Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Heute wissen wir ihm Dank, ob sie nun Aufmunterung; oder Mahnung, Trost oder Rüge bedeutete. So waren wir! es' von den alten Propheten gewohnt, und ni-ht zuletzt I er e- ' m i a, dem Lazarus seine gleichnamige Studie (Breslau 1894) (nicht umsonst wie einem still verehrten Helden geweiht hat. ((Erst reichlich zwölf Jahre nach Lazarus' erstem Auftreten fand (die größere deutsche Judenheit zuerst in Berlin, dann im (ganzen Reich in unserem Eentral-Verein deutscher (Staatsbürger jüdischen Glaubens nach Form (und Inhalt den Zusammenschluß, wie er ihm damals vor- (schweüte. Niemals aber vermochten wir so deutlich wie ge- (rade heute zu erkennen, wieviel wir feiner geistigen Pionierarbeit schulden. Die über dr->i Jahrzehnte (reichende Central-Vereins-Arbert steht im (Zeichen von Moritz Lazarus. Ihm ver- (danken wir. unsere Losungen mit seinen (eigenen Worten: Treu und frei, d. h. treu (dem Vaterland wie dem Väterglauben; frei als deutsche Bürger wie als kulturfreudige Juden! . | Wenn der größte Teil der deutschen Judenheit der national- >füdisch-zionistischen Bewegung ablehnend gegenübersteht, so (ist das tiefen Nachwirkungen Lazarusscher Gedanken zu verdanken, der mit unwiderleglichen Gründen den Nationalitäts- (charakter der Juden in modernen Kulturländern widerlegt und den Uebergang zur reinen Religionsform dargelegt und erwiesen hat. Bon ihm, demEntdeckerdesobjektiven .Geistes in der Geschichte, stammt die Erkenntnis, daß ein Volk nicht eigentlich da ist, sondern täglich neu wird, (und derjenige zu ihm gehört, der sich zu ihm bekennt und mit allen Kräften seiner Seele und seines Herzens an seinem Leben und Streben, an seinem Wohle und Wehe teilnehmen will. Das aber will noch heute die überwältigende Mehrheit aller Juden in Deutschland. Und der winzige Bruchteil, der ein nationaljüdisches Palästina anstrebt, hat doch in allen entscheidenden Momenten (man denke nur an den Krieg!) keine Sekunde gezögert, sich zu Deutschland zu bekennen. ’ Von Lazarus kommt die Mahnung, uns nicht verbittern zu lasten oder in die Fehler unserer Gegner zu Zerfällen, und allen Deutschen ohne Ausnahme mit dem Vorwurf oder Mißtrauen der Judenfeindschast zu. begegnen. -Lazarus hat uns die rechte Einstellung gegen das moderne Christentum gelehrt, das wir schon deswegen zu ehren haben, weil es eine der Nährwurzeln des Deutschtums (geworden ist. Er hat uns mit dem guten Vertrauen zu unserer Wache erfüllt, indem er auf die Stationen unserer bürgerlichen (Befreiung von 1812 bis 1872 zurück — und auf die Verfassung (von 1919 prophetisch hinblickend ausrief: Nicht weil es in (Der Verfassung steht, ist es unser Recht; sondern weil es recht ist, von Gottes und der Menschen wegen, darum steht es in der Ver- (fasfung! Nicht weniger als 15 Altersjahre hat Lazarus daran ge- (stiendet, sein letztes Werk und B^rmäMuis, seine zweibändige (Mth ikde s Jude n tum s" zu schreiben. Harte, ungerechte (Kritik eines gleich starken jüdischen Denkers, der sich durch (Lazarus' Ruhm in den Schatten gestellt glaubte, konnte die Melle Zustimmung der größeren jüdischen Oefsentlichkeit nicht (dämpfen noch mindern. Sie bleibt unerreicht als erster Verbuch einer philosophischen Erfassung des Judentums im Üte» Lvande der deutschen Sprache. Ir 21 Jahre waren in diesem April seit LazavuS' Tode Ver- Mosten. Im Getümmel des Weltkrieges entschwand sein Bild ((fast unseren Augen, heute steht es frisch und lebensvoll vor ((unserer dankbaren Erinnerung. N eh me n wir a lies in (allem, er war uns ein großer Führer zu bodenifständigem Deutschtum und lauterstem Judenu m. Wir geben unserem danWaren Gefühl Ausdruck, wenn (wir bekennen: Was Moses Mendelss oh nsürseine ^eit gew esen, das war Moritz Lazarus für die (seine. Wer, wie wir noch das Glück gehabt, zu seinen (Füßen zu fitzen, seiner kunstvollen akademischen Rede oder ge- Mütvollen Unterhaltung im häuslichen Kreise des öfteren zu Kauschen, bewahrt unauslöschliche Eindrücke in seiner Seele, wie sie nur von Gottes Lieblingen ausgehen können. Wir grüßen sein Andenken mit den Wort des Psalters: „Schön warst Du vor den Menschenkindern, Huld war ausgegossen über Deine Lippen; Darum 'hat Gott Dich gesegnet für alle Zeiten/' Die wissenschaftliche De-eutung von Moritz Lazarus. Von Dr. Albert Lewkowitz, Dozent am Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau. Moritz Lazarus, der Begründer der Völkerpsychologie, wird am 15. September, seinem 100. Geburtstage, in werten Kreisen der gebildeten Welt gefeiert werden. In unserer tief erregten und rasch von Ereignis zu Ereignis hineilenden Zeit aber tut es doppelt not, nicht in fliegender Eile, sondern in besonnener Vertiefung des Mannes und seines Werkes Hu gedenken, der die reiche Fülle feines Lebens durch die Klarheit fernes Denkens zu formen und zu adeln wußte. . Die Begründung einer wissenschaftlichen Disziplin, die Entdeckung einer bisher nicht bekannten Provinz auf dem globus intellectualis ist noch viel weniger ein Zufall, als die Entdeckung von Tatsachen der Natur. So ist auch Lazarus nicht von ungefähr der Begründer der Völkerpsychologie geworden. Wie schon der Name erkennen läßt, handelt es sich um die Anwendung der Psychologie auf die Erkenntnis des Völkerlebens, um eine Reform der Geschichtswissenschaft durch die Psychologie. Das setzt weitreichende Zusammenhänge in der Geschichte der modernen Wissenschaft voraus. Als in der Begründung der modernen Naturwissenschaft die Kraft des mathematischen Denkens die Gesetze der Natur als mathematische Beziehungen zwischen den Elementen der Körperwelt erfaßte, da stürzte auch das dogmatisch-metaphysische Weltbild der mittelalterlichen Geschichtsanschauung zusammen. Der Mensch erfaßte sich als rationales Wesen, das in feiner Vernunft seine Selbstgewißheit besaß, und betrachtete die Geschichte als den Schauplatz menschlicher Jrrtümer und Leidenschaften, die durch die ewig, gleiche Vernunft zu bändigen und zu Gesittung und AuskLürnng zu erheben waren. Gegen diese Verständigkeit und wohlmeinende Rechtlichkeit, die sich zum Maßstab aller menschlichen Dinge machte, erhob sich aber in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Sturm und Drang der Gesühlsmüchte, die Tiefe künstlerisch-religiösen Gefühls. Herders genialer Blick umfaßte die Fülle' geschichtlichen Lebens in dem Reichtum individueller Gestalten und sah in den Individualitäten nicht zufällige Abweichungen von der ewig gleichen Norm des Menschentums, sondern die schöpfer i s ch e n Mächte der geschichtlichen Welt. In den Volksindivrdualitäten wie in den geschichtlichen Persönlichkeiten innerhalb der Völkerkreise sah er die Boten und Offenbarer der Leben schaffenden Gottheit. Der seltene Reichtum schöpferischer Persönlichkeiten in dem Zeitalter der Klassik bestätigte diese Ahnung von der Genialität als dem Quell schaffenden Lebens. So sah man die lebendig e Natur als den Mutterboden aller Genialität, als stillunbewußte Entfaltung immer höher dringender und reiner sich enthüllender geistiger Kräfte. Kant, Fichte und insbesondere Goethe und Schellrng schufen das Bild der Natur als der geistentstammten und zur Freiheit des Geistes sich emporhebenden und verklärenden Wirklichkeit. Hegel wird der Philosoph der Geschichte, der die Geschichte als den Kosmos der Ideen, die Verwirklichung der Gedanken des Weltgeistes zu erfassen suchte. In dem Reich der Ideen sah et den ewigen Zusammenhang göttlichen Weltdenkens und dieses göttliche Weltdenken als die Substanz göttlichen Werdens, die Gedanken der Gottheit als schöpferische Mächte der Welt. So verklärte er die Welt der Geschichte zur Offenbarung des Reiches der Freiheit, vereinigte sich religiöser, sittlicher und künstlerischer Idealismus zu einem Geschichtsbilde, das alle dunklen Wtsel des Menschenlebens im Universalrsmus der Weltgeschichte zu lösen schien. Und auch als der Blick für die W i r k l i ch k e i t nüchterner und kälter wurde, ihr Unterschied von der Welt der Idee klarer erfaßt, Naturnotwendigkeit und Idee in ihrer Verschiedenheit klarer erkannt wurden, hielten Humboldt und Ranke wohl nicht an der metaphysischen Ableitbarkeit der Ideen aus dem Denken der Gottheit, wohl aber an der Unableitbarkeit der Ideen aus dem Mechanismus des Natu rges cheh ens fest. Aus unergründlichen Tiefen, dem schöpferischen, unerkennbaren Walten der Gottheit dringen Ideen in das geschichtliche Letzen, bemächtigen sich der schöpferischen Persönlichkeiten, die die Gestalter der geschichtlichen Welt sind. Die Ideen sind die schöpferischen Kräfte, die den Epochen ihre Tendenzen und Triebkräfte mitteilen, auf denen ihre Individualität und innerer Zusammenhang beruht. Die Ideen nehmen die Kausalität in ihren Dienst und vereinigen sich zum unbegreiflichen Geheimnis des weltgeschichtlichen Zusammenhanges. Da nun erfolgte um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Berandung der wissenschaftlichen Psychologie. Hatte Herbart ereits das Leben der Seele nicht mehr aus unerklärten Kräften des Denkens, Fuhlens, Wollens, sondern als einen mechanischen Prozeß zwischen den Elementen des Bewußtseins zu erkennen gesucht, so wandten Johannes Müller, Weber, Fechner, trlmholtz, Dubois-Reymond , Lotze die Methoden der aturwissenschaft auf die Psychologie an. Die Schöpfer der physiologischen Psychologie suchten den Menschen als psycho-phyfischen Organismus in der Gesetzlichkeit seiner Funktionen zu begreifen. Und bereits drang die Psychologie von der naturwissenschaftlichen Erkenntnis der Sinnesorgane und der Gesetze der Sirmesempsindmrgen zur Erkenntnis der höheren psychischen Prozesse, der Gesetze der Raumwahrnehnumg, des VorsteÜungszusaMNMnyEges.