Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 37 (13.9.1924)
- Date
- 1924-09-13
- Page
- Seite 557 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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557 Einzelheiten in Ueberliesenrng und Literatur erhalten, die ein reiches positives Material für den religiösen Frieden des alten Oberschiesien mW den toleranten Sinn des oberschlenschen 'Volkes ergeben. Ungemein bezeichnend ist auch, daß in der vberschlesisch-polnilchen Volkspoesie, insbesondere in den berühmten Volksliedern aus dem > Gebiete rechts der Oder, nirgendwo etwas von Haß oder Verachtung der Inden oder selbst von Unziemlichkeiten gegen sie vorkommt. Im Gegenteil drücken manche die dankbare Stimmung des Volles in dem Sinne aus, das; man gerade beim Inden klugen und uneigennützigen Rat findet. Die "Anzweiflung der kuliur- und den t s chv a t e rla n di scheu Bedeutung der Inden für Oberschlesien ist so gewiegten Kennern der Geschichte Oberschlesiens, nne den bayerischen Hitler-Jünglingen, die ans Gastreise nach Oberschlesien gesandt wurden, Vorbehalten geblieben. Auch der einheimische Jndenkritiker wird sticht Chroniken und Archive durchforschen, nur der geschichtlichen ^eite der Sache auf den Grund zu gehen. Aber ihn wird, und wäre er noch so verbissen, das, was er während des Weltkrieges, während der oberschlesischen Aufstände und Kämpfe, der Revolution und der Avstrunuungswirren bei den jüdischen Bürgern seiner Heimat gesehen und erfahren hat, veranlassen, sich zurückzuhalten und zu. schweifen. Tie oberschlesischen Zeitgenossen der napolconifchen Kärnvfe und die von 1S13 und 1870/71 hielten mit der Anerkennung der Tapferkeit imd glühenden Vaterlandsliebe der Juden nicht zurück. Ans den Schlachtfeldern der Befreiungskriege sind im Angesicht des Feindes zu Offizieren mehr oberschlesische Juden befördert worden, als Juden in ganz Preußen in dein darauffolgenden halben Jahrhundert bis zum Kriege 1870/71 es überhaupt zu Offizieren gebracht haben. Ein großer Teil der heutigen Juden wird es nicht verstehen, daß anno 1848 die oberschlesische Jndenschafi in Stadt und Land sich fast ausschließlich als streng monarchistisch und weitergehenden' konstitutionellen Forderungen abgeneigt gezeigt har. Aber jedenfalls rückt diese Haltung und Gesinnung die immer wieder gehörte Behauptung von dem angeborenen- 'Radikalismus der Inden in eine eigentümliche Beleuchtung. In Gleiwitz hatte rm ausgesprochenen Gegensatz zu der politischen Haltung der Mehrheit seiner Glaubensgenossen der Arzt Tr. Max Ring, der bekannte nachherige Romanschriftsteller, sich als März- Revdlutionär betätigt. Ein arger Judenfeind und vielleicht and) persönlicher Gegner des Tr. Ring suchte ihn durch die Inszenierung einer Judenhetze unschädlich zu machen. Er verbreitete nnt seinen Freunden ein Flugblatt gegen Dr. Ring und die Juden, in welchen? den letzteren, da man sie doch schließlich nicht als politische Gegner behandeln konnte, der damals in Oberschlesien herrschende- HnngcrtvPhuS als von ihnen verschuldete Seuche vorgeworfen "wurde. Diele an Logik und Wahrheitsgehalt sowohl den mittelalterlichen Ereignissen zur Zeit des schwarzen Todes, wie verschiedenen Dingen modernsten Datums sich würdig anreihende Beschuldigung war aber während des ganzen 19. Jahrhunderts ein ganz vereinzeltes Vorkommnis in Oberschlesien. - Die Ausschließung der gewaltigen Bodenschätze Obcrschlesiens und die Begründung der Hüttenindustrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war zunächst das Werk des städtischen Bürgerstandes, in welchem die Juden sich durch Arbeit, Intelligenz und Tatkraft auszeichneten, aber so sehr der erforderlichen Kapitalkrasr ermangelten, daß Gewinne ansblieben und ein Werk nach dem anderen von dem Großgrundbesitz und den großen Gewerkschaften verschlungen wurde. Allein im Kreise Beuthen hat jüdischer Fleiß die Heimtzgrube, die Samuelsglückgrube, die Friedenshütte, die Julienhütte, die oberschlesische Schmalspurbahn und die oberschlesische Kleinbahn geschaffen.' Aber die Früchte dieser Unternehmungen sind von anderen als Inder? geerntet worden. Nnr aber das zu kennzeichnen, was die geistige Natur Oberschlesiens den Juden verdankt, möchte ich lediglich den Ausspruch wiederholen, den ein hervorragender nichrjüdischer Kenner der oberschlesischen-Vergangenheit getan-hat. Er sagte: „In Oberschlesien rechts der Oder ist die eigentliche städtische Kultur das Werk der Inden. Als die Steiusche Selbstverwaltung den Städten verliehen wurde, waren sie unter den Kleinbürgern die einzigen, die schon deutsch lesen und schreiben konnten. Gewöhnlich war es in diesen Orten ein Jude, der die erste Buchhandlung, die erste Druckerei und die erste Buchbinderei errichtete. Tann verschönerten sie als Barlhandwerker und Architekten die sehr unschönen Städte und schufen in Genossenschaften des Schnltze-Delitzschen -Systems die Grundlagen des Kreditverkehrs." Neuerscheinungen öes philo-verlages. Im Vordergründe der Auseinandersetzungen über die Judenfrage steht heute zweifellos — der T alm u d. Für die Antisemiten ist er gewissermaßen das schwere Geschütz, mit dem nicht nur die staatsrechtliche, sondern viel inehr noch die moralische Position des Judentums sturmreif gemacht werden soll. Für die Neutralen ist er dank der antisemitischen Agitation zumindest die interessanteste kulturgeschichtliche Seite der Judeufrage — man möchte doch gern wissen, was an dem antisemitischen Anklagen, die doch ganz seltsame Dinge behaupten, eigentlich ist. Und was die Gegenseite, d. h. uns selber, anbetrifft, so ist das Erstaunen nnb der Drang nach Aufklärung gewiß nicht geringer. Der jüdische Laie weiß im allgemeinen über den positiven Inhalt des Talmuds nicht mehr als der Christ, und ratlos steht er darum bau christlichen Ankläger wie dem Reugicrigen gegenüber. Um so dankbarer dürfen wir es daher begrüßen, daß der P h i l o - B erlag es unternommen hat, in der Schriftenreihe „Das Licht" die Talmndfrage eingehend und dabei volkstümlich, dem Christen wie dem Inden verständlich, zu behandeln. Heft 7 bis 10 beschäftigen sich mit den einschlägigen Einzel-' fragen. In Heft 7 stellt iimon Bernseld die „I üdis ch e G e s ch ä f t s m o v a l n a ch T a l m u d it n d S ch u l ch a n A x it d)"1) dar. Altsgehend vom sozialen Charakter des biblisch-talmudischen Rechts, lverden die einzelnen das weitschichtige Gebiet der geschäftlichen Praxis behandelnden Normen in Bibel, Talmud und nachtalmndischer Literatur dargestellt, verglichen mit den entsprechenden Grundsätzen des römischen Rechts und endlich bm antisemitischen Angriffen entgegengestellt. — In Heft 8 behandelt I m m auucl Ber n f e l d das Z i n s v e r b o t2). Bekanntlich spielt die Stelle int dritten Buch Moses, wonach eine Unterscheidung Zwischen deni Jllden und dem Nochri (Fremden) in bezug auf Zins, erlaubt ist, eine besonders beliebte Rolle bei Fritsch und Genossen. Hier sehen wir null die Frage, weit über die religiöse Seite hinansgreiseud, als Wirtschaft s p o l i t i s ch e und kulturgeschichtliche- Frage im Zusammenhang mit dem römischen und Kirchenrecht behandelt. (Eine interessante Ergänzung hierzu bildet Brentanos „Ter wirtschaftende Mensch irr der Geschichte". Derselbe Verfasser stellt irr Heft 9 die Unantastbarkeit von „E i d und Ge l ü b Vena ch T a l m n d n u d L»chn l cha n ArnchCH Var und gibt uns damit eine wirksame Waffe gegen die gehäffigsten und zugleich ehrenrührigsten All griffe in die Hand. . Dr. E. Munk unterzieht in der kleinen Schrift „Gefälschte Ta km n dzi t a t e" Heft 10H eine Reihe der von antisemitischen Lchriststellern am meisten ins Feld geführten Talmudstellen, „einer eingehenden Betrachtung. Es zeigt sich, wie nngenrein schwierig es für den Laien ist, ans dem Text allein, noch dazu, wenn er. ans dem Zusammenhang gerissen ist, zu "einem Urteil über talmrrdische Fragen zu gelangen. r) Pr<ü§ tza Pf. 2) „Das Zinsverbot bei dcu. Juden nach t-akmudisch-rLbbniischern Recht." Preis 40 Pf. ') Preis 40 Pf. *) Preis 45 Pf. Alleinige Anzeigen-Annahme Rudolf Mosse, Anzelgen-Annahme für sämtl. Zeitungen Deutschlands und des Auslands Berlin 8V^ 19, Jerusalemer Straße 46-49 ./ Breslau } Chemnitz J Dresden j Düsseldorf / Erfurt / Frankfurt a. M. I Halle (Saale) / Hamburg / Hannover Köln a. Rh. I Leipzig / Magdeburg / Mannheim j München j Nürnberg j Stuttgart / Amsterdam j Prag j Wien. / Budapest | Warschau / Basel / Zürich. (RESI)m