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Central-Verein-Zeitung · 1924-09-04 · 36 (4.9.1924) · p. Seite 537

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
36 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
Seite 537 (sequence 5)
Language
German
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537 Die Rhönftieger. Unterredung mit Jakob Ledermann. / Die erfolgreiche Betätigung Mischer Deutscher an den Segelrvett« flügen in der Rhön, von der wir berichteten, haben in weiten jiddischen Kreisen Freude und Teilnahme ausgelöst. Um Näheres zu erfahren, haben wir mit dem Chefpiloten Jakob Ledermann eine Unterredung gehabt. Ledermann, der schwertriegsbeschädigt ist, hat den Sturz gut irberstanden und sich feinen frischen Wagemut nicht im geringsten schmälern lassen. Wir geben die Unterhaltung im Folgenden wieder. 7 Die Schriftleitung. „Zunächst", sagte Ledermann, „bitte ich Sie, unsere Erfolge nicht zu ü ü e r s ch ä tz e n. Wir taten nur unsere Pflicht. Für den Anfang und in Anbetracht der Kärglichkeit Inserer Mittel glauben wir. das Möglichste geleistet zu haben. Jm^Vorwettbewerb gelang es mir, neben anderen Anerkennungsprämien den 2. Preis für die größte flugdauer zu erhalten. Drei Kameraden des Reichsbundes jüdischer rontsoldaten beteiligten sich am Rhön-Segelslug-Wettbewerb. Kamerad Dr. R a b a u, Kamerad Dr. Sultan, der bewährte Flugzeugkonstrukteur, der bereits im Jahre 1922 in der Rhön war, und meine Wenigkeit. Welche unterschiedliche Empfindungen ich als alter Jagdflieger im Segelflugzeug gehabt habe? Ich hatte noch nie einen Segelflug gesehen, als ich meinen ersten Flug unternahm. Ich hatte in der Luft das Gefühl des Getragenwerdens und der Abhängigkeit von der jeweiligen Mndströmung. Es war nicht dasselbe Sieger- und Herrschergefühl, daß ich im Motorflugzeug empfand, wenn ich hoch in den Lüften Richtung und Steigung aus freiem Willen bestimmen konnte. Unbedingt gehören zum Segelflng Erfahrung im Gelände und wissenschaftliche Studien der Luftströmungen/ „Warum haben Sie dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten so dringend geraten, eine Segelfliegergruppe ins Leben zu rufen?" „Ich bin der Meinung, dem Vorwurf, .der durch das bekannte Theilhabersche Buch „Dre jüdischen Flieger im Weltkriege" hinreichend entkräftet ist, weiterhin jede Berechtigung zu nehmen, indem wir uns im Flugsport als deutsche Sportsleute jüdischer Abstammung aktiv beteiligen. Ich hatte den festen Willen, zu zeigen, daß wir an Mut keinem unserer nichtjüdischen Flieger nachstohen. Ich bin der Meinung, daß der Jude auch auf dem Gebiet des Luftsports die Lebensgefahr nicht scheut. Wird uns gerechte Anerkennung nicht zuteil?so müssen wir sie uns ertrotzen." v „Worauf führen Sie Ihren letzten schweren Sturz zurück?" ’ ... „Hierbei möchte ich dem Konstrukteur Espenlaub, der von Beruf aus Tischlergeselle war. jedes Lob für die stolze Maschine, die er uns gebaut hat. zollen. In einem Fallwindwirbel im Oberhausener -Tal, das, wie mir nicht bekannt war, besonders tückische Windströmungen 'aufwiB, legte sich meine Maschine plötzlich dermaßen irechts auf den Flügel, daß sie ins Trudeln kam und durch keine Hegensteuerung mehr zu halten war." i „Wie hat man die jüdische Segelfliegergruppe in der Rhön ausgenommen?" „Wir machten schon am ersten Tage keinen Hehl daraus, daß das Flugzeug vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten worden wäre. Das sagten wir einem Mitglied der Oberag, Herrn Professor G e o r g i i, und prompt wurde dies auch in dem größten Teil der westdeutschen Presse mitgeteilt. Dies zu betonen war erforderlich, weil Kamerad Dr. Rabau, der vorher an einem Kursus in der Nhön teilnahm, von dem niedrigsten Judenhaß, der sich bei gewissen Teilnehmern breitmachte, erzählte. Unser Auftreten und besonders unsere Flüge verschafften uns, das darf ich wohl sagen, allgemeine .Achtung. Selbst judengegnerische Zeitungen brachten anerkennende Berichte über uns." „Warum haben Sie Ihre Teilnahme im weiteren Wettbewerb abgebrochen?" „Wir sind nur mit einem Flugzeug und mit äußerst begrenzten .Mitteln in die Rhön gegangen. Andere Gruppen haben mehrere ^Flugzeuge, Transportwagen und Bedienungsmannschaften rnitgeßnommen. Nicht unerwähnt möchte ich lassen, und ich bitte Sie, das in Ihrer Zeitung deutlich wiederzugeben. daß wir Schwierigkeiten ' Hatten, das Geld für den Unterhalt. der Gruppe aüfzutreiben, daß aber n amhafte Flieger gruppen deutsche Juden zu den Stiftern ihrer Flugzeuge zählen. Allerdings möchte ich hinzusügen, daß wir hoffen, nachdem wir durch unsere Erfolge den Beweis erbracht haben, die jüdische -Sportehre auch im Flugsport würdig vertreten zu können, Freunde und Gönner zu finden, die uns Helsen werden." „Welche Absichten haben Sie für die weitere Zukunft?" ■'/ „Ebenso wie Dr. Habau und Dr. Sultan auf einer Schulmäschine ihre ersten Schulslüge gemacht haben, werden wir unter allen Um- /ständen ^ersuchen, den fliegerischen GQanken irr die jüdische Jugend;^ts tragen. Wir alten jüdischen Kriegsflieger können fliegen, die jüdische Jugend soll es lernen. Entsprechend hoffe ich, ich glaube, daß der Michsbund jüdischer Frontsoldaten die gegeben Organisation ist, das Patronat über die fliegerische Ertüchtigung der gischen Jugend zu übernehmen —, daß sich in diesem Gedarckeü Mnte jüdischen Verbände einig sind. Es muß gelingen, ein Gelände, das zu Schulflügen geeignet ist, ausfindig zu machen, auf dem jüdische Jünglinge in Schulmaschinen ihre ersten Flugversuche wagen. Einzelheiten erwägen wir bereits. Wir glauben, damit nicht nur der jüdischen, sondern besonders auch der deutschen Sportehre zu dienen." Verantwortung. Betrachtung zum Wochenabschnitt. ' Die politischen Morde und sonstigen Greueltaten, die in den letzten Jahren zu den erregtesten Erörterungen und Meinungskämpfen Anlaß gaben, legen uns die Frage nahe, inwieweit eine Gemeinschaft für das Verbrechen eines ihrer Mitglieder die Verantwortung zu tragen hat. Die Heilige Schrift führt uns in unserem Wochenabschnitte einen solchen Fall vor Augen. Ein Ermordeter findet sich auf freiem Felde. Man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat. Da müssen sich die Aeltesten der Nächstliegenden Städte versammeln. Es wird durch Messen festgestellt, welche Stadt dem Orte der Tat am nächsten liegt. Deren Aelteste haben dann ein Kalb, welches noch keinerlei Arbeit verrichtet hat, in ein unfruchtbares Tal zu bringen. In feierlicher Volksversammlung, in Gegenwart der Priester, wird das Tier durch Genickschlag getötet, wodurch wohl symbolisch die Hinrichtung des unbekannten Mörders angedeutet werden sollte. Die Aeltesten der Stadt heben dann an und sprechen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen und unsere Augen es nicht mit angesehen." Nach der Erklärung der Alten sollen sie dann bekunden: „Wir haben niemanden in unserer .Stadt ohne Nahrung und ohne Geleit gelassen, daß er deshalb hätte zum Mörder werden müsien." Unter dem Geleit dürfen wir vielleicht das geistige Geleit des religiösen Wissens verstehen, nach dem Worte der Weisen: Wer eine Reise macht und kein Geleit hat, beschäftige sich mit der Thora; denn diese bewahrt ihn vor den Gefahren des Weges. Die Gesamtheit und deren Vertreter tragen also eine doppelte Verantwortung. Sie müssen dafür sorgen, daß es dem Volke nicht an den notwendigsten Bedürfnissen des Körpers und der Seele fehle. Deren Mangel wird zum starken Beweggrund bei der Verübung eines Verbrechens, wenn natürlich doch die letzte Entscheidung im freien Willen des Menschen liegt. Jede Schreckenstat soll den Führern des Volkes eine feierliche Gelegenheit sein, sich zu prüfen, ob sie auch ihre Schuldigkeit getan haben. Das ist eine Frage, welche auch unsere jüdischen Gemeinden ernstlich beschäftigen muß. Wir haben eine furchtbare Zeit hinter uns, deren Folgen wir heute, wo es teilweise besser geworden ist, tragen müssen. Ein ganzer Stand ist es, der erschlagen und vernichtet auf der Strecke liegt: der Stand der Lehrer und geistigen Führer der Gemeinden. Die Vorbereitungsanstalten, die Lehrer¬ und Rabbineriserninare sind noch heute in großer Not und wifferß nicht, wie sie die Bedürfnisse der nächsten Monate decken sollen. Es gibt keinen Nachwuchs mehr. Wenn auch in kleineren Zirkeln sich das Niveau des religiösen Wissens gehoben hat, so befindet es sich doch bei den breiten Massen auf einen Tiefstand, unter den es kaum noch heruntergehen kann. Viele, besonders der kleinen und mittleren Gemeinden, stehen verwaist da. Es ist ja eine gewisse Tradition in Israel, daß die geistigen Führer hungern müssen. Die Thora ist von den Kindern der Armen ausgegangen. Man hat an Fasttagen darum gebetet, daß die Lehrer und Schreiber arm blieben, da sie. wenn sie zu Vermögen kämen, wohl ihren mühseligen Berus aufgeben konnten. Es ist nrerkwürdig, wie die Aeltesten Israels, die doch soviel heilige Traditionen über Bord geworfen haben, sich mit einer, einer besseren Sache würdigen Zähigkeit an diese Tradition klammern. Gewiß gibt es große Führer, die, von ihren Idealen begeistert, auch, unter harten Entbehrungen ihren Weg gefunden haben. Mose fastet, auf dem Sinai 40 Tage und 40 Nächte, und für Elisa genügte eine Mahlzeit für einen Weg von gleicher Dauer. Aber wir haben heute nicht mehr das Recht, uns aus Wunder zu verlassen. - Wenn der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens es sich zur Aufgabe gesetzt hat, das deutsche Judentum zu erhalten, und in seinen Rechten und in seiner Ehre zu schützen, so winkt ihm neben der Verteidigung nach außen auf diesem Gebiete eine hohe innere Mission. Verteidigung nach außen ist nicht möglich ohne das Rüstzeug der Kenntnis der jüdischen Lehre und Geschichte, ohne mutige, in allen jüdischen Kenntnissen erfahrene Führer. Als solche haben sich die jüdischen Lehrer und Rabbiner stets bewiesen. Ohne sie müßten die jüdischen Laienführer, mögen sie auch in allen sonstigen Wissenschaften bewandert sein, kapitulieren. Das deutsche Judentum muß wissen, wofür es kämpft, sonst kommt es zu einen: schmählichen Zusammenbruch, sonst bewahrheitet sich das schmähliche Wort, Judentum sei eine Schale, in die jeder hineinlegen kann, was ihm gerade beliebt'. Hosfmann, Heinrich Dolle öer IranZö'sLing. Der Dolle Heinrich lebte kurz nach Ende des Krieges in einer kleinen Stadt des besetzten Gebietes. Dort verkaufte er einem feindlichen Soldaten ein Motorrad. Der Soldat verlangtes wie das damals so üblich war, eine Bescheinigung über den Verkauf. Die 'gab ihm Dolle auch. Seinen „v aterländisch en Gefühlen" verlieh Dolle hierbei kräftigen Ausdruck, und zwar bei der Unterschrift; er Unterzeichnete nämlich nicht mit seinem schlichten deutsche« Namen, sondern sein deutscher Manneswut hieß ihn. die völkische Eigenart und die Unterschrift Lautete: Henri DoklH, Und so was nennt sich echt deutsch! -

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