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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-13 · 37 (13.9.1924) · p. Seite 555

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
37 (13.9.1924)
Date
1924-09-13
Page
Seite 555 (sequence 7)
Language
German
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000 Eine Sankerotterklärung. SB cm Stubicnvat Dr. theol. Paul R c i n e 11 Benthe;!, C.=2.). ' 3n all den übrigen Zeichen des inneren Zerfalls tritt nun auch der Antisemitismus, der unter dem Scheine der Sarge für das Volkswohl die niederen Leidenschaften der Menge aufpeitscht. Scham und bittere Beklommenheir muß uns erfassen, loenn man das Anwachsen dieser Massenpsychose beobachtet. Man schämt sich als C h r i st. das; derartiges möglich ist. lliueve Religion gebietet im Hauptgebot die Nächstenliebe, verurteilt den Rassenkampf und fordert Achtung vor der Persönlichkeit des andern. Sie geht noch darüber hinaus imb verlangt die Feiudesliebe als Kennzeichen echten Christentums. Augustinus erklärt: „Die Liebe des ,Christen ist nicht vollkommen. wenn er nicht irrt, was Christus befohlen hat: Liebet eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen, und 'betet für die, welche euch verfolgen." Darum haben auch die Großen .in der Kirche Christi die Fäden Zwischen christlicher und jüdischer -Religion zn knüpfen verstanden. Man lese einmal die Predigt, die -Papst Lev der Große mit Cpiphauienseste gehalten hat, in der er von dem „geistigen Adel der Väter" sprach und ausdrücklich betonte, daß Wohlwollen den Inden gegenüber gar sehr bei Gott empfehle. Wie ernst verwies Gregor der Große dorn Bischof Petrus von Terracinn die harte Behandlung der Juden: „Tie der christlichen Religion Fernstehenden müssen durch Sanstmut, Wohlwollen, Ermahnung und Belehrung zum wahren Glauben geführt werden, damit sie nicht durch Drohung und Schrecken abgehalten werden." In ähnlicher Weise schrieb er an den Bischof Viktor von Palermo irr einem Streitvm'fahrein „Wie es den Inden nicht gestattet sein kann, mit ihren Synagogen sich mehr heransznnehmen, als ihnen das Gesetz erlaubt, so darf ihnen auch fein Rechtsuachteil in dem widerfahren, was ihnen gesetzlich zusteht." Zugleich gab er dem Defensor Fautinus zn Palermo den Auftrag. die Sache genau zn nutersnchen und mit peinlicher Sorgfalt zu forschen, ob den Juden auch widerrechtlich Bücher und Schmuckgegenstände weggeuommeu worden seien, denn diese müßten unverzüglich zurückgegeben werden. „Gegen Recht und Billigkeit darf umu ihnen keinen Nachteil und schaden zusügen," schloß er sein schreiben. In einem andern Falle harte sich sein Defensor selbst ilebergrisfe gegen einen Inden erlaubt. Ta wies ihn der P a p st in einen; -geharnischten Briese an, dem Juden Jamuus zu seinem Recht zu helfen. Als zu Cagliari ein neugetaufter Jude sich der Synagoge bemächtigt hatte, tadelte der Papst den Gewaltakt und verlangte Remednr. So handelten die Männer, die in dem Anstrage des Stifters der Kirche regierten! C h r i st e n u n d I üben habe u d i e Schriften des A l - ten Testaments gemeinsam, und ans diesem gemeinsamen Boden ist ein friedliches Zusammenarbeiten möglich und durchführbar. Gewiß haben auch andere Völker der Vorzeit'herrliche Kulturell gehabt, und wir verkennen nicht den Wert der Poesien in Aegypten und den Euphratländern. Was aber bis jetzt die Ausgrabungen au literarischen Schätzen aus Tageslicht gefördert haben, reicht bei weitem nicht an das heran, was die Psalmen, Icsaias und Jeremias an religiösen Wahrheiten bieten. Es mag uns die Dichtung des Homer und Pindar fesseln, nur inögen selbst von den Tragödien griechischer Dichter ergriffen sein, aber sie sind nur Schatten von dem, was au wirklichen Tragödien die Geschichtsbücher des Alten Testaments enthalten. Keine chvrnchweisheit Indiens und der Alten überhaupt reicht an die Wahrheiten heran, die im Buch der Weisheit, des Predigers und Jesus Si-rach stehen. Ein Volk alur, das durch Jahrtausende -m all seinen Schichten in dem Jdeenkreis dieser Bücher lebt und durch sie mit einer Jahrtausende alten Vergangenheit verknüpft ist, hat eine tief verankerte Sittlichkeit. „Freilich!" werfen die Gegner ein, „sie leben nur nicht nach den Wahrheiten ihrer heiligen Schriften." Mag sein, daß es unter ihnen manche gibt, die es nicht tun, aber geschieht dies nicht auch bei uns Christen? Sind in der ganzen Bewegung nicht oft gerade jene Christen die la niesten Schreier, welche . s i ch n m die V ors ch r isten ihrer eigenen Religio n f einen Deut k ü m m ern? Ist es logisch, wegen einzelner Schädlinge ein ganzes Volk zn verurteilen? Und von jenen Juden sagt man nichts, die in ihren reichen Spenden keinen Unterschied zwischen Juden und Christen machen? Oder wagt man ihre Wohltätigkeit nur als kalte Berechnung hmzustelten? Man sieht, das Problem liegt tiefer, als sich die Schreier träumen lassen. Auch als Deutscher muß man die Vorgänge, wie sie sich in den großen Städten abspielen, mit Entsetzen verfolgen. Sind sie nicht ein untrügliches Merkmal des inneren Zerfalls? Ist die Staatsgewalt nicht mehr imstande, die Auspeitschung der niederen Leidenschaften der Masse zu hindern? Dazu kommt, daß in Deutschland Judenhetzen stets an der Tagesordnung waren, wenn das Reich innerlich so geschwächt war, daß es dem Untergänge nahe war. Wohl hinterließ Karl der Große ein gewaltiges Reich/aber sein Sohn, Ludwig der Fromme, war nicht imstande, den ererbten Besih- Im Judenhass stellt sich ein Volk das beschämendste nationale und kulturelle Armutszeugnis aus. Dr, Elisabeth Luders, Berlin, M. d. R. stand zu wahren. Um seiner Geldnot zn steuern, zog er die Juden heran und hob gewisse Beschränkungen, denen sie bis dahin unterworfen waren, aus. Sie verschafften ihm iit der Tat reiche Geldmittel, aber bald ivandte sich das Voll gegen sie. Es war bald ein Krieg aller gegen alle. Die eigr-n-en Söhne Ludwigs zogen gegen ihren Vater zn Felde, und das Reich zerfiel. Bezeichnend genug waren aber die g r i m m i g ft c it I n d e n v e r f o l g e r au ch die s ch l i m m fr e n R e i ch s s e i n de. — Eine neue Periode des Niedergangs setzte mit dem 12. Jahrhundert ein. Die Kreuzzugsbegeisternng war erloschen, und auf Italiens Fluren verblutete die Blüte der deutschen Nation in unfruchtbarem Kampfe. Zu diesen Blutopfern gesellte sich noch der Anssatz. In dieser tiefsten Rot des Volkes suchte man nach eüoas, an dem man sich in seiner Verzweiflung rächen konnte. So kam es zu jenen entsetzlichen Judenverfolgungen in Mainz, Speyer und anderswo, so daß der heilige B e r u h a r d von C l a i r v a u x laut seine Stimme zum Schutz der Inden erhob. Dann erholte sich Deutschland wieder. Der Handel, die Städte blühten. Kunst und Handwerk wetteiferten miteinander. Da nahte von außen ein furchtbarer Feind, der Türke; im Innern ging das Land zugrunde an der Selbstsucht der Fürsten und der religiösen Spaltung. Des Kaisers Macht war gebrochen und Deutschland für den Dreißigjährigen Krieg reis. Ta erschien Luthers Schrift gegen die Juden im Jahre 1543, und es setzte eine große Hetze gegen die Juden ein. Wenn heute die Tinge wieder ähnlich liegen wie in diesen drei Zeiten tiefster Erniedrigung des Volkes, fragt man sich unwillkürlich: „Sind wir dem Verfall des Reiches wirklich so nahe, wie jene Zeiten waren, in denen die Judenverfolgungen ein sicheres Zeichen schwindender Staatsautorität waren?" So erscheinen die Judenhetzen heute ebenso loie damals als eine Bankerotte x r l ä nt n g der R e l i g i o n loie des Staatsgedankens. Aus diesem Grunde muß man sie auf das tiefste bedauern sowohl als Christ wie als Deutscher. Um Wahrheit, Recht unö ßrieöen. E i n B o r trag N a b b i n e r T r. V o g e l st e i n s. Als erstes Heft der Schriftenreihe „Kulturspiegel", die der Philo- Verlag herausgibt, erschien der Bortrag „Um Wahrheit. Recht und Frieden", mit dem Rabbiner Dr. Bogelftein am 12. April die große Hauptversammlung des Central-Vereins einleitete. Aber diese Ausführungen bedeuten weit mehr als nur den Auftakt zu einer großen Versammlung. In ihnen ist der große Zug, der die Arbeit d e s C e n t r a l - V e r e i n s über die bloße ermüdende Abwehrtätigkeit hinaushebt und sie ein gliedert in den ganzen gewaltigen und e r s ch ü t t e r u d e n K a m p s, d e r u m d i e W a h r u ng de r 1 ittl ichen Gr uudlage n der M e n s ch h e i t und des d e n t s ch e n V a t c r I n u d c s in der Gegen w a r t z it sü h r e n i st, in. dieser Gegenwart, die lefleckt ist von dem Rassenwahn und dem Machtgedanken und von aufbrodelnden dunklen unkontrollierbaren Haßgefühlen. Ausgehend von dem damals gerade bevorstehenden 200. Geburtstag Kants baut Vogelstein die Arbeit des Central-Vereins ihrer Idee mich ein in das große Gebäude des von dem Konischen kategorischen Imperativ beherrschten sittlichen Handelns: er zeigt die enge Verbindung -der Abwehrarbeit des Central-Vereins mit der Positiven Arbeit für'den Rechtsgedanken, und wie sie mit wirklichem Elan nur von der festen, bewußten jüdischen Grundlage aus von uns geführt werden kann. Der Vortrag erhebt sich zu seiner vollen Höhe da, wo er, Herman Cohens Wort zitierend, von dem gegenwärtigen Geschlecht die „geschichtliche Geduld" fordert, d. h. das Bekenntnis dazu, daß auf die Dauer Politik nicht nnt der Wirkung auf unmittelbaren augenblicklichen Erfolg betrieben werden darf, sondern immer nur in Hinsicht auf die Geltung und Durchsetzung der ewigen sittlichen Gesetze. Es tut not, des öfteren daraus hinzuweisen, -daß Geduld durchaus nicht eine positive, sondern eine höchst aktive Tugend ist. Das Ganze klingt dann ans in einer kritischen Untersuchung der landläufigen gegen uns erhöbe neu Vorwürfe und der Methode ihrer Verfechtung, denn von der Methode des Angriffs ist die Art der Gegenwehr abhängig. Es ist in hohem Maße dankenswert, daß dieser Vortrag aus der Flüchtigkeit und Enge des G e h ö r t Werdens herausgehoben ward und jedermann zugänglich gemacht worden ist. So dehnt sich der Kreis der damaligen Hörer, und es kann die ideale Gemeinde der gesamten Mitgliedschaft und der deutschen Iudenheit erstehen. Möge sie auch erstehen! D i e n e m a u n (Offenbach a. M.) Eine Kopssteitt-^edentfeiee wird der Central- Verein in Beuthen in der allernächsten Zeit in den Raumen der Loge abhalten. Zwischen musikalischen Darbietungen werden die Herren Rabbiner Dr. Braunschweiger (Oppeln), Rechtsanwalt Schmidt (Beuthen) und stellvertretender Syndikus Arthur S ch w e r i n er (Berlin) das Leben und Streben des großen Toten würdigen. — Eine K o p s st e i n - P l a k e t t e in künstlerischem Eisenguß wird demnächst erscheinen und durch den P h i l o - V e r l a g in Berlin sowie die Ges chäftsstelle des C ent ral - B e r ein s in Beut h e n zu beziehen sein. Wir werden schon in nächster Nummer nähere Mitteilungen machen können.

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