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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-18 · 38 (18.9.1924) · p. Seite 570

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
38 (18.9.1924)
Date
1924-09-18
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 gewannen. „Einem Hilfsbedürftigen Geld in die Hand drücken und ihn dann laufen lassen, das ist leicht, aber sein Vertrauen gewinnen, mit ihm Nachdenken, wo der beste Weg, die neue Zukunft zu suchen fei. ihn solange halten, ihn dahin führen-dazu sind die meisten zu kalt, zu bequem! " — W 1849 ist die Cholera in Berlin ... er hilft, tröstet, ernmtigt, wo er kann.. Als auch in dem Hause, in dem er wohnt, drei tödliche Cholerasälle Vorkommen und die anderen Insassen entsetzt die Flucht ergreifen, bleibt er wohnen, „um dem Wirt Courage zu machen und ihn nicht zu schädigen". Der Man tu Mit dem Allsschwung seiner sozialen Stellung und seines wissenschaftlichen Ansehens verbreitete sich der Ruf seines Einflusses, vor allem seiner Menschenfreundlichkeit. Vorn ödesten Innern Rußlands bis Amerika, vom Kap der guten Hoffnung bis zum Eisineer, durch Europa kreuz und quer dringen Bittsteller und Birtbriefe in sein Gelehrtenheim. Unzähligen SLudienbeslissenen ward er Schutz und Stütze, unzähligell Ratlosen bot er die rettende Hand. Daß er den vielfachen Wohltätigkeitsvereinen angehörte — für verschämte Arme, Witwen und Waisen usw., Krankenhäuser, Freitische, Stipendien, Stiftungen und andere gemeinnützige Unternehmungen unterstützte — und jahrzehntelang als Präsident die Seele vieler derartiger Institutionen war, sei nur kurz erwähnt. Ein Blatt notiert 35 solcher Präsidentschaften in einen: Jahre! Niemand kann: sich vorstellen, was das an Hingebung nnd Leistung bedeutet, dem: für Lazarus war die Präsidentschaft nicht nur eine Würde, sondern eine Bürde, wie er sie auffaßte und beha::delte. '■ Was trat nicht alles an ihn heran! Sollte irgendwo ein Prediger oder sonstige Respektperson berufen werden, kamen die Gemeindevorsteher und erbaten sein Zeugnis; mußten Statuten entworfen, Gutachten abgegeben, Empfehlungen geprüft werden, — alles kam zu ihn:. Seine Korrespondenzlast wuchs ins Ungeheure. Einen breiten Raum nahmen die religiösen und sozialethischen Anfragen und Reformvorschläge seiner befreundeten Glaubensgenossen ein. Von der westrussischen Not Ende der sechziger Jahre und den Judenverfolgungen der achtziger Jahre und Lazarus' schmerzensreichen Bemühungen und Reisen, um hervorragende Persönlichkeiten für ein brüderliches Eintreten für die Verfolgten zu gewinnen, kann hier des allzu mächtigen Stoffes wegen nicht die Rede sein. Nur drei Geistesgrößen seien genannt, deren warme Sympathien er erweckte: D ö l l i n g e r , N i p P o l t und Delitzsch. Letzterer, anfangs zögernd und zweifelnd daraus hinweisend, in seiner Stellung wäre es seine Sache nicht, die Partei der Juden zu nehmen. wurde durch Lazarus nnermüdetes schriftliches und mündliches Werben allmählich so ergriffen, daß gerade er zun: warmherzigen Berteidiger wurde: der Menschlichkeit wegen. —? Die Hingebung an seine M itmensche n ist der rote Faden, der sein Leben durchzieht. Weil er immer zu haben war, hat keiner gefragt, ob es über seine Kraft ginge. Manchmal nimmt diese grausame Gedankenlosigkeit geradezu komische Formen an. Eine Prinzessin S ch ö n ai ch - C a r o l a th bittet un: Vermittlung wegen Manuskriptrückgabe bei der „Gartenlaube" . . Der „Salonlünstler" Josef Patzdera bitte um Protektion bei der Staatskasse nverwaltung wegen eines irrtümlich verbrannten Fünftalerscheines; fein Kollege Simon v. Mainz büßt seinen — Seehund ein. Er weiß sich keinen anderen Rat, als zu Lazarus zu gehen. . . Weinend klagt er: „Mei Paul ist hin!" nnd Lazarus verhilft ihm durch seinen Bekannten Ha gen b eck in Hamburg zu einem neuen Seehund. (Obwohl er schöner war als der alte, nannte Simon ihn nicht wieder „mei Paul" . . .) Nach Jahren trifft der Philosoph den anderen von neuem auf der Leipziger Messe. „Nun. Simon, chie geh Ls?" „Nebbich, wie sollls uns Künstlern gelsin? Manchmal hat man nix — manchmal hat man gar nix ..." Einer möchte Nietzsches Adresse haben, ein anderer die der Porzellanmanufaktur des blauen Zwiebelmusters wegen. Ein Postbeamter wünscht sich eine neue Uniform, ein Turnverein eine neue Fahne; beide aus Schönfeld, wo Lazarus ein bescheidenes Landhaus besaß. Eine Theatermutter bittet um abgelegte Garderobe der Frau Gemahlin, Marie Czermack fragt, ob sie bei ihren: Neubau Spitzbogen oder Rundbogen wählen soll? Käthe Windscheid fleht um biographisches Material, Theodor Fontane dito (und ist überhaupt unerschöpflich in neuen Anliegen). Herr v. Hoxar will durchaus heiraten, aber seine Familie droht, ihm nach — Canada zu spedieren ... Georg Ebers ersehnt Balkonplätze für den Leipziger Carneval, Friedrich Eggers verlangt das „ethische Motiv" für sein neues Gedicht (er selbst scheint keius darin gefunden zu haben), Richard Gosche drängt wegen Kritik seiner Michelangelo-Studien. R u d o l f G n e r st ersucht um Schutz für die Direktorin des Victoria-Lyzeums, M i ß Georgine Ascher, die von Eugen Dü ring in einer Broschüre angegriffen war. Geheimer Rat Renteaux erbittet Aufklärung über die Rolle der Nessel im Volksmärchen usw. Keine Frage war so wunderlich, kein Ding so sonderbar, keine Sache so schwierig, kein Einfall so töricht, daß er nicht an den allzu Geduldigen gelangt wäre, der alles gewissenhaft beantwortete! Peinlich ist ihm das Heer der Dilettanten beiderlei Geschlechts, die seine literarische Förderung erwarten, lächerlich die geistreichelnde Dame, die den Philosophen interpelliert, ob die „größere Hälfte der Menschheit u:ehr liebebedürftig oder liebefähig sei . . . Die landläufigen Betteleien um Empfehlungen, Reisekosten, Autogra:n:ne, Marken, Bilder, Vortrüge, Toaste, Rat und Manuskriptlesung usw. nahmen ohne Ende seine Kraft — neben der eigentlichen Bernfspflicht — bis zur Erschöpfung in Anspruch. Besonders eine Art Anliegen raubte ihm die innere und dadurch die Nachtruhe: wenn Un-erfahrene ihn wegen beabsichtigten Berufswechsels befragten; dieser war Theologe und wollte Schauspieler, jener war Schauspieler und wollte Techniker werden. Dann grübelte der Gütige über die Zukunft dieser Menschen, als handelte es sich um sein eigenes Geschick. Oder vielmehr: über sein eigenes Geschick hat er wohl nie so gegrübelt, wie über das der anderen. Auch von seinen ehemaligen Schülern der Königlichen Kriegsakademie in Berlin wandten sich nach Jahrzehnten noch manche von ihnen in ihren Bedrängnissen ethischer oder gesellschaftlicher Art an ihn. Ein Hauptmann schreibt: „Ich habe keinen Menschen auf der Welt, zu dem ich solch Vertrauen hatte wie zu Ihnen. Wenn Sie meine Bitte erfüllen, ist Ihnen die lebenslängliche Dankbarkeit eines Mannes sicher, der sich wieder aufraffen möchte." Ausraffen! das war das Zauberwort, mit dem jeder ihn gewann. Eines Tages kommt ein bettelarmer, dem Erblinden naher Rabbiner aus dem Innern Rußlands nach Berlin, geradeswegs zu Lazarus, und verlangt von ihm, daß er dafür sorge, daß er sein Augenlicht wiederbekäme. Der Ueberraschte, selbst leidend, und im Begriff abzureisen, — schreibt schnell eine Empfehlung an den ihm befreundeten Albert Gräfe nnd reicht dem Armen eine Geldsumme, doch dieser weist sie zurück: „Ich bettele nicht, und zu Gräfe müßten Sie mich selbst bringen —, sonst reise ich wieder abT „Ohne Operation?" „Ja." „Und werden blind?" „Wie Gott will." Tie Drohung erschüttert den Menschenfreund. Er verschiebt seine Abreise, fährt mit dem Mann zu Gräfe, vermittelt die Aufnahme in die Klinik, sorgt später für eine Nachkur in Karlsbad, und als ein Sehender kehrt der Geheilte in seine Heimat zurück. Vorher, beim Abschied, erzählt er, wie sein Berliner Gastwirt für ihn gesorgt und auf dem Bahnhof ihm noch einen Taler in die Hand gedrückt. „Und Sie haben das Geld genommen?" fragte Lazarus befren:det. „Ja, 'Herr Professor; vor Ihnen oder vor sonstigen reichen Leuten gar stehe ich nicht als Bettler da, aber so ein einfacher, ungebildeter Mensch, dem erweise ich durch die Annahme seines Geschenkes nur eine Ehre . . ." Doch auch ohne, daß von ihm etwas gefordert würde — (die Schilderung, wie seine literarischen Freunde, insbesondere seine Duzbrüder Auerbach und Hehse, ihn bei Abfassung ihrer Werke um Rat und Beistand angingen, würde ein Buch füllen), fand der spontane Impuls seines liebreichen Herzens fortwährend Gegenstände zur Betätigung. Ob er in wissenschaftlichen Arbeiten vertieft. Zufällig hinausölickend, ausspringt, hinuntereilt auf den Jahrmarkt, einen armen Jungen aufs Karussel hebt, für ihn zahlt und wieder in seine Gedankenwelt Zurückkehrt, oder ob er einen: Arbeiter, welcher der „Gastfreundschaft" im Schönefelder Der erste Punkt unseres Programms laufet etwa so: "Abwehr! Verfechtung des Standpunktes der Staatseinheit aller Bürger; | Festhaltung der gesellschaftlichen Toleranz und Humanität gegen Trennung wegen 'Abstammung oder Konfession. Die Frage wogt seit Monaten wieder herüber und hinüber: was wir sind, Deutsche oder Juden, oder beides? Freund und Feind sprechen über uns; und da schien es doch an der Zeit, dass auch wir sagen, was wir sind. Im letzten Grunde können wir allein es am besten wissen; ein anderer kann sagen, wofür er uns hält, wir allein können sagen, was wir sind. Denn wir schaffen ja diesen Gedanken durch unser eigenes Selbstbewusstsein; was wir sind, erleben wir; und wenn die anderen mit Worten darum streiten, ob wir Deutsche sind, so können und wollen wir unausgesetzt mit Taten beweisen, dass wir es sind. Aus Lazarus: „Treu und frei“.

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