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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-18 · 38 (18.9.1924) · p. Seite 569

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
38 (18.9.1924)
Date
1924-09-18
Page
Seite 569 (sequence 5)
Language
German
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569 vieler seren nur Cohen, B. D e l b r ü ck, DilLhey, Laband, Paulsen, A d. und L. Tobler, W i n d e 1 b a n d genannt. Bis in die Philosophie und Psychologie der Gegenwart aber wirken die Untersuchungen von Lazarus über Individual- und Bölkerpsychologie, Völkerpsychologie und Geschichtswissenschaft, Naturwissenschaft und Ideenlehre nach. Die Arbeiten „lieber das VerhMrris des Einzelnen zur Gesamtheit" und die Rekboratsrede „lieber die Ideen in der Geschichte" sind die Begründung der modernen Soziologie und Geschichtsphilosophie, wie erstere von Simmel und Max Weber, letztere von Windelbaud und Ricke rt entwickelt worden ist. In einer an Lazarus anknüpfenden, aber ihn zugleich übersteige rüden Weise fordert Karl Lamp recht und seine Schule Ableitung der Ideen und geschichtlichen Individualitäten aus der Gesetzlichkeit der sozialpsy ch i sche n Phänomene, die Erkenntnis der sozmlpfychischen Enmncklungsstusen als Kern der geschichtlichen Erkenntnis ohne aber, wie Lazarus, den Unterschied von Abhängigkeit oder Beziehung der Ideen auf die reale Wirklichkeit sestzuhal.ten. So tendiert die * Geschichtsphilosophie Lamprechts zunt kausalen M on is mus, der die SeWständigkeiL des idealistischen- Bewußtseins aufhebt. In ähnlicher Weise sucht Wundts Völkerpsychologie in cher Lehre der „Heterogome der Zwecke" eine naturgesetzliche Entwicklung von Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Sittlichkeit zu begründen. Im Gegensatz zu diesen Uebertreibungen seines Prinzips fordert Lazarus umfassender und darum objektiver eine Vereinigung der kausalen und idealistischen Methode der Geschichtserkenntnis, um aus Grund der Typik die Individualität des kulturellen Schaffens in ihrer Bestimmtheit zu erfassen. Das kulturelle;Schaffen aber ist Phänomen der eigengesetzlichen geistigen, nicht der materiellen Wirklichkeit, so sehr die Beziehungen Zwischen geistiger und materieller Wirklichkeit in der Typenlehre der Völkerpsychologie zu erfassen sind. So arbeitet Lazarus an der Begründung eines wissenschaftlichen Geschichtsidealismus, der an den Ideen 'festhält, ohne sie zu mystisch wirkenden Kräften einerseits oder zu bloßen Wirkungen materieller Vorgänge anderseits zu machen. Die Geschichtsphilosophie von Lazarus läßt einen tiefen und reinen sittlichen Idealismus als Quell seines Schaffens ernennen. Auch sein Idealismus ist jedoch nicht abstrakt, sondern wie Feine PersöuliWeit Produkt geschichtlicher Kräfte. Lazarus hat den 'geschichtlichen Boden seiner Persönlichkeit selbst erfaßt: In dem Vortrag „Aus einer jüdischen Gemeinde vor 50 Jahren" schildert er mit kulturgeschichtlicher Treue, die von inniger Pietät erfüllt ist, das jüdische Leben seiner Heimatstadt Filehne im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, die traulich-enge Welt der in ihrer Religion und der Religionswissenschaft ihr seelisches Zentrum wissenden jüdischen Gemeinde, läßt er erkennen, wie sein einer alten Rabbinerfamilie angehöriges Elternhaus eine Pslegestätte jüdischen Geistes, jüdischer Wissenschaft und Religiosität war. Hier wuchs in dem Knaben jene unauflösliche seelische Verbundenheit mit dem Judentum, die Liebe und Hingäbe an seine religiösen und sittlichen Güter heran, die auch den Mann aus der Höhe seiner philosophischen Leistungen und der Weite seines Leöenskreises, im innigen Verkehr mit den Vertretern der Wissenschaft und Kunst nie aus dem heiligen Kreise seines jüdisch-religiösen Bewußtseins heraustreten ließ. Seine Liebe und sein Veranwortlichkeitsgefühl für die Erhaltung des Judentums bei seiner innigen Berührung mit der Wissenschaft und Kultur führte ihn an die Spitzen der Synoden von 1869 und j-1871, die sich zum Ziele setzten, die Umgestaltung des Judentums im innerlichen und pietätvollen Ausgleich mit der Gesamtheit des Judentums zu vollziehen. Im Bewußtsein, in der Treue gegen die Religion ein heiliges Gut zu wahren, trat er den Angriffen, die auf die Ehre des Judentums in den achtziger Jahren ans dem Stöckerschen Kreise erhoben wurden, entgegen und erklärte, daß die Juden Deutsche seien, so gewiß nie vermißte treue Pflichterfüllung, gemeinsame treue Arbeit mit dem deutschen Volk, gemeinsames Schicksal ihnen ihr Deutschtum als heiliges Recht erworben habe. Aber das Deutschtum, zu dem er sich bekannte, „muß ohne jede Felonie gegen angestammte Traditionen und ohne jede Felonie gegen allgemeine menschheitliche Prinzipien bestehen können". („Was heißt national?" in >,Treu und frei" S. 89.) ' Und endlich unternimmt er es, die „Ethik des Judentums" als Inhalt des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins darzu- -stellen. Die Methode, in der Lazarus diese Aufgabe unternahm, ist mit Recht als unwissenschaftlich angegriffen worden. Denn Lazarus glaubte die jüdisch-ethische Literatur von Jahrtausenden, weil in einem jüdischen Bewußtsein lebend, gleichsam auf einer Ebene systematisch Zusammenfassen Zu können, ohne den Sinn der einzelnen ethischen Sentenzen durch die philosophische Durchleuchtung des geschichtlichen Materials zu verändern. In Wirklichkeit erfolgt bereits die Auswahl aus dem unübersehbaren Stoff unter Gesichtspunkten, die der philosophischen Ueberzeugung Lazarus', der Kantischen Ethik entnommen sind. So ist es eine kantianisierende Darstellung, die Lazarus von der jüdischen Ethik gab. Aber gerade in dieser subjektiven Form spricht sich die Reinheit seiner Persönlichkeit aus, die ihre philosophische und ihre religiöse Bildung, ihr Judentum und Deutschtum als unmittelbare seelische und geistige Einheit empfand. Der Jude, der Ethiker, der Völkerpsycholog, der Deutsche bezeugen die Kraft -der Seele, in der Hingabe an die Gemeinschaft die Idealität der Persönlichkeit zu begründen. LüZarus als Merrfchenfreun-. Von N a h i d a R e m y - L a z a r u s. Das Kind. Während andere Menschen zumeist aus Klugheit gütig sind, wird der kleine Moses Lazarus durch seine Güte klug. Schon dem Schulkinde war Helsen zu können, wo, wann und w e nt es sei, ein Bedürfnis, dom es mit einer Art Leidenschaft nachging. Unbewußt aber eigenartig und durchaus selbständig stellt es seine kleine Kraft und sein bißchen Können in den Dienst anderer. Während die älteren Geschwister spielen, fährt der Knabe freiwillig auf hartem Leiterwagen meilenweit über Land, um für das Haus Proviant und Waren einzukaufen. Zu den Feiertagen läuft er in Wind und Wetter in die Häuser der Armen und verteilt als Bote werktätiger Liebe Gaben aller Art. Er sucht aus eigenem Antrieb Kranke, Emsame. Blinde aus, vertreibt ihnen die Zeit mit Vorlesen, ernstem und heiterem Geplauder. — Einmal winkt ihm Schneider Lew chen: „Mauschele!" und teilt dem Aufhorchenden geheimnisvoll mit, daß er das Bürgerrecht in Filehne erwerben möchte, aber keiner von seinen Bekannten weiß ihm zu raten, wie er die Eingabe machen soll. Eingabe an die Behörde! Welche Ausgabe! Der. Blondkopf empfängt vom Graukops einen großen Bogen, eilt nach Hause, setzt sich in der Stille der Nacht hin und arbeitet das feierliche Aktenstück aus — als Sekretär seines hochgelehrten Vaters hatte er bereits Erfahrung in dergleichen —, dann bringt er noch vor Tagesanbruch dem beglückten Schneiderlein heimlich das wichtige Dokument. Es war im Jahre 1833 — das Kind also neun Jahre alt. Ein Jahr später — und von da ab regelmäßig, solange er zur Schule ging — bindet er dem Uhrmacher des Städtchens, der zugleich eine kleine Leihbibliothek hat, die beschädigten Bücher ein. (Eine Kunstfertigkeit, die er später für sich an Herbarts sämrlichen Werken übte . . . Und wie fest! Noch nach einem Menschenalter erschienen diese ihm so lieben grünen Bücher wie neu!) Als. Lohn pro Buch ein Apfel (den hat er sicher verschenkt!). Aber er durste die Bücher lesen, ohne zu zahlen. Damit sprudelte dem Lernbegierigen eine Quelle der Belehrung, die ihn beglückte. Und eine Zweite Quelle sprang! — Sein Ruf als Kalligraph (er versah die halbjährigen Schulprobeschriften mit großartigen Titeln — für ein halbes Hundert Kameraden keine Kleinigkeit!) war auch zu den Ohren einer Theaterdirektorin gedrungen. Gedruckte Theaterzettel waren sür die brave Frau Henscheh welche mit chrer Truppe Filehne öfters heimsuchte, ein unerschwinglicher Luxus. „Eines Tages", so erzählte Lazarus, „erschien sie bei meiner Mutter, um in höchst eigener Person mit wahrhaft dramatischer Beredsamkeit mich als Zettelschreiber anzuwexben. Natürlich stellte ich meine Kunst in den Dienst der ihrigen und schrieb die oft sehr langen Personenverzeichnisse der klassischen Stücke mit heller Begeisterung ab und wurde obendrein reich belohnt, denn ich erhielt für mich und meine Schwester zwei ganze Freibilletts. Ich durste nun all die Theaterherrlichkeit mit eigenen Augen schauen, ich glückliches Menschenkind, das noch von keiner Kritik wußte! Es war ja alles wunderschön, denn es wurde gespielt, Schiller wurde gespielt — was wollt ich mehr?" — Der Jüngling. Nach harten Kämpfen mit der Ungunst äußerer Verhältnisse — am Tage Kausmannslehrling, in der Nacht wissenschaftlichen Studien hingegeben —- bringt ihm dies Doppelleben ein schweres Nervensieber und der Arzt Zwingt ihn, einen der zwei Berufe auszugeben. Er gibt den Kausmannsstand auf. „Lieber trocken Brot und die Wissenschaft." Als Student in einer ungeheizten Dachkammer hausend, schreibt die rechte Hand ein Bekenntnis für alles Ideale nieder, während die linke das Tintenfaß warm hält, damit die Tinte nicht gefriert . . . Auch jetzt frönt er seiner Leidenschaft, Gutes zu tun: als eine mitleidige, alte Freundin dem frierenden Studiosus einen Hauspelz schenkt, stattet er damit einen Kameraden aus, bei dessen Ueberfahrt nach Amerika, und notiert: „Vielleicht gibt es Not in der Welt, damit, die Freude des Wohltuns den Menschen gewährt fei. Das wäre aber grausam gegen den Armen, eine ungerechte Verwendung desselben als Mittel der Befeligung für den ohnehin bevorzugten Besitzer des Reichtums. Auf alle Fälle hat der Helfende sür die Gabe, die er gibt, mehr und inniger zu danken, als der, dem geholfen wird." Mehrfach variiert der Einundzwanzigjührige in seinen Briefen die Pflicht und Wonne des Wohltuns. Später hat er so reichlich Gelegenheit, diese seine Gesinnung zu betätigen, daß es wohl jedem anderen bald zuviel des Guten geworden wäre. Ihm nicht. In seinem ferneren Leben gab es keinen Tag, an dem er nicht irgend jemand irgendwie geholfen hatte. Geld spielt dabei die kleinste Rolle, obwohl er in reiferen Jahren darüber verfügen konnte. Viel wichtiger war ihm die direkte persönliche Anteilnahme, die Mitwirkung, die moralische Stütze, der ermutigende Trost und besonnene Rat, mit denen schwankende Existenzey wieder festen Fuß

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