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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 589

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 589 (sequence 5)
Language
German
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•- 589 Oittisernrtrsmus verfehlt. Die Hetze gegen die israelitischen Mitbürger wolle nur von den wahrhaft Schuldigen ab'lenken, die unser Volk in die Katastrophe deZ Weltkrieges bis Amn letzten Ende hineingebracht hätten. '> Die deutschnationalen Redner hielten sich in den Versammlungen in puncto Antisemitismus sehr Zurück. He r g t, llWalrass und alle sonstigen Führer, einschließlich des katholischen id-eutschnationuleu Kandidaten Pastor Wolfs, hüteten sich, in das! völkische Fahrwasser zu geraten. Auch der zweite Kandidat der ^Deutschnationalen, der ehrgeizige und betriebsame Dr. Kleiner, Juden seinen gesellschaftlichen Aufstieg zu verdanken hat, hielt issich diesesmal, von einigen kleineren Entgleisungen abgesehen, von dem Radauantisemi.tismus fern, dem er bei der letzten Wahl, um die Seelen der Völkischen zu gewinnen, in vielversprechender Weise gehuldigt hatte. Dagegen machte Herr „Br u h n von der Wahrheit" leinen Gebrauch von der ossen sichtlichen Parole, nicht in Judenhaß zu. machen. Kr plapperte sein Sprüchlein her und entzückte die hakentreuzlerischen Hosenmätze. Die völkischen und d e u t s ch n a t i o n a l e n Redner, -fast durchweg führende Re-ichstagZ-abgeordnete, blieben nur in ganz wenigen Versammlungen allein. Unserer Aufklärungsarbeit ist es zu verdanken, daß ein größerer Teil der Wahlberechtigten — in allen völkischen Versammlungen Oberschlesiens bildeten die nichtwahlberechtigten Jugendlichen die Mehrheit — die skrupellose Art der völkischen Hetze als solche erkennen konnte. Angesichts des mit Knüppeln und Totschlägern bewaffneten völkischen Saalschutzes gehörte viel Mut dazu, in Gräfe-, Wulle-, Kube- und Kunze-Versammlungen in der Aussprache das Wort zu ergreifen und sich der geistig leichten Mühe zu unterziehen, den Herren die Maske vom Gesicht zu reißen. Ein stilles Vergnügen mußte es allen Unparteiischen bereiten, wenn sich Knnzennv Wnlle-Anhänger in die Wolle kriegten. ’' Häufig kam es auch vor, daß in Kunze-Versammlungen kein antisemitisches Wort fiel, offensichtlich aus dem Grunde bei den Gegnern der „Völkischen Freiheitspartei" moralische Eroberungen zu manchen. Wie schwer muß es dem Fvaktionsbruder 'Kunzes, seiner letzten Säule, dem Reichstagsabgeordneten I e n ß e n , üjm 14. September in Kandrzin gefallen sein, das Wort Jude in einem IXständigen Referat überhaupt nicht in den Mund zu nehmen. Wichtig in dieser Versammlung wardie Enthüllung Jenßens, daß Wulle sich Kunze gegenüber noch viel schärfer geäußert habe, das arbeiterfeindliche Wort in Wirklichkeit also noch viel drastischer gewesen sei. Am 16. September war in Reiße eine völkische Versammlung . angesagt, in der Rei-chst-agsaibgeordneLier Stock, der noch bei der; letzten Wahl seinem Meister und -Führer Kunze Treue bis in den - Tod gelobt hatte, als neugebackener völkischer Freih eitspar teile r . .sprechen sollte. Als der V o r s i tz e n d e der Versammlung den Abge- - ordneten Stock mit den Worten einsührte, Stock habe es ausgesteckt und sei kürzlich zu den Völkischen üb er gegangen, schallte ihm ein Orkan von Pfuirufen entgegen. Nur unter großer Unruhe .. konnte Stock aussühren, daß Kunze seine Grundsätze nie werde verwirklichen können, da Kunze nur ein kleiner Führer sei und die große Bewegung z e r s p l i L t e r e, für die man nicht nur den Geist, sondern auch den Leib einsetzen muß. Das höhnische Ge- ' lächter nahm erst ein Ende, als ein Kunze-Mann, Herr Lehrer Paul, Stock als einen Verräter bezeichnete, der vor Scham! in die Erde versinken müsse. Unter stürmischem Beifall erklärte Paul; Herrn Stock, e s gehöre die eiserne Stirn eines Veriwätersund Ehrenwortbrechers dazu, in Neiße aus- . z u t r e t e n. Im Schlußwort wetterte Stock: er könne sich nicht . zum Knecht Kunzes herabwürdigen, der ein entsetzlicher; Eigenbrödler sei und sich nicht der großen Idee uMerordnen i wolle. Kunze wolle Parteipapst sein. Im Reichstag habe er - zu allem Ja und. Amen gesagt, was di-e VöMschen getan hätten. Im Reichstag habe Kunze mit seinen drei Abgeordneten niemals etwas r gesprochen und die Reden verteilt. Er mache alles allein, weil er eben einen unersättlichen, kleinlichen Ehrgeiz besäße, ’) der jede Rührung seiner Mitglieder verhindere. Das ertrage ein aufi rechter Mann nicht. Wenn er, Stock, in den Kunze-Betrieb - hi ne in le uch t e n wollte, könnte er haarsträubende Dinge zutage fördern. Kunze werde dahin kommen, daß er : sich entweder den Kommun i st e n oder dem Häußer-Bund 'anschließen müßte. Kunze würde bald verschwinden... Gewaltiger Tumult setzt ein, die Kunze-Leute stürmen nach vorn, : toben und schreien. Stock kann nicht mehr weiter sprechen, die Erlegung wird immer heftiger und schließlich muß Stock in einem Seitenpförtchen verschwinden, um sich vor dem Ansturm der Nachdrängenden in Sicherheit zu bringen. Recht lebhaft ging es auch am 19. September im „Stadttz a r t e n" zu G l e i w i tz her, wo Kunze die zu den Völkischen übergetretenen Abgeordneten Stock und Kurth Verräter und Schufte nannte und es als eine Gemeinheit bezeichnete, daß eine Partei mit einem Ludendorff an der Spitze solche Schufte ausgenommen habe. Der Sekretär des Deutschvölkischen Landesverbandes Oberschlesiens. Her W e i ß, wandte sich in schärfster Weise gegen Kunze, der ein gemeiner Lügner sei. Kunze springt auf: „Sie dummer Junge!" Im Saal entsteht ein furchtbarer Tumult. Wöiß antwortet: „Ein Kunze kann mich nicht beleidigen. Sie sprechen, Herr Kunze, von Not und Elend des Volkes. Ihnen ist es nie schlecht gegangen. Sie haben gut gelebt. Sie haben sich eine Druckerei angeschafft." Donnernde Heilruse, großer Tumult, wüster Lärm. Der planmäßige Versuch seitens der Völkischen, demokratische Versammlungen zu sprengen, ist durch die'Tageszeitungen bekannt geworden. In Hindenburg ist der rührige demokratische Reichstagskandidat Lemmer nur wie durch ein Wunder einer schweren Gefahr entronnen. Der bei dieser Gelegenheit verwundete Rabbiner Dr. K a a tz ist wieder wohlauf. Man kann sich von dem Terror der völkischen Horden in Oberschlesien kaum eine Vorstellung machen. Selbst die Hauptstraßen sind der Tummelplatz von lichtscheuem Gesindel, von jungen Burschen in Windjacken, denen man es ansieht, daß sie entweder nicht Mehrarbeiten wollen oder können, von Nowdis in guter und schlechter Kleidung, die allabendlich, wenn es dunkel wird, irgendeinem Abenteuer nachgehen. Bei einem der leichteren und schweren Zusammenstöße während des Wahlkampfes gab es aus völkischer und Neichsbannerseite Verwundete. Der Berichterstatter der „Ostdeutschen Morgenpost" war so unvorsichtig, von Verlusten der „Landesschützen" zu sprechen. Hier wird von den zuständigen Stellen nach dem Rechten gesehen werden müssen, auf daß das oberschlesische Land von der Gefahr der Landesschützen, die offenbar als die Kerntruppe der völkischen Organisationen angesehen werden müssen, beschützt werde. Der Terror während der Wahlen, der durch das erst in der Entwicklung befindliche Reichsbanner nur in seltenen Füllen gebrochen werden konnte, bedeutete für jeden — es ist keine Uebertreibung —, der sich aktiv gegen die Völkischen betätigte, eine Lebensgefahr. Die Oberschlesier habyn sich in einer Zeit größerer Leiden an diese unhaltbaren Zustände so gewöhnt, daß sie ihnen fast unempfindlich gegenüberstehen. Der öffentliche Sicherheitsdien st hierzulande wird an Haupt und Gliedern reformiert werden müssen, wenn das arbeitsfrohe oberschlesische Land nicht in der Achtung der gesamten Kulturwelt sinken und in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen werden soll. Das Ergebnis der ReichsLagswahl zeigt zunächst einen empfindlichen Verlust der Kommunistischen Partei, die rund 50000 Stimmen eingebüßt hat, d. h. 40 Prozent gegenüber den Erfolgen der Wahl am 4. Mai. Selbst die in Oberschlesien in diesen Tagen brutal in die Erscheinung getretene k o m m u n i st i s ch - v ö l k i s ch e Verbrüderung — gegenseitiger Beifall in Versammlungen war an der Tagesordnung — konnte die schwere Niederlage der Kommunistischen Partei nicht verhindern. Die Zweitgrößten Verluste haben die Deutsche Volkspartei und die Partei des Herrn Knüppel-Kunze mit 34 Prozent. Ganze Ortsgruppen Kunzes sind zu den Völkischen übergegangen. Geradezu katastrophale Niederlagen erlitt Kunze in Leobschüh und Kreuzburg, wo er über die Hälfte seiner Anhänger verlor, ferner in B e u t h e n, wo sein Anhang von 1683 Stimmen am 4. Mai aus 723 zusammenschmolz, und in Ratibor, wo er von 1031 Stimmen 567 rettete. Auch in G l e i w i tz hat er genau die Hälfte seiner Mitgliederzahl verloren. Trotz wüstester Agitation mußte sich die Völkische Freiheitspartei eine Stimmeneinbuße von 32 Prozent gefallen lassen. Den stärksten Verlust haben die um Gräfe und Wulle in Gl ei Witz zu beklagen, wo von ihren 2675 Getreuen vom 4. Mai nur noch 1290 übriggeblieben sind. Ungeheuerlich war der Zusammenbruch in Le ob schütz, wo von 994 Wählern am 4. Mai nur noch 228 Freiheitsparteiler übrig geblieben sind. Aber auch in Neiße sank die Ziffer von 638 auf 269, in Neustadt von 1036 auf 585, m Oppeln-Land von 1073 auf 645, in Hindenburg-Land von 2682 auf 1812, in Tarnowitz von 470 auf 200. Verluste, wie die in B e u t h e n, von 1355 auf 1065 und Beuthen-Land von 1142 auf 884 waren Durchschnitts- Verluste. Die Demokraten, die wahrscheinlich einen Teil ihrer Wähler an die Wirtschaftspartei abgegeben haben dürften, haben 29 Prozent Verluste, die Polen 26 Prozent, Sozialdemokraten und Deut sch nationale 20 Prozent. Der ehrgeizige deutschnationale Kandidat Dr. Kleiner ist also vom Land der Sehnsucht, dem Reichstag, weiter entfernt als am 4. Mai. Am besten hat sich das Zentrum gehalten, dessen Verlust nur 0,25 Prozent beträgt. Den Hauptanteil an diesem guten Ergebnis ist dem Siegeszug des Reichskanzlers a. D. Dr. W i r t h durch das oberschlesische Wahlgebiet zuzuschreiben. Es ist kein Geheimnis, daß in Oberschlesien bei dieser Wahl auch eine Anzahl jüdischer Stimmen dem Zentrum zugefallen sind. Mögen unsere Freunde aus diesem Bericht, der nur einige Streiflichter auf die Wahlen werfen kann, ersehen, daß sich unser stolzes Banner: „Für Deutschtum und Judenturm wieder aufs beste bewährt hat. Unter diesem Banner können wir uns tapfer schlagen; dreM Banner wird uns zum Siege führen trotz alledem. Im Hamburger Hof zu Beuthen fand am Sonntag' nachmittag eine kleine Ferer statt, die einen Dank des Central-Vereins an die „Kameraden" für ihre überaus eifrige Hilfe bei der Wahlarbeit Ausdruck geben sollte.

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