Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 37 (13.9.1924)
- Date
- 1924-09-13
- Page
- Seite 554 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sche Tatkraft hleftfthea Inöuftri«. Von Br. jur. R u doLf Freund (Berlin, früher Gleiwitz). Die Großindustrie Oöerschlesic-uZ entwickelte sich seit der Zeit Friedrichs des Großen .zuerst vornehmlich durch die Unternehmungen des Staates und der großen Gruudherren. Der Graf Friedrich W i l h e l m v. R eben, als Berghauptmann, die Grafen Colo n u a und R e n ard, Graf Hugo und Fürst Guido Henckel sind als Begründer gewaltiger Berg- und Hüttenwerke bekannt. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts begann die großkapitalistische Entwicklung in Oberschlesien, die sich nach dem Frieden vor: 1871 in beschleunigtem Zeitmaß sortschte. In dieser Entwucktungsperiode traten zahlreiche tüchtige Männer jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft auf, die in der industriellen Entwicklung Oberfchtesiens hervorr a g e n d e Rollen spielten. Das sollte in Oberschlesien nicht vergessen werden. Die Beteiligung jüdischer Geschäftsleute an der wirtschaftlichen Enb.vicklnng Oberschlesiens ist ein typisches Beispiel dafür, wir eng jüdische Tüchtigkeit und jüdischer Uuternehnmugsgeist mit dem wirtschaftlichen Fortschritt des deutschen Vaterlandes verknüpft waren und weiter verbunden bleiben. Bei der Unkenntnis, die hierüber in den durch autisemitische Agitation verhetzten Voltskreisen herrscht, sollte man immer wieder die mwestreitbare Wahrheit zu verbreiten suchen, daß die jüdischen Volksbestandteile für das de:;!'che Wirtschaftsleben von jeher überaus wertvoll waren. Die oberfchkesische Wirtschastsgeschichte gibt hierfür eine große Zahl anschaulicher Beispiele. In der zweiten Hälfte Des 1 9. I a h r h u n d c r ts wurde eine Anzahl jüdischer Geschäftsleute, dw als Kau'fkcute zu Wohlstand gelaugt rvaren, vom Handel zur Begründung und zum Betriebe von Jndnstriewerken geführt. Ueberblickt mau die großen oberschlesischen E i s e n w e r k e, so findet man, daß die Friedenshütte im Jahre 1840 von den BeuLhener Kaufleuten Moritz Friedländer, Simon Le vH und David Löwen seid aus Breslau gegründet wurde. 1851 verkaufte Moritz Fri Mander das Hüttenwerk an dort Grafen Nenard. der das Unternehmen bis zur Gründung der Aktiengesellschaft Minerva weitersi'chrte. Das zlocite große Werk der Oberbedarssgesellschaft entstand aus den H n ldjch i n s ky -- W erke n zu Gleillntz, die von den Kaufkrdm Huldschiusky und Hahn gegründet ivaren. Diese Namen sind noch heute auf dem Gebiete der Nöhrenerzengrrng sowie in; Rohrenhandel allgemein bekannt, zumal sie auch außerhalb Ober sichle siens in Oderberg, im Polnischen Grerrzbezirk, in Ungarn und in Rußland bedeutende Jndnstriewerke ins Leben riefen. Zum Konzern der Oberbedarfsgesellschaft gehört auch die Aktiengesellschaft Ferrum ür Kattorvitz, die ans dem Besitz der Familie Priugsheim in den Besitz der Oberbsdarfsgesellschaft überging. . Rudolf Pringsheün leistete'als Pächter "und Besitzer der ober- Wcsisthxn ^chnmlspurbahn Außerordentliches für die Entwicklung des Verkehrs. Die Schmalspurbahn verwirklichte schon frühzeitig den Gedanken einer airsschließlich dem Massengüterverkehr dienenden Gutorulgeppbahn, die noch heute sämtliche oberschlesische Kohlengruben und Hüttenwerke miteinander verbindet, und ohne die der Güterverkehr Oberschlesiens schlechterdings nicht bewältigt werden löunte. Gerade im Kriege hat sich die nach dem Tode Prmgsh-eimS verstaatlichte Schmalspurbahn besonders unentbehrlichgezeigt. Jensecks der polnischen Grenze zeugen die Maschinenfabrik Po r e mb a und die 3 a t n r n q r n b c für den Unternehmungsqcist der Familie Pringshei-m. Das größte HochoferNverk des deutsch gebliebenen Oberschlesiens, die I n (i e n h ü t t e der Oberschtefischen Eisenindustrie A.-G., entstand durch den Ausbau der Moritzhütte, die dann in den achtziger Jahren von den Brüdern Georg und Oskar Caro, den Borbesitzern der Eisenindustrie, erworben wurde. Den Rainen M o r i tz h ii t r c führt das Werk offenbar nach demselben Moritz Frredländor aus Beuchen, der als Begründ^ der Friedenshütte bereits erwähnt wurde. Sein Sohn, der K o m merzte n rat Dr. Otto F r i e d l ä n d e r, vereinigte in seinen Händen einen ircknstriellen Besitz, der auch heute zu den größten Nnteruchrmmgen der Schwerindustrie gehören würde. Otto Friedländer nannte außer der Moritzhütte die benachbarte Heinrtzgrube sein eigen und Zink- Erzfelder bei Beuthen von unschätzbarem Wert. Die Jennh-Otto- Zinkhütte dürste gleichfalls zu den Gründungen dieses Zweiges der Familis Friedländer gehören. Aber der Ausbau der Heimhgrube wurde Otto Friedländer zum Verhängnis. Mißgeschick oder technische Fehler verursachten Baukosten, die seine Kräfte überstiegen. In seinem Konkurst ging sein wertvoller Montanbesitz in verschiedene Hände über. Die Brüder Georg und Oskar Caro, die die Moritzhütte aus dem Friedlünderschen Konkurse erwarben, entstammt-cnder Breslauer Eißmgroßhandlung M. I. Caro n. Sohn, die scholl in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den Erwerb eines Eisenhammers zu Laband bei Gleiwitz, der jetzigen §etminenf)üite, in Oberschtesien Fuß gefaßt hatte. Heinrich K e r n, mit Robert Caro verschwägert, gründete in Gleiwitz bk Draht- und Nagelsabriten. die später mit den gleichartigen Hegenscheidtschen Werken vereinigt wurden. Diese Werke bilden in Verbindung mit der Herminenhütte Ulld d-er Jnlienhütte noch hellte die H a n p t b e st a n d t e i l e de r O b e r s ch (e s i s ch e n Eisenindustrie A.-G. Unter den Ca röschen Unternehmungen find vor allem noch die Eisenhütte S i - lesia in Paruschowitz bei Rhbmk zll nennen, .die Bleche imb Emaillewaren her stellt und auf eine Gründung eines jüdischetl Kausnianns L-achmann zurückgeht. Die Brüder Caro waren es auch, die bei den ersten Anfängen der Oberschkchsthen Kokswerle mit Fritz Friedlünder eng znsammenarbeiteu. Fritz Fr i e d l ä n de r, später als der Geheime Kommerzieurat v. Friedländer-Flckd weithin Mannt, war ein naher Berwmudter der Friedlünder, die als Begründer der Friedenshütte 'und der Julierchntte erwähnt lvurden. Die väterliche Kohlen Handlung. Emanu-el Friedunrder,' die in den neunZiMr.Jahren einen ungeahnten Aufschwung nahm, bildete die Grundlage für die Fritz Friedländerschen Unteruehmungeil. Fritz Friedländer begründete schon in den achtziger Jahren die Industrie der Nebenprodukte der Kokereien, deren gewaltige Bedeutung bekannt ist. Die Kokserzeugung, die Gewinnung von Teer, Ammoniak und Benzols war cm das Ziel der Fri-edländersch^n Gründung, die als AAiengesellschast unter dem' Namen Oberschlesische Kokswerke mvb Chemische Fabriken immer größer und einflußreicher lourde. Die unschätzbaren Kohlengruben der Friedländerschen Rhbuiker Steinkohlen-' gewerkschast sind leider Deutschland verloren gegangen: Die zahl-' reichen Unternehmungen in Industrie unb H anbei, die auf Fr Ödländer und seinen. Kreis zurückgehcu, können hier nicht aufgezählt werden. Auf dem Gebiet des K o h l e u h a n d e l ö steht noch heute der Firma E m a n u e l F r i edl ä n d e r u. C o. mit faunt geringerer Bedeutl'.ng die Firnla Cäsar Wollheim gegenüber. Beide Großhandelsfirruen haben durch ihrer Oderreedereien, Hafenanlagen und Schiffswerften sehr viel zur Entwicklung lmd Beleburlg der Oderschifftrhrt beigetragen. Der langjährige Leiter der Firma C a s a r W o l l h e i m , G e h. K o m m e x 3 i e n x a t A r n h 0 ( d, loar einer der augrseheusterl nnrtschastlichel! Berater der kaiserlichen Regierung. Kehren wir zur Grohil'.dnsirie zurück, so muß als Mitbegründer der Bismarckhütte der Stadtrat Elias Sachs ans Kattowitz genannt werden, Tie D 0 n u e r s nc a r ck h ü t t e, unter bereu Arbeitern und Beamten zeinveip uatioualsoziatistisehe Agitation^ . Boden zir finden schien, darf nicht vergessen, daß sie die Grundlagen ihres AnfschwungLs in den neunziger Jahren nicht znm lv-euigsteu der kaufmännischen Begabung rund der finanziellen Vorsicht des Bankiers Adolf Jarislowski. verdankt, der die Geschicke der Gesellschaft als Aussichtsratsvorsitzender leitete. Wollei: wir uoü) die Familie Roth erwähnen, aus deren Familienbesitz die Kattowitzer Zinkhütten A.-G. hervorging, so ist es doch nnrnöglich, vollständig zu sein und die tüchtigen, jüdischen Geschätfs- Icute alle zu crloähuen, die in Industrie und Großhandel Oberschlesiens erfolgreich tätig waren. Rur des Erzhaudels imm noch gedacht werden, M mit der Großindustrie aufs engste verknüpft ist. Firmen wie Lipplnann Bloch mW Nawack n. Grün selb spielen feit Jahrzehnten im oberschlestschem Wirisihaftskebon eine bedeuten de Rolle. Die vorstehende, keineswegs vollständige Zufauunetistellrulg zeigt, daß die Beteiligung jüdischer Geschäftsleute an der Enllvickümg des oöerschlesischen Industriegebiets überrraschengroß war. Dies erklärt sich daraus, daß im östlichslr Grenzgebiet in der Mitte des vorigen Jahrhundert das uoohlhaberwg gebildete, auf Generationen zurückblickende Bürgertum fchlte, das im Westen vielfach Träger des ir:- dustriellen Fortschritis war. I m Osten fieldieseRollez u nr Teil jüdischen Fa mili e 11 zu, die an Wohlstand, Bildung und Intelligenz oft über ihre kleinbürgerliche Umgebmrg hmaicswnchsen. Dies waren Geschäftsleute, die ganz im Geiste des Kapitalismus in erster Reihe ihren eigenen Vorteil verfolgten, die aber dabei durch Unternehmungsgeist 11 nb Fleiß dem Lande zum Vorteil mürben und sein Aufblühen förderten. Wer die Dinge ohne Vorurteil betrachtet, der findet in solchen Fällen oft eine Verbind n n g von G e - m e i ns i n n und kapital: st i sch eilt Streben, d i e f« t das große Ganze u n en tbehr lich ist und die wir heute bei den Ak es schrei km rgen de? Kapitalismus oft vermissen müssen. . .