Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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571 Garten die einkSenfce Hand' abbricht, zum Trost einen Taler scherckt, da der Ungeschickte es ja nicht mit Msichb getan. Immer versetzt ^eine Güte ihr: in die Lage des anderen. Er wird von dem Gerassel 'schwerer Roll-- und Packwagen arg gepeinigt, aber er freut sich desien dennoch, „m eines Zeichens des Verkehrs, dieses modernen Der- ^Mittlers einer Verbrüderung der Völker". —In der Silvesternacht ^raubt ihm die Ballmufik die so nötige Nachtruhe, aber in seinem ^Gemüt überwiegt die Genlugtuung, „daß es noch so viel Jubel in Mr Welt *— Im Frühiking tanzen die Brummkreisel der ^Straßenjungen vor seinen Füßen und machen seine Gefährtin gang ^nervös, aber er sagt: „Gott sei Dank, daß er den armen Großstadt- Bindern auf so leichte Weise eine Freude schafft, ein Stückchen Holz, "und das Kind ist glücklicher als ein König." ■ Er liebte die Kinder, aber auch die Alten. In den von ihm ^verwalteten Leipziger Häusern lebte eine ganze Kolonie alter Leute.. Meichstraße 34 wohnte eine Frau Friederike Friedel seit 1834 dort, . dort feierte sie ihre goldene Hochzeit, dort starb sie und ihr Mann, und Me Hinterbliebene Tochter „erbte" nun die Wohnung. Dort hauste ^auch ein Schuhmacher Seidel seit 64 Jahren, und seine „Erben" Mieben in der Wohnung, und rechts und links, oben und unten ckauter „kleine" Leute, dort geboren und groß geworden, und niemand wollte hinaus! Diese schlichten Menschen waren sich wohl Mum bewußt, welche andauernde, stumme Wohltat ihnen länger Ms ein halbes Jahrhundert von ihrem Wirt erwiesen wurde, denn 'trotz des ungeheuren Umschwunges aller Verhältnisse zahlten sie 'noch die Miete wie vor 50 Jahren. , Nur noch wenige, aber charakteristische Züge. Wenn er in einem Laden nicht fand, was er suchte, so kaufte er doch immer etwas, Mnn: „man muß nie die Leute umsonst bemühen". (Wenn doch die ^Frauen das beherzigen wollten!) Hatte er eine Reparatur Machen zu lassen, wies er sie stets dem bedürftigeren Handwerker sZu. Wie manchem dieser Fleißigen hat er geholfen, sich wieder auf- Mraffen! Als einst ein verarmter Tischlermeister ihm seine Not Magie, gab Lazarus ihm die erbetene Summe als Vorschuß für einen Schreibtisch, für welchen der Meister anderntags die Zeichnung ab- ^holte, die Lazarus selbst entworfen. Ein mächtiges Möbel mit Aresen Fächern .und Schubladen und einem hohen Aufsatz mit ^Schnitzerei; ein praktisches Prachtstück, das auf Veranlassung seines 'Erfinders von desien zahlreichen Freunden ein dutzendmal bestellt Murde. Der Meister war aus aller Not, und an diesem erinne- Amngsreichen Schreibtisch wurden diese Zeilen geschrieben. In gleicher Weise hals Lazarus einem Ziseleur, den er die verschiedensten Petschaften machenließ (noch werden sie aufbewahrt), und alle Areunde muhten sich mit neuen Petschaften versehen und mit neuen Visitenkarten, denn der damals noch sehr junge Waldeck Manasse hatte das akademische Studium aufgegeben, aber als ^Anfänger mit der ihm von seinem Beschützer halb geschenkten sAkzidenzdruckerei noch nichts Rechtes anzufangen gewußt. . I Schließlich (denn wo fände sich ein Ende —?) eine kleine Lust- ^spielszene. Lazarus befindet sich wieder auf der Wanderung wegen Wnes Bedürftigen. Vier der reichsten Teilnehmer an der neuen ^Wohltat hat er schon heimgesucht, da sagt ihm „der alte M erzog", daß Meyer Magnus leidend sei, sich aber freue, -Lazarus zu sehem Dieser besucht ihn anderen Tages, und als er Mieder gehen will, meint Meyer lächelnd: „Sie vergeffen etwas, Merr Professor? „Ich —?" „Ja, — weshalb Sie gekommen sind? ^Lazarus machte so ein erstauntes Gesicht, daß Magnus berichtet, er Habe am Abend vorher von Herzog von der bewußten Liste gehört, ich nehme an, daß ich auch auf derselben stehe". „Wirklich Mcht! Ich weiß, daß Sie überlastet und überlaufen sind. Ich sollte mich nur freundschaftlich nach Ihrem Befinden erkundigen." ^>,Haben Sie denn schon Ihre acht Leute beisammen?" „Nein. fehlt noch, zu dem will ich gerade hin? „Lassen Sie mich an sseine Stelle treten! Bitte! Warum wollen Sie noch einen Weg Machen, Treppen steigen? Sie müssen ja schon müde sein, bester, Webster Herr Prosesior!" Und er bat so herzlich, daß sich der Ärgernde gezwungen sah, die unerwartete reiche Gabe für seinen ^Schützling anzunehmen. Schön ist auch die Antwort von Hermann Wemuth, als Lazarus sich für desien Beisteuer bedankte. „Lieber Herr Professor, ist habe Ihnen nur zu danken, daß Sie. an mich 'gedacht haben, und bitte Sie dringend, mich in ähnlichen Fällen nicht gu vergessen? Lazarus* Biographie wird einst zeigen, wie weitgespannt das Netz der Beziehungen war, die sein Dasein zum Segen für Tausende gestaltete. Und was war das Ideal seines Lebens? Erziehung und Vereinigung der Menschen zur Humanität! Treu und frei. Das Bild einer jüdischen Persönlichkeit Von L. B ae vwa ld (Münchens Was muß doch für ein merkwürdiger Zauber von der Persönlichkeit des Mannes ausgegangen sein, desien 100. Geburtstag wir feiern. Ungelvöhnlich wie sein Entwicklungsgang („in einer einzigen Generation Jahrhunderte der Entwicklung behende übersprungen und vom Talmudschüler des Ostens zum gefeiertsten populärphilosophischen Schriftsteller des Westens emporgeklommen" sSteins), war auch.seine Persönlichkeit etwas' Ungewöhnliches und Bemerkenswertes. Was er von gelehrten Werken geschrieben, hat die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Aber wie viele gibt es, deren Persönlichkeit durchaus im Hintergründe bleibt, obwohl sie Leuchten der Wissenschaft sind. Lazarus genoß nicht nur wegen seiner Werke, sondern vielleicht mehr noch wegen seiner Persönlichkeit „europäisches Ansehen als Gelehrter und Lehrer". Er stand, wo immer er hinkam. sofort im Vordergründe des Interesses.. Nicht nur, daß er, wie Richard M. Meyer, schreibt („Neue Rundschau" 1906): „der Mittelpunkt eines Kreises bedeutender Persönlichkeiten, Gottfried Keller, Berthold Auerbach, Paul Hehse, Fritz Reuter, Otto Ludwig, Steinthal, Menzel, Fontane, war, daß auch die größten aus dieser Gemeinschaft mit wirklicher Verehrung zu ihm aufsahen" — auch so heterogene Elemente, wie Gelehrte aller Fächer, Künstler und wiederum die hervorragendsten Vertreter des preußischen Offizierskorps, sprachen mit Liebe und Ehrfurcht von ihm. Ebenso haben die entgegengesetzten Naturen innerhalb der jüdrschen Gemeinschaft ihm Bewunderung und Ehrerbietung gezollt; — nicht nur die jüdischen Kreise des guten alten Berlin, die, zum größten Teil den Abo raten Anschauungen ihrer Zeit huldigend, in Lazarus mit gewissem Recht einen Exponenten ihrer Kreise erblickten, auch die Orthodoxen haben, bei aller grundsätzlichen Gegnerschaft, den Mann mit dem reichen jüdischen Wissen, mit dem hohen sittlichen Ethos verehrt und sich seiner bestrickenden Persönlichkeit willig hingegeben. Wer ihn gekannt, wird noch heute, mehr derni 20 Jahre nach seinem Tode, nicht müde von ihm zu erzählen. Auch der Schreiber dieser Zeilen darf bezeugen, daß zu feinen nachhalttgsten Jugendeindrücken die stille, feierliche Atmosphäre des vornehmen Gelehrtenhauses am Königsplatz in Berlin gehört, zu dem er als Verwandter Zutritt hatte. — Wie sollte es gelingen, eine solche Persönlichkeit durch das tote Wort zu schildern? Wie Homer nach der seinsinmgen Bemerkung Lessings nicht den vergeblichen Versuch gemacht hat, die Schönheit der Helena zu beschreiben, sondern dem Leser eine Ahnung davon vermittelt, indem er die Wirkung jener Erscheinung auf die an den Mauern Trojas sitzenden Männer darstellt, so kann auch uns wohl eine Ahnung von der suggestiven Kraft seiner Persönlichkeit aufgehen, wenn wir sie aus Zeitgenossen wirken sehen. Den oben angeführten Worten Mchard M. Meyers dürfen wir ein Zeugnis Karl Joels anfügen: „Eine ganz unvergeßliche Persönlichkeit von wahrhaft vornehmem, ja sürsEchem geistigen Gepräge, eine ganz seltene- Vereinigung von deuHMn und jüdisch^ Wesen, von Pietät und geistiger Freiheit, von Theorie und Praxis, von religiöser Tiefe und philosophischer Weite, von Gelehrtem und Künstler, dem das Wort in Rede und Schrift, wie sehr wenigen seiner Zeitgenoffen, dienstbar war, und zugleich eine Natur, die auch für die kleinen, oft äußerlichen Sorgen des Werdenden stets Ohr und Herz offen hatte" (bei Leicht pag. 19). Wer den ganzen Reichtum jenes Lebens in seinen nach außen gehenden Beziehungen auf sich wirken lassen möchte, der greife zu den von seiner Witwe. Nah i d aRuth Lazarus herausgegebenen „Lebenserinnerungen" (Berlin 1908), in denen uns ein beträchtliches Stück der geistigen Geschichte Deutschlands entgegentritt. Es gibt kaum einen bedeutenden Menschen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, mit dem Lazarus nicht in Berührung gekommen wäre, und auf den er nicht nachhaltigen Eindruck gemacht hätte. Wertvolles Material, in dieser Richtung bieten auch Briese, Erinnerungen, Nachrufe usw., von denen schone Proben in den „Lazarus-Studien" von Ä. Leicht (Meißen 1912) zu finden sind. Der Versuch, einer solchen Persönlichkeit nachzüspüren, ist gewiß kein fruchtloses. Beginnen. Wie der Wert der Geschichtsbetrachtung in dem Enthusiasmus liegt, den sie erregt, so kann auch hier das Ethos einer so starken, aus das Sittliche gerichteten Persönlichkeit nicht anders als weiter segenspendend wirken. Und zumal für uns Juden der Gegenwart! Es darf uns wohltun, uns eines Mannes zu erinnern, der so allgemeine Ehrung genoß und bei höchstgestellten Persönlichkeiten in großem Ansehen stand. Es soll uns aber noch viel mehr vor Augen stehen, wie Lazarus sich mit „tapferem und siegreichem Stolz zu seiner Religionsgemeinschaft jederzeit bekannte". (R. M. Meyer.) Voltaire sagte einmal: „Religion und Freiheit sind die Wurzeln großer Taten" — wir können auch sagen, die Wurzeln der Persönlichkeit, die ja ihrerseits erst wieder der Grund aller großen Taten ist. Wir dürfen dieses Wort mit um so größer^ Rechte auf Lazarus, anwenden, als er ja.- „tr-eu und frei" sich zu'Jt Wahlspruch erkoren hatte. Religion und Treue sind hier identisch, in unserer heiligen Sprache sind beide: Emunah. Was an seiner Persönlichkeit jüdisch war, dürfen wir wohl zum großen Teil auf diesen idealen Gegensatz „treu und frei" zurückführen; diese Worte zieren auch sein stilles Grab in Meran. Treu war Lazarus vor allem in seiner Pietät gegen. Vater und väterliche. Religion.. Es isi ein wunderbares Denkmal kindlicher Verehrung) das Lazarus seinem Vater in 'den gleichfalls von seiner