Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-09-25 · 39 (25.9.1924) · p. Seite 587

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
39 (25.9.1924)
Date
1924-09-25
Page
Seite 587 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277502--01477-2280722
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

587 endgültig abgeschlossen, niemals nimmt das' sittliche Leben, niemals die Weltgeschichte ein Ende, sondern in jedem Augenblicke beginnt eine neue Welt, ein neuer Rechtsgang, und immersort schasst, bis zur Stunde seines Todes, der Mensch die Grundlagen für ein neues Urteil. Wohl wird die Welt immer gerichtet. Aber die Religion hat einen Tag geschaffen, der ganz dem Gedanken des Gerichtes geweiht ist, so daß er für uns vor allen anderen zum Gerichtstag geworden ist. Sie hat den Rosch haschonoh eingesetzt. Er führt uns zunächst zum Gedanken an uns selber, an Wege und Irrwege, und an den sichtbaren oder unsichtbaren Zusammenhang zwischen unserem Tun und Treiben und unserem Schicksal. Aber er leitet uns über unser Ich hinaus zum Gedanken an die großen Gemeinschaften, denen wir angehören, an das Judentum, an das Vaterland, an die t Menschheit. Ist er doch mehr, als nur der Tag des Gerichtes über die einzelne sündige Seele, ist er doch der Tag des Weltgerichts. So verkündet es unser Mussas-G-ebet. „lieber die Länder wird an ihm das Urteil gesprochen, welchem Krieg und welchem Friede, welchem Sättigung und welchem Hungersnot bestimmt ist." Weit über den engen Kreis der Individuen mir ihren persönlichen Sorgen und Nöten hinaus fällt Gott den großen, gewaltigen Spruch der Welt ge schichte. Und auch für die Länder und Völker, auch für die Religionen und auch für das Judentum gibt es kein Fatum, wohl aber ein Urteil. Auch in den Geschicken des Judentums und des deutschen Judentums, die wir in den stillen Stunden unseres Festes bedenken, offenbart sich Gottes Wahrspruch. Von unserem Persönlichen Tun und Lassen führt eine Brücke auch zum Geschick des Judentums. Wir liefern Gott die Grundlage zu seinem Verdikt, und seine Entscheidung wird sich ändern, wenn wir anders werden. Es gibt eine Umkehr und Nerie nicht nur für mich und dich, sondern auch für die ganze jüdische Gemeinschaft. Die Zukunft bleibt immer offen, und der Lauf der Welt kann immer eine andere Richtung nehmen. Die Verzweiflung, die glaubt, die Weltgeschichte sei am Ende, und an ihrem Ergebnis sei nichts mehr zu ändern, ist Unterwerfung unter ein Fatum und fern von dem jüdischen Glauben an Gottes Gericht und an die Möglichkeit eines neuen Urteils. Zu den schweren Sünden unserer jüdischen Gegenwart gehört deshalb die Resignation, mit der so viele Juden an der Zukunft des Judentums verzweifeln, die Gleichgültigkeit, mit der sie glauben, daß notwendig und rettungslos „der Untergang der deutschen Juden" bevorstehe, durch das Versiegen der Geburten von innen oder durch die Wut des Judenhasses von außen. Ob es sich um Deutschland oder ob es sich um das Judentum handelte, der echte Jude hat immer jenen Glauben an die Zukunft bewahrt, verenge Zusammenhängt mit der Ablehnung des Fatums und mit dem Glauben, der Gottes Führung als ein Gericht deutet. „Als Kosziusio sein Finis Poloniae rief, da lag er Zertreten unter den Hufen der feindlichen Rosse. Die Behaglichkeit aber, mit der heute Buben an der Zukunft des Vaterlandes verzweifeln, gehört ZU den widerwärtigsten Erscheinungen unserer Tage." So ähnlich hat einer der besten deutschen Juden, hat Gabriel Rieß er als Abgeordneter auf der Tribüne der Paulskirche ausgerufen. Dieses pathetische, aber wahre Wort gilt auch für das Judentum. Der Glaube an Gottes Gericht ist eine der Quellen, aus der sich alle erquicken, die für unser Recht kämpfen. Er sei für jeden ein Führer in der Erforschung des Gewissens an den kommenden heiligen Tagen! Dann wird nicht nur für unsere Person, sondern auch für unser Judentum unsere Umkehr unser böses Geschick wenden. Auf ein Ersuchen des Redakteurs von „T h e I e w i s h F o r u m", Jsaac Rosengarten, hat Präsident Coolidge in einem Briefe eine Botschaft an die amerikanischen Juden erlassen. In dem Briese, der durch Herrn Rosengarten veröffentlicht wurde und in „The Evening Bulletin", Philadelphia, vom 12. August 1924 abgedruckt war, schreibt Präsident Coolidge: „Das jüdische Neujahr, Rosch haschonoh, das in diesem Jahre am Abend des 28. Septembers beginnt, ist einer der bemerkenswertesten Tage im jüdischen Kalender. Auch für die nichtjüdische Bevölkerung hat es eine besondere Bedeutung. Die Juden dieses Landes werden sich m dickem Tage dankbar des glücklichen Geschickes bewußt, das ihnen unter den amerikanischen Einrichtungen, welche die Gleichberechtigung aller Bürger sichern. Zuteil geworden ist. ^Man kann ihnen gratulieren zu ihrem hervorragenden Geist, mit dem sie sich den Zwecken und Bestrebungen der Landespolitik angepaßt haben. In einem Lande, dessen Gesetze keine bevorzugte Rasse, Gruppe oder Religion kennen, haben sie ihren Weg gemacht, weil sie ihr feines Empfinden für verständnisvolle Mitarbeit Zum Wohle der Allgemeinheit bewiesen haben." Nach der lleberlieferung begann am ersten Tischri, dem ersten Tage des Rosch haschonoh-Festes, die Weltschöpsung, und alljährlich hält Gott an diesem Tage Gericht über seine Schöpfung. Er ist somit ein allgemeiner Gerichtstag, an dem Gott das Schicksal aller bestimmt. Es-ist ein Grundgedanke des Judentums, daß Gott allein der Weltrichter ist; er regiert und richtet alle Menschen ohne Mittler, wie der Mensch sich seinem erhabenen Throne ohne Vermittlung und ohne Fürsprache nahen kann und soll. Jeder ist somit durch sein eigenes Tun und Lassen Herr seines Schicksals. Wenn auch mitunter in der Liturgie für das Rosch haschonoh-Fest an das „Verdienst der Vater" erinnert wird, so geschieht dies lediglich aus dem demütigen Bewußtsein heraus, daß kein Mensch vor Gott als vollkommen gerecht erscheinen kann. Ein weiterer Gedanke, der sich an das Rosch haschonoh-Fest knüpft, ist der von der alleinigen Weltherrschaft Gottes. Gott ist König über die ganze Erde, über alle Völker, und soweit seine Herrschaft noch nicht von allen Menschen anerkannt ist, wird der Wunsch und die Hoffnung ausgesprochen, daß sie dereinst von allen anerkannt werden möge. Das ist die Herrschaft des Rechts und der Gerechtigkeit, der wahren Frömmigkeit, durch die alle Menschen einen Bund bilden werden, um Gott aufrichtig zu dienen. Bereits in sehr früher Zeit bildeten diese religiösen Vorstellungen den Mittelpunkt der Rosch haschonoh-Feier, und auf ihnen begründet sich die Liturgie für diesen Tag. Was aber den Gottesdienst des Rosch haschonoh-Festes hauptsächlich nuszeichnet, das ist sein universaler Charakter, der Gedanke, daß dieser Tag nicht bloß für die Juden von wichtiger V e d e u t u n g ist, sondern für die gesamte Menschheit. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß nach dem leitenden Gedanken in der Rosch haschonoh-Liturgie dieses Festck> wohl von Juden gefeiert wird, aber nicht für sich allein, sondern für alle, die in Gottes Ebenbild geschaffen sind. Der Universalismus kommt schon in feierlicher und erhebender Weise in der Einleitung zu allen Hau Pt gebeten des Rosch haschonoh-Festes zum Ausdruck. .,So lasse denn kommen. Ewiger, unser Gott,' Deine Furcht über alle Deine Geschöpfe und ehrfürchtiges Bangen vor Dir über alles, was Du erschaffen, daß Dich alle Deine Geschöpfe fürchten, alle Wesen sich vor Dir bücken, daß sie alle einen Bund bilden mögen. Deinen Willen mit ganzem Herzen zu tun, wie wir es erkennen. Ewiger, unser Gott, daß die Herrschaft bei Dir ist, alle Macht in Deiner Hand und alle Kraft in Deiner Rechten und Dein Name erhaben über alles, was Du geschaffen." Und ebenso schließt das eigentliche Gebet für das Rosch haschonoh-Fest mit der Brite: „Unser Gott und Gott unserer Väter! O regiere über die ganze Welt in Deiner Herrlichkeit und erhebe Dich über die ganze Erde in Deinem Glanze und strahle aus in der Pracht der Hoheit Deiner Majestät über alle Bewohner Deines Erdenrundes, und ^erkennen möge jedes Geschöpf, daß Du es geschaffen, und erfahren jegliches Gebilde, daß Du es gebildet hat, und alles, was Odem hat, möge sprechen: Der Ewige, der Gott Israels, ist König und seine Herrschaft walte über alles." Eine der schönsten Stellen in der Liturgie für das Mussaphgebet am Rosch haschonoh ist der Hymnus: „Du gedenkst, was geschehen ist, von Ewigkeit, und hast vor Augen alle Geschöpfe seit Anbeginn; vor Dir sind offenbar alle Geheimnisse und die Fülle dessen, was verborgen ist, seit der Weltschöpfung. Kein Vergessen gibt es vor dem Throne Deiner Herrlichkeit, und nichts ist verborgen vor Deinem Auge. Du gedenkst aller Geschehnisse, und auch kein Geschöpf entgehet Dir. Alles liegt offen und bekannt vor Dir, Ewiger, unser Gott, der Du schaust und blickst bis ans Ende aller Zeiten! Denn Du lassest eintreten die festgestellte Zeit der Rechenschaft, daß zur Prüfung komme jeglicher Geist und jegliche Seele und ins Gedächtnis die zahllosen Werke, und der Wesen Menge in ihrer unübersehbaren Fülle. Vom Uransange an hast Du solches kund gemacht und im Zeitbeginne es offenbart. . . . Auch des Noah gedachtest Du in Liebe, und bedachtest ihn mit der Verheißung des Heils und des Erbarmens . . . Darum kam sein Gedächtnis vor Dich, Ewiger unser Gott, seine Nachkommenschaft zu mehren wie denStaub des Erdenrundes und seine Sprossen wie den Sand des Meeres." Zu der Rosch haschonoh-Liturgie gehört auch der bekannte Hymnus „A l e n u l e s ch a b e a ch", der von da^in die tägliche Liturgie übernommen wurde. Eine Stelle aus diesem Gebet möge hier wiedergegeben werden: „Darum hoffen wir auf Dich, Ewiger, unser Gott, bald zu schauen den Glanz Deiner Allmacht, daß Du die Götzen von der Erde wegräumst und alle die eitlen Wahngebilde gänzlich vertilgest, auszurichten die Welt durch das Walten des Allmächtigen, auf daß alle Menschen Deinen Namen anrufen und sich Dir auch alle Frevler auf Erden zuwenden, daß alle Bewohner des Erdenrundes erkennen und einsehen, daß sich vor Dir jedes Knie beugen und jegliche Zunge bei Dir schwören soll." Die hier angeführten Gebetstücke, eine Auswahl von vielen anderen ähnlichen, zeigen, wie gerechtfertigt die Ausführungen des jüdischen Religionsphilosophen Philo von Alexandrien sind, der sich darüber wie folgt äußert: „Darum ist es mir erstaunlich, wie manche Menschen es wagen können, einem Volke Menschenseindschaft zur Last zu legen, dessen Gemeinsinn und Liebe zu allen Menschen aller Orten so weit geht, daß es sogar seine Gebete, Festfeiern und Opfer im Namen des gesamten Menschengeschlechts verrichtet und dem wirklich seienden Gott sowohl in seinem eigenen Namen dient wie in dem der anderen Völker, die sich der Pflicht dieses Dienstes entzogen haben." I. Bernfeld.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.