Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 38 (18.9.1924)
- Date
- 1924-09-18
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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566 Fachwissenschaft; er war und blieb Diener der Königin aller Wissenschaften, wand Philosoph. Es hätte einen großen Reiz, auf -die Seel-enkämpfe einzugehen, die unfern Wahrheitsfucher angesichts des damaligen Zustandes der jüdischen Theologie zur Weltweisheit hinübersührten. Lazarus selbst hat uns in seinen autobiographischen Niederschriften, die von seiner zweiten Lebensgefährtin, N a h i d a R u t h, der treuen Bewahrerin seiner Erinnerungen und Verwalterin seines Nachlasses, herausgegeben sind, hinreichendes Material dazu geliefert. Uns fesselt aber hier mehr der Mann der Vollendung auf der Höhe seines vielseitigen Schaffens, weil wir von diesem noch heute am meisten zehren. So können wir seine wissenschaftliche Großtat, die B egründungderVölkerpsychologie, nur flüchtig erwähnen, obwohl er selbst sie als die Leistung ansah, die ihm einen unverlierbaren Platz unter so vielen Denkern aller Zeiten und Völker sichern werde, und ihn diese Ueberzeugung, angesichts der Entwicklung und Ausweitung seiner Entdeckung zur Völkerkunde und Soziologie, nicht getäuscht hat. Wir würden sonst feine Verdienste um das anerkannte erste Organ derselben, die mit dem edlen H e h m a n n S t e i n th a l, seinem Schwager und Freunde, herausgegebene „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" näher würdigen müssen; ebenso sein Hauptwerk „Lebender Seele" in drei Bänden und seine nicht minder berühmten Abhandlungen „Ideale Fragen". Allein die letzte Bedeutung des Mannes liegt für uns über diese Denkarbeit hinaus in seinem Menschentum, in der großen ethischenundidealenGesinnung,in der er wirkte, und in der harmonischen Verbindung seines Deutschtums und Judentums, die er uns beispielhaft vorlebte. Er war ein Deutscher nach Geist, Gemüt und Willen. Er dachte wie ein deutscher Gelehrter und fand eine schöne Ueberein st immun gin der Charakteristik des Deutschen mit der des Juden: Deutscher sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen lieben; denn genau das gleiche, bis auf die Sprachsorm, verlangt die I d e e d e s I u d e n t u m s vom jüdischen Menschen. Er lebte und webte im echtesten, deutschen Idealismus, der durch die Herbigkeit Kants und Herbarts nichts von seiner Tiefe und Schönheit verloren, dagegen energisch gegen Materialismus und Positivismus sich zu behaupten gelernt hatte. Lazarus stand mitten im Ansturm der vordringenden Naturwissenschaften, gleich weit entfernt von den Uebersteigerungen des Idealismus bei Fichte, Schelliug und Hegel wie von dem Naturalismus der Darwin, Vogt, Moleschott und Häckel. Er machte dem Zeitgeist keine Konzessionen und erkannte dem Zeitalter trotz seiner materialistischen Neigungen doch eine unverminderte Kraft idealer, insbesondere ethischer Leistungen zu. Sein Deutschtum wardasvonGoetheund Schiller,Les sing und Herder. Es war ja noch nicht politisch zum Nationalismus verzerrt, nicht kulturell durch Chamberlain, Bartels, Friedrich Delitzsch u. a. verfälscht, verzopft und von allen biblischen „Täuschungen" (!) geheilt worden; aber die starken Ansätze zu dieser Entwicklung waren überall unverkennbar. Lazarus stellte sich auf die Seite von Friedrich Schiller; er war Mitb e g r ü n d e r d e r S ch i l l e r-S t i s t u n g, der er zwei glänzende Reden widmete; seine Schriften entlehnten ihre Musterbeispiele für den deutschen Geist den Dichtungen von Jean Paul, Friedrich Rückert, Gottfried Keller, Paul Heyse, und des ebenso guten Deutschen wie Juden Berthold Auerbach, seines vertrauten Freundes. Seine Erstlingsschrift: „U eberdiesittlicheBerechtigung Preußens in Deutschland" (1850) könnte noch heute selbst bei Oswald Spengler Anerkennung finden; und ihren Standpunkt hat Lazarus bis zuletzt sestgehalten. Als er 1859 einem ehrenvollen Rufe zur Universität Bern folgte, kam er sich in der Schweiz wie auf einem deutschen Vorposten stehend vor. Hier wurde er Dekan und 1864 sogar Rektor, genoß außer köstlicher Natur Ruhe und Freundschaft. Dennoch zog es ihn wieder nach Deutschland. Durch seine Heirat materiellen Sorgen entrückt, die er in jüngeren Jahren sehr wohl gekannt hatte, genügte ihm jetzt der Ruf eines Dozenten an die preußische Kriegsakademie, zu dem sich bald ein solcher als Honorarprofessor an die Universität Berlin gesellte. Hier war er an einem Hochsitze der Wissenschaft; sein Ruf als Redner und sein Vortragstalent trugen ihm immer neue Sympathien ein. Lazarus war einer der wenigen Juden, die der könWiche/ später kaiserliche Hof in seinen Kreis zog. Zu seinen Höpern zählte der nachmalige Kai s e x Friedrich III , an seinen Vorlesungen erfreute sich die Kaiserin Augusta, Gattin Wilhelms I. In seinem eigenen Hause am Königsplatz wie auf seinem Landsitz in Schönfeld bei Leipzig trafen sich Gelehrte, Künstler, Politiker; von seinem Schreibtisch aus pflog er Verkehr mit den Trägern der besten Namen im damaligen Deutschland. Das Jahrzwölft 1866—1878 war in jeder Hinsicht das glücklichste seines Schaffens. Preußen, sein Heimatstaat, war Vormacht geworden; Deutschland geeint, glücklich, mächtig; Wissenschaft und Kunst, Technik und Handel im Aufschwung; aber gerade damals vergaß Lazarus seiner Brüder nicht. Es könnten manche Namen genannt werden, die in ihrer Wissenschaft oder durch Rang und Reichtum glänzten, aber für das Judentum hohl und leer blieben, wenn ihre Träger nicht gar mit der Taufe liebäugelten und die Kinder ihr zuführten. Moritz Lazarus hat dagegen neben unzähligen geringeren Verdiensten, ihrer drei aufzuweisen, die wahrhaft genannt werden dürfen, weil sie fruchtbar waren; er hat die beiden jüdischen Synoden von Leipzig und Augsburg (1869 und 1871) zu förderlicher Arbeit geführt, die später im Verband der deutschen Juden ihre Fortsetzung fand, er hat den Deutsch-israelitischen Gemeindebund und seine vorzüglichen Institute mitbegründet (1869), endlich die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ins Leben eingesührt (1872), indem er ihr die Satzung gab, die Förderer warb und viele Jahre hindurch Präsident ihres Kuratoriums blieb. Aus solchen Leistungen fußend, durfte, ja mußte Moritz Lazarus als der erste Kämpfer gegen den wiedererwachten Judenhaß im neuen Deutschland austreten. Das unlautere Feuer hatte schon lange geschwelt, aber noch wiegte sich die deutsche Judenheit in dem Glauben, daß es unmöglich, wie einst im Mittelalter, zur verheerenden Flamme werden könnte; noch glaubte man, ihm müsse in der Luft eines aufgeklärten, hochkultivierten Vollkes der Brennstoff ausgehen; oder der Fußtritt eines Staatsmannes wie Von der grossen geistigen Bewegung, welche durch die gebildeten Völker der Menschheit geht, und von dem wirksamen Anteil, welchen das Judentum daran zu nehmen fähig und darum verpflichtet ist, haben sie keine Vorstellung. Wer die Gestirne des Himmels nicht mit dem Geiste und mit der Rechnung, sondern nur mit dem Auge sieht, hat keinen Begriff von ihrer wahren Grösse; ihm erscheinen sie als leuchtende Funken, und die Erde allein, die ihm nahe ist, und auf der er fest steht, hält er für einen grossen Weltkörper; auf dem Gebiete der geistigen Mächte, welche das innere Leben der Menschheit gestalten, ist es nicht anders. Aus Lazarus: „Die Erneuerung des Judentums/4 Bismarck, würde es zertreten können, von welch letzterem wir Heute durch Dr. JöHlingers Werk wissen, wie sehr seine Reckennatur jenes Gemisch von giftigem Haß und niederem Brotneid verabscheute. Nur Lazarus, den Seelenkundigen, den Völkerpshchologen, täuschten die unheildrohenden Zeichen nicht. Er trat zuerst am 2. Dezember 1879 mit seiner Abhandlung „Was heißt national?" auf den Plan; er berief im Dezember 1880 das sogenannte „Dezember-Comite" und gab ihm die Aufgaben: Abwehr der Agitation, Hebung des Judentums in fremden und in den eigenen Augen; Hebung der Juden. Hatte er in jener Abhandlung die wissenschaftliche Auseinandersetzung herbeigeführt, so lieferte er in feinen Reden im Dezember-Eomite unseren Standpunkt „das Programm für die praktische Arbeit". Noch einmal ergriff er das Wort im politischen Kampfe in der Streitschrift vom 3. März 1887: „A n d i e d e u t s ch e n I u d e n." Er war für eine von rechts gerichteten Politikern unterstützte Heeresvorlage (das sogenannte Septennat) eingetreten und deshalb in der jüdischen Öffentlichkeit in zum Teil ehrenkränkender Weise angegriffen worden. Lazarus' Verteidigung wird zur Rüge und Anklage; wie er denn auch gelegentlich einer „Rede aus Moses Mendelssohn" (11. Januar 1886) die damalige Rückständigkeit und Bewegungslosigkeit seiner Glaubensgenossen heftig und ungeduldig tadelte.