Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 37 (13.9.1924)
- Date
- 1924-09-13
- Page
- Seite 551 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277500--01439-2280682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
551 Zentrum und Deutfchvölkrfche! Bon Dr. k a x l I o s. H c r 3, (ifjefvebittteuv der „Oberschlesischen Zeitung" (Beuthen). Als die s-ogenannte neue „Partei" nur Richard Kunze in das BeucheiWr Stadtpar kante nt einzog, hatte der „Führer" der Doutsch- HoZialen in Oberfchlesien, der frühere Sozialist Max Fleischer, im Zivilberuf Homöopath -und Masseur, oder lote er sich stolz nennt, „Chemiker", in seiner Jungfernrede nichts Besseres zu tun, als beit Verfasser dieser Zeilen „getaufter Jude" Zu nennen. Diese Taktik des Herrn Fleischer und feiner Anhänger in Oberschlesien, den politischen Gegner als „Inden" oder „getauften Inden" Zu bezeichnen, stimmt mit der Praxis der Deutschvölkischen im Dentscl)eit Reiche überein. Die grundlose Behauptung des Herrn Fleischer bedeutete noch im Jahre 1922 in Beuchen eine Gefahr für Leib und Leben , denn darmr-lH -herrschte in- Beuthen, von der Exekutive kaum gehindert, ein maßloser deut-schivöltischer und dentschsozialer Terror. Cs ist vorgek-o-mmen, daß Katholiken nnd Juden aus den Straßen von verhetzten jugendlichen Leuten überfallen und zum Teil schwer mißhandelt und beraubt worden sind. Die deutschvölkische Propaganda in jenen Tagen hatte die niedrigsten Instinkte des SLraßenmoibs gelveckt. Wenn heute v e r h ü lt n i s m ä ß i g R u h e in Beuchen und Qb-e-rfchlesien. wieder eingetreten ist, verdankt Obevfchlesien diese in staatspol itifche'm. Sinne ersrenliche Tatfache ivesentlich dem U in stände, da ß d i e P arte i d e s de n t f ch e n Zent r u in 8 in Obe rf ch l e s i e n f i ch in i t a l t e r Al. a ch t d e in d e n t s ch Volk i f ch e n Te r r 0 r e n t g ege n st e l t t e. Daß natürlich dieses Verhalten der Zentrumspartei von deir Dentfchvötiischeu und ihren Hintermännern darau-f Znrückgeft'chrt wurde, daß die Zentrum HP artet und ihre Führer in Deutschland im jüdischen Solde ständen, ist ein Zeichen der nnmoralischeu nnd unpolitischen Kannpfesweise dieser aus der N a ch t de r Politik ernporgesttegenen deutschvölkischen - Agitatoren. Wie unser verehrter Reichskanzler M a r x, wie 'Reichskanzler Wirth und Fehrenbach als „Inden" oder „Jndensvwlinge" verschrien werden, so muß sich auch in Oberschlesien jeder Zeutrmnsmann. der nicht in das völkische Horn tutet, diese Verleumdung gefallen lassen. Wir Zentrumstente wissen genau, daß, wenn wir , von den deutschvöltischen Agitatoren gelobt würden, wir unsere .Pflicht als Volksanfklärer nicht getan hätten. Das Z e n t r u m in Oberschlesi 0 n steht dem Problem der E i n w a n d e r u n g ans de m O st e n und vor allem dem 0 st - j n d i s ch e n Problem als solchenr anftnerksam gegenüber. Wir tut fielt ganz genau, daß die ostjüdische Einwanderung in Oberschlesien gewisse Gefahren mit sich bringt, weit die ans dent Milien der Ostlander Kommenden kulturell uiedriger stehen als die deutsche Bevölkernug einschließlich der bodenständigen Inden, die seit eine nt I a h r - L a n 's e n bin - O berschlesie n s e ß h a f t s i it d. Die Gefahren sind besonders groß, lveil einzelne bedauerliche Vorkommnisse — ich erinnere hierbei an den Meitschenschnn 1 ggler-Pr0zeß Nagel und Genossen — verallge nt e i n e r t lverden und dem Antisenütisnuls neue Kraft Zufuhren. Wir glauben auch, daß das deutsche Volk feinen Anlaß hat, eine fremde Einwanderung, sie ko in me aus Galizion 0 der au.§ b c nt Baltik 11 in, in einer Zeit zu begünstigen, wo tausende eigener Volksgenossen auswandorn müssen. Aber mx verlangen, baß dieses Problem ans dem Wege der ordentliche it Gesetz g c b n n g nnd nicht durch Straßendemonstrationeit und billige Volksversammlungen, die meistens mit Radail enden, gelost werden. Wir stehen auf dent Standpunkt, daß die Grenzen des Deutschen Reiches atls volksivirtschastlichen nnd nationaleit Gründett! für alle Fremden verschlossen werden müssen, welcher Abstammung nnd welches Glaubens sie auch sein mögen, aber allein durch eine von der Volksvertretung beschlossene Gesetzgebung. Die deutschen Katholiken in Oberschlesien, die sich in ihrem übergroßen Teil in der Zentrumspartei zur Wahrung ihrer reli- . giösen und staatsbürgerlichen Rechte zusammengeschlossen haben, haben seit Gründitltg des Reiches im besten E i it v e r it e h m e n mit den einheimischen evangelischen nnd jüdischen Mitgliedern gestanden. Insbesondere verteidigen wir im Zentrum mit den gläubigen Juden und den positiv gläubigen Protestanten Schulter an Schulter die konfessionelle Schule und den Grundsatz, daß jede Kirchengemeinschaft ihre Angelegenheiten frei von jedem staatlichen und bureankratischeu Eingriff selbst verwaltet. Man braucht nur den Namen des leider so jäh dent Leben entrissenen Beurhener Oberrabbiners Dr. K 0 p f st e i n zu nennen,^ dessen Beerdiglmg davon Zeugnis abgelegt hat, das; er sich der Sympathien der g'a n Z e n e 10 b t B e u t h e n 0 h n e U n t e r s ch i e d des G l a n b e n s erfreute, um Zil erkennen, ivie die Achtung vor der religiösen Ueberzeugnug anderer Gemeingut aller anständigen Elemente einer ^tadt werden kann, in der Katholiken, Protestanteit und Inden friedlich ihrem Erwerbe und der Hebung der detklschen Kultur nachgehen. Aus eine Tatsache muß hier hing-ewiesen werden: b»te antisemitische Bewegiimg, die wesentlich von Ni cht-Oberschlesiern nnd Nicht- Kath-oliten getragen wird, ist heute schon, was ja von vornherein voransznsehen war, in einen A n t i ka th 0 liz i 5111 u s mtd A n t i - u 11 r ft nt 0 n t a n i s nr u s ansgeartet. In den deutschvölkischen Versammlungen wird heute mehr gegen die sogenannten h,i n t e rn ati 0 nale n Kath 0 like n" als gegen die Fndcn gehetzt. Mit Bedauern müssen wir zum Teil seststellen, daß junge Katholiken, von den Schlagivorten des Antisemitismus berührt, leider in das deutschvölkische Lager abigeschwenkt sind. Wenn auch die Zahl nicht groß ist, so ist doch bei dem Temperament der ober schlesischen Bevölkerung diese Tatsache beachteiisivert. Die erst non ins Leben getretene k a t h 0 l i s ch e'J n g e n d b e tu e g u n g in Oberschlesien, die sich aus der letzten Tagung des W i n d h 0 r st - B n n d e s in Glatz beionßt ans den Boden der bestehenden Staatsordnung gestellt hat. wird'auch diese A.n ß e n sei t e r in die gemeinsame katholische Jentrnmssront wieder zurücksühren. Wir Zentrnmslente, die wir beivnßt ans dem Boden der päpst- 11 cl> c n E n z h k l i t e n stehert, bekämpfen beivnßt jeden Klasseli-, Nassen- und Religionshaß. Nicht aus Opportunitätsgründen, sondern ans nuferer katholischen Gewi s s e n s P f l i ch t gegenüber dem Staat und dem einzelnen Individuum. Wie der Gründer miserer Partei, Ludvoig Windhorst, und der unvergeßliche große christliche Demokrat des nennzehnten Jahrhundert Adolf Gröber prinzipiell nnd praktisch immer die Geivissensfreiheit betouten- und verfochten, fei -es gegen links oder rechts, so steht auch heute noch die dent s ch e u n d d i e -0 b e r s ch l e s i s ch e Z e u t r u nt spar t e i auf diesem. Boden der christlichen Gerechtigkeit und des Rechtes im Staate für jeden, der auf dent Boden der Gesetze friedlich feiner Arbeit nachge'ht. Und -in diesem Sinne-kamps-en wir ^nicht um der schönen?tugen der Jude»: willen gegen den Antisemitismus^ so n - d e r n iv eil i n n n s b a s E r >'b e nn s e r e r g r ß e n Führ e r immer lebendig ist. In dem Sinne des großen Bischofs Sailer, der Predigte: „Nächstenliebe habe jeder Mensch, siebenmal inehr der Christ!" höfsr und Deimling. Generalteu-tuant Hofer, der Führer des oberschleftfchett Grenzschutzes, der sich in den Herzen aller -treuen Oberschlesier ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat. schrieb dem Central-Vereiit unter dem Eindruck des Buches: ,,D i e I n d e n i m Kriege 19 14/18" von Dr. I. SegaÜ: „Die klare Statistik, die das Buch bietet, bildet die beste Gewähr, falsche Beschuldigungen zu widerlegen, nnd dafür, datz den braven Männern jüdischen Glaubens, die fich opferfrendig rnit Leib nnd Leben eingesetzt haben für die deutsche Bolksgemeinschaft, die verdiente Gerechtigkeit und Dankbarkeit zuteil wird." Das Urteil dieses Mannes, der stets in vorderster Front gekäntpst hat, verdient wohl stärkere Beachtung als die ^tatisttteu voit antisemitischen Heimkriegern nnd Broschürenschreibern, die des Andenken der 12 009 dentschen gefallenen Inden besndetn. * General der Infanterie v. Deimling schreibt in dem Sammete wert- „Deutscher Geist nnd Judenhaß": „Die Welle des Judenhasses, die jetzt durch Deutschland geht, ist eine Folgeerscheinung der Kriegspsychose, wie das Streiksieber, die Arbeitsunlust und die Korruption. Diese Haßwelle wird mit fortschreitender Gesundung des Dolkskörpers wieder nbebben. Ein Verbrechen aber ist es, in jetziger Zeit den Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger noch besonders Zil schüren und die elektrisch geladeneit Massen gegen sie auszuhetzen, wie es durch Schmäh- und Hetzschriften in unverantwortlicher Weise leider geschieht. Ein Verbrechen, nicht nur im Sinn des Strafgesetzes, das die öffentliche Anreizung von Bevölkerungsklassen zu Gelvalttätigkeiten zneiitander mit Strafe bedroht, sondern auch ein Verbrechen am Vaterland; denn dieses muß jetzt wieder ausgebant iverden, damit es nach außen Anseheit und Stärke erlangt. Dazu aber braucht es Ruhe int Innern. Explosionen irnd Erschütieritngen gefährden dorr Wiederanfbail ans das schwerste. Wir wollen doch auch nicht vergessen, daß Tausende von Inden als Freiwillige zu den Fahnen geeilt sind, daß Tausende für ihr Vaterland den Heldentod gestorben nnd Tausende zu Krüppeln geworden sind. Die Inden meines Armeekorps haben fich ebenso brav geschlagen wie ihre christlichen Kameraden, nnd manchen von ihnen konnte ich das Eiserne Kreuz verleihen. Drückeberger hat es überall gegeben, auch unter Christen nnd Heiden; nichts aber ist verwerflicher, als ans Einzelerscheinnngen ans das Ganze zu schließen. Die Schieber und Wucherer soll man fassen, und zwar noch viel fester als bisher. Diese Schädlinge setzen' sich aber nicht nur aus Inden, sondern auch aus Christen und Heideit zusammen. Ungerecht ist cs deshalb, ausschließlich die Juden zum Sündenbock zil machen. Die Judenhetze setzt unser Ansehen vor dem Ausland herab, erschwert den Wiederaufbau unseres Vaterlandes und schädigt so die Interessen der Gesamtbevölkernrig. Sie ist eines Kulturvolkes univürdig, und jeder Deutsche, der gerecht, menschlich nnd christlich beitete muß sie auf entschiedenste verwerfen." Den Judenhass verbietet schon die christliche Nächstenliebe. Bitta, Oberpräsident, Oppeln.