Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277501--01457-2280701- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
568 der Apperzeption vor. Und schon wurde der Ursprung der Sprache von S L e i n t h a L als Schöpfung des Pchcho-Phystschen Organismus begriffen. An dieser Entwicklung der Psychologie nahm Lazarus den innigsten Anteil, wie er selbst in meisterhafter psychologischer Analyse komplexe seelische Phänomene, wie das Gefühl für Ehre und Ruhm, das Taktgefühl, den Humor (Leben der Seele), zur Erkenntnis brachte. Zeigten bereits diese Abhandlungen den dem sozialen Leben zugewandten Blick des Denkers, so war seine von den idealen Gehalten der Shütnt tief ergriffene und gebildete Persönlichkeit aufs glutvollste von der Bedeutung der Gemeinschaft für die kulturelle Entfaltung der Persönlichkeit durchdrungen. Das Verhältnis des Einzelnen zur Gemernschaft psychologisch zu klären, wurde der Grundtrieb seiner wissenschaftlichen Arbeit. Hier nun hatte er einerseits die Auseinandersetzung mit der romantischen Gesellschaftslehre, die alles Kulturleben auf das mystische Wirken des Volksgeistes zurücksührte, zu vollziehen und an Stelle der Mystik Wissenschaft zu setzen, und anderseits mit dem Individualismus abzurechnen, der das Gemeinschaftsleben und seine Inhalte aus dem Bedürfnis der Individuen und ihrem Egoismus abzuleiten suchte. Und zugleich mußte die Psychologie des Gemeinschaftslebens in ein begrifflich klares Verhältnis zur Darstellung der Kulturentwicklung, wie sie Inhalt der Geschichts- Wissenschaft ist, gebracht werden. Diesen Aufgaben soll die Völkerpsychologie dienen, wie Lazarus die von ihm begründete neue Wissenschaft nannte. In unwiderleglicher Klarheit entwickelte Lazarus, daß so wenig die Gemeinschaft eine von den Einzelnen getrennte seelische Existenz, etwa in einem für sich bestehenden Volksgeist, besitzt, die Gemeinschaft nur die Summe der isoliert für sich existierenden Individuen sei. Die romantische Geschichtsphilosophie mit ihrer künstlerischidealistischen Verklärung der geschichtlichen Wirklichkeit, ihrer metaphysischen Vergewaltigung der Tatsachen durch Konstruktionen eines absoluten Idealismus, wie sie die Hegelsche Geschichtsphilosophie darstellt, hatte die wissenschaftliche Geltung in dem Zeitalter der Naturwissenschaft verloren. Um so energischer drang eine atomifi e t e n b e Betrachtung auch des geschichtlichen Lebens von der Naturwissenschaft her in die Gei steswistenschast ein, und war man geneigt, das Gemeinschaftsleben und seine Gehalte aus den Bedürfnissen und Trieben der Individuen und ihres Egoismus abzuleiten. In Buckle und Bastian lag der Versuch vor, vom Individualismus her eine moderne Geschichtsschreibung zu begründen. Hier nun fetzt die Arbeit von Lazarus und seines intimsten Geistes- und Gesinnungsgenossen Stein thal ein. Von der Psychologie der Sprache ausgehend, zeigen sie, wie die Sprache nur in der Gemeinschaft ihre Entfaltung erfährt und zugleich das Band ist, das die Einzelnen zu geistiger und seelischer Lebensgemeinschaft verbindet. In dieser Gemeinschaft des Geistes und der Sprache entwickeln sich die geistigen Erhalte, die die Lebens- und Kulturformen der Gemeinschaft bilden, Sitte, Recht, Wirtschaft, Technik, Mythos, Religion, Wissenschaft, Kunst. So wurzelt der Einzelne nicht nur in der Natur, sondern Ebensosehr in der idealen Natur der Gemeinschaft, in deren Rhythmus sein Leben Hineingeschlungen ist, als deren unablöslichen Teil er sich empfindet. Erst allmählich gelangt der Mensch zu gesonderter Empfindung ferner Individualität. Wer auch dann beruht die Individualität aus den geistigen^ Inhalten, die sie der Gemeinschaft verdankt, und besteht ihr Wert in der Stärke, mit der sie die idealen Güter sich zu eigen und zu seelischem Besitz macht. (Lazarus: „Ueber das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit" rn ,Feben der Seele", Bd. 1, S. 348 ft.) Findet sich der Einzelne so in der Gesamtheit und entwickelt sich in ihr, so unterscheiden sich die Gemeinschaften der Völker durch die Verschiedenheit der kulturellen Inhalte und wird demnach auch der Inhalt des GerneinschaMbewuHtsMMs in den verschiedenen Kulturkreisen ein verschiedener sein, je nachdem staatliche Machtenäfaltung oder geistige Werte und diese wieder in ihrer Mannigfaltigkeit und endlich die verschiedene Beteiligung der Gemeinschaftsglieder an dem kulturellen Leben der Gemeinschaft das Selbstbewuhtsein bestimmen. Die für das Gemeinschaftsleben wichtigste Kulturforrrr der Volksgemeinschaft, die die bedeutendsten natürlichen und geistigen Güter umfaßt, wird also nicht geographisch durch Abgrenzung eines Territoriums, oder physiologisch durch Bestimmung der natürlichen Merkmale der Rasse, des Mutes und selbst nicht allein durch die Gemeinsamkeit der Sprache zu mngrerHLN sein, sondern die Eigenart des Kulturbewußtseins eines sich zusammengehörig fühlenden Volkes begründet die Einheit des Volkes. So ist Volk nicht ein naturwissenschaftlicher Begriff, sondern ein Begriff des geschichtlich gewordenen SelbstbewußLserns. Ern Volk ist eine Menge von Menschen, welche sich für ein Volk ansehen, zu einem Volke rechnen. Dieses Bewußtem aber ruht aus den gemeinsamen Kulturgehalten, die dem Gemeinschaftlichen Richtung und Färbung geben. So rechnet nach anderen Merkmalen der Franzose jemanden zu seinem Volke, nach anderen der Deutsche, nach anderen der Amerikaner. Volksgeist, Volksbewußtsein ist eine geschichtliche Größe. Genies aber sind diejenigen, die dem dunklen, gemeinsamen Kulturwillen hinreißenden Ausdruck und klare Ziele geben. In den Institutionen des Rechts, der Wirtschaft, des Staates besitzt die Gemeinschaft die Kristallisationen ihres objektiven Geistes. (Lazarus: „Ueber das Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit in „Leben der Seele", Bd. 1, S. 371 sf.) Zn welchem Verhältnis steht nun das völkerpsychologisch erfaßte Leben des Volkes zur geschichtlichen Erkenntnis des Völkerlebens? Die Völkerpsychologie teilt mit der Geschichte ihr Objekt, die Erkenntnis des Volkslebens. Sie hält mit der Geschichtswissenschaft daran fest, daß das Leben des Volkes nicht als Natu r- Prozeß, sondern in den kulturellen Inhalten Objekt wie der Geschichtswissenschaft, so der Völkerpsychologie ist. Während aber die Naturwissenschaft die allgemeinen Gesetze des Naturgeschehens, die Geschichtswissenschaft die einmalige rndividuelle Entwicklung der Kulturvorg än ge zu erfaßen sucht, ist es Ausgabe der Völkerpsychologie, die Regelmäßigkeiten und Gesetzmäßigkeiten aufzuzeigen, die der individuellen K u l t u r e n t w i ck l u n g zugrunde liegen. Ist die Darstellung der Ideen als der Kulturgehalte der wesentliche Inhalt der (n . '-'chtswissen schuft, so dürfen diese Ideen nicht als Del ex machina i.. das Völkerleben ein greisen, wenn die Geschichte Wissenschaft sein soll, Ebensowenig aber können die Ideen Das Land, das wir bewohnen, der Staat, dem wir: dienen, das Gesetz, dem wir gehorchen, die Wissenschaft, die uns belehrt, die Bildung, die uns erleuchtet, die Kunst, die uns erhebt, sie sind alle deutsch. Aus Lazarus* Vortrag: „Was heisst national?“ aus den Bedürfnissen und Trieben, dem Mechanismus des Naturlebens abgeleitet werden. Der Geist besitzt in den Ideen der Erkenntnis wie in_ den Ideen der Gestaltung die wiffenschastlichen, sittlichen, religiösen, künstlerischen Normen in einem von dem Mechanismus des Trieblebens unabhängigen und selbständigen Bewußtsein, das sein geschichtliches Leben bedingt und gestaltet. So' selbständig dieses No-rmenbewußtsein ist, das die geschichtliche Wirklichkeit formt, so sind doch die Inhalte des Normenbewußtseins nicht unwandelbar, sondern stehen mit den natürlichen Bedingungen des Lebens im innigen Zusammenhang. „Die Ideen sind überall —< man mag sie rein ethisch oder historisch betrachten — ohne Abhängigkeit vom Realen des Weltlaufs, aber nicht ohne Beziehung zu ihm; sie sind reine Ideen, insofern sie keinen Ursprung lm Realen haben, aber sie find Ideen für das Reale und nicht für eine Welt der Ideen. Ohne diese Beziehung wären sie nicht wirkliche Forderungen, geschweige Kräfte, sondern als abstrakte Schemata gedacht. Dem Ursprünge, wie der Geltung nach sind die Ideen frei, sie dienen nichts sie herrschen. Aber auch Herrschen Ist ein bestimmtes Eingreifen in die Wirksamkeit eines Dienenden." (Lazarus: „Ueber die Ideen in der Geschichte." Zeitschrift für Völkerpsychologie, Bd. 3, S. 466.) Eine geschichtliche Erkenntnis der Entwicklung 'der Ideen aber muß dann die Beziehungen der Ideen zur natürlichen Realität, -die Typik des Jdeenwandels in dem Entwicklungsgänge der Kulturen erkennen, um den Einzelsall in seiner gesetzlichen Bestimmtheit zu erfassen. Ausgabe der Völkerpsychologie ist es, diese Typik, die Gesetzmäßigkeit zu durchdringen, d:e das Verhältnis der Ideen zur Realität und zueinander bestimmen. Diese Erkenntnis der Typik des Kulturlebens will nicht an Stelle der geschichtlichen Jndioidualerkenntnis treten, sondern ihren Erkemrimsgehalt klären und vertiefen. „Im Gebiete der Geschichte und der Gei sie swisserstchaften ist man von jeher mehr bereit und geschickt, das Einzelne zum Ganzen zusammenzusasten, weil es offen- und unmittelbar als solches sich darstellt, aber ihnen fehlt der Wille und die Methode, das Einzelne zunächst als ein Allgemeines in seiner Gesetzlichkeit auszusasten, um dann das Ganze als eine Einheit nicht bloß des Daseins und der Erscheinung, sondern der Prozeße und der Gesetzmäßigkeit durchsichtig zu machen,"- (Lazarus: „Ueber die Ideen in der Geschichte. S. 472.) Sind so die Ideen nicht transzendente Mächte, sondern treten die Ideen nur im Leben des menschlichen Geistes in die Er- Sinung und wechselt ihr Inhalt rat geschichtlichen Leben, so ist ^arus doch weit entfernt, darum die Ideen für nur subjektiv zu halten. Die Evidenz der Ideen, die um so tr^er gefühlt wird, je reiner die sittliche Kraft der Hingabe an die Ideen ist, verbürgt ihre Objektivität, ihre Wahrheit. Die Einheit des Setbstbewußtsems der Persönlichkeit ruht aus ihnen, „es ist die Natur, das Wesen unseres psychischen Organismus, daß er diese und keine andere psychische Geletzmätzigkeit für sein Dun hat, daß wir infolge dieser Gesetzmäßigkeit den iimm, die Größe, das loaisihe Verhältnis und die sittliche Norm so und nicht anders ausfasten; von diesem Punkte abwärts laust eine Kette gchetzmüHiger Ereignisse, diese Tatsachen selbst find Ereignis, für das wir kein S haben, keine Ursache kennen. — Me Vermutung aber ist ) unbedenklich wie unabweisbar, daß dort, wo alle Jaden der Kausalität in der Welt und alle Ketten der Teleologie mit ihren letzten Enden zusammenlarrsen, auch der Ort ist, an dem die objektiven ZB-sen gedacht werden muffen." (Lazarus: „Ueber die Ideen in der Geschichte." S. 481.) Mit so vollendeter Klarheit und begrifflicher Schärfe steckt Lazarus Ziel und Grenzen des neuen Fbeschungsgebietes ab. In der „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachtissenschast" gründet Lazarus mit Steinchal das Organ, das der Entwicklung der neuen WissenschlLstt dienen soll. Eine ganze Generation von Forschern wurde Mitarbeiter der Zeitschrift, in <der HÄftlologen und Historiker, Juristen und Theologen, Ethnologen und Philosophen gemeinsam die neuen Gesichtspunkte für die Wissenschaft fruchtbar wachten. Statt