Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 Güte des Herzens geschenkt, die das scharfkantige Begreifen zum glättenden, harmonisierenden Verstehen werden laßt. Der Ethiker in ihm konnte so die Begriffe des Guten und des Bosen, das im Menschen schlummert und in dessen Gesinnungen wach wird und in dessen Handlungen zutage tritt, mit jener Klarheit aufgreifen, die nicht so sehr am Schreibtisch aus dem Studium der Bücher gewonnen wird, die vielmehr mt§ der lebendigen Beziehung 311 den Menschen da draußen, ihren Strebungen und Wünschen, ihrem Tun nnd Lassen erwächst. Daß die sittlichen Werte des Sterblichen sest im Ewigen verankert find, hatte einen Moritz Lazarus seine Religion, die jüdische Frömmigkeit feine» Elternhauses, zumal die Persönlichkeit seines innig von ihm verehrtem ebenso gütigen wie gelehrten Vaters erkennen lassen. In dieser Quelle seines äußeren und inneren Seins entspringt, sein echtes und starkes religiöses Bewußtsein, das ihn Zeit seines Lebens nicht verlassen hat, das ihn von zartester Kind- ’ljeifc an auch innig verbunden hat mit der Gesamtheit jüdischen! Schrifttums. So ward der Weltweise zugleich der Gottesgelahrte;; dem Philosophen, dem Psychologen, dem Ethiker verband sich in ihm der Theologe. Wer aber die Fülle dieser Momente in sich ververeinigte, der mußte auch sein und ward auch der ausgezeichnete Pädagoge mit den überragenden Ideen des weitblickenden Volkserziehers. Dazu kam die wunderbare Beherrschung der Sprache. Ob es gesprochen oder das geschriebene Wort war — ein Meister hat eZ gehandha-bt, wenn sich Moritz Lazarus den Menschen mitteilte. { Zugleich ein Redner und ein Schriftsteller allerersten j iRanges hat in ihm gelebt. Seltsam mag es berühren, daß dieser < Mann, der Träger solcher Fülle der Gedanken, der geistigen Werte. ] \'ai\ä) mit den materiellen Dingen unseres Daseins besaßt war. Mag -ihn dazu auch die vielleicht noch später nachwirkende Tatsache geführt j haben, daß er als Jüngling eine Zeit seines Lebens dem Beruf des ] Kaufmanns gewidmet war, oder daß äußere, an ihn sich heran- 1 ' drängende Umstände ihn dazu veranlaßt haben, es liegt hierin auch | i wieder der Ausdruck derselben Grunderscheinung^ Vereinigung der j Gegensätzlichkeiten im Menschen. 1 Diese, wenn auch mehr ungewollte Verknüpfung mit der: Reaki- \ , täten des Lebens gab ihm freilich die Kraft und die Geschicklichkeit, j i seine Ideen und Gedanken, seine Absichten und Wünsche 31t verwirk- | lichen, Gesinnung nnd Handlung, Theorie und Praxis in seiner Person! izu verknüpfen. Wie hat er es doch verstanden, in einer großen, großen j Reihe von Vereinen nnd Verbänden, Institutionen und Organisationen j das geistige und materielle Wohl der Gemeinschaft, in der er lebte j und für die er strebte, zu gestalten und zu fördern. Wo der Rahmen j für solche Arbeit, die er als notwendig erkannte, nicht vorhanden j war, hat'er ihn erst selbst geschaffen, und manche bleibende Einrich-! tung, die noch heute reichen Segen spendet, ist so erstanden.. Noch , viel weniger freilich kann die Zahl der Einzelpersönlichkeiten ermessen j!werden, denen er tatkräftige Hilfe allezeit in freundlicher Bereit-? ' schaft geleistet hat.! ) Diese besondere Eigenart seiner Persönlichkeit in ihren nach allen I Dichtungen ausstrahlenden Kräften zwingt uns zu dem Geständnis, i!daß unter den deutschen Juden des 19. Jahrhunderts kaum einer eine j l solche Fülle der Beziehungen zu den verschiedenartigsten Menschen nnd j -Dingen besessen hat wie Moritz Lazarus. And doch — trotz dieser j Vielseitigkeit ist und bleibt er uns der schönste Typus eben des! deutschen Juden. Diese beiden Quellen unseres kulturellen; ' Seins, Deutschtum und Judentum, sind in ihm zu einer unlöslichen j Einheit verbunden. Für ihn hat es in keiner Zeit seines Lebens ein j Schwanken nach der einen oder anderen Richtung hin gegeben, daß er j je die eine oder andere Seite seines Wesens hätte beiseite schieben j wollen. Immer war er der Deutsche nnd der Jude oder der Jude I und der Deutsche zugleich, der niemals die Frage nach dem Vorrang! der einen oder anderen dieser Wurzeln seinB Seins gestellt hat. In j voller Bewußtheit seiner Auffassung war er allezeit ein Deutscher von | Nation imb ein Jude von Religion! j „Aus Religion" und im heißen Bemühen um die Erhaltung und < Wahrung dieser seiner jüdischen Religion für seine Glaubensgemein- ) schaft wurde er ein überzeugter Führer in der Reformbewegung des j deutschen Judentums. Doch wunderbar, dieser ausgesprochen liberale j Jude fand Anerkennung und Wertung ferner jüdischen Persönlichkeit; auch im konservativen Lager. Denn man wußte dort, daß er mit | heiliger Ehrfurcht die inneren Mächte und äußeren Formen des j Judentums betrachtete und bewertete, mochte ihn auch sein kritischer ' Geist nnd sein klarer Blick für die Notwendigkeiten des Lebens selbst I Zu weitgreifenden Änderungsvorschlägen fuhren. Ihm kam es im ' besonderen auch hier daraus an, die Gegensätzlichkeiten, die sich Zwischen Leben und Lehre herausgebildet hatten, zu überbrücken. „Die Einung des Herzens", d. i. die Schlichtung alles Zwiespältigen, die Aeberwindung alles Gegensätzlichen, die Harmonisierung aller Wesenskräfte in der eigenen Persönlichkeit war Moritz Lazarus das Hochziel seines Strebens nach menschlicher Vervollkommnung. Hinaus über diese „innere Harmonie", die er für sich gewollt und erwirkt hat, aber im unlöslichen Zusammenhang mit ihr, war in ihm ein heißes Verlangen und ein unermüdliches Ringen, Harmonien zu schaffen unter den Menschen rings umher. Ein gütiges Geschick hat ihm die Eindrücke schrillster Disharmonien erspart, von denen unsere Welt nun schon seit Jahr und Tag erfüllt ist. Erinnerung, die sein lOOjahriger Geburtstag erstehen läßt, sollte uns aufrufen, daß wir uns alle freubiß und arbeitsbereit einem Leben zuwenden, dessen Sinn beseelt ist vom Geiste eines Moritz Lazarus. Lazarus and Stemthal. Das Bild, welches unsere La za r 1 t s -Gebe nknummer von denr ausgezeichneten Philosophen und hervorragenden Menschen entwirft, würde nicht vollkommen sein, wollten wir nicht noch mit wenigen Worten seiner Beziehungen zu Steiuthal gedenken. Man sollte sich stets dessen bewußt sein, daß sie D i v s k u r e n waren, ein Doppel, gestirn, das sich gegenseitig strahlend erleuchtete. In den dankenswerten „Lazar u §-Tt udien"y von Professor Alfred Leicht (Nbeihen), einer Schrift, die als Gymnasialbeilage heute den Wert eines Manuskriptes hat, finden sich uns zur Verfügung gestellte wertvolle Zeilen über die Beziehungen beider und vor allem ein Beleg darüber, wie sehr Steinthal Lazarus bewundert hat. Steinthal schreibt an Lazarus, als er ihm feine „Einleitung in die Psychologie und Sprach- Wissenschaft" widmete: „Wofür ich Dir danken will, ist nicht etwas, 'was man aussprechen, nicht dies und jenes, worauf man Hinweisen kann. Wäre es dies, so wäre es nicht viel. Es ist aber ganz etwas anderes —' so etwas wie Sonnenschein, welcher den Keim sich entfalten läßt. . .* In einem Gratnlati0nsb riefe vom Jahre 1867 sagte er ferner: „Es ist wohl nicht möglich, in einer Formel alle Beziehungen zusammenzusassen, die uns verbinden." Beide Männer, das steht fest, haben ihre Freundschaft als ein Mysterium betrachtet, und darum hat Professor Alfred Leicht recht, wenn er sagt: „Der Streit, wer von beiden der Größere war, ist zum mindesten unfruchtbar." Wie sich das deutsche Volk, ohne über den Größeren zu klügeln, Goethes und Schillers erfreut, und sie, wie der geniale Meister sie nebeneinander gestellt, auch seelisch verbunden und als ein Ganzes genießt, so wollen wir deutschen Inden Lazarus und Steinthal als ein doppeltes Gnadengeschenk der Vorsehung lieben und ehren " §. Treue dem deutschen VaecrLarrDe. Völlig, ganz rückhaltlos sind wir als Inden nichtsdestolveNiger vollauf Deutsche. Die deutsche Sprache ist unsere Muttersprache und das deutsche Land ist unser Vaterland; wie wir deutsch reden narp denken, wie unsere Seele durch deutsche Dichtung und Wissenschaft erfüllt und gebildet ist, also wirken wir mit Geist und Herz, nach dem Maße unserer Kraft, an deutschen Werken; die Größe, Hoheit nnd Macht der deutschen Nation ist die Sehnsucht unseres Gemütes. In Alltagswerken arbeiten wir mit an deutschem Nationalwohb stand, schaffen in Gewerbe!:, in Wissenschaften und Künsten mach deutscher Art und für deutsche Ehre; 'wenn aber die Stunde der Begeisterung schlägt, wenn der deutsche Nationalgeist in Taten oder in Erinnerungen zu höchster Stimmung und Spannung sich erhebt, dann stehen wir in Reih und Glied mit allen treuen Söhnen der Nation. Wenn unser Blut auf denr Felde der Ehre für deutsche Sache vergossen wird: wer, der ein echter Deutscher ist, will es gering schätzend .... <Aus: „Treu -und Frei".) Lazarus als Vorkämpfer Des C. V.-GeDaMerrs. Arn 2. Dezember des Jahres 1879 bin ich, soviel ich weiß, als der erste, hier in Berlin gegen die antisemitische Bewegung mit einem Vorträge: „Was heißt national?" ausgetreten; mit wissenschaftlichen Gründen habe ich das irrige und nichtige Vorurteil bekämpft, als ob die deutschen Juden von der Gesamtheit des deutschen Volkes wie eine nationale Besonderheit verschieden wären. . . Darauf wurde das Bedürfnis, gegen den Antisemitismus mir vereinigten Kräften anzukämpfen, vielseitig empfunden. Die Beratungen verschiedener jüdischer Kreise — ohne mich und mit mir — eine Organisation dafür zu schaffen, waren aber alle im Sande verlausen ... Da „faßte ich mein Herz in meine Hände" und berief, ich allein, auf den 1. Dezember 1880 eine Versammlung von jüdischen Männern, um Rat zu schassen. In dieser Versammlung habe ich die Ziele und Wege unserer gemeinsamen Tätigkeit gegen die jndenfeiudliche Agitation dargelegb Nach dem Schluß dieses Vortrages wurde folgende Resolution beantragt und einstimmig angenommen: „Die Versammlung spricht ihre Zustimmung zu dem vom Vorsitzenden entwickelten Gedanken aus. Sie erhebt entschieden Einspruch: 1. gegen den in der Agitation der sogenannten Antisemiten immer wieder gemachten Versuch, die Gesamtheit der deutschen Juden für Taktlastgleiten und Vergehen einzelner verantwortlich zu machen; 2. gegen das unwürdige Bestreben, die deutschen Juden als eine anßerhalb der Gesamtheit des deutschen *) Alfre-d Leicht: Lazarus-Studien, Meißen 1912. Druck von C. E. KlinkiHL.