und reich in der Genwindepflege durchzusühren, besonders mit Rücksicht auf den heute ganz verarmten Mittelstand, der es seinerseits nicht über sich bringt und auch nicht dazu gebracht werden soll, soziale Leistungen, aus die er Anspruch hat, als Geschenk zu erbitten. Schon im Jahre 1905 habe ich als besten Weg hierzu empfohlen, keinerlei P flege rech n u-ngen auszustellen, und fast zwei Jahrzehnte lang habe ich in dem, meiner Leitung unterstellt gewiesenen Verein dieses Verfahren mit glänzendem Erfolg durchgeführt. Jeder, auch der in den bescheidensten Verhältnissen lebende Gemeindegenosse konnte im Bedarfsfälle die Hilfe der Schwestern ansordern, ohne erst bei der Verwaltung eine Ermäßigung der Pslegesätze oder einen Nachlaß an der Rechnung erbitten zu müssen. Erst die ungeheuerliche Geldentwertung der letzten Jahre ließ dieses System als finanziell unzulänglich erscheinend aber jede Art Nechnungstellung war den Schrecken der Inflation gegenüber genau so unzulänglich, und die geldliche Grundlage der Vereine brach zusammen, gleichgültig, wie man sie zu stützen versuchte. Heute, wo wir wieder in leidlich geklärten Verhältnissen leben, sollte man getrost das bewährte Verfahren wieder ausnehmen, jedem Gepflegten die Höhe der Entschädigung zu überlassen, um dadurch jeden: Minderbemittelten Beschämung zu ersparen. Zwei weitere Wege müssen als besonders wichtig für die Pflege des Mittelstandes und, wie man sehen wird, auch für die aktive Beteiligung des Mittelstands an der Krankenpflege hervorgehoben werden, nämlich die vollständige Verpflegung der Schwestern im eigenen Heim und der Grundsatz, jede Schwester nur begrenzte Zeit in ein und derselben Pflege zu lassen. Jedermann weiß, wie viele Familien heute in ihrer Lebenshaltung herabgedrückt sind: ertrankt nun in einer solchen Familie die Mutter und muß sie zu ihren übrigen Sorgen auch noch alle Tage daran denken, was jetzt für die pflegende Schwester gekocht wird, und ob der bescheidene Speisezettel auch dem Ansehen ihrer Familie entspricht, so tritt zu der Krankheit noch eine ganz und gar überflüssige Anstrengung um die Geltendmachung eines schon lange nicht mehr bestehenden' Wohlstandes. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, daß es für die Schwester aus gutem Hause eine wahre Wohltat ist, nicht Kostgänger bei den Familien sein zu müssen, und daß die Pflege in weniger bemittelten Familien besonders erleichtert wird, wenn' die Pflegerin von vornherein weiß, baß ihre Ernährung in keiner Weise davon abhängt, wem sie ihre Dienste widmet. Auch für die soziale Stellung der Schwestern ist es ungeheuer wichtig, wenn jedem Gemeindegenossen klar ist, daß man ihre Dienste weder um Geld noch um gutes Essen kaufen kann, sondern daß die Pflege als eine Liebestat angesehen werden muß, von der jedes Gemeindemitglied bei schwerer Erkrankung Gebrauch machen kann und soll. Nicht zu unterschätzen ist ferner der Umstand, daß das Verbot an die Schwestern, im Hause des Gepflegten die Mahlzeiten einzunehmen, den Schwestern auch bei Schwerkranken zweimal des Tages die Entfernung aus dem Krankenzimrner und Bewegung in frischer Luft gewährleistet. Aehnlich verhält es sich mit dem regelmäßigen Wechsel der Serinnern Wo das System, eine Schwester nie länger als vier ,en bei ein und demselben Kranken zu belassen, folgerichtig durchgeführt wird, da kann es nicht Vorkommen, daß eine reiche Familie die beste Schwester des Vereins ein Vierteljahr und länger für sich monopolisiert, und daß anderseits gerade die besten Schwestern am schnellsten verbraucht werden, weil die Schwertranken meinen, un-. bedingt diese Pflegerin dauernd haben zu müssen. Ich weiß wohl, daß gerade die angeführten zwei Forderungen, Einnahme der Hauptmahlzeiten im Schwesternheim und unbedingter Wechsel der Pflegerin nach vier Wochen, sowohl von den Familien als von den Aerzten am heftigsten angegriffen werden; aber eine jahrzehntelange Erfahrung hat mir bewiesen, daß diese Grundsätze durchgeführt werden können, wenn der Vereinsvorstand sich bewußt ist, daß ihm das Wohl der Gesamtheit höher stehen muß, als der Vorteil des einzelnen Kranken. Hier vor allem zeigt es sich, ob rin. Verein noch sozialen Gesichtspunkten geleitet wird oder nicht. Es ist nicht unsere Sache, Pflegeges'chäfte einzurichten, die nach kaufmännischen Gesichtspunkten eine Auswahl von Schwestern zur Verfügung stellen, unter denen sich der wohlhabende Kunde die ihm zusagenden aussucht — der Arme bekommt den Rest —, sondern wir müssen allezeit von dem Bestreben ausgehen, bei möglichst gleichmäßiger Verteilung der leichten und schweren Arbeit unter den Schwestern jedem Kranken alle Vorteile, die der Verein bieten kann, gleichermaßen zugute kommen Zu lassen. Es ist zuzugeben, daß viele Vereine auch ohne dieses System Gutes leisten, aber es ist heute wichtiger als je, daß unsere ganze Vereinsarbrit auf dem Grundsatz aufgebaut wird, den Unterschied des Besitzes auszugleichen und gerade in den Tagen der Krankheit den Menschen so wenig als möglich fühlen zu lassen, daß sich seine Verhältnisse verschlechtert haben. (Ein zweiter Aussatz folgt.) , Das „Attentat" auf Dr. Hinter. Wer find die Gift Mischer? Dr. Artur D i n t e r sollte am vergangenen Freitag in Nürnberg in einerMassenversammlung im„Herkulessaalbau" sprechen. Statt dessen erschien als Redner Julius Streicher und verkündete, daß Dinter auf dem Wege nach Nürnberg in Saatfeld vergiftet worden sei, natürlich unterließ er es nicht, dabei unter dem tosenden Beifall der Menge zu: erklären, daß die Juden Dinter vergiftet hatten. Und um die Wahr- , heit seiner Erzählung zu bekräftigen, fügte Streicher noch hinzu, d a ß man ihm 200000 Gold mark geboten habe, wenn er schweigen würde. Am nächsten Tage, den 20. September, erschien ein Extrablatt des „Stürmer", „Nürnberger Wochenblatt zum Kampf um die Wahrheit", Herausgeber Julius Streicher, in dem groß ausgemacht Kenntnis gegeben wurde von dem „VergisLrrrrgsaLtentat auf Dr. ArLrrr Dinter". Es heißt dann wörtlich: „Gestern sollte Dr. Dinter in einer von der Großdeutschen Volksgemeinschaft in den „Herkulessaalbau" einberufenen Massenversammlung sprechen. Er traf mit dem Berliner Abendschnellzug in Nürnberg ein und mußte sich sofort in ärztliche Behandlung begeben. Es wurden schwere Vergiftungserscheinungen sestgestellt. - Dr. Dinter hatte auf der Fahrt in Saalseld Station gemacht. Im Lokal befanden sich Juden, welche Dr. Dinter auffallend beobachteten. Dr. Dinter, der für einen Augenblick das Lokal verlassen hatte, verspürte, nachdem er nach seiner Rückkehr den Rest seines Bieres ausgetrunken hatte, heftige Schmerzen und mußte sich erbrechen. Daß es sich hier um ein Vergiftungsattentat auf Dr. Dinter handelt, hat der ärztliche Befund Zweifelsfrei ergeben . . . . . . Nun wird begreiflich, was die Münchener „Allgemeine Zeitung" vor acht Tagen sagen wollte, als sie das Erscheinen Dr. Dinters mit dem Satze begrüßte: „Dr. Dinter pnrd nicht mehr lange sprechen!" Die ungeheure Menschenmenge brachte Dr. Dinter vor seinem Hotel begeisterte Ovationen dar und sang das Hitler-Lied." Das Flugblatt wurde beschlagnahmt, da die Behörden erkannten, daß es offenbare Unwahrheiten enthalt und dadurch im Sinne des 8 4 der bayerischen Notverordnung vom Juni 1919 geeignet war, „einen Teil der Bevölkerung gegeneinander zu verhetzen". Zwei i Tage später, am 22. September, griff der „Nürnberger Völkische Beobachter", das Organ der Großdeutschen Volksgemeinschaft, die Verleumdungen auf und brachte unter der Ueberschrift „Jüdische Attentäter" die Notiz, Dr. Artur Dinter sei vergiftet worden. „Der Verdacht richtet sich gegen Juden, die zufällig in Dinters Nähe in einer Gaststätte in trnftabt (Th ü r.) sich aushielten und vermutlich seine Speisen irgendwie vergiftet haben. Dr. Dinter hatte in voller Gesundheit am Morgen seinen Wohnort verlassen. Mit Recht wies Herr Streicher unter einem tosenden Entrüstungssturm in der Massenversammlung (über die wir noch besonders berichten) auf dieses neue. Werk der jüdischen Mordhetze gegen die gefürchteten völkischen Führer . . . „...Freut euch nicht zu früh, ihr roten und schwarzen Juden und Judenknechte, es kommt der deutsche Tag— trotz alledem!" Diese Notiz enthalt im Gegensatz zu allen anderen Berichten die Angabe, daß die Vergiftungstat nicht in Saalfeld, sondern in Arnstadt i. Thür, ausgeübt worden sei. Die Nürnberger Polizei!' hat die Untersuchung des angeblichen Verbrechens ausgenommen^ Hoffentlich gelingt es ihr, auch die Legende, diesich im Stile | des Mittelalters wieder einmal daran geknüpft 1 hat, zu zerstören.

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