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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-13 · 37 (13.9.1924) · p. Seite 556

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
37 (13.9.1924)
Date
1924-09-13
Page
Seite 556 (sequence 8)
Language
German
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556 Zur Geschichte Äer Iuüen in Gberschleflen. Vor? Jnstizrat W. I m m c v w a h t (Benthen, Q.-S.). Wenn die antisemitische Propaganda sich das Mäntelchen der Wissenschaftlichkeit umhängt, ist sie, nur ihren Behauptungen Mid Thesen einen äußerlich wissenschaftlichen Anstrich zu geben, zu groben Entstellungen, oft 311 belvnßten Mischungen genötigt. Mühte sie Tatsache und Geschichte, Wissenschaft und Statistik unverfälscht unb quellenmäßig gelten lassen, so müßte sie auf die beim großen Haufen zugkräftigsten Sensationen und Märchen verzichten. Die Gegenwart mit ihren furchtbaren Nöten und Wirren laßt den historischen Sinn ermatten, tötet das Interesse an der Bergangenheitsforfchung und an der allgemeinen Betrachtung des Seins und Werdens der einstigen Zustände. Die wenigsten haben dazu Zeit, Muße und Ruhe. Das tonnnt der antisemitischen Agitation außerordentlich zustatten; denn sie kann nun in denjenigen Territorien, die bisher vom Judenhaß unberührt waren, wo Juden und jüdisches Leben als wertvoller Kultur- und ^ozialfaktor geschäht sind, ungestört arbeiten. Sie zieht die historischen Register auf und argumentiert, daß es nicht auf die gegenwärtige Moral und das gegemvärtige Verhalten der Juden in dem betreffenden Landesteile ankomme, sondern daß die Wesensart der Juden erst aus ihrer Geschichte in jenem Landesteil zu erfenrtcn sei, daß es aber mit der Vergangenheit der Inden hier wie überall dieselbe Bewandtnis habe. So zeichnen diejenigen, die den Antisemitismus auch nach Oberschlesien zu importieren trachten, die übliche Lügenschablone, in der immer die nämlichen drei Beschuldigungen wiederkehreu: u) Tie Juden sind erst vor nicht langer Zeit in die betressende Gegend als ungebetene und lästige Eindringlinge eingcwandert. b) Sie Haberl sich durch Ausbeutung und Wucher den Haß der christlichen Bevölkerung zngezogen. c) Sie haben sich als knltur- und deutschfeindliches-Element c vn>icfcn. Wie es für Oberschlesien mit der Nichtigkeit dieser Anklagen steht, darüber seien einige Bemerkungen auf der Grundlage h e i ma t 0g c f chi ch t! i ch er Quellen g est a t t e t. Was das Alter der Ansiedlungen von Juden in Oberschlesien anbetrifft, so seien alls den vom Schreiber dieser Zeilen herausgegebenen ...Mitteilungen des Beuthener Geschichtslind Müseumsvereins" k.Heft I, Seite 45) folgende Notizen, die einen: Vortrag über „Benthen im 14. Jahrhundert" entnommen sind, wiedergegeben. „Es haben hier schon damals (im 14. Jahrhundert) Leute jüdischen Glaubens gelebt. Diese interessante Tatsache ist erst durch die neueren Forschungen aus den: Gebiete der schlesischen Geschichte erwiesen worden. Der Beuthener Chronist Gramer und Rabbiner Tr. Kopfstein, der eine Geschichte der Beuthener jüdischen Genwinde geschrieben hat, lassen die Anfänge der Beuthener Judenschaft nur etwa bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts, wo zahlreiche Erlasse des Grafen H euckel, als Standesherrn von Beuchen, einzelne Juden betreffend, znrückreichen. 1km diese Zeit schenkte bekanntlich auch der damals regierende Graf Henckel der Judengemeinde den noch jetzt in ihrem Besitze befindlichen, aber seit Jahrzehnten nicht mehr zu Bestattungen verwendeten Friedhof'am Südwalle (heute zwischen Dhngos- und Kaiserstraße). Doch schon aus viel früherer Zeit haben wir nunmehr Kunde von Inden in Benthen. Denn eine in'dem Dokumentenwerke von Böhme „Diplomatische Beiträge" abgedrnckte Urkunde vom Jahre 1421 weiß schon von Beuthener Juden zu berichten. Bis zu diesem Jahre verfolgt auch Braun in seiner „Geschichte der Juden in Schlesien" Anfänge von Israelitenansiedlungen in Benthen. Doch die Spuren jüdischen Lebens in der Gegend von Benthen reichen noch viel weiter zurück. Der bekannte Historiker Bier mann gibt den Inhalt einer Urkunde vom 12. März 1126 wieder, aus der sich ergibt, daß Juden schon in diesem Jahre in dem Burgbezirk von Benthen (O.-S.) landwirtschaftliche Grundstücke besaßen. Es wird in dieser Urkunde den Juden, wo immer sie in der Kastellanei Benthen den Pflug führen, die Entrichtung des Zehnten geboten." Es wäre meines Ermessens ebenso unehrlich wie vergeblich, das Vorhandensein von Unterschieden und Gegensätzen zwischen nichtjüdischen und jüdischen Volksgenossen zu leugnen. Unter Bürgern eines Staates dürfen solche Gegensätze aber nur zum Wettbewerb, nicht zur Feindschaft anspornen. Wer seinen eigenen Glauben und seine eigene Stammesart wahrhaft hochhält, wird auch zur rechten Würdigung dessen bereit sein, der auf anderem Grunde Tüchtiges leistet. Front machen müssen wir nun alle gemeinsam gegen Juden und Nichtjuden, die über Zielen ihres Eigennutzes oder über Bestrebungen zur Weltverbrüderung die Pflichten gegen das Haus vergessen, das uns gemeinsam beherbergt: Das deutsche Vaterland. Reinhardt3 Kriegsminister a. D.y Berlin. 1 Aus diesem Bericht schöpfen wir zunächst die interessante Tatsache, daß die I u d e n bei ihrer e r st cn E r w ä h n u n g i n O b e r s ch l e s i e n a 1 s A cf e r b a n e r in die E r s ch e i n u n g treten. Tie angeführte Urkunde stauunt aus dem Jahre 1126, also aus einer Zeit, in welcher die deutsche B e s i e d - l u n g des bi s h er s l a w i s ch e n S ch l e s i e n 8 f n u m 11 0 ch b e g 0 n u e n h a t t e. Hiernach müssen die polnischen und schlesischem Piasten, schon ehe sie deutsche Kolonisatoren herbei riesen, zur Urbarmachung und Bebauung des Landes sich jüdischer Hilfe und Arbeit bedient haben. Auch bei der weiteren Entwicklung der einschlägigen Verhältnisse findet sich, daß die Juden noch bis in§ 1<S. Jahrhundert hinein in Oberschlesien überwiegend Landbewohner und Angehörige ländlicher Gewerbe waren.^ Die Entwicklung der Industrie mib damit das Aufblühen der ^tädte, die freiheitliche kommunale Verfassung gegenüber der halben Unfreiheit auf dem Lande und vor allem die besseren Bedingungen für Bildung und Erziehung in der Stadt haben die Juden irt die oberschlesischen Städte geführt. Aber cmcl) hier sind sie schon seit Jahrhunderten ansässig, und voll einer Reihe oberschlesischer Städte darf füglich behauptet .Werdern daß die überwiegende Mehrzahl der alteiugesefseuen unD eigentlich bodenständigen Familien jüdisch sind. Nach dem Aussterben der oberschlesischen Piasten (im Anfang des 10. Jahrhunderts) wußte die böhmische und nachher die österreichische Zentralgewalt mit ihrer Intoleranz und Bigotterie, der sich ein erkleckliches Maß von Ausbeutungssucht gegenüber den jüdischen Untertanen beigesellte, die Existenzverhältnisse der Juden ständig zu verschlechtern, allerdings ohne daß zu eigentlicher: Verfolgungen und Unmenschlichkeiten geichritlen wurde. In den Mcdiatgebieten, d. h. denjenigen, wo zwischen Landesherrschaft und Untertan aus Grund von Belehnungen, Gebietsküusei: usw. eine i^taudesherrschaft oder ein größerer Grundherr stand, verstanden es diese Zwischenherrscher fast durchweg, die judeufeiudlichen, gesetzgeberischen, oft mehr als törichten Exzesse der böhmischen und österreichischen Zentrale unwirksan: zu machen. Diese adligen Herren, die damals in Oberschlesien allein Bildung und Wissen repräsentierten, setzten ihre Autononnerechte oft sehr energisch, insbesondere gegen widerspenstige uub beschränkte Stadtöbrigkeiten, zun: Schutze der Juden ein. Lie schätzten die Intelligenz unb die Redlichkeit' ihrer jüdischen Untertanen Überalls hoch und verliehen ihnen gern Pachtungen und Aemter. . Allen voran zeigten sich die Beuthener Standesherren, die Grasen Henckel, den Juden gerecht und vorurteilsfrei und griffen sehr häufig tatkräftig zu ihren: Schutze ein. Dieser Schutz war, wie gesagt, lediglich der großen und kleiner: Bureaukratie gegenüber geboten. Gegen die oberschlesische Bevölkerlmg, insbesondere die Barrern und kleinen Leute, bedurfte es keines Schutzes. Mit diesen Schichtei: lebten die Inden in besten: Einvernehmen und in fast nie gestörtem Frieden. Die Chroniken der oberschlesischen Städte und Dörfer entbehren völlig der die Vergangenheit vieler anderen Gegenden so befleckenden Judenhetzen. Schon dieses negative Moment würde für das glückliche Zusammenleben beider Teile voll beweisend sein, aber es haben sich ans jener Zeit auch genugsam FABIAN DIE DEUTSCHE WERT-ZIGARETTE m

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