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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 588

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 588 (sequence 4)
Language
German
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Nach -er Schlacht. ltentral-Vereins-^rbeit währen- -er oberfchlesifchen Neichstagswahlen. Von Artur Schweriner. z. Z. VeuLhen (O.-S.), den 22. September 1924. Wahltag . . . Ein Flugb'latLregen geht auf B e u t h e n nieder. Das Auto der DeuLschvölkischen Freiheitspärtei ist mit einer blutigroten Hakenkreuzsahne geziert. In schneller Fahrt eilt es durch die Straßen der Stadt, so daß ein ihm folgendes Lastauto alle Mühe hat, den Hatenkreuzler nicht aus den Augen zu verlieren. Alle Blicke lenken sich auf dieses Lastauto, das nnt großen, gelben Plakaten beklebt ist, auf denen in Riesenlettern sich ein Berschen findet, das dem Geschmack des oberschlesischen Wahlpublikums Rechnung trägt Wähler, sagt: Gefällt euch das? Hetze ohne Unterlaß? Hilft euch blöder Judenhaß? Wollt ihr noch tiefer in den Dreck? Hat Maulaufreißen einen Zweck? Von Völkischen die Hände weg! Zwei Männer in Deckung werfen Flugblätter in die Massen, die, je nach ihrer politischen Einstellung, das Lastauto freudig oder mit gehässigen Blicken betrachten. Die „neutrale" Beuthener „O st - deutsche Morgenpost", die im redaktionellen und Inseratenteil den deutschvölkisch Gesinnten weitestgehende Konzessionen machte, eine Gräfe-Versammlung freundlich empfahl und eine deutschn a t i o na le Schmähanzeige gegen „Wucherer und Juden" durch eine lendenlahme Entschuldigung nicht einmal abschwächen konnte, hatte die Ausnahme eines kleinen Gedichtchens verweigert, das nun aus diesem Wege zur Kenntnis der Bevölkerung gebracht werden mußte. Es hat sich hier wieder einmal gezeigt, daß die Entgiftung in dieser Form in den breiten Massen von bester Wirkung ist; daß es nicht darauf ankommt, große Flugblätter mit langatmigen Ausführungen kurz vor der Entscheidung in die Massen zu werfen, sondern daß in der den besonderen örtlichen Verhältnissen an gepaßten volkstümlichen Form und in der Kürze dieWürze liegt. In der Nacht vom Sonnabend Min Sonntag waren Mitglieder unseres Beuthener Vorstandes, darunter die nimmermüden, mit seltener Treue sich in den Dienst der Centralvereinsarbeit stellenden Herren Ernst Behrendt und Reich in direkte Lebensgefahr gekommen. Auf einer nächtlichen Streife waren sie von mehr als drei Dutzend deutschvölkischen Windjacken umzingelt worden und konnten nur noch mit Not und Mühe Rettung i-m „Kaiser h o s" suchen, der von den Horden bis morgens um 6 Uhr belagert und aus ohnmächtiger Wut mit riesigen Hakenkreuzen in dOelsarbe verziert wurde. Wahrend allenthalben irn Deutschell Reich der F r o n t b u n d in dieser mit körperlichen Gefahren verbundenen Arbeit durch den Mut seiner Anhänger seinen Mann sehr gut stand, war in verschiedenen Orten des oberschlesischen Bezirks der Central-Verein leider ganz allein auf sich angewiesen. Vorbildlichen Eifer in der Kleinarbeit zeigten dreißig „Kamera d e n" und „K ameradinne n", die Flugblätter aus der Straße verteilten, die Sondernummern „Oberschlesien" der „C.-V.- Zei-tung" in die Häuser brachten und den recht uustangreichen Drucksachen- und Paketversand an die Ortsgruppen und Vertrauensleute mühelos bewältigten. Am Sonnabend nachmittag wurden in allen Ortsgruppen rote Zettel in jeden jüdischen Haushalt getragen, in denen auf die Notwendigkeit, eine n i ch t a n t i se mi tis ch e Liste zu w äh l e n un d jede jüdische Stimme abzugeben, dringlich aufmerksam gemacht wurde. Sehr wirksam waren die Flugblätter des „Republikanischen Reichsbundes", in denen daran erinnert wurde, daß nach der Aussage Kunzes Reichstagsabgeordneter W u l l e den „arbeiterfreundlichen" Ausspruch getan hat: „Je mehr Arbeiterkinder verrecken, desto besser", und daß Herr Kunze in Neiße a m 13. S e p t e m - ber gegenüber „Berichtigungen" des Herrn Wulle erklärt hat, er werde vor Gericht den W ah rheitsbeweisantreten. Die Flirgblötter der Gegner, der Völkischen wie der Kunze-Leute, brachten eigentlich nichts Neues. Man las immer wieder nur die tausendfach abgedroschenen Beschuldigungen, daß die Juden an allem Unglück schuld seien. Es verlohnt sich nicht an dieser Stelle, auch nur ein Wort über diese sattsam bekannten Unflätigkeiten zu verlieren. Neu und interessant war, daß sich auch in den Flugblättern „Deutsch,völkische Freiheitspartei" und „Deutsch-soziale Partei" ganz gehörig in den Haaren lagen. Von geradezu sensationeller Bedeutung wird für unsere Freunde die Mitteilung sein, daß ein Flugblatt der „Völkischen Freiheitspärtei" Stellen aus einem Flugblatt des Central-Vereins gegen Kunze fast wörtlich übernommen hat. In einem „M änner und Frauen Oberschlesiens" gerichteten Wahlaufruf der „Deutschvölkischen Freiheitspartei" wird die Frage aufgeworfen: „Oberschlesisches Volk, wen wählst du am 21. September?". Da heißt es wörtlich: Herrn Richard Kunze? Den deutschsozialen Helden von Gardelegen? Der Mann der Etappe? Der im Lager Gardelegen aus Stiefeln Seckt trank, während unsere Frontsoldaten draußen verbluteten? Der jetzt genau weiß, daß jede für die Deutschsoziale Liste abgegebene Stimme von vornherein verloren ist und der dennoch mit einer unerklärlichen Eitelkeit die völkische Sache zersplittert und schädigt? Alle jüdischen Schreibstubenhelden mögen Richard Kunze wählen, ein deutscher Mann wählt ihn nicht! Von den Deutsch-nationalen wird in diesem Flugblatt gesagt, daß sie am 29. August die deutsche Eisenbahn an die internationale Hochfinanz verhökert hätten, dann selbst Ersüllungspolitiker geworden seien, um sich mit jüdischer Hast an die Futterkrippe zu drängen. Eine antisemitische Extratour leisten sich die Deutschnationalen in einem S ä u le n a n s chla g, der die völkischen Schäflein in den deutschnationalen Stall treiben sollte. Auch' die Polnischen Flugblätter hielten sich nicht von a n t i s e m itischen Schlagwörtern fern. Kunze war so „deutsch" und unvorsichtig, sich den Polen in einem polnischen Flugblatt als „Kuncy" zu empfehlen. Wie niedlich: Knüppel-Kuncy! Mit großer Genugtuung kann sestgestellt Vierden, daß die den Wahlkampf beherrschenden Flugblätter und offiziellen Organe des Zentrums in so überzeugender Weise mit dem neugermanischen Heidentum der Völkischen und den koinmunistischen Agitationsmethoden des Herrn Knüppel-Kunze abrechneten, daß jeder einsichtige Mensch belehrt und bekehrt werden mußte. In der Nummer 17 der „O b e r s ch l e s i s ch e n Zeitun g" vom 17. September finden wir beispielsweise einen bedeutsamen Aufsatz. Unter der Ueberschrift „Bedenkliche Jugendvergift u n g" wird hier über eine Versammlung berichtet, in der der völkische Reichstagsabgeordnete Tittmann sprach. Wir können an dieser Stelle die sarkastische Abrechnung mit den Hetzereien des Tittmann nicht wiedergeben. Wir empfehlen unseren Freunden, sich diese Nummer zu besorgen. Charakteristisch für die oberschlesische Wahl selber sind aber die einleitenden Sätze, aus denen deutlich hervorgeht, wie systematisch auch in diesem Wahlkampf besonders die Schüler der höheren Lehranstalten von ungebildeten , völkischen Hetzaposteln vergiftet wurden: „Montag abend ... Der Saal von Pawelczyk in Beuthen-Roßberg ist dicht gefüllt. In der überwiegenden Mehrzahl Jugendliche bis herunter zum Alter von zwölf Jahren. Hosenmätze aus den höheren Lehranstalten, mit dicken Eichenknüppeln versehen, die Wissensdurst zu Pawelczyk getrieben hat. Redner des Abends: ein völkischer Reichstagsabgeordneter, städtischer Schwimmeister in Zwickau, Buch« drucker und Schriftsteller zugleich. Seit 1919, also schon seit seinem 21. Lebensjahre, erleuchtet der Benjamin des Reichstages bereits seine völkische Anhängerschaft in Wort und Schrift und wird auch in Beuchen für Sekundaner und solche, die es werden wollen, zum Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen ... Welcher Art ist diese Erleuchtung? Unwillkürlich mußte man sich bei Pawelczyk nach Leipzig in den Sitzungssaal des Staatsgericht shofes versetzt fühlen, wo unmündige Kinder auf der Anklagebank saßen und "immer wieder zu ihrer Verteidigung erklärten, sie ö , hätten das geglaubt, was in der völkischen Presse über die Gemeingefähr lichtest Rathenaus geschrieben worden wäre. Und als man in Roßberg bei den tollsten Behauptungen und Beschuldigungen gegen alles, was nicht völkisch ist, den frenetischen Beifall gerade der Jugendlichen hörte, die in Begeisterung minutenlang mit ihren Knüppeln aus den Boden stampften, mußte jedem ruhigen und besonnenen Manne in dem Versammlungslokal die entsetzliche Erinnerung an die Mordasfären Erzberger - Rathenau ins Gedächtnis gerufen werden." Reichskanzler a. D. Dr. W i r t h hat in überfüllten und von den vergeblich Einlaß suchenden Masten umlagerten Volksversammlungen eindringlich die Gefahr der antisemitischen Verhetzung geschildert. Unter nicht endenwollendem Bestall hat Dr. Wirth am 17. September im „Schütze n h a u s" zu V e u L h e n an seine Freunde als katholischer C h r i st die Bitte und Mahnung gerichtet, in keiner Form Bewegungen mstzumachen oder zu unterstützen, die geeignet seien, Teilen unserer Mitbürger, unserer Mitb r ü d e r , staatsbürgerliche Rechte verkümmern zu wollen. Für einen Katholiken, der seine Sache e r n st nehme, wie für jeden treuen Staatsbürger sei jeder

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