Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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572 Wi twe heraus gegebenen Erinnerungen „Aus meiner Jugend" (Frankfurt 1913) aufge richtet. Mit Genugtuung liest mau, wie der Sohn, der doch inzwischen zu so hohem Ansehen gelangt war, dem einfachen Vater, der still und 'bescheiden sein beschauliches Gelehrte uvasein führte, nicht anders als mit größter kindlicher Verehrung entgegentritt. Mit Rührung verniunnt man, wie der Sohn dem. greisen Vater durch geistreiche Deutung einer schwierigen Bibetstelle eine lebhafte Freu.de noch kurz vor seinem Tode macht. Er hat den Sabbat und die Feste Pietätvoll gehalten. — Freilich, in seiner Weise und vielfach ohne die religiösen üblichen Formen. Aber der Frertagabend ward doch gefeiert und „bei Lazarus stets in hohen Ehren gehabten, von Anfang an immer feierlich und schön, festlich und genußreich begangen" (91 ahida R. Lazarus, Jahrbuch 1900). Auch Paul Heyfe verdanken wir einen schönen Einblick in das Lazarussche Haus, wenn er im Vorwort eines der ersten Gattin gewidmeten Novellen bau des (Berlin. 1875) schreibt: „Me oft, liebe Freundin, denke ich jener Freitag Abende, die ich in Ihrem Hanse zugebracht. Es war die Zelt Ihrer jungen Ehe, Ihr lreber Philosoph lud seine Freunde an Ihren traulichen Abendtisch . . wo wir unsere munteren Reden führten . . . an jenen Freitag Abenden, wo das Gespräch über die Rätsel dieser wunderlichen Welt nie stockte, wo ein jeder, das Beste gab, was er hatte." Die Sabbate und Feste vergingen besonders in den spateren Jahren nicht ohne deu Besuch der Familienmitglieder; insbesondere Chanuka- und Pesachsest wurden hier gefeiert., und uns ist ja auch eine Tischrede von Lazarus an einem Sederabend gedruckt erhalten. („Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur", 1898.) Gerade in dieser Rede spricht er glücklich aus, was er unter Treue versteht: „Jude sein heißt in der lebendigen Geschichte des Judentums stehen. Em guter Jude aber ist derjenige, der diese Geschichte mit Jnnigkeit und Hingabe erlebt, dem die Erhaltung und Erhebung, die Ehre und Würde, der Fortbestand und die Fortbildung des Judentums am Herzen liegt. Die Pflicht eines Juden ist es,^sich als ein lebendiges Glied der Gemeinschaft zu fühlem ihr 'Schicksal als eigenes Erlebnis zu empfinden." Jur gleichen Sinne schreibt er in der „Erneuerung des Judentums" (Berlin 1909, S. 3): „Treu sein, heißt nicht bloß bei seiner Religion ausharren, mit ihrem Namen geschmückt oder belastet, Jude bleiben... heißt vielmehr cm dem wahren, an dem inneren Bestände und Fortbestand des Judentums den innigen Anteil nehmen, für ihn rührig und tätig Km, oder wenigstens redliche SorM im Herzen tragen." Solche Treue war chm ohne innere Freiheit undenkbar. „Frei sein", sagt er an der genannten Stelle weiter, „heißt, innerhalb des Judentums stehen, aber freien Umblick auf die allgemeine geistige und besonders religiöse Entwicklung aller bevorzugten Stämme und Religionen -des MenschengeMechtes halte::, und dafür sorgen, daß das Judentum in der Frische, Fülle und Lebendigkeit seiner gedeihlichen Wirksamkeit sich entfalte." Man kann nicht sagen, daß das für Lazarus nur Worte und Programme geblieben sind. Aus seiner riesen Kenntnis der Quellen unserer Religion, aus seinem klaren Verständnis für ihr Wesen, aus seinem durchdringenden Blick für das Wahre, wo es sich findet, schöpfte er immer und immer wieder Anregungen, die er in Wort und Schrift mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit weitergab. Was er auf den beiden Synoden, was er im Gemeindebunde, in der praktischen Bekämpfung des Antisemitismus getan, gehört der Geschichte an. Seine öffentliche und Private Tätigkeit für das Judentum, dem er Tat und Gedanke, seine wertvollen Freundschaften, feine weitreichenoen Beziehungen lieh, rechtfertigt es zur Genüge, daß man ihn: Jahrzehnte hindurch als Repräsentanten und Sprecher des deutschen Judentums ansah und feierte. Vielleicht werden nicht alle Kreiseinnerhalb des Judentums seine religiöse Einstellung biüiaen, niemand aber wird verkennen, daß in feinen Anschauungen sich Ideen auswirkten, die zur Abrundung seiner Persönlichkeit gehörten. Seine Treue, der konservative Grundzug seines Wesens, der nicht nur aus seiner religiösen, politischen, gesellschaftlichen, ja auch wirtschaftlichen Einstellung hervorleuchtete, sondern bis in die Dinge des äußeren Lebens und die liebevollste Bewahrung täglicher Geb rauch sge ge nstände sich erstreckte, forderte als polaren Gegensatz die Freiheit. „Alles ethische Leben und alle ethische Lehre geht auf Freiheit" (Ethik 1, 225). Es braucht nicht gesagt zu werden, daß ihm diese Freiheit die des Geistes, die ungehemmte Entfaltung des Ideals bedeutete. Ern besonders rührender Zug in seinen Lebenserinnerungen ist, daß er den Tag, an bem er als 19jähriger Jüngling bei seinem älteren Bruder seine lateinischen und griechischen Studien begonnen hatte, als zweiten Geburtstag feierte. Er war sich bewußt, daß hier sein Geist eine neues Flügelpaar zu idealem Aufschwung erhalten hatte. Er hat sich diesen freiheitlichen Idealismus bis zum Ende seines Daseins bewahrt, auch als er vom großen Leben sich zurückgezogen und immer konzentrierter, immer bewußter für die väterliche Religion zu denken und zu schreiben sich entschlossen hatte. Seine Mannes fahre hatten der Wissenschaft gehört. Dabei hat er niemals sein Judentum verleugnet, im Gegenteil: die treffendsten Belege, die vorzüglichsten Beispiele in seinen philosophischen Schriften sind vielleicht gerade dem jüdischen Stoffgebiete entnommen. Je mehr aber sein Leben sich zur Rüste neigte, um so geschlossener wandte er feine Arbeitskraft der jüdischen Wissenschaft zu. 1887 erschien (um nur die größeren Werke zu nennen) „Treu und frei", gesammelte Reden und Aussätze jüdischen Inhalts. 1894 „Der Prophet Jeremia", 1898 der erste Teil der „Ethik". Nach seinem Tode der zweite Teil der „Ethik" und „Die Erneuerung des Judentums". Man darf, wenn man diese Werke aus der letzten Periode seines Lebens überschlägt, nicht an das Sprichwort denken: Gn revient toujours ... Es ist der Grundzug der Seele, die ihre Heimat suchte, von «der sie ausgeganqen war, und vielleicht darf daran erinnert werden, daß ja auch Hteinthal und Cohen, die großen Zeitgenossen, die eine ähnliche Entwicklung genommen, eine ähnliche Rolle gespielt haben, am Ende ihrer Laufbahn ihre Kräfte ganz dem Judentum gewidmet haben. Bedarf es da weiterer Worte, um uns das Gewicht einer solchen Persönlichkeit noch mehr einzuhämmern, uns zu Zeigen, wie sie uns aufrichten und weiterführeu kann? „Er war unser". Zeigen wir uns dessen wert! Lassen wir heute und jeden Tag seine Mahnung (Jahrbuch 1908) zu uns sprechen: „Der Geist, der in unseren Vätern den Zusammenhang mit den Urvätern bewahrte, ist auch unser Geist. Wir sollen ihn hegen und weiter vererben, dann schafft er fort und fort in uns die innere Freiheit und zeigt und deutet uns die V e r u f u n g , welche der wahre Atem unseres Lebens ist." Msritz Lazarus. Versuch einer Charak ter iftik seiner Persönlichkeit von Rabbiner Dr. Arnold L a Z a r ot s. Es mag dem nahen Blutsverwandten schlecht anstehen, die Wesensart eines Menschen zu Zeichnen, mit dem er durch die Enge dieser Beziehung verbunden ist. Man wird ihm nicht mit Unrecht entgegenhalten, daß die nötige Entfernung des Betrachters fehlt, die allein die richtige Einstellung und damit die gerechte Beurteilung ermöglichen kann. Dies alles Zugegeben, so darf doch darauf hingewiesen werden, daß schon die weilte Spanne der inzwischen durch den geschichtlichen Ablauf entstandenen Entfernung die Zu betrachtende Persönlichkeit aus der Nähe des Beschauers hinausgerückt hat und nun eine objektive Würdigung er in ö glicht. Dazu kommt, daß der Schreiber dieser Zeilen nur als Kind und als Jüngling dem Oheim gogenüberZutreten die Möglichkeit hatte. Solange also die äußere Beziehung vorhanden war, war zugleich von selbst der weite Abstand da, der das Kind und den jungen Menschen von dem überragenden allseits verehrten Manne fernhielt. Welch bestrickenden Eindruck machte doch die äußere Erscheinung! Die ungekünstelte Vornehmheit des Auftretens! Wie leuchtetedas Auge, wie barg sich hinter der hohen Stirn die gleichsam hervorstrahlende Flut der Gedanken! Welche Fülle des Ernstes sprach ans den Zügen des Antlitzes, zugleich aber auch welche verstehende Milde und verzeihende Güte der Empfindungen! Oft genug lugte ein feinsinniger Humor mit seiner so wohltuenden Scherzhaftigkeit aus Blick und Wort des Redenden hervor. Niemals wieder ist mir ein so anziehender Plauderer, dessen Rede nicht etwa nur über die flüchtigen Augenblicke oder die verrinnende Stunde der Unterhaltung so erfrischend hinvoegsührte, begegnet. Und immer blieb aus denrleicht dahinsließenden Strom des Plauderns im Gedächtnis des Zuhörers diese oder jene reizvolle Erinnerung an Lebensvorgänge aus den Tagen und Taten des Berichtenden fest hasten- Immer erglänzte ein tiefsinniger Gedanke, der leuchtend im Gedächtnis des Lauschenden erhalten blieb. Diese überragende Kunst der Unterhaltung, in der solche Fülle verschiedenartiger Elemente vereint gelvesen, Ging aus der eigentümlichen Grundkraft dieses Mannes hervor. Ihm, dem Seelenkundigen, war die wunderbare Fähigkeit der Einführung in das geistige Leben und Weben eines anderen, nein, vielmehr all der anderen gegeben. Derselbe Mann pflog gelehrte Unterhaltung tiefgründigster Art mit den größten Gelehrten seiner Zeit, seine Aussprache fand lebhaften Widerhall bei dieser oder jener fürstlichen Persönlichkeit bei hervorragenden Militärs, bei ausgezeichneten Staatsmännern, bei genialen Künstlern, beim klugen Handelsherrn und Kaufnrann, beim jungen Studenten und bei den schlichten Leuten aus dem Volke. Die Erkenntnis dieser nicht zufälligen Tatsache wird vertieft durch unsere Beobachtung, daß in dieser harmonisierenden Kunst im Verkehr mit den Menschen die besondere Wesens eigentümlich keit dieses Mannes hervorbrach. Um es kurz zu sagen, was ihm selbst als notwendig zu erstrebendes Ideal vorschwebte, der Ausgleich und die Vereinigung der im Menschen vorhandenen Gegensätzlichkeiten, ist von ihm in die Wirklichkeit übergeführt worden. Eine dahin Zielende Veranlagung, die vorhanden gewesen sein mochte, wurde durch die besondere Eigenart seines Ursprungs, seiner Herkunft, seiner Umwelt, in der er ausgewachsen ist, gestärkt. Wie wird doch unser Blick für die Wesenseigentümlichkeiten der Dinge und Menschen, ihrer Unterschiede und Uebereinstimmungen geschärft, wenn die verschieden gearteten Objekte und Subjekte unmittelbar nebeneinander sich vor uns zeigen und so als Beispiel und Gegenbeispiel klärend und vertiefend auf unsere menschliche Erkenntnis wirken! Moritz Lazarus war hiueingeboren in einen Lebenskreis, der sich Zusammensetzte aus deutschen Juden, deutschen Protestanten und polnischen Katholiken. Die Unterschiede der Abstammung, der religiösen Ueberlieferung und Anschauung und der daraus bedingten Kultureinstellung traten scharf hervor. Schon der Knabe lernte sie beobachten und begreifen. Aus solchem Grundelement konnte der Völker Psychologe Moritz Lazarus erstehen. Aber nicht nur die Schärfe unterscheidender, kritisch sondernder Fähigkeit beseelte ihn, ihm war zugleich jentz