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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 591

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 591 (sequence 7)
Language
German
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Tatsachen un- Urteile. Außenpolitisches — Sport — Landwirtschaft — Minoritäten. Unter dieser Ueberschrift dringt Professor Julius Goldstern (Darmst-adt) Bemerkungen, die in engerem oder weiterem Zusammenhang mit unserer Arbeit stehen. Graf Revontlow hak in einer seiner letzten Neben im Reichstage -der Regierung Mangel an aktiver Außenpolitik vorgeworfen, weil sie nicht mit dein amerikanischen Präsidents-chastskandidaten, Senator Kafolette, Fühlung genommen. Denn Lafolette bekämpfte den Derbva-g von Versailles. Ist sich aber auch Gras Reventlow der Gefahr; bewußt, wenn er der «deutschen Politik einen Mann empfiehlt, der in einem offenen Brief folgendes unvölkifche Bekenntnis ablegte: „Jedermann, der mit meinen bisherigen Handlungen, besonders in meinem eigenen Staate (Wisconsin) bekannt ist, weiß, daß ich immer ohne Vorbehalt jede Unterscheidung zwischen Nassen, Klassen und : Glaubens formen bekämpfe. Ich trete dafür ein, «daß jeder Bürger berechtigt ist, feine verfassungsmäßigen Rechte voll auszuüben." Es wird den Herrn Grafen in diesem Zusammenhänge auch interessieren, daß alle diejenigen Politiker -des Auslandes, «die «den Vertrag von Versailles bekämpfen, linksgerichtete Politiker sind und gleichzeitig schärfste Gegner des Rassenantisemitismus. Das ist kein Zufall. Nur in Deutschland, und hier besonders bei den Völkischen, ist man -noch nicht zur Einsicht gelangt, daß es logisch und sittlich unmöglich ist, Maximen des Hasses und der Gepalt innerpolitisch zu vertreten, und sich außenpolitisch gegen solche aufzulehnen. * Die Weltmeisterschaft im Tennis errang auf den diesjährigen . Olympischen Spielen in Paris eine Jüdin, Suzanne Lenglen; die Weltmeisterschaft im 100-Meter-Lauf (10,6 Sekundere) ein jüdischer «Student, der Engländer Harold Abrahams. * Die einseitig kaufmännische Berufsschichtung «der Juden wird oft aus Rasseneigenschaften zurückgeführt und mit dem schönen Wort „Händlergeist" bezeichnet. Diese und ähnliche Erscheinungen des Judentums sind soziologische Auswirkungen der Tatsache, daß wir stets eine Minorität gebildet h-aben. Nun hat der Kölner protestantische Universitäts- Professor Hashagen kürzlich eine wertvolle Arbeit veröffentlicht unter «dem Titel „Der Rheinische Protestantismus und die EntwickliU'irg der rheinischen Kultur", Essen 1924? Aus diesem Buche läßt -sich viel für das Verständnis religiöser Minoritäten, vor allem aber auch für die Eiasmtüml.'.chkerben ihrer Berufsschichtung erkennen. Die neuere Wirtschaftsgeschichte des Rheinlandos zeigt Einwirkungen der Protestanten, die weit über ihren zahlenmäßigien Anteil an der Bevölkerung hinausgehen. Zu Beginn der preußischen Herrschaft waren etwa ein Fünftel der Rheinländer protestantisch, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast ein Drittel. Und ans dieser Minderheit entstand die Mehrheit «der rheinischen Fabrikanten und Großkaufleute. Hashagen gibt dafür vor allem äußere Gründe an: Die rheinischen Protestanten waren jahrhundertelang von den staatlichem und kommunalen Beamten stellen, sowie vom Lehrerberus ausgeschlossen. Sie waren ferner nicht zum Handwerk zugelassen. 'Katholische Zunftmeister wachten eifersüchtig über die konfessionelle Einheitlichkeit ihrer Gruppen. Auch dem Kleinhandel mußten die Protestanten fernbleiben. (Ratsedikt der Stadt Köln von 1615/16.) «Sie durften sich nur dem Großhandel widmen. „Daß sie dabei nun vielfach aus -der Not eine Tugend machten und sich mit Erfolg aus «Spedition, Kommission und Weinhandel warfen, wird man begreifen." Hier ist eine eindrucksvolle Parallele zu der B e r u f s s ch i ch t u n g d e r I u d e n. Als weitere Gründe für die wirtschaftlichen Erfolge -der rheinischen Protestanten führt Hashagen «ferner an, daß seit der Reformation die Katholiken im geringerem Maße Stadtbewohner sind als die Protestanten (auch hier muß man an die Juden denken). Bor allem aber, daß die Protestanten schon .frühvon den aus den Niederlanden geflüchteten Glaubensgenossen, starken Zuzug hatten. Diese Flüchtlinge brachten neue Industrien nach dem Rheinland oder führten wertvolle Verbesserungen, der alten ein. Das gleiche gilt von den französischen Nefugiäs nach der Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685). In Emmerich siedelten sich «1686 Gaze- und Musselinsabrikanten aus der Picardie, StrumPf¬ und Stricklvarensabrikanten aus der Dauphinöe und dem Languedoc Nn. — Das Buch, von dem noch näher zu reden sein wird, sei allen denen empfohlen, die sich für die religionssoziologiifche Seite des Minoritäten Probte ms interessieren. * Von den drei Millionen Juiden Amerikas verdienen 75 000 ihren Lebensunterhalt durch Ackerbau. * Daß die französischen Hugenotten in der deutschen Kultur eine beachtenswerte Rolle gespielt haben, ist bekannt, wenn auch nicht immer die nötigen Folgerungen daraus für das „völkische" Prinzip gezogen worden sind. Vielleicht können einige Daten dem etwas nachhelfen. Sie finden sich in einer kleinen-, aber aufschlußreichen Schrift des Darmstädter Pfarrers Rudolf Marx: „Die französischen AnsiedlungeninDeutschland" (Turmbücherei, herausgegeben von Gg. Volk und Dr. Fritz Gagelman n, Bd.III,Leipzig,Lurmverlag). Etwas über eine halbe Million Franzosen sind von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, ans Frankreich nach Deutschland eing ewander t. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war die Berliner französische G e - meinte 5869 Seelen groß. Ein Franzose, Lambert von Avignon, hat auf der Sy node zu H omburg d em Hessenlande die erste Kirchenvrdnung gegeben. Französische Gelehrte standen ander Wiegederpreußi» scheu Akademie der Wissenschaften und begründeten den Ruhm preußischen Geisteslebens. 600 französische Offiziere und Tausende von kriegsgeübten Soldaten liehen ih re D i enste z u r N eor gan i sa tion >des b r andenburgischen Heeres nachdem Muster der französischen Armee, die damals -die erste der Welt war. Auf dem Denkmal Friedrichs des Großen in Berlin stehen die Namen von sieben Generälen französischer Herkunft. Noch vor dem Kriege zählte die preußische Armeerangliste 1200 französische Namen. Im letzten. Kapitel findet Pfarrer Marx Worte der Bewunderung für die um ihres Glaubens willen verfolgten Franzosen. „Ueber legen wir nun einmal, ob das die schlechtesten Glieder eines Volkes sein können, die um einer rein geisti-- g e n Größe, wie ihrer religiöse n U e b e r z e u g u n g willen, ein solches Schicksal auf sich n e hm e n, wie e s d i e H u g e n o t t e n Frankreichs aus sich genommen h a b e n. Denken wir an die Tausende, die, endlich mürbe gemacht durch die Quälereien und jahrzehntelangen Verfolgungen, dem Druck der Regierung nachgoben und ihren Glauben abgeschworen haben, dann liegt es uns ganz fern, in sittlicher Entrüstung über sie abzuurteilen. Aber eine ehrfürchtige Bewunderung überkommt uns dabei für diejenigen, die trotz alledem fest geblieben sind, denen ihr eigenstes Innenleben nicht feil war für Gold und nicht bezwingbar durch Dvagonaden. Wie sind jene Scharen durchgesiebt worden, welche' inneren und äußeren Kämpfe haben sie durchgefochten, welche Entbehrungen und Gefahren haben sie durchgekoftet, bis sie zu uns kamen . . . Und diese eiserne Zähigkeit ihres Charakters, den sie in ihrem religiösen. Leben bewährten, die zeigte sich nun auch auf den anderen Gebieten ihrer Lebensbetätigung . . . Dazu kam die leichte Beweglichkeit und Intelligenz des französischen Geistes, die auf die schwerfälligere Art der deutschen Bauern und Kaufleute anregend und befruchtend wirkte." Ich lasse es dahingestellt, wieweit diese Worte — ceieris paribus — auch noch auf andere religiöse Minoritäten Anwendung finden können, auf Minoritäten, die nicht Jahrhunderte, sondern Jahrtausende lang verfolgt worden sind. Melheiö Furrz. Zu ihrem fünfzigsten Todestage. Am 29. August jährte sich zum fünfzigsten Male der Todestag von Adelheid Zunz. Sie war die Gattin von Leopold Zunz, dem berühmten Pfadfinder auf dem Gebiete jüdisch-kritischer Forschung, dem Verfasser des Monumentalwerkes „Die shnagogale Poesie des Judentums". Sie war eine hochgebildete Frau voll edlen Gemütes, sie pflegte vornehme, durchgeistigte Geselligkeit, ihr Haus war lange Jahre hindurch Sammelplatz für die bedeutendsten jüdischen Geister, die sich bei ihr zum Teeabend zusammenfanden. So war Heinrich Heine während seiner Ber-' liner Zeit Stammgast dieses von echt jüdischem Geist erfüllten Salons. Daniel L e ß rn a n n, ein hochbegabter junger Dichter, der sich leider in Schwermut das Leben nahm, Jost, der als jüdischer Geschichtsschreiber Vorgänger von Graetz war, der Prediger Auerbach, Begründer des nach ihm benannten Auerbachschen Waisenhauses, fein Namenskollege Berthold Auerbach, der später so berühmt gewordene Orientalist Salomon Munk, der Buchhändler und Schöpfer des lange Zeit blühenden „Magazin für die Literatur des In- und Auslandes", Josef Lehmann, die Publizisten Brüder B e n a r y , Professor Gans und dessen Freund Moser trafen sich in dem Zunzschen Salon. Adelheid Zunz ging neun Tage nach dem 80. Geburtstag ihres Gatten zur ewigen Ruhe, wie „der himmlische Stern", wie es in einem begeisterten Nachrufe heißt. Leopold Zunz überlebte sie über zehn Jahre und erreichte ein überaus hohes, mehr als biblisches Lebensalter. - Adelheid Zunz, geborene Veermann, entstammte der jüdischen Patriziersamilie Fraenkel, deren Großvater, der damalige Berliner Oberrabbiner David Fraenkel, Kommentator des jerusalemischen Talmuds, keinen geringeren als Moses Mendelssohn als seinen Schüler nach Berlin gezogen hatte. Ihre Bildung, Anmut und hoher Tugendadel machten aus Zunz, der damals Prediger war, so tiefen Eindruck, daß sie bald für immer durch das Band der Ehe verbunden waren. Sie hatten nur ein geringes Einkommen, da Zunz' literarische Arbeiten nicht für die große Masse berechnet waren, aber bei dem wunderbaren Sinn der jungen Frau -für die Gastfreundschaft blieb ihnen noch genug übrig, um diese Tugend im vollen Maße zu üben. In ihrem Salon vereinigten sich Juden wie Christen — der berühmte Hallenser Hebraist Gesenius kam stets regelmäßig hin, so oft er als Gast in Berlin weilte — sich um Zunz, der durch seine Abhandlungen den Anstoß zu einem heilsamen Umschwung in den Anschauungen der jüdischen Wissenschaft' gegeben hatte, und um seine liebenswürdige Frau scharend, deren geselligen Vorzüge, Freimütigkeit und Klarheit des Denkens so hervorleuchteten. Ihrem gelehrten Gatten war sie eine verständnisvolle Mitarbeiterin bei seinen Arbeiten, und begleitete ihn auf seinen Forschungsreisen auch nach England und Italien. Ihre Asche ruht in der Ehrenreihe des jüdischen Friedhofes in der Schönhauser Allee. Dr. Carl Pinn. ~

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